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Der italienische Bürgermeister Mimmo Lucano und sein Einsatz für Geflüchtete

Im September vergangenen Jahres verurteilte ein italienisches Gericht Mimmo Lucano zu unglaublichen 13 Jahren und zwei Monaten Gefängnis für das “Verbrechen”, den bedürftigsten Menschen überhaupt zu helfen: Geflüchteten.
In diesem Exklusivinterview mit dem Syndikat-Team der PI spricht Mimmo Lucano über das “Modell Riace”, die Anklage und seine politischen Ideale – und warum eine italienische Fernsehserie über Riace nicht ausgestrahlt werden durfte.
In diesem Exklusivinterview mit dem Syndikat-Team der PI spricht Mimmo Lucano über das “Modell Riace”, die Anklage und seine politischen Ideale – und warum eine italienische Fernsehserie über Riace nicht ausgestrahlt werden durfte.

Anmerkung der Redaktion: Die süditalienische Stadt Riace mag klein sein, aber während der Amtszeit von Domenico “Mimmo” Lucano als Bürgermeister wurde sie aus gewichtigen Gründen weltweit bekannt. In den Nachkriegsjahrzehnten war die Einwohnerzahl der kalabrischen Stadt von 2.500 auf nur noch 400 gesunken, vor allem weil viele Einheimische auf der Suche nach Arbeit auswanderten. Unter Mimmos Führung kehrte sich dieser Trend um: Angesichts der steigenden Geflüchtetenzahlen an der süditalienischen Küste wurde Riace zu einem Modell für Integration. Im vergangenen Jahr wurde Mimmo jedoch wegen seines “Verbrechens”, Menschen in Not zu helfen, zu 13 Jahren und zwei Monaten Gefängnis verurteilt. Das Syndikat-Team der PI sprach mit Mimmo über das “Modell Riace”, die Anklage und seine politischen Ideale – und warum eine italienische Fernsehserie über Riace nicht ausgestrahlt werden durfte.

Was ist das “Riace-Modell”?

Das “Riace-Modell” ist im Grunde sehr einfach. In Kalabrien gelten Dörfer oder Orte, die stark von Abwanderung betroffen sind, als “fragile Gebiete”. Nur sehr wenige Menschen bleiben in diesen Dörfern im Landesinneren. Auch Riace drohte so zu enden. Selbst meine eigenen Kinder verließen den Ort. Als 1998 die ersten kurdischen Geflüchteten ankamen, fanden wir uns in eben dieser Situation wieder. Es lag deswegen nahe, Menschen aufzunehmen – tatsächlich wurde dies sogar von einem der geflüchteten Menschen vorgeschlagen, der darauf hinwies, dass diese Orte in Italien seinem Kurdistan sehr ähnlich seien. Er sagte: “Wir würden gerne hier in Riace bleiben. Warum fragen wir nicht einfach?” Das habe ich dann auch getan und zunächst mit Bischof Brigantini gesprochen. Dieser sah die Situation als eine Art “prophetische Eingebung” an, was der Sache eine gewisse Tiefe verlieh. Er sagte dies nicht nur in Bezug auf die konkreten Umstände, also die Ankunft der Menschen und die damit verbundene Logistik, sondern auch auf der Ebene eines politischen Bewusstseins: Mir wurde in diesem Gespräch klar, dass der Bischof und ich eine gemeinsame Vision und Überzeugung in Bezug auf soziale Gleichheit, Gerechtigkeit und Geschwisterlichkeit teilten.

Die Entwicklungen in Riace wurden auch möglich, weil der Bischof sie für möglich hielt. Und sie wurden zu einer Zeit Realität, als alle hier, gerade die jungen Leute, das Gefühl hatten, es sei Zeit zu gehen. Das schien das Schicksal aller Familien in Riace zu sein, aber Herr Brigantini schöpfte Hoffnung und entzündete ein Licht. Das gab auch mir Enthusiasmus, in der Kommunalpolitik aktiv zu werden, zunächst nicht als Bürgermeister, sondern als Ratsmitglied. Später – 2004, 2009 und 2014 – wurde ich dann jeweils zum Bürgermeister gewählt und somit zu einem politischen “Protagonisten”, während gleichzeitig die Migrationszahlen in Italien stiegen. Die Politik in Sachen Geflüchtetenaufnahme wurde damals zu meinem ständigen Begleiter. Ja, es fühlte sich nun tatsächlich wie Schicksal oder Fügung an.

