Long Reads

COVID-19 und die zerstörerische Kraft der privatisierten Gesundheitsversorgung im Libanon

Wie Spätkapitalismus, oligarchische Herrschaft und Privatisierung das öffentliche Gesundheitswesen ausgehöhlt und die Auswirkungen von COVID-19 im Libanon verschlimmert haben.
Der Kapitalismus, die größte ordnende Kraft unserer Welt, hat von allem zu viel produziert – künstliche Intelligenz, zielgerichtete und personalisierte Medizin, die Wissenschaft der Epigenetik, Nanotechnologien, ertragreiche Monokulturen, Konzeptkunst, Roboterchirurgie und hochgebildete Menschen.
Der Kapitalismus, die größte ordnende Kraft unserer Welt, hat von allem zu viel produziert – künstliche Intelligenz, zielgerichtete und personalisierte Medizin, die Wissenschaft der Epigenetik, Nanotechnologien, ertragreiche Monokulturen, Konzeptkunst, Roboterchirurgie und hochgebildete Menschen.

Die COVID-19-Pandemie, die sich spätestens seit Dezember letzten Jahres verbreitet, verdeutlicht paradoxerweise wie auch der Kapitalismus gigantische Katastrophen herbeigeführt hat: High-Tech-Autoritarismus und Überwachung; Militarismus (sowohl im Diskurs als auch in der Praxis: Es gibt einen Krieg gegen das Virus); Staaten, die nicht in der Lage sind, grundlegende Schutz- und Hygienesets (Masken, Handschuhe, Toilettenpapier) sowie kompliziertere medizinische Geräte (Beatmungsgeräte, Oximeter) herzustellen—und daher woanders plünderten; unterbesetzte, unterfinanzierte, baufällige und vielerorts schlicht nicht vorhandene öffentliche Gesundheitsinfrastruktur; prekäre Lebensumstände (wo das eigene Lebenvon dem monatlichen, wöchentlichen, täglichen, stündlichen Lohn abhängt,den man als Angestellte*r oder Freiberufler*inin der “Gig-Economy” verdient); das Versäumnis, sich um Kranke und Arme zu kümmern; die qualvolle Gewalt des Messens oder die Unfähigkeit, den Menschen außerhalb seiner Funktion als Arbeiter*in in der kapitalistischen Wirtschaft zu betrachten; und nicht zuletzt die Tragödie, dass jemand, den man liebt, alleine stirbt, ohne dass man sich verabschieden konnte.

Mit dem, was sie entlarvt hat (was sie ausgelöst und verschlimmert hat, wie wir dorthin gekommen sind, ihre gegenwärtigen und zukünftigen strukturellen Folgen, ihre Grenzen) ist die COVID-19 Pandemie dem Start von Sputnik-1 im Jahr 1957 nicht unähnlich — dem ersten Weltraumsatelliten, der Hannah Arendt zu einer Untersuchung darüber anregte, wie überschneidende Formen der Entfremdung von Welt und Erde die Zukunft des Lebens selbst bedrohten. Unser heutiger Zustand ergibt sich gerade aus der paradoxen Beziehung zwischen einerseits Technologie, Wissenschaft, Fachwissen und Reichtum, die in den Händen einiger weniger konzentriert sind, und menschlicher Arbeit (das, was Leben produziert, reproduziert und erhält) andererseits.Wenn Menschen in den Weltraum fliegen können, wenn Computeralgorithmen gerichtliche Entscheidungen treffen können, wenn randomisierte, kontrollierte Studien bestimmen können, wie die Armut in der Welt am besten zu lindern sei, dann müsste all das auch unsere existenziellen Möglichkeiten radikal verändern und sich die “älteren”, irdischen Auseinandersetzungen mit Politik und weltlichen Anliegen noch schwieriger gestalten. Mehr als ein halbes Jahrhundert nach Sputnik provoziert die COVID-19-Pandemie vergleichbare, wenn auch anders gestellte Fragen: Sie offenbart, dass die Art und Weise, wie wir unsere Gesellschaften und unsere Welt organisieren und produzieren, uns unvorbereitet auf weltliche Bedrohungen zurücklässt.

