Social Justice

Am Rande der Gesellschaft: Indiens Sexarbeiter*innen

Indiens Sexarbeiter*innen, die ohnehin am Rande der Gesellschaft leben, wurden von der Pandemie hart getroffen.
Mit der Ankündigung eines nationalen Lockdowns wurden die Rotlichtviertel der indischen Städte zu No-Go-Zonen.
Mit der Ankündigung eines nationalen Lockdowns wurden die Rotlichtviertel der indischen Städte zu No-Go-Zonen.

Anmerkung der Redaktion: Dieser Artikel ist Teil der Serie “Unmasking Southasia: The pandemic issue.” von Himal Southasian. Die Einleitung der Redaktion zur Serie lässt sich hier lesen.

Um zehn Uhr morgens sind die Geschäfte geöffnet, doch in Sangli, 376 Kilometer von Mumbai entfernt, verstauben die Waren in den Regalen. Kiran Deshmukh wachte ohne große Eile auf. Die leeren Straßen ließen vermuten, dass sie wenig zu tun haben würde.

Deshmukh ist seit 27 Jahren Sexarbeiterin in Sangli. Sie war erst 16 Jahre alt, als sie aus Pune weglief und durch Zufall in der Stadt landete. Da sie noch nie in einem Zug gesessen hatte, stieg sie in Sangli aus: sie glaubte, es sei Kolkata. Sie genießt die Freiheit, die ihr die Sexarbeit bietet, vor allem die Möglichkeit, zu ihren eigenen Zeiten und zu ihren eigenen Bedingungen zu arbeiten. Das hat es ihr ermöglicht, ein Haus zu kaufen und drei Kinder großzuziehen und ihnen Bildung zu ermöglichen. Deshmukh arbeitet zudem seit über einem Jahrzehnt für Sangram, eine Organisation, die sich auf die Prävention von geschlechtsspezifischer Gewalt und HIV/AIDS konzentriert. Sie leitet jetzt die Niederlassung in Sangli. In letzter Zeit, als die Arbeit knapp wurde und man sich um die Kunden stritt, wurde sie damit beauftragt, den Frieden zwischen den Mitgliedern ihrer Gemeinschaft zu bewahren.

Abends macht Deshmukh ihre Runde. Es ist 3 Uhr morgens, als sie sich ins Bett legt – erschöpft, hungrig, ohne Verdienst für die Nacht. Selbst ihre Stammkunden zögern, sie aufzusuchen, aus Angst vor einer COVID-19-Übertragung.

Die meisten der geschätzten 1,26 Millionen weiblichen indischen Sexarbeiterinnen – eine Schätzung aus einem Bericht der Nationalen AIDS-Kontrollorganisation (NACO) von 2010-2011 – waren von dem Lockdown betroffen. (Eine weitere Erhebung des “”Joint United Nations Programme on HIV and AIDS (UNAIDS) aus dem Jahr 2016 schätzte die Zahl der Sexarbeiterinnen in Indien auf 657.800, obwohl die tatsächliche Zahl wahrscheinlich viel höher ist. Es gibt keine staatlichen Daten über diese Gruppe, die immer am Rande der indischen Gesellschaft gelebt hat. Dieser Mangel an Daten hatte nach der Verbreitung von COVID-19 konkrete Auswirkungen.

Keine Zeit zur Vorbereitung

Am 25. März 2020 verordnete die indische Regierung als Maßnahme gegen den Ausbruch des Virus einen Lockdown. Premierminister Narendra Modi verkündete die Absicht der Regierung nur einen Tag zuvor, am 24. März. Von einem Tag auf den anderen saßen Millionen von Wanderarbeiter*innen fest und hatten keine Möglichkeit, Geld zu verdienen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten oder nach Hause zu reisen. Ihre Notlage verschlimmerte sich, als das Reisen zwischen den Bundesstaaten verboten wurde, auch wenn die Umsetzung unterschiedlich war.

Für Sexarbeiter*innen in ganz Indien bedeutete dies, dass sie keine Kunden mehr hatten. Die Plötzlichkeit der Ankündigung ließ ihnen keine Zeit, sich darauf vorzubereiten. Wie viele Sexarbeiter*innen hatte Deshmukh nur geringe Ersparnisse. Bevor COVID-19 kam, verdiente sie 500 INR (5,72€) pro Kunde.

