Environment

„Grüne Stadt“ treibt Gewalt gegen Umweltschützer auf den Philippinen an

Das kollektive Leben der Ayta Hung-ey und ihr unerbittlicher Kampf zur Verteidigung ihres Territoriums prägen die Bergregion Barangay Aranguren, Capas, Tarlac.
Das Volk der Ayta Hung-ey, das die indigene Lebensweise bis heute fortführt, genießt sein traditionell selbst besessenes und verwaltetes Gebiet. Die Gemeinschaften haben seit jeher die Wälder, Berge und Flüsse für ihren Lebensunterhalt genutzt, ohne die ökologische Integrität zu gefährden. „Unser Leben war schon immer einfach, denn unser Land versorgt uns mit Nahrung, Wasser, Medizin und Holz,“ sagt Petronila Capiz-Munoz, Stammeshäuptling des Sitio (Dorf) Sapang Kawayan, Capas.
Das Volk der Ayta Hung-ey, das die indigene Lebensweise bis heute fortführt, genießt sein traditionell selbst besessenes und verwaltetes Gebiet. Die Gemeinschaften haben seit jeher die Wälder, Berge und Flüsse für ihren Lebensunterhalt genutzt, ohne die ökologische Integrität zu gefährden. „Unser Leben war schon immer einfach, denn unser Land versorgt uns mit Nahrung, Wasser, Medizin und Holz,“ sagt Petronila Capiz-Munoz, Stammeshäuptling des Sitio (Dorf) Sapang Kawayan, Capas.

Petronila Capiz-Munoz, Ayta-Hung-ey-Stammeshäuptling.

Der Stamm der Ayta Hung-ey ist auf die Landwirtschaft angewiesen, um den Lebensunterhalt der Gemeinschaft zu sichern und Geld zu verdienen. Sie bauen Reis, Mais, Bananen, Hackfrüchte und Gemüse an. Etwaige Überschüsse transportieren die Dorfbewohner*innen in die Stadtzentren, um genug Geld zu verdienen. Während der Trockenzeit verkaufen einige Dorfbewohner*innen Holzkohle aus gebrauchtem und überschüssigem Holz. Die Einkünfte daraus waren jedoch immer schon sehr gering; ein Sack Kohle bringt 90-100 Philippinische Pesos (1,76–1,95$).

Einige Gemeindemitglieder arbeiten als Saisonarbeiter in einer Zuckerrohrplantage, die einem nicht-einheimischen Landbesitzer gehört.

Als Gemeinde ohne Meereszugang sind die Dorfbewohner*innen auf ihre Flüsse und Bäche als Hauptquelle für Fisch, Schnecken, Garnelen und Krabben angewiesen. In ihrem Wald leben Wildschweine, Hirsche, Vögel, Heilpflanzen und ein jahrhundertealter Mangobaum – ein heiliger Baum für die Ayta Hung-ey. Sie führen um den Baum herum Rituale durch, um Führung, Heilung, Schutz und eine gute Ernte zu erbitten. Sie glauben, dass die Geister ihrer Vorfahren in dem Baum leben.

Nanay Maria und Nanay Perla auf der Suche nach Schnecken für das Abendessen.

Obwohl das Leben der Ayta Hung-ey sehr einfach ist, war es nie leicht. Historische Vernachlässigung durch die Regierung, institutionalisierte Diskriminierung und andere Formen der Unterdrückung waren starke Waffen, um indigene Gemeinschaften zu spalten und ihre Ressourcen auszubeuten.

„Wir indigene Völker bleiben arm, weil wir ausgegrenzt werden. Schlimmer noch, unser Land wird uns zum Nutzen einiger weniger weggenommen,“ erklärt Häuptling Pet.

Da die Fänge der so genannten Entwicklung wie New Clark City in das indigene Gebiet von Ayta Hung-ey reichen, ist das Überleben der Menschen dort in Gefahr.

Die nicht-grüne Stadt

Die New Clark City (NCC), früher bekannt als Clark Green City (CGC), wird von der philippinischen Regierung über die Bases Conversion and Development Authority (BCDA) als erste „intelligente, grüne und katastrophenresistente Stadt“ gefördert. Das Projekt umfasst 9.450 Hektar Land in der Provinz Tarlac – etwa 100 Kilometer nördlich der philippinischen Hauptstadt Manila. Die NCC mit ihren geschätzten Entwicklungskosten von 14 Milliarden USD gilt als eines der größten Infrastrukturprojekte des stark kritisierten „Build! Build! Build!“ Programms der derzeitigen philippinischen Regierung.

