Housing and Land Rights

Punjabs Kleinbäuer*innen vs. Modis Agrargesetze [mit Fotos]

Narendra Modis BJP versucht, Indiens Agrarsektor zu liberalisieren — doch Punjabs Bäuer*innen wehren sich.
Landwirt*innen haben im ganzen Bundesstaat Sitzstreiks gestartet und blockieren Eisenbahnlinien, Mautstellen sowie Tankstellen und Einkaufszentren, die den milliardenschweren Geschäftsleuten Mukesh Ambani und Gautam Adani gehören. Sie stecken tief im großen Agrargeschäft und gelten als einige der wichtigsten Kräfte hinter den Gesetzentwürfen.
Landwirt*innen haben im ganzen Bundesstaat Sitzstreiks gestartet und blockieren Eisenbahnlinien, Mautstellen sowie Tankstellen und Einkaufszentren, die den milliardenschweren Geschäftsleuten Mukesh Ambani und Gautam Adani gehören. Sie stecken tief im großen Agrargeschäft und gelten als einige der wichtigsten Kräfte hinter den Gesetzentwürfen.

Anmerkung der Redaktion: Diese Woche werden Tausende streikende Bäuer*innen in Delhi erwartet, die in der bisher größten Mobilisierung gegen die neoliberalen Agrargesetze (“Farm Bills”) von Narendra Modi demonstrieren werden. In diesem Fotoessay veranschaulicht der Schriftsteller und Fotograf Rohit Lohia die Agrarreform und den Massenwiderstand, den sie im ganzen Land ausgelöst hat. Dabei konzentriert er sich dabei das Zentrum der Proteste: den Punjab.

Seit dem 1. Oktober haben Hunderttausende von Bäuer*innen überall im indischen Bundesstaat Punjab durch Demonstrationen, das Verbrennen von Nachbildungen und Blockaden gegen drei neue Landwirtschaftsgesetze mobilisiert, von denen sie sagen, dass sie ihr Leben und ihre Existenzgrundlage aufs Spiel setzen.

Die unter dem Sammelbegriff “Farm Bills” bekannten “Farmers Produce Trade and Commerce (Promotion & Facilitation) Act”, der “Farmers (Empowerment & Protection) Assurance and Farm Service Act” und der “Essential Commodities (Amendment) Act” wurden im September von der indischen Zentralregierung unter viel Lob von Premierminister Narendra Modi und viel Angst und Wut von Kleinbäuer*innen und landlosen Bäuer*innen im ganzen Land verabschiedet.

Die Agrargesetze sind ein drastischer und verhängnisvoller Schritt zur Privatisierung des indischen Agrarsektors, wodurch im Namen der so genannten Markteffizienz langjährige staatliche Schutzmaßnahmen aufgehoben werden. Unter anderem schaffen die Gesetzesvorlagen Anreize für das private Horten lebenswichtiger Güter, untergraben das “Mandi”-System, in dem Kleinbäuer*innen ihre Waren zu gesicherten Preisen an staatlich betriebene Großmärkte verkaufen konnten, und setzen die Bäuer*innen auf andere Weise den Launen und Brutalitäten des privaten Marktes aus. Während das alte System vielleicht nicht perfekt war, kommen die neuen Gesetze einem Todesurteil für die Bäuer*innen gleich.

Obwohl die “Farm Bills” das ganze Land betreffen, war der Widerstand im Punjab am stärksten, wo das Mandi-System eine besonders kritische Rolle für die lokalen Bäuer*innen gespielt hat. Landwirt*innen haben im ganzen Bundesstaat Sitzstreiks gestartet und blockieren Eisenbahnlinien, Mautstellen sowie Tankstellen und Einkaufszentren, die den milliardenschweren Geschäftsleuten Mukesh Ambani und Gautam Adani gehören. Sie stecken tief im großen Agrargeschäft und gelten als einige der wichtigsten Kräfte hinter den Gesetzentwürfen.

Zu den Protesten im Punjab riefen alle 31 Bauernverbände im Bundesstaat auf, darunter das “Kisan Majdur Sangarsh Committee”, die “Bharti Kisan Union (Ugrahan)” und die “Bharti Kisan Union (Dakonda)”, die unter dem Dach des “All India Kisan Sangarsh Coordination Committee” zusammenarbeiten.

Jeden Morgen kommen Bäuer*innen aus den Nachbardörfern mit Lebensmitteln, Milch und Forderungen nach bedingungsloser Aufhebung aller drei Verordnungen, denen sie den Spitznamen kala kanoon — die schwarzen Gesetze — gegeben haben, zu den Blockaden.

Hurdyar Kaur, eine Frau Ende 60, hat in den letzten 20 Tagen an den Protesten um die Sangrur-Eisenbahnblockade teilgenommen. Kaur, die sich letzten Monat die Hand gebrochen hat, sagte: “Wie kann ich mich zu Hause ausruhen, wenn meine Kinder und Menschen meines Alters hier sitzen? Ich bin bereit, hier zu sterben, wenn es das ist, was nötig ist, damit dieses Regime zuhört.”