Die Regierung sagte zunächst, der Lockdown würde 21 Tage dauern. Dann, als sich COVID-19 schnell in indischen Städten ausbreitete, wurde er viermal bis zum 31. Mai 2020 verlängert. Drei Monate lang blieb Deshmukh, wie viele Inder*innen, in ihrer gemieteten Wohnung. Ihre Kinder und ihre Kolleginnen konnte sie nicht erreichen, ihre Kundschaft verschwand. Da sie an bereits bestehenden Krankheiten wie HIV-2 und einem chronischen Leistenbruch leidet, konnte Deshmukh nicht einmal reisen, um Medikamente zu bekommen oder einen Arzt aufzusuchen. Schließlich konnte sie mit Sangrams Hilfe Medikamente besorgen, doch die ständigen Schmerzen in ihrer Leiste ließen sie nicht los.

Am 22. März schickte das Ministerium für Gesundheit und Familienwohlfahrt eine Mitteilung an alle indischen Krankenhäuser, in der sie angewiesen wurden, sich auf einen Zustrom von COVID-19-Fällen vorzubereiten. Der Ratschlag lautete auch, dass Menschen nicht zu regulären Ambulanzbesuchen kommen sollten und dass die Behandlung von Personen mit Grippe und anderen Symptomen, die mit COVID-19 in Verbindung gebracht werden, Priorität haben sollte. Selbst nachdem der Lockdown beendet war, konnten Sexarbeiter*innen wegen der isolierten Stationen nicht in die Krankenhäuser gehen. Nach viel Chaos hörten die Sexarbeiter*innen von Sangli, dass in einer nahe liegenden örtlichen Klinik Medikamente und medizinische Hilfe verteilt wurden. Aber ohne offizielle Ankündigung des Staates gelang es nur einer Handvoll, Hilfe zu bekommen.

Für Lebensmittel waren die Sexarbeiter*innen in Sangli auf Sangram angewiesen und nicht auf die Regierung. Ohne diese Hilfe und ähnliche Programme von Nicht-Regierungsorganisationen in ganz Indien wären Sexarbeiter*innen laut Sudhir, einer Transgender-Sexarbeiterin aus Sangli, verhungert. Da sie kein Geld für die Miete und die steigenden Wasser- und Stromrechnungen hatten, nahmen Sudhir, Kiran und andere Sexarbeiter*innen Kredite bei unregulierten Geldverleihern zu hohen Zinsraten zwischen 40 und 50 Prozent auf.

Schwieriger war die Situation für Sexarbeiter*innen in städtischen Gebieten, wo die Durchsetzung des Lockdowns gleichmäßiger und ausgeprägter war. Eine Studie mit dem Titel “Modelling the Effect of Continued Closure of Red-Light Areas on COVID-19 Transmission in India”, die ursprünglich im Mai 2020 von Forscher*innen der Harvard Medical School, des Massachusetts General Hospital und der Yale School of Public Health veröffentlicht wurde, behauptete, dass die Schließung von Rotlichtbezirken in Mumbai, Neu-Delhi, Nagpur, Kolkata und Pune die Zahl der neuen COVID-19-Fälle um 72 Prozent und die Zahl der Todesfälle um 63 Prozent reduzieren würde. Die Studie wurde in den indischen Medien breit publiziert. Sexarbeiterinnen und Nicht-Regierungsorganisationen protestierten gegen die Studie und wiesen darauf hin, dass sie nicht von Fachleuten überprüft worden war, wobei einige behaupteten, dass die Ergebnisse durch eine bereits bestehende Parteilichkeit verfälscht worden seien. Nach dem Aufruhr wurde am 8. Juli berichtet, dass Yale eine Überprüfung der umstrittenen Studie anordnete.

Mit der Ankündigung des Lockdowns im ganzen Land wurden die Rotlichtbezirke in No-Go-Zonen verwandelt. Lokale Beamte blockierte alle Straßen, die dorthin führten, im Gegensatz zu anderen Gebieten, in denen der Lockdown lockerer umgesetzt wurde. Da NROs und Hilfsorganisationen, die die Rechte von Sexarbeiter*innen überwachen, ihre Arbeit nicht ausführen konnten, berichteten viele, dass sie von der örtlichen Polizei ohne Grund festgenommen wurden. Der Oberste Gerichtshof Indiens erklärte im Jahr 2011 das Recht erwachsener Sexarbeiter*innen auf ein Leben in Würde. Doch am 24. September musste der Oberste Gerichtshof von Mumbai dieses Recht erneut bekräftigen, als er die örtlichen Autoritäten anwies, drei erwachsene Frauen freizulassen, die unrechtmäßig in einer staatlichen Korrektionsanstalt in der Stadt eingesperrt waren.

