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Gesundheits-Nationalismus amerikanischer Art

Grenzen werden uns nicht helfen, das Coronavirus zu bekämpfen.
Während COVID-19 durch die Vereinigten Staaten fegt, versucht Donald Trump, seine Einwanderungspolitik in Gesundheitspolitik umzuwandeln.
Während COVID-19 durch die Vereinigten Staaten fegt, versucht Donald Trump, seine Einwanderungspolitik in Gesundheitspolitik umzuwandeln.

"Jetzt brauchen wir die Mauer mehr denn je!", schrieb der Präsident auf Twitter als Antwort auf einen Tweet des konservativen Aktivisten Charlie Kirk, der sagte: "Angesichts eines sich weltweit ausbreitenden China-Virus haben die USA eine Chance, wenn wir unsere Grenzen kontrollieren können." Trump hat das Coronavirus wiederholt als "chinesisches Virus" oder "ausländisches Virus" bezeichnet, und damit sowohl Handelskriege mit China angeheizt als auch versucht, von den selbstverschuldet unzureichenden Pandemiemaßnahmen seiner Regierung abzulenken.

Trumps Forderung nach einer Grenzmauer steht im Widerspruch zur Meinung verschiedener Beamter des öffentlichen Gesundheitswesens, dass das Virus jetzt wahrscheinlich nicht mehr einzudämmen sei.

In seinen Verlautbarungen zeigt sich die Unlogik des Gesundheits-Nationalismus — ein Versuch, all das auszugrenzen, was bereits da ist, Grenzen um ein grenzenloses Problem zu ziehen und eine Illusion von Sicherheit zu schaffen, indem er die Ursache des Problems wie immer auf andere projiziert.

Weniger beunruhigend ist dabei noch die politische Instrumentalisierung einer Krise des öffentlichen Gesundheitswesens. Beispielsweise wenn Donald Trump Jr. die Öffentlichkeit per Twitter dazu aufruft, Waffen zu kaufen oder sich für ihr konstitutionelles Recht auf den Besitz von Feuerwaffen auszusprechen. Schlimmstenfalls allerdings, und genau das erleben wir gerade in den Vereinigten Staaten, wird Gesundheits-Nationalismus zur Regierungsstrategie.

Still und leise hat die Regierung die Twitterbotschaften des Präsidenten in die Praxis umgesetzt. Am 26. Februar erschien Gesundheits- und Arbeitsminister Alex Azar vor einem Unterausschuss des Repräsentantenhauses, um ein Budget zu verteidigen, das auch Finanzhilfen für Coronavirusmaßnahmen beinhaltet. Als der Ausschuss ihn fragte, wieviele der Mittel für die internationalen Bemühungen zur Virusbekämpfung vorgesehen seien, antwortete Azar, dass "wir den Chinesen nicht helfen werden, es in China zu stoppen — China wird das selber tun oder daran scheitern".

Die Weigerung der USA, anderen Ländern bei der Bekämpfung der Pandemie zu helfen, ist eine sich anbahnende Katastrophe. Die Testverzögerungen beispielsweise, die den Ausbruchsverlauf des Coronavirus in den Vereinigten Staaten schwer nachvollziehbar machen, sind darauf zurückzuführen, dass die Gesundheitsämter ("Centers for Disease Control and Prevention", CDC) darauf bestanden haben, einen Coronavirus-Test von Grund auf neu zu entwickeln, obwohl ein brauchbares Diagnoseverfahren bereits von deutschen Forschern entwickelt und von der Weltgesundheitsorganisation genehmigt worden war. Dieses Versäumnis einer weltweiten wissenschaftlichen Zusammenarbeit hat den amerikanischen Ausbruch zweifellos verschlimmert.

Gesundheits-Nationalismus ist nichts Neues. Die Idee der Ausbreitung von Krankheiten hat sich seit langem in einer einwanderungsfeindlichen Politik und strikteren Grenzsicherungsmassnahmen niedergeschlagen. In Amerikas früher Kolonialzeit wurden die Passagier*innen angelandeter Schiffe routinemäßig Gesundheitskontrollen unterzogenund auf Ellis Island bestand eine Hauptaufgabe der Grenzbeamten darin, die Einwander*innen medizinisch zu untersuchen.

Das amerikanische Einwanderungsgesetz von 1882, das allen "Personen, die an einer abscheulichen oder gefährlichen ansteckenden Krankheit leiden", die Einreise verwehrte, machte irische, italienische und chinesische Einwanderer jahrzehntelang zum Sündenbock der Nation (zu einer Zeit, als man deren Arbeitskraft als Bedrohung von Arbeitsplätzen gebürtiger US-Einwohner*innen ansah). Mit der Einwanderungskrise der letzten 10 Jahre kamen auch Behautungen auf, Migrant*innen würden Seuchen und Krankheiten einschleusen.

