Labor

2020: Ein Jahr des Widerstands in der Tech-Branche

2020 war ein rekordverdächtiges Jahr für kollektives Handeln in der Tech-Branche.
Für die Tech-Branche hat die Pandemie die digitale Transformation aller Lebensbereiche beschleunigt und den Tech-Unternehmen rekordverdächtige Wertsteigerungen beschert. Für Tech-Arbeiter*innen allerdings hat die Pandemie bereits existierende Ungleichheiten verstärkt.
Für die Tech-Branche hat die Pandemie die digitale Transformation aller Lebensbereiche beschleunigt und den Tech-Unternehmen rekordverdächtige Wertsteigerungen beschert. Für Tech-Arbeiter*innen allerdings hat die Pandemie bereits existierende Ungleichheiten verstärkt.

Anmerkung der Redaktion: Die Progressive Internationale stellt ihr neuestes Syndikat-Mitglied “Collective Action in Tech” (CAIT) vor. Collective Action in Tech begann als ein Projekt zur Dokumentation kollektiver Aktionen und hat sich zu einer Plattform entwickelt, auf der Arbeiter*innen ihre Geschichten erzählen, Ressourcen teilen und die Tech-Arbeiter*innenbewegung gemeinsam thematisieren können. Im Folgenden findet sich ein Überblick über den Widerstand in der Tech-Branche im Jahr 2020. PI und CAIT glauben, dass kollektive Aktionen der effektivste Weg sind, um die Probleme der Arbeiterinnen anzugehen und die kollektive Stärke zu nutzen, um Unternehmen in die richtige Richtung zu drängen.*

Für die meisten Menschen hat die Covid-19 Pandemie das Jahr 2020 zu einem der Tiefpunkte der jüngeren Vergangenheit gemacht. Für die Tech-Branche jedoch hat die Pandemie die digitale Transformation aller Lebensbereiche beschleunigt und den Tech-Unternehmen rekordverdächtige Wertsteigerungen beschert, die den aktuellen Optimismus widerspiegeln.

Unter den Tech-Arbeiter*innen hat die Pandemie bereits existierende Ungleichheiten hervorgehoben. Während einige das Privileg hatten, von zu Hause aus zu arbeiten, waren andere entweder gezwungen, sich zur Arbeit zu melden, oder fanden ihre Arbeitsplätze ganz gestrichen. Die "Black Lives Matter"-Bewegung führte zudem zu einer Zunahme von antirassistischen Aktionen, da die Branche begann, sich mit ihrem langjährigen Mangel an Diversität auseinanderzusetzen.

Es gab eine Reihe von Meilensteinen. Kickstarter United hat im Februar Geschichte geschrieben, als es die erste große Tech-Gewerkschaft in den USA wurde. Lagerarbeiter*innen bei Amazon haben angesichts des Umgangs des Unternehmens mit der Pandemie ebenfalls begonnen, wichtige Schritte in Richtung Gewerkschaft zu unternehmen. Die jüngste Kündigung von Dr. Timnit Gebru hat eine branchenweite Diskussion über Diversität und Inklusivität ausgelöst.

In diesem Jahr haben wir 119 Fälle kollektiver Aktionen in der Tech-Branche dokumentiert und damit ein rekordverdächtiges Jahr für kollektive Aktionen in der Tech-Branche verzeichnet. Hier sind einige der Dinge, die wir aus der Archivierung dieser Bewegung gelernt haben:

1. Die Zahl der gemeldeten Sammelklagen von Tech-Arbeitern*innen stieg an auf ein Rekordhoch.

Gesamte Sammelklagen im Tech-Bereich nach Jahr

2020 war ein weiteres Rekordjahr für kollektive Aktionen in der Tech-Branche, allerdings mit geringem Abstand: 119 Aktionen gegenüber 114 im Vorjahr. Da sich unser Archiv auf Ereignisse stützt, über die öffentlich berichtet wurde, ist es möglich, dass sich entweder die reale Wachstumsrate stabilisiert hat oder dass die Berichterstattung über die Tech-Arbeiter*innenbewegung ihren Höhepunkt erreicht hat. In einem Jahr, in dem 47 % der Artikel in der New York Times die Pandemie erwähnten, ist es möglich, dass in diesem Jahr mehr Aktionen nicht erwähnt wurden, als es sonst vielleicht der Fall gewesen wäre.

2. Aktionen von prekär Beschäftigten nahmen weiter zu.

Kollektive Aktionen in der Tech-Branche nach Jahr und Prekarität der Arbeiterinnen*

Hier ist "prekäre Arbeit" definiert als Aktionen, die Gig-Worker, Leiharbeiter*innen oder Blue-Collar-Arbeiter*innen betreffen. Aus dieser Grafik geht hervor, dass, obwohl sich das Wachstum kollektiver Aktionen in der Tech-Branche insgesamt verlangsamt, kollektive Aktionen unter prekär Beschäftigten weiter zunehmen. Das spiegelt sich auch in dem deutlichen Rückgang der White-Collar-Beschäftigen von 2019 auf 2020 wider. Unsere frühere Analyse zeigt, dass Blue-Collar-Beschäftigten die Mehrheit der kollektiven Aktionen anführten. Zu den Forderungen der Protestierenden gehörten sicherere Arbeitsbedingungen, Gefahrenzulagen und verbesserte Gesundheitsleistungen.