In einem kleineren Maßstab ist das im Libanon nicht anders. Tatsächlich ist er das Paradebeispiel für dieses Fiasko. Im Libanon spielt sich das Debakel der “glokalisierten” (ein abscheuliches Wort) Welt ab, die wir für uns selbst geschaffen haben. Eine zerbrochene Welt, die sich aus kaputten und dysfunktionalen Beziehungen zwischen Menschen und Nichtmenschen (Bäume, Flüsse, Brücken, Dämme, Einkaufszentren, vierrädrige Autos, Geldautomaten, einem Kilo Reis, einem High-School-Abschluss, dem Virus) zusammensetzt; zwischen Menschen untereinander und in der Politik. Wenn es einen Sektor, ein Betätigungsfeld gibt, in dem das am offensichtlichsten ist (umso deutlicher unter den gegenwärtigen Umständen), dann im Gesundheitssektor.

Öffentliche und private Gesundheitssysteme im Libanon

Das libanesische Gesundheitssystem ist in hohem Maße privatisiert, wobei rund 70 Prozent der Zentren der primären Gesundheitsversorgung und 80 Prozent der Krankenhäuser (darunter mindestens 8 Universitätskliniken) dem Privatsektor angehören. Zusätzlich ist es hochgradig fragmentiert, da es auf verworrenen öffentlich-privaten Partnerschaften mit mehreren Quellen für die Leistungserbringung, Finanzierung und Verwaltung (die von Institutionen durchgeführt werden, die erstattungsfähige Protokolle genehmigen und anerkannte und genehmigte Behandlungskurse einrichten) für Patient*innen beruht.

Leistungserbringung und Finanzierung

Zu den Leistungserbringern gehören halbautonome öffentliche Krankenhäuser, private Krankenhäuser ohne Erwerbszweck, private Krankenhäuser mit Erwerbszweck und über 700 Zentren für primäre Gesundheitsversorgung und Zentren für soziale Entwicklung, die primäre Gesundheitsdienste anbieten. 70 Prozent davon werden von NGOs (lokal und international) und Vereinigungen betrieben, die zu kirchlichen Institutionen oder politischen Parteien gehören. Das Gesundheitsministerium beaufsichtigt außerdem ein Netzwerk von rund 220 Kliniken, die umfassende Versorgungspakete – einschließlich sexueller und reproduktiver Gesundheitsvorsorge – anbieten und vom Ministerium akkreditiert wurden. Die Finanzierungsquellen sind recht vielfältig. Dazu gehören unter anderem das Gesundheitsministerium, der Nationale Sozialversicherungsfonds (NSSF), die Fonds der Streitkräfte, die Genossenschaften der öffentlichen Bediensteten, Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und private Versicherungsgesellschaften. Heute sind rund 47 Prozent der libanesischen Bürger*innen krankenversichert. Etwa 23 Prozent davon sind durch den Nationalen Sozialversicherungsfonds (NSSF) abgedeckt, 9 Prozent durch militärische Systeme, 7 Prozent durch private Versicherungen, 4 Prozent durch die Genossenschaft der öffentlichen Bediensteten und 4 Prozent durch andere Systeme. Die verbleibenden 53 Prozent haben keinen formellen Versicherungsschutz und werden vom Gesundheitsministerium abgedeckt, das als “Versicherer letzter Instanz” fungiert. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang auch, dass die Gesundheitsversorgung auf der Ebene der Kliniken für primäre Gesundheitsversorgung durch ein spezifisches Programm des Ministeriums für primäre Gesundheitsversorgung abgedeckt wird, das von der Weltbank durch eine Kombination von Zuschüssen und Darlehen ($150 Millionen) finanziert wird.