Desweiteren bringt das Coronavirus eine nativistische Panikmache im Namen der Gesundheitspolitik mit sich. Zusätzlich zu Trumps Rhetorik des "chinesischen Virus" hat sich ein anti-asiatischer Rassismus weltweit verbreitet. So hört man von Kleinunternehmen, die chinesischen Kund*innen Dienstleistungen verweigern und von Petitionen, die die Quarantäne chinesischer Staatsbürger*innen fordern.

Doch trotz seines offensichtlichen Rassismus und seiner Fremdenfeindlichkeit lässt sich der Gesundheits-Nationalismus nur schwer von vernünftigen Verfahren des öffentlichen Gesundheitswesens wie Quarantäne und sozialer Distanzierung, die ebenfalls isolierende Taktiken darstellen, trennen. Diese Richtlinien — allesamt wichtige Bestandteile der aktuellen Maßnahmen — gelten für Personen, die mit dem Virus in Kontakt kamen oder kommen könnten. Quarantäne, vom italienischen Wort für vierzig (quaranta) — die einst angenomme Inkubationszeit eines Virus in Tagen — dient seit dem 14. Jahrhundert dazu, Gemeinschaften bei Ausbrüchen von Pest, Pocken und Grippe voneinander zu isolieren.

Quarantäne und soziale Distanzierung sind von der wissenschaftlichen Idee geprägt, dass Infektionen nicht übertragen werden können, wenn sie keinen neuen Wirt finden. Quarantäne im kleinen Rahmen stellt eine sehr wirksame Krankheits- und Viruskontrollmaßnahme dar. Anfangs empfahl Kanada beispielsweise, dass jeder vom Ausland Einreisende, sich sowohl "selbst zu isolieren und zu Hause zubleiben" als auch innerhalb von 24 Stunden nach Ankunft mit den Gesundheitsbehörden in Verbindung zu setzen hat; in den letzten Tagen ist Kanada jedoch dem Beispiel der Vereinigten Staaten gefolgt und hat allen Ausländer*innen mit Ausnahme von US-Bürger*innen die Einreise verboten. Soziale Distanzierung ist auch eine wirksame Maßnahme, um die Verbreitung eines Virus zuverzögern. Durch die Beschränkung großer Versammlungen, die Schließung von Schulen und öffentlichen Plätzen wird die Wahrscheinlichkeit einer Virusübertragung verringert.

Der Gesundheits-Nationalismus hingegen benutzt Einreisebeschränkungen dazu, Personen und Güter ohne triftigen Grund von großen Teilen der Welt auszuschließen. Am 28. Februar schickte eine Gruppe republikanischer Gesetzgeber*innen einen Brief an Beamte des Weißen Hauses, in welchem sie um eine erhöhte Grenzsicherheit im Zuge des Coronavirus baten. "Angesichts der Durchlässigkeit unserer Grenze", so liest es sich, "ist es vorhersehbar, ja vorhersagbar, dass jeder Ausbruch in Mittelamerika oder Mexiko einen Ansturm auf unsere Grenze verursachen könnte". In einer Zeit, in der sie sich innenpolitisch auf das US-Gesundheitssystems konzentrieren sollten, betreiben viele republikanische Gestzgeber*innen eine Grenzmauerpolitik, die Millionen von Menschenleben gefährdet.

Im Gegensatz zu Quarantänemaßnahmen sind Grenzverbote für Menschen wesentlich gefährlicher. Reisebeschränkungen sollen die Zahl der Neuankömmlinge in einer Gemeinde zwar verringern, bewirken in der Praxis allerdings das Gegenteil, da sie große Rückreisewellen von Menschen in ihre Heimatländer verursachen. Inhaber*innen von US-Pässen und Green-Cards, die versuchen, nach einer Beschränkung nach Hause zurückzukehren, stellen ein Risiko für die öffentliche Gesundheit dar, insbesondere wenn sie bei ihrer Rückkehr keine obligatorische oder empfohlene Quarantäneanleitung erhalten. Das Gleiche gilt für Ausländer*innen in den Vereinigten Staaten, die nach einem Reiseverbot in ihre Heimatländer zurückkehren wollen. Ein Flughafen, der mit Menschen aus Ausbruchszonen der ganzen Welt überfüllt ist, ist keine zielführende Strategie zur Bekämpfung einer Pandemie. Für die öffentliche Gesundheit ist dies ein Albtraum. Als Trump am 11.März die europäische Einreise in die Vereinigten Staaten blockierte, hatte sich das Virus jedenfalls bereits seit Wochen im ganzen Land ausgebreitet.

Als öffentliche Gesundheitsmaßnahme war dies zwecklos, diente aber dazu, das Coronavirus weiterhin als ein ausländisches Problem darzustellen.