3. Amazon Mitarbeiter*innen waren aktiver als die Mitarbeiter*innen aller anderen Unternehmen.

Kollektive Aktionen nach Unternehmen

Amazon Mitarbeiter*innen sind zum Haupttreiber von Kollektivmaßnahmen in der Tech-Branche geworden. Sie haben mehr Aktionen durchgeführt als Google-, Microsoft-, Facebook- und Apple-Mitarbeiter*innen zusammen. Die Mehrheit (75 %) dieser Aktionen stand in direktem Zusammenhang mit Covid-19. Die bevorstehende Gewerkschaftswahl in Bessemer, Alabama, hat die Aufmerksamkeit auf das Unternehmen gelenkt, das derzeit eine der größten Belegschaften in Amerika repräsentiert.

Wir glauben, dass es noch viele weitere Aktionen von Amazon Lagerarbeitern*innen gibt, die wir noch nicht archiviert haben, vor allem außerhalb der USA.

4. Die Tech-Mitarbeiter*innen reagieren auf COVID-19 und die BLM-Bewegung.

Verhältnis der Aktionen in 2020

Aktionen gegen Rassismus, zu denen auch virtuelle Arbeitsniederlegungen aus Protest gegen die Ermordung von George Floyd und ein offener Brief mit der Forderung nach mehr Transparenz bei der Entlassung von Dr. Timnit Gebru bei Google gehörten, machten in diesem Jahr 16 % der Aktionen von Tech-Arbeiter*innen aus, insgesamt 19%. Dies stellt eine erhebliche Steigerung gegenüber den Vorjahren dar.

Die früheste in unserem Archiv dokumentierte Anti-Rassismus-Aktion geht auf das Jahr 1970 zurück, als schwarze IBM-Arbeiter*innen die “National Black Workers' Alliance of IBM” gründeten. Die Mitarbeiter*innen sammelten interne Daten zu Gehältern und unterstützten Kollegen*innen, die Repressalien ausgesetzt waren. Trotz der seit langem bestehenden rassistischen Ungleichheit und Diskriminierung innerhalb der Branche gab es 2019 nur 2 Aktionen, die explizit gegen Rassismus protestierten, und keine in 2018. 2020 stellt eine deutliche Verbesserung gegenüber den Vorjahren dar, zeigt aber auch, wie weit die Branche noch gehen muss.

5. Der offene Brief bleibt eine beliebte Taktik.

Anzahl an offenen Briefen.

In 2020 zeigten Tech-Arbeiter*innen weiterhin Widerstand in Form von offenen Briefen. Von den 31 offenen Briefen, die dieses Jahr geschrieben wurden, wurde die Mehrheit (18) von Angestellten verfasst. Historisch gesehen sind offene Briefe ein gutes Mittel, um auf ein Thema aufmerksam zu machen, aber es gibt wenig Hinweise darauf, dass die in offenen Briefen gestellten Forderungen konsequent erfüllt werden.

6. Tech-Arbeiter*innen beginnen, sich gewerkschaftlich zu organisieren und Betriebsräte zu bilden.

Datum Ort Unternehmen / Gewerkschaft / Betriebsrat Verbände
Jan Hong Kong, China Hong Kong Information and Technology Workers Union
Feb Chicago, USA Instacart
Feb New York, USA Kickstarter
Mar New York, USA Glitch
Mar New York, USA Gimlet (Spotify)
Mar Berlin, Germany Babbel*
Jun Toronto, Canada Foodora
Jun Toronto, Canada Uber
Jul Zurich, Switzerland Google*
Aug Berlin, Germany N26*
Sept United Kingdom United Tech and Allied Workers (national industry-wide union)
Oct Berlin, Germany Cobot*
Oct New York, USA Parcast (Spotify)

*Anmerkung: Google-, N26-, Babbel- und Cobot Beschäftigte bildeten Betriebsräte, die keine Tarifverhandlungsrechte besitzen.

2020 markiert das Jahr mit der höchsten Anzahl an Gewerkschaftsgründungen, die wir je in der Tech-Branche gesehen haben, darunter Kickstarter United, die als erste Tech-Gewerkschaft von intern Angestellten in den USA Geschichte schrieb, sowie die erste nationale Gewerkschaft von Tech-Beschäftigten in Großbritannien.

In 2020 haben wir eine Verlangsamung des Wachstums von kollektiven Aktionen in der Tech-Industrie gesehen. Das lässt sich zum Teil durch die Pandemie erklären, die Angestellte in der Tech-Branche dazu zwingt, von zu Hause aus zu arbeiten, und sie damit auch von ihren Arbeitsplätzen entfernt hat. Diese Verlangsamung, insbesondere bei den Angestellten in der Tech-Branche, kommt aber auch nach einer Reihe von Vergeltungsmaßnahmen von Google und Amazon in 2019 und Anfang dieses Jahres. Dazu gehörten die Entlassung von lautstarken Arbeitsaktivisten*innen und die Beauftragung von Firmen, die gegen Gewerkschaften vorgehen.

Eine Verlangsamung des Wachstums von kollektiven Aktionen bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass sich auch die Initiativen, sich zu organisieren, verlangsamen. Unser Datensatz dokumentiert nur Aktionen, die öffentlich gemacht wurden. Angesichts von Covid-19 und Tech-Unternehmen, die gegen Arbeitsaktivisten*innen vorgehen, könnte es für Organisator*innen in der Branche an der Zeit sein, sich weniger auf öffentlichkeitswirksame Aktionen zu verlassen und sich stattdessen darauf zu konzentrieren, eine widerstandsfähige Basis aufzubauen. Die Bewegung ist vielleicht schon auf dem Weg in diese Richtung.

JS ist ein ehemaliger Tech-Arbeiter und schreibt über Technik, Arbeit & China.

Nataliya ist eine Soziologin, die zu Technologie und Arbeit.

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Support
Available in
EnglishGermanItalian (Standard)SpanishPortuguese (Brazil)French
Authors
JS Tan and Nataliya Nedzhvetskaya
Translators
Vanessa Jae and Nicole Millow
Date
03.02.2021

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