Für Nicht-Staatsbürger*innen, die im Libanon leben, gibt es andere Formen und Quellen der Gesundheitsversorgung. Palästinensische Flüchtlinge erhalten Zugang zu medizinischer Versorgung über von UNRWA betriebene und/oder finanzierte Gesundheitssysteme, einschließlich der von UNRWA selbst betriebenen Kliniken für medizinische Grundversorgung. Dazu zählen auch die von der Palästinensischen Gesellschaft des Roten Halbmonds betriebenen Krankenhäuser und die privaten oder öffentlichen Krankenhäuser, die dem libanesischen Gesundheitssystem angeschlossen sind (und in denen die Behandlungskosten durch Mittel von UNRWA und ihrer Partner gedeckt werden). Wie inzwischen allseits bekannt, hat UNRWA seit langem mit wiederholten Mittelkürzungen, überanspruchten Diensten und der Unterbrechung von Programmen zu kämpfen. Syrische Flüchtlinge haben über die Unterstützungsmechanismen des Hochkommissariats der Vereinten Nationen für Flüchtlinge (UNHCR) Zugang zur medizinischen Versorgung, einschließlich durch internationale und/oder lokale Partner-NGOs. Sie haben Zugang zu den verschiedenen Kliniken des Landes, die entweder vom UNHCR oder von NGOs unterstützt werden. UNHCR bietet auch subventionierten Zugang zu spezialisierter Versorgung in libanesischen Krankenhäusern. Auch hier gibt es einen allgemeinen Trend: Die für die Versorgung bestimmten Mittel sind weiterhin rückläufig, während private Krankenhäuser Profit aus menschlichen Körpern ziehen. Arbeitsmigrant*innen habe über die obligatorische Kafala-Krankenversicherung hinaus keinen Krankenversicherungsschutz. Obwohl sie dadurch theoretisch, mit gültigen Kafala-Papieren, Zugang zu medizinischer Grundversorgung in öffentlichen Krankenhäusern haben, sieht die Realität anders aus. Abgesehen von der Unterstützung, die sie von bestimmten NGOs erhalten, haben Arbeitsmigrant*innen ohne gültige Dokumente keinen Krankenversicherungsschutz. Und schlussendlich setzt die libanesische Regierung, mit Beiträgen des Treuhandfonds der Weltbank für den Libanon (TFL) und des UNHCR, über das Sozialministerium die Umsetzung des Nationalen Programms zur Bekämpfung der Armut (NPTP) fort, das bereits 2011 im Rahmen des zweiten libanesischen Projekts zur Unterstützung der Umsetzung des Notfallsozialschutzes (ESPISPII-Projekt) eingerichtet wurde. Dieses Projekt umfasste Sozialhilfe für 40.000 extrem arme libanesische Haushalte sowie, unter anderem, Krankenversicherung für Begünstigte in öffentlichen und privaten Krankenhäusern durch den Verzicht auf 10-15 Prozent Zuzahlungen für Krankenhausaufenthalte.

Katastrophen-Kapitalismus: der libanesische Bürgerkrieg und der Gesundheitssektor