Reisebeschränkungen verhindern auch die Ankunft von Ärzt*innen und Hilfsgütern da, wo sie gebraucht werden. Es ist schwer, Gesundheitsvorräte in eine Region zu bringen, die den Flugverkehr eingestellt hat. Und Grenzverbote hindern keinen Virus daran, Länder mit weniger widerstandsfähigen Gesundheitssystemen zu befallen, wie zum Beispiel Afrika südlich der Sahara, das die meisten Todesfälle des H1N1-Ausbruchs von 2009 zu vermelden hatte.

Grenzen werden uns im Kampf gegen diesen Virus nicht helfen. Stattdessen brauchen wir globale Zusammenarbeit und Koordination aufverschiedenen Ebenen — und zwar schnell.

Zunächst einmal müssen wir sicherstellen, dass Forscher*innen auf der ganzen Welt ihre Programme koordinieren, um so schnell wie möglich etwas über diese Krankheit, potentiell nützliche Medikamente und wie man einen sicheren und wirksamen Impfstoff herstellen kann zu lernen. Ein Land allein kann dies nicht lösen. Stattdessen muss die CDC mit Forscher*innen weltweit zusammenarbeiten. Das ist besonders deshalb wichtig, da in vielen Ländern klinische Studien für einen Impfstoff durchgeführt werden.

Um die CDC bei ihrer Arbeit zu unterstützen, muss die Regierung ihre Infrastruktur zur Abwehr von Infektionskrankheiten wiederherstellen und ausbauen. Diese ist seit 2018, als das Team für globale Gesundheitssicherheit im Zuge einer Reorganisation des Nationalen Sicherheitsrates entlassen wurde und die CDC gezwungen war, 80 Prozent ihres Budgets für die Bekämpfung der globalen Krankheit zu kürzen, völlig unzureichend.

Fonds zur Bekämpfung von Infektionskrankheiten müssen global angelegt sein, einschließlich der Hilfsbemühungen verschiedener Länder untereinander.

Der chinesische Milliardär und Alibaba-Gründer Jack Ma hat geradeüber 500.000 Coronavirus-Testkits und eine Million Gesichtsmasken an die Vereinigten Staaten gespendet (für Länder in Afrika hat er sich noch stärker engagiert). "Momentan ist es, als lebten wir alle im selben brennenden Wald", sagte Ma. Er hat Recht.

Die Vereinigten Staaten müssen ihren Stolz überwinden, ihre Handelsfeindseligkeiten beiseite legen und diese Lieferungen akzeptieren — obwohl diese idealerweise nicht von einem wohltätigen Milliardär stammen, sondern Teil der globalen Krankheitsabwehrmaßnahmen der chinesischen Regierung sein sollten.

Es ist auch zentral in den Jahren nach dem Abklingen der Krisezu lernen, dass eine adäquate Reaktion auf eine globale Gesundheitsbedrohung stetiger Vorbereitungen im eigenen Land bedarf.

Über die Forschungsfinanzierung und Katastrophenschutzteams hinaus müssen die Vereinigten Staaten sicherstellen, dass ein Recht auf Gesundheit nicht nur für Versicherte besteht. Wenn Menschen aus irgendeinem Grund verzögert Hilfe suchen — weil sie keine Papiere haben, nicht versichert sind oder sich als Tourist in einem fremden Land aufhalten — kann sich das Virus leichter verbreiten. Personen mit Zugang zu einer erschwinglichen Gesundheitsversorgung haben nicht nur eine höhere Wahrscheinlichkeit, das Virus zu überleben, sondern auch eine geringere Wahrscheinlichkeit, es an andere weiterzugeben. Dieser Ausbruch hat den dringenden Bedarf an wirklich globalen Programmen sowohl im Inland als auch weltweit verdeutlicht.

Der Gesundheits-Nationalismus sollte als in sich widersprüchlich erkannt werden. Die Gesundheit der anderen spiegelt die Gesundheit aller wider. Bei einer Pandemie gibt es kein "wir" gegen"sie".

Stephanie De Gooyer ist Co-Autorin des Buches "The Right to have Rights" ("Ein Anrecht auf Rechte", Verso Books) und arbeitet an der Fertigstellung von "Acts of Naturalization" für die Johns Hopkins University Press. Sie ist Gastprofessorin für Englisch an der Harvard University.

Srinivas Murthy ist außerordentliche Professorin für Infektionskrankheiten und Intensivmedizin an der Universität von British Columbia.

Available in
EnglishGermanFrenchPortuguese (Brazil)SpanishRussian
Authors
Stephanie DeGooyer and Srinivas Murthy
Translator
Andreas Uhl
Date
10.05.2020
Source
Original article🔗

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