Environment

Inferno in Kenia: Britische Armee ignorierte fünf Waldbrände

Die britische Armee hat fünf von ihren eigenen Truppen ausgelöste Feuer in Kenia nicht aufgeklärt — bevor ein noch größeres Inferno entfacht wurde, das Tausende Hektar eines ostafrikanischen Wildschutzgebiets zerstört und einen Menschen das Leben gekostet hat.
Die britische Regierung will sich Entschädigungszahlungen für die Umweltauswirkungen dieser Buschbrände entziehen, indem sie "souveräne Immunität" für ihre Militärübungen in der ehemaligen Kolonie geltend macht. Sollte dies gelingen, wird das Vereinigte Königreich nicht nur keine Entschädigung leisten, sondern dürfte auch weiterhin das Trauma, die Verunsicherung, die gesundheitlichen Probleme und die Vertreibung der lokalen Bevölkerung ignorieren.
Die britische Regierung will sich Entschädigungszahlungen für die Umweltauswirkungen dieser Buschbrände entziehen, indem sie "souveräne Immunität" für ihre Militärübungen in der ehemaligen Kolonie geltend macht. Sollte dies gelingen, wird das Vereinigte Königreich nicht nur keine Entschädigung leisten, sondern dürfte auch weiterhin das Trauma, die Verunsicherung, die gesundheitlichen Probleme und die Vertreibung der lokalen Bevölkerung ignorieren.

Diese Enthüllung gab es nur wenige Tage, bevor sich das britische Verteidigungsministerium vor Gericht gegen eine Entschädigungsklage von 1.400 Kenianer*innen verantworten muss. Diese beschuldigen britische Truppen, Anfang dieses Jahres versehentlich fast 50 Quadratkilometer Land in Zentralkenia niedergebrannt zu haben.

Laut Informationen, die Declassified vorliegen, versuchen die Anwält*innen der britischen Regierung fieberhaft, ein kenianisches Gericht davon abzuhalten, die Sammelklage am Nanyuki High Court, 150 Kilometer nördlich von Nairobi, zu verhandeln. 

Es ist zu erwarten, dass sie argumentieren werden, das britische Militär genieße “souveräne Immunität” für seine Handlungen in der ehemaligen britischen Kolonie.

Ein Mann, Linus Murangiri, war von einem Fahrzeug getötet worden, als Einheimische am 23. März in der Lolldaiga Conservancy zu Hilfe eilten, um den Brand zu löschen. Das Feuer wütete mindestens vier Tage lang in einem wichtigen Wildtierreservat an den Ausläufern des Mount Kenya — einem auch bei der britischen Königsfamilie beliebten Touristenziel.

Ein britischer Soldat in Kenia postete während des Vorfalls auf Snapchat: “Habe ein Feuer verursacht, einen Elefanten getötet und fühle mich deswegen schrecklich. Aber naja, man passt sich halt an die Locals an.” Augenzeugen teilten mit, es habe “wie beim Grillen” gerochen. Nach Angaben des Kenya Wildlife Service seien keine Elefanten, die sich bekanntermaßen in dem Gebiet aufhalten, getötet worden. 

Die britische Hochkommissarin in Nairobi, Jane Marriott, äußerte sich noch während des Brandes im kenianischen Fernsehen: “Unfälle passieren. Das ist nicht schön, es tut uns wirklich leid, und wir wünschten, es wäre nicht passiert... Wir tun alles, was wir können, um diese aktuellen Umstände zu mildern und Maßnahmen zu ergreifen, damit so etwas nie wieder passiert.”

Auf Nachfrage eines Journalisten, ob es drei Wochen zuvor einen weiteren Brand gegeben habe, antwortete Marriott: “Ich habe keine bestätigten Berichte über einen weiteren Brand; aber Sie wissen ja, dass Brände passieren können. Es herrschen dort oben sehr unbeständige Bedingungen mit den starken Winden — es gibt aktuell außerdem sehr viel trockenes, leicht brennbares Gras. Die Regenfälle kommen [dieses Jahr] spät.”

Warnungen ignoriert

Während Marriott somit behauptet, nichts von einem früheren Feuer zu wissen, hat Declassified herausgefunden, dass britische Truppen in den vier Wochen vor der Lolldaiga-Katastrophe ganze fünf weitere Brände entfacht hatten, während sie auf Grasland in der Nähe des Mount Kenya trainierten. 