Der libanesische Bürgerkrieg hatte einen enormen Einfluss auf die Gesundheitssysteme des Landes. Zwischen 1975 und 1990 ging die Bereitstellung von Gesundheitsdiensten durch die Regierung stark zurück. Diese langen Jahre des Bürgerkrieges führten auch zur systematischen Zerstörung der finanziellen, infrastrukturellen und institutionellen Kapazitäten des öffentlichen Gesundheitssektors. Im Jahr 1990 war nur noch die Hälfte der 24 öffentlichen Krankenhäuser in Betrieb, wobei die durchschnittliche Zahl der aktiven Betten nicht mehr als 20 pro Krankenhaus betrug. Öffentliche Krankenhäuser wurden zerstört, geschlossen, nicht mehr betrieben, Ärzt*innen und Krankenschwestern ausgebrannt und viele sind sogar aus dem Land geflohen. Umgekehrt schossen während des Krieges auch die Kliniken von NGOs, verschiedenen Verbänden und politischen Parteien wie Pilze aus dem Boden – diese Kliniken der primären Gesundheitsversorgung übernahmen langsam die Dienste, die vom öffentlichen Sektor hätten erbracht werden müssen. Mehr noch, UN-Organisationen spielten eine wichtige Rolle bei der Konzeptionierung und Umsetzung von grundlegenden Gesundheitsprogrammen in gemeinsamer Koordination mit NGOs. Die medizinischen Aktivitäten dieser Zentren hingen stark von der Verfügbarkeit von Medikamenten ab, die oft von Organisationen wie UNICEF gespendet wurden, die diese Medikamente als Anreiz zur Förderung von Präventionsprogrammen durch NGOs verwendeten.

Der Krieg beschleunigte also gewissermaßen die Wende zu einer allumfassenden Privatisierung des Gesundheitswesens im Libanon. Während 1970 nur 10 Prozent des Budgets des Gesundheitsministeriums für die Gesundheitsversorgung in privaten Krankenhäusern vorgesehen waren, schätzt man, dass heute mehr als zwei Drittel der Einnahmen privater Krankenhäuser aus öffentlichen Geldern stammen. Im Großen und Ganzen ist das Gesundheitsministerium auch stark auf internationale Finanzierung und Unterstützung angewiesen. Zu den Partnern des Ministeriums gehören mehrere UN-Organisationen, Regierungsbehörden, EU-Fonds, Unterstützung durch die Weltbank und Interventionen von NGOs. Wie bereits erwähnt sind diese Partner im Bereich von Kliniken tätig, aber auch beim “Aufbau der Kapazitäten” der öffentlichen Krankenhäuser. So ist zum Beispiel das Rafik-Hariri-Universitätskrankenhaus (früher unter dem Namen Beiruter Regierungskrankenhaus oder BGUH), das die Bemühungen des Landes zur Eindämmung der Ausbreitung von COVID-19 und zur Untersuchung und Behandlung von Patient*innen leitet, auf die Unterstützung von Organisationen wie dem Internationalen Komitee des Roten Kreuzes und Medecins Sans Frontières angewiesen.

Abschließend sei darauf hingewiesen, dass die Staatsverschuldung, das Handelsdefizit, interner Dissens, tiefgreifende politische Meinungsverschiedenheiten und der Druck des Privatsektors Einfluss darauf haben, wie der Haushalt des Gesundheitsministeriums zugewiesen und ausgegeben wird. Neben der weit verbreiteten (oft übertriebenen) Annahme, dass politische Parteien öffentliche Gelder für klientelistische Zwecke verwenden, spielen private Krankenhausverwaltungen, bekannte und einflussreiche Ärzt*innen sowie Arzneimittel-Importfirmen eine wesentliche Rolle bei der Auszahlung der Mittel des Gesundheitsministeriums: an private Krankenhäuser, um Medikamente von Firmen wie Mersaco, Fattal, Pharaon, Omnipharma und anderen zu kaufen. Die Arzneimittelfirmen profitieren in hohem Maße von der privaten Gesundheitsvorsorge im Land. Nach Angaben der libanesischen Zollbehörde importierte der Libanon beispielsweise im Jahr 2014 pharmazeutische Produkte im Wert von $1,1 Milliarden. Insgesamt zehn Unternehmen kontrollieren 90 Prozent des Marktes, wobei nur vier dieser Unternehmen 50 Prozent des Marktes kontrollieren. Das gibt eine ungefähre Vorstellung von dem extravaganten Gewinn, den diese Unternehmen erzielen müssen.

Ob COVID-19 oder nicht, ist das private Gesundheitswesen kriminell?

