Housing and Land Rights

Klimakrise und Heuchelei auf den Malediven

Ein Landgewinnungsprojekt auf den Malediven trägt zur Klimakrise bei.
Am 27. März gab der Präsident der Malediven, Ibrahim Mohamed Solih, feierlich das grüne Licht für ein Landgewinnungsprojekt auf 194,3 Hektar Fläche in Addu City, einem Teil des südlichsten Atolls der Malediven. Es war eines von vielen Projekten, die er während seiner Reise zu den Atollen absegnete. Nachrichtenberichten zufolge sind die Vorbereitungen für den Beginn der Landgewinnung bereits im Gange. Umweltaktivist*innen betonen jedoch, das Projekt werde die Artenvielfalt der Region, die seit 2020 aufgrund ihrer einzigartigen Riffstrukturen und der vielfältigen Meeresfauna den Status eines UNESCO-Biosphärenreservats hat, „faktisch zerstören“.
Am 27. März gab der Präsident der Malediven, Ibrahim Mohamed Solih, feierlich das grüne Licht für ein Landgewinnungsprojekt auf 194,3 Hektar Fläche in Addu City, einem Teil des südlichsten Atolls der Malediven. Es war eines von vielen Projekten, die er während seiner Reise zu den Atollen absegnete. Nachrichtenberichten zufolge sind die Vorbereitungen für den Beginn der Landgewinnung bereits im Gange. Umweltaktivist*innen betonen jedoch, das Projekt werde die Artenvielfalt der Region, die seit 2020 aufgrund ihrer einzigartigen Riffstrukturen und der vielfältigen Meeresfauna den Status eines UNESCO-Biosphärenreservats hat, „faktisch zerstören“.

Das niederländische Unternehmen Van Oord (India), das von der Regierung den Zuschlag für die Baggerarbeiten erhalten hat, wird die Arbeiten mit Hilfe eines direkten Kredits der India Exim Bank durchführen. Dieser Vertrag allein hat einen Wert von über 84 Millionen US-Dollar. Ziel ist eine umfassende Landgewinnung in Addu, um dort Wohnhäuser, Geschäftsgebäude und Luxusresorts zu errichten. Gleichzeitig wurde das indische Unternehmen Afcons Infrastructure Limited mit dem Bau eines neuen Dammes beauftragt, der die Inseln Hithadhoo und Maradhoo verbinden soll. Dieses Projekt hat einen Wert von 147,1 Millionen US-Dollar.

Bleibende Schäden

In einem Bericht über die Umweltauswirkungen des Projekts wird auf die „langfristigen, irreversiblen“ Schäden in den Gebieten hingewiesen, die für die Ausbaggerung und Landgewinnung vorgesehen sind. Es werde lange dauern, bis sich der aufgewirbelte Sand und die Sedimente wieder setzen oder auflösen werden, was sich negativ auf die Korallen, Riffe, Lagunen und die gesamte Meeresumwelt auswirken werde.

Die Forscher*innen identifizierten mit Hilfe von Drohnenkartierungen mehrere Hektar Korallen- und Seegraswiesen, die zerstört würden, wenn sie nicht umgesiedelt werden. Sie kommen zu dem Schluss, dass die Lebensräume von Fischen und Schildkröten akut bedroht sind. Darüber hinaus könnte die Landgewinnung Auswirkungen auf den lokalen Tourismus und die Tauchschulen haben – denn die Gebiete gehören zu den beliebtesten Tauchrevieren. Ein Highlight ist dabei das Wrack der British Loyalty, ein Öltanker, der vor über 75 Jahren gesunken ist und oft von vielen verschiedenen Fischen umschwommen wird, darunter Blauflossenmakrelen, Mantarochen und sogar Haie sowie Schildkröten. Die andere wichtige lokale Industrie, die Fischerei, wird aufgrund der durch die Baggerarbeiten verursachten Sedimentation und der daraus resultierenden Auswirkungen auf die Fischbestände ebenfalls unweigerlich leiden. Fachleute haben außerdem darauf hingewiesen, dass die Korallensysteme weltweit bereits von Bleichung betroffen sind, die teilweise durch die Erwärmung der Meere verursacht wird.

Immun gegen Widerspruch

Das Umweltministerium zeigte sich “zutiefst besorgt” über das geplante Landgewinnungsprojekt, wie aus dem Protokoll einer Online-Sitzung hervorgeht, die Teil der Umweltverträglichkeitsprüfung war. Letztendlich war man im Ministerium jedoch nicht bereit, zu intervenieren. Andere Beamte teilten mit, der Überprüfungsprozess sei in vollem Gange und die Umweltschutzbehörde (EPA) könne „Bedingungen“ an den Vorschlag knüpfen, wenn dieser genehmigt wird. Der Minister für Planung und Infrastruktur, Mohamed Aslam, ist jedoch der Ansicht, dass das Projekt trotz der geäußerten Umweltschutzbedenken fortgesetzt werden könne.