Waren die Zusammentreffen und die Konfrontation mit der rechtsextremen Partei Lega von Matteo Salvini auch so eine Fügung?

Nun, das war ja nicht nur Italiens Schicksal, sondern das Europas.

Das Problem entsteht dadurch, dass in Sachen Riace zwei Denkweisen aufeinanderprallen: Salvini behauptet, ich habe als Bürgermeister verantwortungslos gehandelt. Dabei sollte man aber wissen: Riace ist eine Gemeinde mit lediglich 500 Einwohner*innen, eine absolut unbedeutende Zahl in einem so großen Land wie Italien. Warum hat es ihn also derart gekümmert? Weil die Botschaft der Solidarität und der Gemeinschaft, die hier in Riace vermittelt wurde, universell ist und keine Grenzen kennt. Umso mehr, wenn diese Botschaft aus einer Gegend kommt, die fast nichts besitzt und aus der praktisch alle auswandern. 

Ich bin kein Mitglied irgendeiner politischen Partei und war immer der Meinung, dass radikale linke Politik nicht zwangsläufig mit dem Format dieser oder jener politischen Partei verknüpft ist. Meiner Meinung nach geht es beim Politischsein um mehr als nur um Wahlen, denn alles ist politisch. Es geht um den allgemeinen Zustand der Gesellschaft, der menschlichen Beziehungen und der Entscheidungen, die man trifft, um etwas aufzubauen und zu gestalten.

Natürlich wäre es die einfachere Lösung gewesen, den Geflüchteten zu sagen, sie sollen weiterziehen und verschwinden. Doch der Bischof hat mir beigebracht, dass jeder Mensch, der durch deine Tür kommt, jeder und jede Fremde, eine Gottheit sein kann. Das hat man uns beigebracht – das ist das Erbe und die Kultur des alten Magna Graecia, nicht wahr? Salvini beschuldigte mich hingegen, derjenige Bürgermeister zu sein, der “diese italienischen Orte kolonisieren und mit Einwanderern, mit Menschen aus Afrika, vollstopfen will”.  Warum diese Anschuldigung? Und was wollte er in Wirklichkeit sagen? Er war vor allem dagegen, dass ein solches politisches Programm in einem Ort durchgeführt wird, der von Auswanderung betroffen ist. Ich kann nur sagen, dass das Thema der Einwanderung irgendwann während meiner Amtszeit zur treibenden Kraft und zur übergeordneten Aufgabe der gesamten Kommunalpolitik wurde. Viele der Projekte betrafen Menschen vor Ort, die zum Beispiel arbeitslos waren. Es entstand Hoffnung und der Glaube an eine Chance, diese Welt zu einer besseren zu machen.

Warum interessierten sich Menschen für die Entwicklungen in Riace, so dass der Ort sogar Weltberühmtheit erlangte?

Wie ich bereits sagte: Ich denke, in Riace sind einfach zwei Ideologien aufeinander getroffen. Bei der einen geht es um Geschwisterlichkeit, Solidarität und Spontaneität; bei der anderen um Egoismus und ein Gefühl von “wir waren zuerst da; wir kommen zuerst”. Es ist aber absolut inakzeptabel zu sagen: “Ich bin wichtiger, ich stehe über einem anderen Menschen.” Wir sind alle Teil derselben Erde und haben meiner Meinung nach alle die gleichen Rechte und Hoffnungen für die Zukunft. Und das ist der Grund, warum sich so viele Menschen für Riace interessieren.

Wie kam es zu dem Projekt? Und wie zu den Anschuldigungen gegen dich?

Die juristischen Probleme begannen im Jahr 2016, aber die Geschichte beginnt bereits 1998, als kurdische Geflüchtete hier ankamen und spontan ein Aufnahmezentrum in Riace entstand. Damals war ich noch nicht Bürgermeister, sondern nur freiwilliger Helfer. Um leerstehende Häuser zu finden, sprach ich mit Verwandten, die inzwischen in Buenos Aires und Nordamerika leben. So gründeten wir gemeinsam ein Aufnahmesystem in unserem entvölkerten Dorf. Das war der Anfang des Riace-Modells, dieses spontanen Aufnahmesystems, das entstand, bevor es irgendwelche offiziellen Projekte gab.