Yanis Varoufakis formulierte es treffend: Die private Gesundheitsfürsorge ist nicht nur ineffizient, sondern auch destruktiv. Jeder Dollar, der für die private Gesundheitsfürsorge ausgegeben wird, schmälert die Kapazität unserer Gesellschaften, mit Pandemien umzugehen. Es gibt kein Argument für private Gesundheitsfürsorge, und das nicht nur, weil sie die Versorgung teuer und unzugänglich macht. Im Mittelpunkt all dessen stehen auch Fragen nach den Bedeutungen, die mit Gesundheit, Krankheit und Leiden verbunden sind, nach dem, was in unseren Gesellschaften als wichtig gilt, nach der Art und Weise, wie das Gesundheitspersonal ausgebildet, geschätzt und entlohnt wird, nach der Art und Weise, wie Fachwissen allgemeinere Fähigkeiten und Kenntnisse verdrängt und wie der menschliche Körper verstanden wird. Die private Gesundheitsfürsorge nutzt die menschliche Verletzlichkeit im Angesicht des Todes aus. Sie ist schlicht und einfach die schlimmste und unmoralischste Art der Ausbeutung und Enteignung (des eigenen Körpers um des Profits willen). Der Libanon ist ein typisches Beispiel dafür. Mit einem derart privatisierten und fragmentierten Gesundheitssystem ist es unmöglich, einen präventiven und heilenden Rahmen für die soziale Gesundheit (Gesundheitsversorgung als Recht) zu entwickeln, von dem Umgang mit einer Pandemie wie COVID-19 ganz zu schweigen. Wie bereits erwähnt, drehen sich die destruktiven Kapazitäten der privaten Gesundheitsversorgung um die Unfähigkeit der Patient*innen, sich eine Versorgung zu leisten und Zugang zu ihr zu haben, aber auch um die Fähigkeit einer Gesellschaft, mit einer Pandemie umzugehen. Lasst uns diese Idee anhand von zwei Beispielen weiterentwickeln: die Testkapazitäten des Landes und die Weigerung der privaten Krankenhäuser, kostenlose COVID-19-Tests und die kostenlose Behandlung von Patient*innen zu übernehmen.

COVID-19-Tests

In der letzten Märzwoche hatte die libanesische Ärzteordnung den COVID-19-Test, der von verschiedenen privaten Krankenhäusern und Labors im ganzen Land durchgeführt wurde, verurteilt und das Gesundheitsministerium aufgefordert, Unternehmen, die den Test importieren, zu nötigen, den Verkauf auf eine Handvoll qualifizierter Krankenhäuser zu beschränken. Außerdem forderte der Erlass das Ministerium auf, die Kosten für diese Tests in privaten Krankenhäusern zu übernehmen. Der Test auf COVID-19 wird mittels RT-PCR (Reverse Transkriptionspolymerase-Kettenreaktion) durchgeführt, einer Technik, mit der die Menge der spezifischen genetischen Sequenzen des Virus gemessen werden kann. RT-PCR ist eine hochempfindliche Technik, bei der verschiedene Protokolle, Kits und Sondentypen (ein Molekül, das zum Nachweis und zur Identifizierung der genetischen Sequenzen des Virus dient) verwendet werden. Sie erfordert auch Maßnahmen zur Qualitätskontrolle (Tests und Wiederholungstests, um sicherzustellen, dass die Ergebnisse verlässlich sind), die bei zufälligen Tests fast unmöglich zu erreichen sind. Das Risiko und der Prozentsatz falsch negativer und falsch positiver Ergebnisse (mit schwerwiegenden Folgen im Falle von COVID-19) sind somit erhöht. Es ist wahrscheinlich, dass die offizielle Zahl der täglich vom Gesundheitsministerium gemeldeten Fälle nicht so genau ist, wie sie sein könnte.