Dies geht aus einer Antwort des Verteidigungsministeriums auf eine Anfrage hervor:

    1. Februar: Feuer auf der Ole Maisor Ranch verbrennt eine Fläche von 200 mal 500 Metern.
    1. Februar: Feuer auf der Mpala-Ranch brennt auf “weniger als 200 mal 200 Metern”.
    1. Februar: Feuer bei Archers Post verbrennt “weniger als 200m mal 200m”.
    1. März: Feuer in Ol Doinyo Lemboro verbrennt “weniger als 200m mal 200m”.
    1. März: Feuer auf der Ole Maisor Ranch verbrennt “ungefähr 200m mal 800m”. 

Keiner dieser Vorfälle wurde weiter untersucht. Die Armee gab außerdem zu, 2019 zwei weitere Brände in Kenia verursacht zu haben, sagte aber auf Nachfrage, dass “keine Dokumente vorliegen”, da diese Brände “den Kriterien für eine Untersuchung nicht genügen”.

Die für Verteidigungsinfrastruktur zuständige Abteilung des Verteidigungsministeriums erklärte dazu, sie sei “nur dann verpflichtet, größere Brände zu untersuchen, wenn es zu einem Verlust von Ausrüstung, Verletzungen oder erheblichen Umweltschäden gekommen ist.”

Bezüglich des größten Brandes am 23. März erklärte die Pressestelle des Verteidigungsministeriums gegenüber Declassified: “Die britische Armee hat eine interne Untersuchung des Brandes in der Lolldaiga Conservancy durchgeführt. Da dies Teil eines laufenden Gerichtsverfahrens ist, werden wir uns dazu nicht weiter äußern.”

Trainingsgebiete der britischen Armee in Kenia

Die britische Armee hat Zugang zu 155.000 Hektar Land an neun Standorten in Kenia, um dort Übungen durchzuführen. Viele der Standorte befinden sich im Bezirk Laikipia, einem Distrikt, der während der Kolonialzeit als White Highlands bekannt war, weil europäische Siedler*innen einen Großteil des Landes besetzten. 

Das Vereinigte Königreich gewährte Kenia 1963 die Unabhängigkeit, nachdem es einen Aufstand der Kenya Land and Freedom Army — auch bekannt als Mau Mau — brutal niedergeschlagen hatte. 

Das African Centre for Corrective and Preventive Action (ACCPA), eine Gruppe, die an der Sammelklage beteiligt ist, erklärte gegenüber Declassified, sie gehe davon aus, dass die britische Regierung vor dem Umweltgericht von Laikipia versuchen werde, das Argument der “staatlichen Immunität” zu verwenden, “um uns zum Schweigen zu bringen”.

James Mwangi, der Vorsitzende des ACCPA, sagte in einer Erklärung:

“Während der jüngste Brand in Lolldaiga in beiden Ländern große Besorgnis ausgelöst hat, war dies sicherlich nicht der einzige Brand, der von britischen Truppen  im Rahmen ihrer Ausbildung in der Lolldaiga Conservancy verursacht wurde. Vor einigen Jahren, 2017 und 2015, gab es ähnliche Brände, die auf Gehöfte und Häuser übergriffen, Eigentum zerstörten und gesundheitliche Probleme für die Anwohner*innen mit sich brachten.”

“Oft werden wir dann aufgerufen, die dringend benötigte Hilfe zu leisten, um das Feuer zu löschen, wobei wir Verletzungen davontragen, wie im Fall von Linus Murangiri, der bei dem Feuer ums Leben kam. Sobald das Feuer gelöscht ist, wird der lokalen Gemeinschaft hingegen kein weiterer Gedanke gewidmet. Die Untersuchungsergebnisse wurden der Gemeinde nie mitgeteilt, und es wurden auch keine Maßnahmen ergriffen, um künftige derartige Vorfälle zu verhindern oder einzudämmen.”

“Dies erklärt auch, warum die britische Armee nicht in der Lage war, die jüngsten Brände zu stoppen, die über eine Woche andauerten. Es überrascht nicht, dass das Militär, wie bei anderen Vorfällen auch, die Trainings danach wieder aufnahm und sich nicht um das Trauma, die Verunsicherung, die gesundheitlichen Probleme und die Vertreibung kümmerte, die das Feuer in meiner Gemeinde verursacht hat.”

“Verbrannte Erde”

Die britische Armee hat regelmäßig Militärübungen in Kenia abgehalten, um ihre Truppen auf Einsätze im Irak und in Afghanistan vorzubereiten.

Mwangi erklärt gegenüber Declassified: “In Lolldaiga aufzuwachsen ist nicht vergleichbar mit anderen Erfahrungen in den meisten Teilen Kenias. Britische Soldat*innen in voller Kampfmontur in langen Militärkonvois, mit Panzern und gepanzerten Fahrzeugen, säumten oft die staubigen Straßen, die zur Lolldaiga Conservancy führen. In den Wochen darauf folgten dann schwere Bombenübungen, tieffliegende Flugzeuge, Explosionen und Rauch, die nur mit echten Schlachtfeldern vergleichbar sind.”