Im Jahr 1999 wurde ich Minderheitenbeauftragter im Rathaus von Riace. Wir gründeten den Verein Città Futura, über den wir verlassene Häuser an Geflüchtete vergaben, nach dem Vorbild von Stignano und anderen Gemeinden in der Region. Inspiriert wurden wir auch von den Schriften von Tommaso Campanella, einem Dominikanermönch, der das utopische Werk Sonnenstadt geschrieben hat. Riace ist ein Ortsteil von Stilo, der Stadt, in der Campanella geboren wurde. Er schreibt: “Ich wurde geboren, um drei extreme Übel zu besiegen: Tyrannei, Haarspalterei und Heuchelei.” Das ist die grundsätzliche Idee, auf der die Città Futura entstanden ist. 

Dann, im Jahr 2002, startete Italien einen nationalen Aufruf für Projekte zur Aufnahme von Geflüchteten und Asylbewerber*innen, der vom Hohen Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen (UNHCR) und dem Innenministerium unterstützt wurde. Da ich Ratsmitglied war und bereits 1998 Erfahrungen mit der Aufnahme kurdischer Geflüchteter gesammelt hatte, übernahm ich die Aufgabe, bei uns ein Aufnahmesystem einzurichten. Meine erste Sorge galt dabei dem Wohlergehen dieses unseren Landes und der Region, die in Trostlosigkeit zu versinken drohte. Das Schicksal meiner Familie und das von Riace insgesamt war eigentlich seit Jahrzehnten besiegelt. Das war der Ausgangspunkt. 

Was wurde in Riace bei der Aufnahme von Geflüchteten anders gemacht, was war besonders?

Italien versuchte, ein landesweites Aufnahmesystem zu schaffen, wobei Rom als nationaler Mittel- und Angelpunkt für alle teilnehmenden Kommunen fungierte. Ich forderte, dass sich auch unsere Gemeinde beteiligt. Im Juli 2001 begann die Geflüchtetenaufnahme in Riace offiziell. Die ersten drei Gemeinden, die sich an dem Aufruf des Innenministeriums beteiligten, waren Riace, Isola di Capo Rizzuto und Badolato. Es ist kein Zufall, dass diese alle in Kalabrien liegen und bereits eine längere Geschichte mit Flüchtlingsankünften hatten. Unser innovativer Ansatz war es, zu zeigen, dass es möglich ist, hier ankommenden Menschen die Möglichkeit zu geben, an einem solidarischen Projekt mitzuwirken.  

Zu dieser Zeit kamen neben Kurd*innen auch die ersten Gruppen von Menschen aus Subsahara-Afrika, vor allem Frauen aus Eritrea und Äthiopien. Im Jahr 2004 wurde ich aufgrund meiner früheren Erfahrungen Bürgermeister von Riace. Damals begannen sich die Menschen langsam dafür zu interessieren, was in Riace eigentlich vor sich ging. Tourist*innen kamen, um herauszufinden, wie ein kleiner Ort in Kalabrien sich so für Geflüchtete einsetzen konnte. Wir wurden zu einer Art Touristenattraktion. Man könnte fast sagen, dass hier in Riace das Konzept des “Solidaritätstourismus” geboren wurde.

Begannen damals auch deine deutlichen politischen Erfolge und Siege bei den Kommunalwahlen?

Nein, 2004 eigentlich noch nicht. Damals traten vier Listen an. Bei den Wiederwahlen 2009 und 2014 lief es für mich aber sehr viel besser. 2016 nahm mich die amerikanische Zeitschrift Fortune in ihre Liste “The World’s 50 Greatest Leaders” auf, was unsere Story natürlich um die Welt gehen ließ. Irgendwann sollte sogar eine Fernsehserie über Riace mit dem Schauspieler Beppe Fiorello gedreht werden, was uns nochmals sehr viel Aufmerksamkeit gebracht hätte. Zeitgleich wurde das Thema Einwanderung medial sehr stark beachtet. Gerade die privaten Fernsehsender versuchten, eine Art kollektive Hysterie zu schüren; Einwanderung sollte als das schlimmste Übel der italienischen Gesellschaft dargestellt werden. Einwanderung würde uns demnach daran hindern, Fortschritte zu machen, hieß es.

Wurde die TV-Serie gedreht?