Als Folgemaßnahme stellte das Gesundheitsministerium in einem Rundschreiben vom 3. April 2020 eine Liste von 15 Krankenhäusern zur Verfügung, die seiner Ansicht nach für die Durchführung von COVID-19-Tests mittels RT-PCR qualifiziert sind. Ein kurzer Blick auf diese Liste offenbart zwei weitere Mängel: den Zugang zur Versorgung und die Lastübertragung auf öffentliche Krankenhäuser. In der Region Bekaa, im Süden und in Akkar gibt es keine Krankenhäuser für Tests. Nur eines der aufgeführten Krankenhäuser (Rafik Hariri University Hospital – RHUH in Beirut) ist ein staatliches Krankenhaus, das den Test kostenlos anbietet. Patient*innen, die in die anderen Krankenhäuser gingen, mussten für ihre Tests bezahlen. Patient*innen, die sich für einen Test in einem der bekanntesten medizinischen Universitätszentren des Landes in Beirut entschieden, gaben an, dass sie für das Anlegen einer medizinischen Akte (wenn sie neue Patienten in diesem bestimmten Krankenhaus sind) bis zu 160.000 LBP zusätzlich zu 200.000 LBP für den eigentlichen Test bezahlen mussten. Einige Patient*innen wurden auch gebeten, sich einer Röntgenuntersuchung der Brust zu unterziehen und dafür zu bezahlen. Auf Twitter meldete sich der Direktor der RHUH, Dr. Firass Abiad, ähnlich zu Wort: Wenn die Testkapazitäten der RHUH überfordert seien, solle die RHUH Tests an das American University of Beirut Medical Center und an das Krankenhaus Hotel Dieu de France (das zur privaten Université Saint Joseph gehört) als Teil der Zusammenarbeit des staatlichen Krankenhauses im Kampf gegen die COVID-19-Pandemie schicken – es ist unklar, ob die RHUH und das Gesundheitsministerium diese beiden privaten Krankenhäuser für diese Tests bezahlen müssen.

Übertragung von Risiken

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die Zusammenarbeit zwischen öffentlichen und privaten Gesundheitseinrichtungen zu konzipieren. Im Libanon sieht diese Zusammenarbeit in etwa so aus: Das Gesundheitssystem ist so aufgebaut, dass private Gesundheitseinrichtungen Gewinne erwirtschaften, während die finanziellen und medizinischen Lasten und Risiken auf die staatlichen Krankenhäuser abgewälzt werden. Die Übertragung der Risiken ist ein Rahmen, durch den man die Dynamik des Gesundheitssektors erforschen kann, wie zum Beispiel die hierarchische und geschlechtsspezifische Übertragung von Risiken von Ärzt*innen auf Krankenschwestern. Im Libanon sind Krankenschwestern und Krankenpfleger stark ausgebeutet, überlastet und unterbezahlt. Laut Mirna Doumit, der Leiterin des Ordens der Krankenschwestern und Krankenpfleger, kann das Gehalt einer Vollzeitkrankenschwester oder eines Vollzeitkrankenpflegers bis zu 700.000 LBP betragen. Angesichts des anhaltenden finanziellen Zusammenbruchs des Landes haben mehrere Krankenhäuser deren Gehälter gekürzt, und viele haben bereits 5 oder 6 Monate ohne Bezahlung gearbeitet. Aber unser Interesse gilt hier der Dynamik der Beziehungen zwischen privaten Gesundheitseinrichtungen und staatlichen Krankenhäusern. In den letzten Jahren hatte die syrische Flüchtlingskrise bereits unser Verständnis dafür vertieft, wie die Übertragung dieser Art von Risiken erfolgt. Private Krankenhäuser, obwohl sie vom UNHCR für die Behandlung syrischer Flüchtlingspatient*innen unter Vertrag genommen wurden, verweigerten oft die Aufnahme von Patienten mit hohen Risikofaktoren — da diese intensive Pflege benötigen oder lange im Krankenhaus bleiben könnten. Es gibt viele Gründe für eine solche Verweigerung von Einweisungen, unter anderem.: Einsparung begrenzter Bettenkapazitäten (vor allem auf der Intensivstation) für Patient*innen, die höhere Gebühren zahlen würden; und Vermeidung der Rechenschaftspflicht für einen Anstieg ihrer potentiellen Sterblichkeitsrate — was, wie zum Beispiel im Falle der Müttersterblichkeit, normalerweise vom Ministerium untersucht wird. Diese Fälle landen oft in staatlichen Krankenhäusern.