Während die regierende Nationale Demokratische Allianz (NDA) — angeführt von Modis Bharatiya Janata-Partei (BJP) — die Verabschiedung der Gesetze begrüßt hat, haben sich andere gewehrt. Die im Punjab ansässige Partei “Shiromani Akali Dal”, die die Sikh-Gemeinde repräsentiert, hat die NDA ganz verlassen, während die Staatsversammlung im Punjab eine Resolution verabschiedete, die sich gegen alle drei sowie gegen den neu vorgeschlagenen “Electricity (Amendment) Bill 2020” aussprach, die ähnliche Privatisierungen im Energiesektor fördern würde.

Ein Protestierender, der 29-jährige Dharam Singh, bemerkte dazu: “Wir sitzen hier seit 19 Tagen. Premierminister Modi sagt, dass es MSP [Minimum Supported Price] geben wird, aber wir fordern das in schriftlicher Form im Gesetz. Wir können nicht verstehen, warum sie zögern... Unter dem Vertragslandwirtschaftsgesetz [contract farming law] können wir nicht vor Gericht gehen, was Sklaverei unter diesen Unternehmen bedeuten würde... Wir alle wissen, dass dieses Regime alles an Adani, Ambani und andere Milliardäre verkauft hat. Zuerst kamen sie letztes Jahr wegen Kaschmir, jetzt sind sie wegen uns Bauern gekommen. Wir Bauern füllen die Mägen aller, aber niemand schert sich um uns. Selbst wenn ein Notstand oder eine Militärregierung kommt, werden wir uns keinen Zentimeter bewegen.”

Im Staat Punjab leben die meisten Sikhs des gesamten Landes. Nach der Ermordung von Premierministerin Indira Gandhi durch ihre Sikh-Leibwächter im Jahr 1984 wurden viele der Gemeinden hier Opfer der weit verbreiteten Gewalt, was den tragischen Tod Tausender Menschen zur Folge hatte. Viele, die Zeuge der Unruhen waren und sich noch an ihre Wunden erinnern, ziehen eine Verbindung:

“Die Regierung wird versuchen, unseren Namen und Ruf zu ruinieren”, sagte Darshan Singh, ein 50-jähriger Bezirkspräsident der “Bharti Kisan Union (Dakonda)” in Firozpur. “Wir haben drei Lösungen: Die erste ist, vor der Regierung niederzuknien und unsere Niederlage zu akzeptieren. Aber das liegt uns nicht im Blut. Die anderen beiden sind, wenn Militärrecht angewandt wird: Entweder wir sterben oder wir gewinnen. Das ist unsere Lösung: entweder sterben oder gewinnen. Wir werden dem Sieg entgegengehen. Wir sitzen auf dem Land der Märtyrer.”

“Wir sitzen seit dem 24. Oktober auf Eisenbahnschienen”, sagte Balveer Singh. Sing, 75 Jahre alt, protestiert gegen die Eisenbahnlinien von Firozpur an der pakistanischen Grenze: “Ich war in einem Monat nur vier oder fünf Mal zu Hause. Ansonsten bleibe ich Tag und Nacht hier. Wir sind bereit zu sterben.”

Der Fotograf Rohit Lohia reiste 1500 km in 10 Tagen quer durch den Staat und dokumentierte alle wichtigen Proteste vom Rand von Haryana bis zur pakistanischen Grenze. Die Ergebnisse seiner Reise — die Bilder der Trauer, Wut und Entschlossenheit der Bäuer*innen im Punjab — sind hier festgehalten.

Mehr als 5.000 Bäuer*innen, Männer und Frauen, beteiligen sich an einer Eisenbahnblockade in Sangrur, Punjab.

Mehr als 5.000 Bäuer*innen, Männer und Frauen, beteiligen sich an einer Eisenbahnblockade in Sangrur, Punjab.

Eine Arbeiter*innenvereinigung schließt sich den Bäuer*innen im Protest an.

Eine Arbeiter*innenvereinigung schließt sich den Bäuer*innen im Protest an.

Eine Straßenszene in Sangrur, Punjab.

Eine Straßenszene in Sangrur, Punjab.

Eine Eisenbahnstrecke in Firozpur, Punjab, an der Grenze zwischen Indien und Pakistan, wurde vom “Kisan Majdur Sangarsh Committee” blockiert.

Eine Eisenbahnstrecke in Firozpur, Punjab, an der Grenze zwischen Indien und Pakistan, wurde vom “Kisan Majdur Sangarsh Committee” blockiert.

In Mansa, Punjab, haben sich eine große Zahl von Bäuer*innen aus den angrenzenden Dörfern angeschlossen.

