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Harsh Mander: Für unsere Verfassung, für die Liebe

PI-Ratsmitglied Harsh Mander ruft Indien auf, sich für eine gerechte und pluralistische Politik einzusetzen.
Am 11. Dezember 2019 verabschiedete das indische Parlament die Änderung des Staatsbürgerschaftsgesetzes. Mit dem Gesetz wurde die Einbürgerung illegaler nicht-muslimischer Einwanderer aus Pakistan, Bangladesch und Afghanistan erleichtert. Muslime sind davon ausgeschlossen.
Am 11. Dezember 2019 verabschiedete das indische Parlament die Änderung des Staatsbürgerschaftsgesetzes. Mit dem Gesetz wurde die Einbürgerung illegaler nicht-muslimischer Einwanderer aus Pakistan, Bangladesch und Afghanistan erleichtert. Muslime sind davon ausgeschlossen.

Mit dem indischen Gesetz zur Änderung der Staatsbürgerschaft wurde letztereerstmals auf Grundlage der Religionszugehörigkeit vergeben. Viele waren der Meinung, dass das Gesetz gegen die Grundlage der säkularen demokratischen Verfassung des Landes verstoße. Tatsächlich ist Indiens Verfassung das zivilisatorische Erbe von Vielfalt und Pluralismus. Spontane, meist friedliche, Proteste formierten sich daraufhin im ganzen Land.

In der Nähe der Islamia University in Delhi kam es zu einigen Vorfällen von Brandstiftung. Die Polizei stürmte den Campus in der Nacht zum 15. Dezember und ging mit brutaler Gewalt gegen die Studierenden vor, auch auf diejenigen, die in der Bibliothek saßen und lernten. Viele Personen wurden verhaftet. Noch in derselben Nacht versammelten sich eine große Anzahl von Bürgern vor den Polizeistationen und zwangen die Regierung einige Stunden später, die verhafteten und verletzten Studierenden freizulassen. Am nächsten Tag versammelten sich Tausende verängstigter Studierenden in der Universität.

Der Friedens- und Menschenrechtsaktivist und Schriftsteller Harsh Mander wurde an jenem Tag gebeten zu den Studierenden zu sprechen. Fünf Monate später tauchte Manders Name in einer Anklageschrift der Polizei in Delhi auf. Er wird für den brutalen Mord an einem Geheimdienstmitarbeiter zwei Monate nach seiner Rede verantwortlich gemacht. Harsh Mander wird vorgeworfen, hinter einer “Fassade” des Friedens zum Hass aufgerufen zu haben, der schließlich in gewalttätigen Handlungen mündete. Das ist die deutsche Übersetzung seiner Rede.

Ich möchte erst einmal einen Slogan nennen. Für wen ist dieser Kampf? Und wessen Kampf? Dieser Kampf ist zuerst für unser Land, dann für unsere Verfassung und dann für die Liebe. Diese Regierung hat uns herausgefordert und nicht nur einen Kampf gegen unsere muslimischen Brüder und Schwestern in diesem Land begonnen, sondern auch gegen die Art und Weise, wie man sich dieses Land vorgestellt hat.

Während des Kampfes für Freiheit hat man sich überlegt, wie das Land aussehen könnte, wenn die Briten abziehen und Indien endlich uns gehöre würde. In unserer Vorstellungskraft, in unserem Glauben, sahen wir eine Nation, in der es keine Rolle spielen würde, ob man an diesen Bhagwaan oder an diesen Allah oder an gar keinen Gott glauben würde. Es würde keine Rolle spielen, welcher Kaste man angehöre oder welche Sprache man spreche. Es würde keine Rolle spielen, ob man reich oder arm, eine Frau oder ein Mann sei. Man wäre in jeder Hinsicht, in jeder Hinsicht, ein gleichberechtigter Mensch und ein gleichberechtigter Bürger dieses Landes. Man hätte die gleichen Rechte wie jeder andere auch.

Heute werden die Muslime dieses Landes aufgefordert, ihre Liebe zu diesem Land zu beweisen. Die Ironie dabei ist, dass diese Frage, diese Aufforderung von jenen gestellt wird, die nie am Freiheitskampf beteiligt waren und keine Opfer erbracht haben.