Im Zusammenhang mit der landesweiten Strategie des Ministeriums zur Bekämpfung der COVID-19-Pandemie hat das Regierungskrankenhaus von Beirut das Mandat, kostenlose Versorgung für alle bereitzustellen. Theoretisch ist das größte Krankenhaus des Landes (mit einer potenziellen Kapazität von fast 600 Betten), ein Universitätskrankenhaus, das für die Behandlung komplizierter Fälle ausgerüstet ist. Dessen Mitarbeiter betreiben medizinische Forschung und sind in der Lage sind, eine qualitativ hochwertige Versorgung zu bieten und solide wissenschaftliche Erkenntnisse zu erarbeiten. Doch die Realität vor Ort (und die Flut von Spendenaktionen zur Unterstützung des Krankenhauses) zeigen, dass das Personal überlastet, unterbezahlt und verwundbar ist, dass es oft an Ausrüstung fehlt und der allgemeine Zustand der Infrastruktur des Krankenhauses heruntergekommen ist. Zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Artikels, verweigern private Krankenhäuser weiterhin die kostenlose Versorgung von Patient*innen, bei denen eine Infektion mit dem neuartigen Coronavirus diagnostiziert wurde. Ihr Argument: Das Gesundheitsministerium und die Nationale Sozialversicherungskasse schulde ihnen überfälliges Geld für Patient*innen, die vor langer Zeit behandelt wurden. Es ist unklar, ob sie die Aufnahme von Patient*innen rundheraus verweigern werden, sollte das Beiruter Regierungskrankenhaus überlastet werden (und das könnte durchaus passieren).

Mehrere große private Krankenhäuser in und um Beirut haben bereits angekündigt, dass sie spezielle Stationen eingerichtet haben, um Patient*innen mit einer COVID-19-Infektion zu diagnostizieren, zu versorgen und zu behandeln. In einem Memo an die Versicherungsgesellschaften (von denen die meisten Kosten im Zusammenhang mit COVID-19 von ihrer Deckung ausschließen – in den Verträgen dieser Gesellschaften ist festgelegt, dass Pandemien nicht eingeschlossen sind) und private Kostenträger listete eines dieser Spitäler, eine renommierte frankophone Einrichtung im östlichen Vorort von Beirut, den Preis für Tests und Behandlung in ihrem “Grippezentrum” auf. Vor der Aufnahme konnten diagnostische Tests (verschiedene PCR-Tests, eine Thoraxaufnahme und eine klinische Beratung) bis zu insgesamt $638 kosten. Nach der Aufnahme würde jede Nacht im Krankenhaus, ungeachtet der Kosten für Medikamente, Konsultationen und so weiter, Patient*innen folgendes kosten: $1.000 in einem isolierten Raum, $1.500 auf der Intensivstation, wenn kein Beatmungsgerät benötigt wird, und $2.800 auf der Intensivstation, wenn ein Beatmungsgerät verwendet wird. Patient*innen, die im Rahmen des Nationalen Sozialversicherungsfonds versichert sind, wird ein Rabatt von 30 Prozent gewährt. Zusätzliche Eingriffe wie die extrakorporale Oxygenierung, eine Technik der Sauerstoffanreicherung des Blutes außerhalb des Körpers, die vorübergehend die Rolle des Herzens und der Lungen übernimmt, wenn diese nicht ausreichend funktionieren, werden als einmalige Intervention mit einer Gebühr von $10.000 in Rechnung gestellt. Die Mehrheit der Bevölkerung im Libanon konnte sich nicht einmal vor dem finanziellen Zusammenbruch des Landes (geschweige denn nach der Abwertung der libanesischen Lira) eine solche Versorgung leisten. Diese Menschen werden in das Regierungskrankenhaus gehen, auch wenn es baufällig ist. Es ist ein Krankenhaus für die Armen, nicht wahr? Aber was werden private Krankenhäuser tun, wenn das Regierungskrankenhaus überfordert und über seine Kapazitäten hinaus belastet ist? Die Aufnahme von Patient*innen verweigern? Den Stecker ziehen, wenn nach zwei Wochen auf der Intensivstation eine Familie die Rechnung nicht mehr bezahlen kann? Im Kapitalismus gibt es keine Rechte, nur Konsum. Man bekommt, wofür man bezahlt. Finde dich damit ab. Einfach weitergehen.