Die BCDA will für die als „grün“ angepriesene Stadt Berichten zufolge 40 Prozent der Fläche bebauen und 60 Prozent als Freiflächen belassen. Die NCC soll eine Alternative zur Manila-Metropolregion darstellen, da die Megastadt weiterhin unter Verkehrsstaus, Umweltverschmutzung und städtischem Verfall leidet.

Internationale Finanzinstitutionen (IFI) wie die Asiatische Entwicklungsbank (ADB) haben die BCDA aktiv in die Förderung und Umsetzung eines neu geplanten Stadtzentrums einbezogen. In der ADB-Pressemitteilung von 2017 wird dieNCC als „… das erste Transaktionsberatungsmandat der ADB betrachtet, das mehrere Sektoren auf den Philippinen abdeckt, darunter Verkehr, Abfallwirtschaft, Gasverteilungsnetz, IT-Infrastruktur, gemischte Wohngebäude, ein nationales Regierungszentrum und ein Lebensmittelterminal der CGC.“ In diesem Zusammenhang hat sich die ADB verpflichtet, „die BCDA bei der Gesamtbewertung des Plans für die Stadt zu unterstützen und bei der Durchführung von Ausschreibungsverfahren für geeignete PPP-Projekte [öffentlich-private Partnerschaft] behilflich zu sein, um eine Beteiligung des Privatsektors zu erreichen.“

Darüber hinaus hat die ADB über ihre Projektvorbereitungseinrichtung für den asiatisch-pazifischen Raum (AP3F) 80.000 USD in Form von technischer Hilfe für das PPP-Projekt für Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) in New Clark City investiert.

Mitglieder der Gemeinde versammeln sich zu einem Treffen, um die neuesten Entwicklungen zu diskutieren und ihre Bedenken über die New Clark City zu äußern.

Unter Berufung auf zahlreiche Risiken und irreversible Schäden für Mensch und Umwelt haben Aktivist*innen, Menschenrechtsorganisationen und Wissenschaftler*innen das NCC-Projekt kritisiert. Die Ergebnisse der von der ADB finanzierten Studie zur Bewertung der biologischen Artenvielfalt zeigen, dass New Clark City wahrscheinlich zu einer „Verringerung der Qualität des Lebensraums, der Artenvielfalt und der Nettoprimärproduktivität“ führen wird. Dennoch finanziert die ADB weiterhin das milliardenschwere Infrastrukturprojekt, das die Lebensgrundlage der Ayta Hung-ey zerstören würde.

Voraussichtliche Katastrophe

Häuptling Pet erinnert sich, wie ein gewisser Bauunternehmer 2014 zum ersten Mal in ihre Gemeinde kam und lediglich nach Gemeindestraßen fragte. „Wir dachten, die Regierung würde bald Straßen für uns bauen. Aber nach einem Jahr waren wir schockiert, als wir sahen, dass eine Reihe von Straßenprojekten ohne unsere Zustimmung stattfand. Schlimmer noch, die Projektmitarbeiter brachten bei einem ihrer Besuche in der Gemeinde bewaffnete Militärs als Eskorte mit,“ erzählt sie.

Im Jahr 2017 setzte die Regierung trotz des starken Widerstands der betroffenen Gemeinden den Bau von Straßen und Sporteinrichtungen rechtzeitig für die Südostasienspiele (SEA) 2019 durch. Infolgedessen wurden große landwirtschaftliche Produktionsflächen gerodet und Hügel eingeebnet. Die BCDA hat kommunale Grundstücke eingezäunt, sodass die Dorfbewohner*innen keinen Zugang mehr zu ihren Obstbäumen, ihrem Gemüse und anderen Feldfrüchten haben. Auch die natürlichen Flüsse und Bäche blieben von der Zerstörung durch Flussumleitungen nicht verschont.

Nanay Maria zeigt auf einen der Flüsse, die von der BCDA umgeleitet wurden. Die Gemeinden behaupten, dass sie in diesem Fluss nach dem Straßenbau keine Süßwasserkrabben und Garnelen mehr finden konnten.

Keine der 578 indigenen Familien im Sitio Sapang Kawayan wurde über das Projekt informiert und konsultiert, obwohl es sich um einen enormen Entwicklungsplan handelt, der die Vertreibung der Communities zur Folge haben wird. Die Ayta Hung-ey-Gemeinschaften haben die Nationale Kommission für indigene Völker (NCIP) gebeten, das Verfahren der freien, vorherigen und informierten Zustimmung (FPIC) zu erleichtern. Bis jetzt wurde ihr Recht auf dieses FPIC immer wieder missachtet. Den Ältesten des Hung-ey-Stammes zufolge behauptete die BCDA sogar, das Land gehöre der Regierung, und bestand darauf, dass im Projektgebiet keine indigenen Völker lebten. „Aber als ich sie aufforderte, diese Dokumente vorzulegen, weigerten sie sich einfach,“ so Häuptling Pet.

