Social Justice

Amazons “Men in Black”

Vor nicht allzu langer Zeit war Amazon auf der Suche nach neuen Mitarbeiter*innen mit Erfahrungen in Geheimdienstarbeit, zu deren Aufgabenbereich es unter anderem gehöre, “Gefahren zu verfolgen, die von Gewerkschaften ausgehen.”
Es schiene logisch anzunehmen, dass es eine ganz einfache Lösung gibt, ohne "Men in Black" anzuheuern. Der Trick zur Verbesserung des Images des Unternehmens liegt in der Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Das Management von Amazon wendet jedoch eine andere Logik an, die, wie die Finanzen des Unternehmens zeigen, profitabel ist.
Es schiene logisch anzunehmen, dass es eine ganz einfache Lösung gibt, ohne "Men in Black" anzuheuern. Der Trick zur Verbesserung des Images des Unternehmens liegt in der Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Das Management von Amazon wendet jedoch eine andere Logik an, die, wie die Finanzen des Unternehmens zeigen, profitabel ist.

Der größte Online-Shop der Welt festigt konsequent sein Image als schlechtester Arbeitgeber aller Zeiten. Kürzlich enthüllte ein Journalist von Vice zwei Stellenanzeigen, die von dem Unternehmen veröffentlicht wurden. Amazon war auf der Suche nach Personen mit Erfahrungen in Geheimdienstarbeit, um Gefahren zu erkennen, die sich aus den gewerkschaftlichen Bemühungen der Mitarbeiter*innen ergeben und um diejenigen zu überwachen, die sowohl innerhalb als auch außerhalb des Unternehmens politische Aktionen finanzieren.

Nachdem Vice den Artikel zu diesem Thema veröffentlicht hatte, entfernte Amazon die Anzeigen. Sie können aber immer noch in einem Online-Archiv gelesen werden. Das Unternehmen suchte nach einem “Intelligence Analyst” und einem “Senior Intelligence Analyst”, die in der Abteilung für “Security and Intelligence” arbeiten sollten. Große Unternehmen neigen dazu, solche Arbeitseinheiten zu haben, die für die Gewährleistung der Sicherheit von Produktion und Logistik, die Durchführung von Wirtschaftsspionage und Maßnahmen gegen externe Spionage verantwortlich sind. Amazons Stellenanzeigen wären in keiner Weise merkwürdig gewesen, wenn sie nicht den Schwerpunkt auf die “Verfolgung von Gefahren, die von Gewerkschaften ausgehen” gelegt hätten. Abgesehen von der Illegalität der Verfolgung und Neutralisierung von Aktivitäten von Arbeitnehmer*innenorganisationen machen die Anzeigen einmal mehr die Art von Philosophie deutlich, die das Unternehmen gegenüber seinen Mitarbeiter*innen vertritt.

Die Arbeitsbedingungen in den Verteilungszentren von Amazon wurden des öfteren sowohl in der internationalen als auch in der polnischen Presse beschrieben. Augenzeugenberichte von Angestellten und der Bericht der Nationale Arbeitsaufsichtsbehörde in Polen weisen darauf hin, dass Amazons Arbeiter*innen gezwungen sind, außerordentlich harte Arbeit zu leisten, während ihre Effizienz akribisch überwacht wird. In Polen betreibt das Unternehmen Outsourcing von Arbeitnehmer*innen über Arbeitsvermittlungsagenturen. Das bedeutet, dass die Menschen dort mit Kurzzeitverträgen arbeiten, die in der Regel monatlich verlängert werden. Sie leiden somit ständig unter prekären Arbeitsverhältnissen.