Wenn die Welt zerrüttet ist, ist auch der Libanon zerbrochen und am Rande der Implosion. Die neuartige Coronavirus-Pandemie hat die Auswirkungen jahrelanger unverminderter Ausbeutung, Extraktion und Enteignung durch die Oligarchen des Landes, die das Land in Schutt und Asche gelegt haben, noch verschlimmert. Aber wie Adam Hanieh richtig bemerkte, teilt die Welt eine Erfahrung dieser Art irgendwie kollektiv. Die Bewältigung der COVID-19-Pandemie und des sich entfaltenden globalen wirtschaftlichen Zusammenbruchs erfordert einen globalen Ansatz. Quarantäne oder nicht, wir waren noch nie so eng miteinander verbunden wie heute, aber im “Konkreten”, da wo es wirklich darauf ankommt, haben wir uns noch nie so allein gefühlt. An dieser Stelle greifen wir auf das Rätsel zurück, in dem der Kern der Sache liegt: die paradoxe Spannung zwischen Wissenschaft und technologischem Fortschritt einerseits und unseren Beziehungen zum Leben und zueinander andererseits. Es ist nicht überraschend, dass hier eine Verbindung zu Arendts anderer viel zitierter Arbeit über die Ursprünge des Totalitarismus hergestellt werden kann–wo sie argumentierte, dass der Totalitarismus als politische Veranlagung aus genau dieser dialektischen Beziehung entsteht. In ihrem Kampf gegen das neuartige Coronavirus haben Staaten zunehmend totalitär reagiert.

Die COVID-19-Pandemie hat gezeigt, auf welch vielfältige Weise wir unter einer zweifachen Entfremdung leiden: von der “Natur” (den Beziehungen des Menschen zur Umwelt) und von der sozialen Welt, die wir geschaffen haben (dem wirtschaftlichen Zusammenbruch)–falls eine solche Unterscheidung überhaupt möglich ist. Die Politik ist das, was zwischen diesen beiden Bereichen vermittelt. Wie stehen wir im Angesicht von Katastrophen? Wie demontieren wir die Weltbank? Wie demontieren wir den IWF? Wie verhindern wir, dass sich der Weltkapitalismus wieder einmal neu erfindet, dass sich die Entfremdung und die Ungleichheiten immer wieder vertiefen und verschärfen? Ist eine Welt, in der, wie Karl Marx sagte, jeder alles erreichen kann, was er sich wünscht, möglich? Wenn ich diese Fragen stelle, bin ich nicht daran interessiert, die Pragmatik der politischen Vorschläge zu untersuchen. Vielmehr versuche ich, die Vorstellungskraft zu aktivieren, damit eine andere Zukunft möglich wird.

Aber zumindest sollte niemand allein sterben.

Foto: marviikad, Flickr

Available in
EnglishFrenchPortuguese (Portugal)Portuguese (Brazil)GermanSpanish
Author
Cynthia Kreichati
Translators
Jennifer Lennartz, Izabela Anna Moren and Daniel Kopp
Date
16.06.2020
Source
Original article

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