Es gab weder Gemeindeversammlungen noch Verhandlungen. Es wurde ihnen lediglich gesagt: „Kapag naamoy ng bulldozer ang lupa mo, babayaran ka.“ (Wenn der Bulldozer über Ihr Land fährt, werden Sie entschädigt.)

Die Dorfbewohner*innen brachten frustriert zum Ausdruck, wie hilflos sie waren, als sie gezwungen wurden, die von der BCDA einseitig festgelegte Entschädigung zu akzeptieren. 2018 bot das Bauunternehmen dem Bewohner Tatay Nelson, von dessen Land ein Teil zu einem Golfplatz ausgebaut wurde, eine finanzielle Entschädigung in Höhe von 300.000 Pesos (5.854$) an. Er erhielt die erste Tranche im April 2021, während der Zeitplan für die nächste Tranche ungewiss bleibt. Die Bedingungen wurden ihm nicht einmal mitgeteilt. „Meine einzige Option war, das Geld anzunehmen, da ich sonst mein Land verloren hätte, ohne etwas zu bekommen,“ so Tatay Nelson.

Aus der Ferne zeigt Tatay Nelson sein Land, das von einem koreanischen Unternehmen zu einem Golfplatz ausgebaut wird.

„Wir sind keine Sklaven in unserem eigenen Land“

Die Gemeinde hat sich an die lokalen und nationalen Behörden gewandt, um gemeinsam ihre Besorgnis über die fehlende Konsultationvor der Bauphase zum Ausdruck zu bringen. Sie reichten Briefe und Petitionen bei verschiedenen Regierungsstellen ein, um ihren Widerstand zu bekunden und auf ihr rechtmäßiges Eigentum an ihrem angestammten Land hinzuweisen.

„Wenn ich die Möglichkeit hätte, würde ich gerne mit der Asiatischen Entwicklungsbank, Investoren und Unternehmen sprechen, um sie zu fragen, warum sie das Projekt New Clark City unterstützen, das schamlos unsere Rechte verletzt,” erklärt Häuptling Pet.

Während der Pandemie hat der Straßenbau nie aufgehört. Wegen dem verhängten Lockdown können sich die Dorfbewohner*innen jedoch nur noch eingeschränkt bewegen und die Bauarbeiten überwachen. Seither versammeln sie sichin einem Gebiet in der Nähe der Gemeindekirche, um die Koordination und die Mobilisierung der Gemeinschaft zu erleichtern. In den meisten Fällen mussten diejenigen, die die Gemeinde besuchen wollten, vor dem Betreten des Gebietes die privaten Sicherheitsleute um Erlaubnis bitten.

Häuser von Dorfbewohnerinnen, die beschlossen haben, sich in der Nähe der Gemeindekirche niederzulassen.*

„Wenn sie Straßen bauen wollen, einfach nur Straßen, werden wir es ihnen erlauben. Aber wenn sie versuchen, sich unser Land anzueignen und unsere heiligen Stätten und Grabstätten zu zerstören, werden wir uns wehren,“ sagt Häuptling Pet. „Wir sind nicht gegen die Entwicklung. Wir wollen sogar, dass die Regierung Schulen für unsere Kinder baut. Aber wenn ihre Vorstellung von Entwicklung bedeutet, uns von unserem Land zu vertreiben und die Ayta Hung-ey auszulöschen, dann sind wir gegen Entwicklung.“

Ihre Vorfahren widersetzten sich der spanischen Kolonialisierung und schlossen sich der HUKBALAHAP – einer kommunistischen Guerillabewegung – an, um ihr Land und ihr Territorium gegen die japanische Invasion zu verteidigen. Für die Ayta Hung-ey ist der Schutz des Landes ihrer Vorfahren ein kollektiver Entschluss.

„Es ist nur richtig, für unser Land zu kämpfen. Dieses Land ist unser Leben und unsere Identität – ohne es werden die Ayta Hung-ey nicht überleben,“ so Häuptling Pet.

Carlo Manlansan ist der Fotojournalist von Bulatlat und Gemeinschaftsorganisator für Südostasien beim International Accountability Project (IAP).

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Available in
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Author
Carlo Manlansan
Translators
Valentin H. and Tim Steins
Date
11.10.2022

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