Mwangi sagt, dass während der Trainings “Erschütterungen und schlaflose Nächte die Regel sind. Und die Wildtiere dringen in die Dörfer ein, töten Menschen und zerstören Ernten, als ob sie sich für das Eindringen in ihren Lebensraum rächen oder verteidigen wollten”.

 “Nach ein paar Wochen,” fügt er hinzu, “ziehen die Militärs dann ab und hinterlassen eine Spur voller zerstörter Umwelt, militärischem Müll, nicht detonierten Granaten und verbrannter Vegetation.”

Mwangi behauptet, nicht explodierte Munition habe zu Verletzungen bei Kindern und älteren Menschen geführt. Im Jahr 2015 wurde beispielsweise der 10-jährige Ekisonga Nyasasai ins Krankenhaus eingeliefert, nachdem er in der Nähe von Archers Post auf einen Sprengkörper getreten war, der nach Angaben kenianischer Parlamentsabgeordneter von britischen Truppen zurückgelassen worden war. 

Das britische Verteidigungsministerium behauptet seinerseits, nach Übungen das Land von Überbleibseln zu räumen. Allerdings hat es in der Vergangenheit Hunderten von Kenianer*innen, die durch zurückgelassene britische Sprengsätze zu Schaden gekommen sind, Entschädigung in Millionenhöhe gezahlt.

Der ACCPA-Vorsitzende betont außerdem, dass britische Militärübungen die örtliche Wasserversorgung beeinträchtigen. “Jahrelange, nicht nachhaltige Umweltnutzung hat das lebenswichtige Wasser der Lolldaiga Hills in ein Wasser des Todes und des Elends verwandelt,” sagt er.

“Immer mehr Fehlgeburten, eine noch nie dagewesene Erblindung bei Rindern sowie Sehschwächen bei der Mehrheit der Bevölkerung deuten auf Schadstoffe und Chemikalien in Boden und Wasser hin.” Einem BBC-Bericht zufolge wurden ein örtlicher Prediger und sein einjähriges Kind während des jüngsten Brandes in Lolldaiga mit Rauchvergiftungen ins Krankenhaus eingeliefert. 

Mwangi ist der Ansicht, die britischen Streitkräfte hätten keine ausreichenden Maßnahmen zum Schutz der Umwelt ergriffen. “Die britischen Militär-Trainings in Lolldaiga dauern nun schon seit etwa vier Jahrzehnten an,” erinnert er. “In all diesen Jahren wurde keine Umweltverträglichkeitsprüfung durchgeführt, um die Nachhaltigkeit der Trainingsaktivitäten in diesem Wassereinzugsgebiet festzustellen. Ein Gebiet, das an eine Gemeinde mit etwa 2.000 Haushalten und einer geschätzten Bevölkerung von etwa 10.000 Menschen einschließlich Kindern angrenzt.”

 Der Rechtsstreit um das Feuer in Lolldiaga kommt derweil zu einem Zeitpunkt, an dem das Vereinigte Königreich versucht, seine militärische Präsenz in Ostafrika zu festigen und zu verstärken. Im Januar dieses Jahres eröffnete der britische Verteidigungsminister Ben Wallace ein neu renoviertes Hauptquartier für die britische Armee in Kenia, das 70 Millionen Pfund gekostet hat. 

Im Juli unterzeichnete Wallace dann ein neues Fünfjahresabkommen über die Zusammenarbeit im Verteidigungsbereich mit Kenia, das noch von den Parlamenten beider Länder ratifiziert werden muss. Im Rahmen des vorherigen Abkommens zahlte das Vereinigte Königreich für die Anmietung von Räumlichkeiten in bestimmten kenianischen Militäreinrichtungen einen sehr geringen Betrag, etwa 175.000 Pfund pro Jahr. Seit dem Brand in Lolldaiga hat die britische Armee nach eigenen Angaben 100.000 Pflanzen-Setzlinge an das Reservat verteilt.

Declassified hat bereits zuvor Bedenken über die Umweltauswirkungen britischer Militärstützpunkte in Zypern, Belize und im Oman aufgedeckt.

Die britische Hochkommissarin in Kenia wurde um eine Stellungnahme gebeten.

Phil Miller ist ein Journalist von Declassified UK. 

Foto: Defence Imagery, Flickr

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Author
Phil Miller
Translator
Tim Steins
Date
25.10.2021

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