Sie ist letztendlich blockiert worden: Sie wurde gedreht, aber niemals ausgestrahlt, da Senator Gasparri von der Forza Italia eine Ausstrahlung verhinderte. Meine Anwälte, die mich kostenlos verteidigen – darunter übrigens auch der ehemalige Bürgermeister von Mailand, Giuliano Pisapia – sind der Ansicht, dass eines der Ziele des Gerichtsverfahrens gegen mich genau darin bestand, die Ausstrahlung dieser Serie zu verhindern. Die Ausstrahlung wurde bis zum Gerichtsverfahren ausgesetzt, weil man sich offenbar Sorgen machte, dass eine Serie, die ein erfolgreiches Projekt zur Aufnahme von Geflüchteten zeigt, zur besten Sendezeit ausgestrahlt werden und 7 bis 8 Millionen Italiener*innen erreichen könnte. Diese hätten dann schließliche gesehen, dass das Modell Riace funktioniert.

Wieso kam es zu diesem politischen und kulturellen Widerstand bzw. zur Verfolgung des Riace-Modells? 

Dafür muss man wissen und verstehen, was das Riace-Modell ist. Es ist eine groß angelegte Aktion zur Geflüchtetenunterbringung und -integration, bei der jeder Mensch sein eigenes Zuhause hat. Die öffentliche Debatte dreht sich derzeit aber um das Recht, in entvölkerten Gegenden Italiens zu leben – was sie so trivial und lächerlich macht. Zuwanderung ist doch offensichtlich notwendig, um diese Gebiete wiederzubeleben. Warum lassen wir Häuser leerstehen? Was nützen sie, wenn sie irgendwann baufällig werden, wenn es reinregnet oder wenn sie durch Stürme beschädigt werden?

Deshalb stelle ich die Frage anders: Ich bin davon überzeugt, dass das Recht, ein Zuhause zu haben, ein universelles Recht aller Menschen ist. Warum schaffen wir so absurde Orte wie Barackensiedlungen und Flüchtlingsheime, wenn wir leerstehende Häuser haben? Darüber hinaus schafft die Unterbringung von Geflüchteten in eher ländlich geprägten Orten viel mehr spontane und solidarische Beziehungen zu der direkten Nachbarschaft. Das war auch in Riace der Fall. Es wurde kein bestimmter Teil von Riace für die Aufnahme von Menschen reserviert. Das Land, die Kommune gehört uns allen. Auch ich als Bürgermeister bin nur einer von vielen Bürgerinnen und Bürgern. Wie könnte ich auf den Gedanken kommen, dass ich etwas mehr oder etwas Besseres haben sollte; dass ich mich persönlich aufgrund meiner Position bereichern sollte? Ich finde das völlig absurd. 

Wie funktioniert das “Bonus”-System, eine Art Lokalwährung, die zur Unterstützung der Geflüchteten geschaffen wurde?

Die Zahl der in Italien ankommenden geflüchteten Menschen stieg stetig an: Die Migrationsströme wurden immer größer und beständiger. Das war in Riace nicht anders als anderswo. Wir mussten von einer einzigen Verwaltungsstelle, der besagten Città Futura, zu sechs oder sieben Verwaltungsstellen übergehen. Als Bürgermeister war es eine  schwierige Aufgabe. Es ist nicht einfach, soziale Werte zu schaffen und ein Ideal aufrechtzuerhalten, vor allem wenn unsere Gesellschaften grundsätzlich auf Profit ausgerichtet sind. Wir wollten in jedem Fall sicherstellen, dass die Geflüchteten etwas haben, aber die Programme des Ministeriums kamen immer zu spät; die Mittel für die Aufnahme wurden verspätet bereitgestellt. Deshalb habe ich das Bonussystem entwickelt. 

Das Bonussystem ist im Prinzip die Kopie eines Projekts, das im Aspromonte Park in Kalabrien ausprobiert wurde. Dort wurde eine lokale Währung namens “Eur Aspromonti” eingeführt. Sie wurde vor allem zur Förderung des Tourismus eingesetzt: es gab eine Wechselstube, in der man diese “Eur Aspromonti” mit echten Euros kaufen konnte. Wenn man sie dann in den Dörfern im Aspromonte-Park ausgab, erhielt man einen Rabatt. Das Ziel war es, so die lokale Wirtschaft anzukurbeln.