Amazon Arbeiter*innen auf der ganzen Welt klagen über die gleiche Vorgehensweise. Ihre Situation hat sich mit der Coronavirus-Pandemie verschärft, die zu einem steilen Wachstum der Aufträge geführt hat, während sich die Infrastruktur des Unternehmens als unzureichend erwies, um mit diesem plötzlichen Anstieg fertig zu werden. In Amazons Verteilungszentren wurden Virusausbrüche festgestellt, weil das Unternehmen – nach Aussage der Beschäftigten selbst – unzureichende Gesundheitsvorkehrungen traf. In New York startete Chris Smalls einen Protest und forderte die Einführung angemessener Sicherheitsmaßnahmen in den Verteilungszentren. Als Reaktion darauf entließ Amazon Smalls und orchestrierte eine Online-Hasskampagne gegen ihn. Der E-Commerce Marktriese ist auch dafür berüchtigt, dass er die gewerkschaftliche Organisierung seiner Beschäftigten blockiert.

Amazon hat außerdem schnell auf die Beteiligung der Medien und Aktivist*innen am Schutz der Arbeitnehmer*innenrechte reagiert. Anna Rozwadowska, eine Journalistin, die für eine große polnische Tageszeitung “Gazeta Wyborcza” arbeitet und eine Reihe von Artikeln über die Aktivitäten von Amazon in Polen veröffentlicht hat, erhielt einen Brief von dem Unternehmen, in dem sie beschuldigt wurde, Texte zu verfassen, die “voreingenommen” und “nicht integer” seien. Der Amazon-Vertreter in Polen drohte ihr mit einem Gerichtsverfahren, falls sie diese nicht korrigieren würde. Die “Helsinki Foundation for Human Rights” bezeichnete den Brief als Versuch, die Journalistin einzuschüchtern.

Die beiden Positionen, die mit durch die Stellenausschreibungen von Amazon besetzt werden sollten, hatten auch die Aufgabe, Journalist*innen, Aktivisten*innen und Aktivitäten außerhalb des Unternehmens zu überwachen, die dem Image des Konzerns schaden sollen. Ein Image, sollte man hinzufügen, das beständig schlecht gewesen ist. Es schiene logisch anzunehmen, dass es eine ganz einfache Lösung gibt, ohne "Men in Black" anzuheuern. Der Trick zur Verbesserung des Images des Unternehmens liegt in der Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Das Management von Amazon wendet jedoch eine andere Logik an, die, wie die Finanzen des Unternehmens zeigen, profitabel ist.

Das liegt daran, dass Amazon der größte Online-Shop der Welt ist. Im Jahr 2019 galt das Unternehmen als die wertvollste Marke weltweit und entthronte Google. Jeff Bezos, der Gründer und Eigentümer des Mehrheitsanteils des Unternehmens, wurde mit dem Titel des reichsten Mannes der Welt ausgezeichnet (nach dem Ranking von Bloomberg).

Damit übertraf er Bill Gates und war der erste Mensch, der ein Vermögen von über $200 Milliarden angehäuft hat. Kürzlich wurde in den Medien berichtet, dass MacKenzie Scott, Bezos' Ex-Frau, zur reichsten Frau der Welt wurde und Francoise Bettencourt Meyers, die Erbin des Kosmetik-Imperiums L'Oréal, verdrängte (auch wenn sie den Spitzenplatz nur einen Tag lang behielt). Das wichtigste Kapital in Scotts (die den Namen ihres ehemaligen Ehemanns aufgab) Vermögen ist ein Bündel von Amazon-Aktien, das sie als Teil der Scheidungsvereinbarung erhielt.

Nach einem Anstieg der Beschäftigtenzahl bei Amazon während und wegen der Coronavirus-Pandemie arbeiten heute weltweit rund eine Million Menschen für das Unternehmen.

Paulina Siegień ist Journalistin und Reporterin, die von Trójmiasto, Podlasie und Kaliningrad aus arbeitet. Sie schreibt über Russland und andere Themen, die sie für wichtig hält, und kooperiert regelmäßig mit New Eastern Europe. Sie ist Absolventin des Osteuropa-Studienzentrums an der Universität Warschau und der Abteilung für Russische Philologie an der Universität Gdańsk.

Foto: RadioKirk, Wikimedia

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Author
Paulina Siegień
Translator
Vanessa Jae
Date
07.10.2020

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