An meine muslimischen Brüder und Schwestern und meine Kinder, die heute hier anwesend sind. Ihr seid indisch, weil ihr es euch ausgesucht habt. Der Rest von uns ist indisch, weil wir zufällig hier geboren wurden. Wir hatten keine Wahl (als Indien 1947 geteilt wurde). Wir hatten nur dieses Land. Ihr hattet eine Wahl (die Wahl zwischen Indien und Pakistan) und Eure Vorfahren entschieden sich für dieses Land. Heute versuchen Regierungsmitglieder zu beweisen, dass Jinnah Recht und Mahatma Gandhi Unrecht hatte. Sie sollten den Namen ihrer Partei von Bharatiya Janata in Bharatiya Jinnah ändern. Herr Jinnah sagte, Indien sei nicht ein Land, sondern zwei Länder: Das muslimische Pakistan und das hinduistische Indien.

Wir aber sagen: Es ist ein Land – Hindustan, und diejenigen, die in diesem Land leben und sich für dieses Land entschieden haben – Muslime, Hindus, Sikhs, Christen, Buddhisten, Atheisten, Adivasi, Dalits, Reiche, Arme, Männer, Frauen, alle – haben in diesem Land alle die gleichen Rechte.

Auf diejenigen, die Euch diese Fragen stellen und Euch eure Rechte wegnehmen wollen, trifft heute eine Flut, die über dieses Land hereingebrochen ist; eine Flut, die die Verfassung des Landes schützen und ihre Seele, die aus Liebe und Brüderlichkeit besteht, verteidigen will.

Um sie zu schützen sind wir heute auf die Straßen gegangen und werden hier bleiben.

Dieser Kampf kann nicht im Parlament gewonnen werden, weil unsere politischen Parteien, die sich für säkular erklären, nicht über die moralische Kraft verfügen um sich diesem Kampf zu stellen.

Dieser Kampf kann auch nicht vor dem Obersten Gerichtshof gewonnen werden, Wie wir im Fall von NRC, Ayodhya und Kaschmir gesehen haben, hat der Oberste Gerichtshof Humanismus, Gleichheit und Säkularismus nicht beschützt. Wir werden uns mit Sicherheit an den Obersten Gerichtshof wenden, denn schließlich ist er unser Oberster Gerichtshof. Die endgültige Entscheidung wird jedoch weder vom Parlament noch vom Obersten Gerichtshof getroffen werden. Die Frage ist, wie die Zukunft dieses Landes aussehen wird? Ihr seid jung – was für ein Land möchtet ihr Euren Kindern hinterlassen? Wo wird diese Entscheidung getroffen werden? Einerseits wird die Entscheidung auf der Straße getroffen werden. Wir sind alle auf der Straße. Aber es gibt einen Ort, der noch größer ist als die Straßen. Dort kann diese Entscheidung auch getroffen werden. Was ist das für ein Ort, an dem wir die Lösung für diesen Kampfes finden können? Er ist in unseren Herzen – in meinem Herzen und in Euren Herzen.

Wenn sie uns Hass entgegenbringen und wir ebenfalls mit Hass reagieren, wird der Hass nur noch tiefer werden. Wenn jemand im Land Dunkelheit verbreitet und wir sagen, wir verbreiten auch Dunkelheit, um dich zu bekämpfen, dann wird sich die Dunkelheit natürlich noch weiter verbreiten. Dunkelheit wird nur durch das Anzünden einer Lampe vertrieben. Selbst inmitten dieses großen Sturmes werden wir unsere Lampen anzünden. Nur so können wir die Dunkelheit besiegen. Deshalb haben wir nur eine Antwort auf ihren Hass, und diese Antwort ist Liebe.

Sie werden Gewalt schüren, sie werden zu Gewalt aufrufen, aber wir werden niemals Gewalt anwenden. Bitte versteht, dass sie versuchen werden Euch auszutricksen und Euch dazu zu bringen, Gewalt anzuwenden. Wenn wir mit Gewalt reagieren, dann wird es 2 Prozent Gewalt sein und sie werden mit 100 Prozent Gewalt darauf reagieren.

Wir haben von Gandhi gelernt, was Gewalt und Ungerechtigkeit anrichten können.

Gewalt kann Ungerechtigkeit nicht beseitigen. Die Antwort liegt in der Gewaltlosigkeit (ahimsa). Sollte Euch jemals jemand dazu aufrufen, Gewalt und Hass ausüben, dann ist derjenige kein Freund.

Ich werde erneut den Slogan nennen: Lang lebe unsere Verfassung (Zindabad).

Harsh Mander ist ein Friedens- und Menschenrechtsaktivist und Schriftsteller.

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Author
Harsh Mander
Translator
Jennifer Lennartz
Date
08.07.2020

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