Wir wollten etwas Ähnliches mit den Essensgutscheinen machen, die wir zur Verfügung gestellt bekamen: Ich wollte sie direkt an die Geflüchteten ausgeben, damit sie kaufen konnten, was sie selbst wirklich wollten und brauchten. Jede*r Geflüchtete erhielt so 200 Euro. Das Projekt funktionierte gut, weil wir den Menschen Freiheiten gaben. Das war die Innovation. Doch alles wurde skandalisiert; Juristen und Universitätsprofessoren begannen, mein Leben zu durchleuchten – aber alles, was sie fanden, war Kontinuität in meinem Ideal der Solidarität, das den Projekten zugrunde lag. Was in Riace geschah, war nicht das Werk eines Kriminellen. Trotzdem verurteilten sie mich zu 13 Jahren und 2 Monaten – als hätte ich einen Mord begangen.

Was führte deiner Ansicht nach dazu, dass es letztendlich zu den juristischen Problemen kam?

Irgendwann führte die Regierung die Maßnahme ein, jedem geflüchteten Menschen 35 € pro Kopf und pro Tag zu geben – eine recht sinnlose Entscheidung von Bürokraten. Derartige Projekte dürfen sich nicht nur auf die Anfangsphase der Geflüchtetenaufnahme beschränken, sondern müssen auch Integrationsprogramme fördern. Meine Idee war es, beides umzusetzen – die Anfangsphase und die Integrationsphase – mit Projekten wie den Arbeitsstipendien für Geflüchtete im Rahmen der Olivenölmühlenprojekte, die Sozialfarm, die Handwerksbetriebe und die Tourismushäuser. Nun beschuldigt man mich der Veruntreuung von Geldern, behauptet aber gleichzeitig, dass “der Bürgermeister sich nicht persönlich an diesen Projekten bereichert hat”. Es habe jedoch mehrere “verwaltungstechnische Fehler und Versäumnisse gegeben”. Aber das ist nicht wahr! Ein schweres Missverständnis hat zu dieser Unordnung geführt, und meiner Meinung nach ist diese Unordnung unter anderem auch auf bürokratische Probleme zurückzuführen. Klar ist in jedem Fall: Ich habe nichts für mich selbst oder meine persönliche Bereicherung getan – in gewisser Weise habe ich mich sogar selbst geschwächt.

Alle Richter*innen haben die Prozessunterlagen gelesen, auch die Staatsanwaltschaft, die ihrerseits eine siebenjährige Haftstrafe forderte. Dennoch verdoppelte das Gericht die Strafe. Das Seltsame ist, dass damit die Höchststrafe wegen Veruntreuung verhängt wurde, obwohl die Protokolle der Guardia di Finanza belegen: “Nein, dieser Bürgermeister hat kein Geld veruntreut, er hat keine Girokonten, er hat keinen Besitz, er hat gar nichts. Die Ermittlungen zeigen, dass sein einziges Interesse darin bestand, ein Ideal der Geflüchtetenaufnahme zu schaffen.” Die Dinge, die ich als Bürgermeister in Riace getan habe, wie die Ölmühle oder die Sozialfarm, haben unsere Region nur bereichert. Doch letztendlich wurde daraus eine Straftat und sogar ein angeblicher Machtmissbrauch mit Blick auf die sogenannten “Langzeitaufenthalte” konstruiert.

Worum geht es bei diesem Thema der Langzeitaufenthalte und beim angeblichen Machtmissbrauch genau?

Die sogenannten Langzeitaufenthalte wurden per Richtlinien des Ministeriums festgelegt. Demnach war vorgesehen, dass Geflüchtete maximal sechs Monate in den Aufnahmezentren bleiben dürfen. Das ist ein sinnloses System. Zuerst bat mich das Innenministerium um Hilfe bei der Suche nach Kontakten – und ließ mich dann im Stich. Sie sagten mir, dass die Zahl der Ankommenden sehr hoch sei und man die Menschen nirgendwo unterbringen könne, weil die Mitte und der Norden Italiens sie nicht haben wollten. Der Präfekt Mario Morcone versprach, dass er helfen würde, aber auch er ließ mich im Stich, als es für ihn ungemütlich wurde. Das Schlimmste war, dass sie mir sagten, ich müsse die Leute nach sechs Monaten einfach rausschmeißen, obwohl sie mich zuvor im September noch anriefen, um bei der Umverteilung von Geflüchteten zu helfen – die Zahl der Ankünfte ist zum Ende des Sommers ja am höchsten. In Riace konnten wir die örtliche Oberschule dank der Kinder der ankommenden Geflüchteten weiter betreiben. Stattdessen wollte man aber, dass ich die von den Bürokraten vorgegebenen Richtlinien befolge und die Menschen nach sechs Monaten von hier vertreibe. Deshalb frage ich auch heute noch: “Warum führen wir nicht alle eine offene Diskussion über dieses Thema?”.