Aya Naseem, Meeresbiologin und Mitbegründerin des Maldives Coral Institute, dessen Ziel es ist, Korallenriffe zu retten und bei der Anpassung an den Klimawandel zu unterstützen, sagte mir, dass die Zerstörung natürlicher Schutzsysteme – im Falle der Malediven ihre Korallenriffe – die Widerstandsfähigkeit des gesamten Landes und seine Fähigkeit, sich an die veränderte Umwelt anzupassen und zu überleben, beeinträchtigen werde. Sie ruft die politischen Entscheidungsträger*innen sowie die Inselbevölkerung auf, die langfristige Stabilität im Kopf zu behalten und der Umwelt und den Korallenriffen, die die Malediver*innen schützen, Priorität einzuräumen: „Wir müssen bessere Wege finden, um uns zu entwickeln. Der Schutz und die Stärkung unserer natürlichen Ökosysteme müssen in die Entwicklungsprojekte einbezogen werden“, fordert sie.

Wenige Tage nach der Unterzeichnung des Landgewinnungsprojekts äußerte Save Maldives, eine von Bürger*innen geführte Naturschutzkampagne, per Twitter Bestürzung über das Projekt und nannte es einen „Plan zur völligen Auslöschung eines gesamten Atollsystems.“ Die Gruppe ist der Ansicht, das Projekt werde unter dem Vorwand der wirtschaftlichen Entwicklung zu einer Klimakatastrophe auf dem Atoll führen.

Die Aktivistin Humaidha Abdul Ghafoor spricht sich ebenfalls entschieden gegen die Pläne aus, Addu City durch das Landgewinnungsprojekt weiterzuentwickeln. „Die Politiker von heute, wie auch ihre autokratischen Vorgänger, nehmen ihre Fürsorgepflicht gegenüber dem maledivischen Volk nicht wahr“, kritisiert sie. „Ihre Doppelzüngigkeit ist der deutlichste Beweis dafür, dass sie die existenziellen Bedrohungen, die der Klimawandel für die Malediven darstellt, völlig außer Acht lassen. Sie machen es sich bequem und missbrauchen ihre Macht, um die Lebensgrundlagen der Bevölkerung, die Ressourcen und den Schutz vor dem Klimawandel dauerhaft zu zerstören – für ihre eigenen Geschäftsinteressen.“

Überaus seltsam ist derweil, dass der ehemalige Präsident der Malediven, Mohamed Nasheed, international die Forderung nach einem Schuldenerlass der reichen Länder gegenüber den vom Klimawandel bedrohten Staaten anführt. Dabei gehen die Pläne der maledivischen Regierung (in der kurzsichtigen Hoffnung, die Wirtschaft anzukurbeln) offensichtlich auf Kosten der Umwelt und letztlich auch der Wirtschaft des Landes.

Klima-Heuchelei in Zeiten des Klimanotstands

In der Umweltverträglichkeitsprüfung wird erwähnt, dass das Projekt vom Stadtrat von Addu City und den Einwohner*innen unterstützt werde. Diese seien der Auffassung, in Addu, einem eher kleinen Atoll mit wenig Land, gebe es Bedarf an solch einem groß angelegten Landgewinnungspprojekt. Im Prinzip ruft die Regierung die Gemeinden dazu auf, ihr eigenes (Umwelt-)Grab zu schaufeln und übergibt ihnen die passende Schaufel. Während viele Einheimische glauben, dass das Projekt die Wirtschaft der Inseln ankurbeln und ihr wirtschaftliches Potenzial steigern werde, wird diese Ansicht nicht von allen Einwohner*innen geteilt. Im Februar 2022 reichte ein Bürger eine Klage beim Meedhoo Magistrates’ Court in Addu ein, um das geplante Projekt zu stoppen und die Umweltzerstörung zu verhindern.

Die Anfälligkeit der Malediven für den Klimawandel sollte die Regierung nicht vor Kritik aufgrund von umweltschädlichen Projekten schützen, die unter ihrer Aufsicht genehmigt werden. Die Regierung scheint von ihren eigentlichen Ambitionen und Zielen, die Klimakrise zu bewältigen, völlig abgewichen zu sein; sie verkennt die Dringlichkeit der Lage und stellt wirtschaftliche Entwicklung vor Umweltschutz.

Mushfiq Mohamed ist ein maledivischer Anwalt, Autor und Menschenrechtsaktivist. Er schreibt für Himal Briefs for the Maldives.

Foto: Afrah Ahmed / Unsplash

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Author
Mushfiq Mohamed
Translator
Tim Steins
Date
30.08.2022

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