In Mansa, Punjab, haben sich eine große Zahl von Bäuer*innen aus den angrenzenden Dörfern angeschlossen.

Frauen und kleine Kinder waren ein wichtiger Teil der Proteste.

Frauen und kleine Kinder waren ein wichtiger Teil der Proteste.

Die Menschen kommen mit Traktoren an, in der Regel um 11 Uhr morgens, und bleiben täglich bis 16 Uhr.

Die Menschen kommen mit Traktoren an, in der Regel um 11 Uhr morgens, und bleiben täglich bis 16 Uhr.

Demonstrierende verbrennen Bildnisse von Narendra Modi, zusammen mit den Milliardären Mukesh Ambani und Gautam Adani. Sirsa, Haryana.

Demonstrierende verbrennen Bildnisse von Narendra Modi, zusammen mit den Milliardären Mukesh Ambani und Gautam Adani. Sirsa, Haryana.

Eine Eisenbahnblockade bei Barnala, Punjab.

Eine Eisenbahnblockade bei Barnala, Punjab.

Menschen ab 50 Jahren beteiligen sich aktiv an den Protesten.  "Wir werden hier sterben, wenn es sein muss." Barnala, Punjab.

Menschen ab 50 Jahren beteiligen sich aktiv an den Protesten. "Wir werden hier sterben, wenn es sein muss." Barnala, Punjab.

Die "Reliance Malls", die Ambani gehören, sind im ganzen Staat blockiert worden. Viele sind als eine Form der Nicht-Kooperation von seinem auf andere Telekommunikationsnetze umgestiegen. Sangrur, Punjab.

Die "Reliance Malls", die Ambani gehören, sind im ganzen Staat blockiert worden. Viele sind als eine Form der Nicht-Kooperation von seinem auf andere Telekommunikationsnetze umgestiegen. Sangrur, Punjab.

Ein Bauer hält eine Flagge der Bhartiya Kisan Union (Dakonda). Barnala, Punjab.

Ein Bauer hält eine Flagge der Bhartiya Kisan Union (Dakonda). Barnala, Punjab.

Essen und Erfrischungen werden kostenlos verteilt, ebenso wie die Sikh-Praxis des Langar Seva.

Essen und Erfrischungen werden kostenlos verteilt, ebenso wie die Sikh-Praxis des Langar Seva.

Die Bäuer*innen tragen Kartons mit Milch, die sie von zu Hause mitgebracht haben, um Erfrischungen und Tee zu erhalten. Sangrur, Punjab.

Die Bäuer*innen tragen Kartons mit Milch, die sie von zu Hause mitgebracht haben, um Erfrischungen und Tee zu erhalten. Sangrur, Punjab.

Seit dem 22. Oktober 2020 haben die Bäuer*innen — nach einem Appell von Punjab Chief Minister Captain Amarinder Singh — vorübergehend bestimmte Züge durch den Staat fahren lassen. Firozpur, Punjab.

Seit dem 22. Oktober 2020 haben die Bäuer*innen — nach einem Appell von Punjab Chief Minister Captain Amarinder Singh — vorübergehend bestimmte Züge durch den Staat fahren lassen. Firozpur, Punjab.

Ein Mashal-Marsch (Fackelmarsch) an einer Mautstelle in der Nähe von Jalandhar, Punjab. Die Mautstationen wurden im ganzen Staat blockiert.

Ein Mashal-Marsch (Fackelmarsch) an einer Mautstelle in der Nähe von Jalandhar, Punjab. Die Mautstationen wurden im ganzen Staat blockiert.

Ein Bildnis mit Fotos von (von links nach rechts) Gautam Adani, Narendra Modi, Kapitän Amarinder Singh und Mukesh Ambani an der Firozpur-Kreuzung im Punjab.

Ein Bildnis mit Fotos von (von links nach rechts) Gautam Adani, Narendra Modi, Kapitän Amarinder Singh und Mukesh Ambani an der Firozpur-Kreuzung im Punjab.

Mukesh Ambanis Bildnis wird zusammen mit denen von Gautam Adani, Narendra Modi und Kapitän Amarinder Singh verbrannt. Ambani und Adani gelten als die führenden Köpfe hinter den neuen Verordnungen.

Mukesh Ambanis Bildnis wird zusammen mit denen von Gautam Adani, Narendra Modi und Kapitän Amarinder Singh verbrannt. Ambani und Adani gelten als die führenden Köpfe hinter den neuen Verordnungen.

Eisenbahnblockade bei Mansa im Punjab.

Eisenbahnblockade bei Mansa im Punjab.

Eine Karte meiner Reise durch den Staat, die in Sirsa, Haryana, an der Grenze zum Punjab begann.

Eine Karte meiner Reise durch den Staat, die in Sirsa, Haryana, an der Grenze zum Punjab begann.

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Author
Rohit Lohia
Date
24.11.2020

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