Es gibt also einen deutlichen Widerspruch zwischen Moral und Rechtslage? Welche Auswirkungen hatten diese Regelungen auf das Recht der besagten Kinder auf Schulbildung?

Was sollen wir tun, wenn sie uns sagen, dass wir die Leute nach sechs Monaten rausschmeißen müssen, nachdem die Zahl der Neuankömmlinge im September steigt? Sollen wir sie in die Schulen integrieren und sie dann im Februar wieder rausschmeißen und sie somit ihrer Bildung berauben?  

Nochmals: Ja, es gab gewisse Unachtsamkeiten, aber es ist wichtig zu betonen, dass ich nicht gegen das Gesetz verstoßen habe. Ich glaube nicht, dass man das Gesetz einfach ignorieren kann oder sollte, aber mir tun diejenigen Leute leid, die das Wort im Sinne von “Legalität” oder “Rechtslage” benutzen. Alle reden von der Rechtslage; aber die Rechtslage ist auch Ausdruck der aktuellen politischen Macht: War die Apartheid legal? War das Dritte Reich im Sinne der dort herrschenden Rechtslage legal? Oder Mussolini? “Rechtslage” ist in diesem Sinne eine Herrschaftsstrategie. Ich bin erstaunt, dass es sogar zivilgesellschaftliche Organisationen gibt, die dieses “Rechtslage”-Narrativ ebenfalls vertreten. Rechtslage kann in diesem Sinne bedeuten, dass man mit dem Status quo übereinstimmt – und mit denen, die das Sagen haben. Salvinis Sicherheitsdekrete gegen Geflüchtete waren legal, sie waren rechtmäßig. Aber hat Salvini deswegen Recht? Unmenschlichkeit kann je nach Rechtslage legal sein. Kritiker*innen könnten sagen: “Dann könnte ja jede*r einfach sein eigenes Gesetzbuch schreiben.” Das ist jedoch nicht das, was in Riace passiert ist. Was ich versucht habe, hat einige Menschen vor allem deshalb verärgert, weil Aufnahmeprojekte in ihren Augen perfekt mit den vorgegebenen Richtlinien übereinstimmen mussten. Ich wollte und will aber nicht akzeptieren, dass Kinder aus unserer Region und aus dem Schulsystem geworfen werden. Deswegen habe ich mich mit Überzeugung über diese Richtlinien hinweggesetzt.

Wie reagierst du auf Vorwürfe, du würdest das Aufnahmesystem für Geflüchtete nutzen, um daraus politischen Profit für dich selbst zu schlagen?

Ich frage die Leute dann immer, wie ich ihrer Meinung nach profitiert habe – abgesehen davon, dass ich den Menschen und vor allem den Kinder Respekt zeige. Wenn überhaupt, habe ich mich als Bürgermeister geschwächt. Das Unverständnis einiger Menschen rührt daher, dass ich versucht habe, ein auf persönlicher Freiheit basierendes System für die Aufnahme von Geflüchteten zu schaffen, indem ich Arbeitsstipendien einführte und eine multiethnische Gemeinschaft als ein Vorbild für die Integration förderte.

In unserer Region ist der Staat weitgehend abwesend und es gibt keine Fabriken und Industrien wie im Norden Italiens. Die Realität hier ist geprägt von Wohltätigkeitsaktionen und der Vorherrschaft der Mafia. Wir haben nicht viel, also mussten wir aus der Not heraus Arbeitsgemeinschaften für diverse soziale Belange gründen. Hier war nichts privatwirtschaftlich oder auf den eigenen Vorteil bedacht. Und auch das ist das “Riace-Modell”.

Foto: Flickr

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Author
Wire Team
Translator
Tim Steins
Date
21.03.2022

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