Die in den Städten lebenden Sexarbeiter*innen, von denen die meisten aus Dörfern in ganz Indien sowie aus Teilen Südasiens stammen, fanden sich auf engem Raum zusammengepfercht, mit wenig bis gar keiner Aussicht auf Arbeit und von der Regierung vernachlässigt. Obwohl die Regierung mehrere wirtschaftliche Hilfspakete und Verteilungsprogramme ankündigte, um Bürger*innen mit niedrigem Einkommen mit dem Nötigsten zu versorgen, waren für die Beantragung dieser Programme zunächst Ausweispapiere wie Rationskarten und Below Poverty Line (BPL)-Karten erforderlich. Über 43 Prozent der indischen Sexarbeiter*innen haben keine Rationierungskarte und nur 13 Prozent haben eine BPL-Karte, berichtete das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) auf der Grundlage von Befragungen im Jahr 2006. Diejenigen, die diese Dokumente besaßen, waren unter dem Lockdown und bekamen nur zwei Tage Zeit, um Hilfe zu beantragen, berichteten sie. Am Ende waren viele monatelang nicht in der Lage, Grundnahrungsmittel und Medikamente aus den COVID-19-Hilfspaketen der Regierung zu beschaffen.

Im Mai führte Prerana eine Umfrage im Rotlichtviertel von Mumbai durch, um die Lebens- und Sozialbedingungen von Sexarbeiter*innen zu erfassen. Die Ergebnisse waren schockierend. Die NRO fand heraus, dass eine Mehrheit der Sexarbeiter*innen aus Kamathipura und Falkland Road (60 und 73 Prozent jeweils) auf Lebensmittelspenden von NROs und der Zivilgesellschaft angewiesen war. Sechsundvierzig Prozent der Frauen in Mumbais Falkland Road hatten sich allein zwischen dem 1. und 15. April Geld geliehen. Viele hatten sich mehrmals 10.000 INR von Geldverleihern geliehen, ohne zu wissen, wie hoch die Zinsen sind, die sie später zahlen müssten.

Für die meisten Sexarbeiter*innen war die Miete der größte Posten. Preranas Umfrage ergab, dass die meisten zwischen 6.000 und 9.000 INR für ein einziges Zimmer zahlten. Das war mehr als das, was es kostete, Räume für das Geschäft in Bordellen zu mieten. In Sangli zahlt Deshmukh INR 5000 an ein Bordell in Gokulnagar in der Nähe ihres Hauses, wo sie Kunden trifft. Andere müssen per Stunde bezahlen oder riskieren, Kunden in irgendeiner dunklen Gasse zu bedienen, was seine eigenen Risiken mit sich bringt.

Die Hijra-Gemeinschaft

Sudhir ist 45 Jahre alt und gehört zur Hijra-Bevölkerung Indiens. Sie studierte Ingenieurwesen und fand einen Job in der Nähe von Sangli, um ihre Mutter und zwei Schwestern zu unterstützen. Leider wurde Sudhir von ihren Vorgesetzten wegen ihrer Transgender-Identität belästigt. Als ihr die Mobbingattacken schließlich zu viel wurden, kündigte sie ihren Job als Ingenieurin und zog zurück nach Hause. Hier lernte sie andere Menschen aus der Transgender-Gemeinschaft kennen und begann bei Sangram zu arbeiten. Ein Mangel an Alternativen führte sie zur Sexarbeit.

Als Teil der Hijra-Gemeinschaft muss Sudhir strenge Regeln befolgen. Vor der Entscheidung des indischen Obersten Gerichtshofs von 2014, das dritte Geschlecht anzuerkennen, war die Hijra-Gemeinschaft aufgrund von Gesetzen aus der Kolonialzeit brutalen Schikanen ausgesetzt. Sechs Jahre später sind die gesellschaftliche Stigmatisierung und die auf Selbstverteidigung ausgelegte Natur ihrer Gesellschaft immer noch intakt.

Hijras leben innerhalb ihrer Gemeinschaft und unterstehen einem Ältesten oder einer “Höhlenmutter”, die als nayaks und gurus bekannt sind. Die Regeln, die ihnen vorgegeben werden, sind unnachgiebig – Sudhir sagt, dass Hijras nicht offen sagen können, dass sie Sexarbeit machen, und dass sie wahrscheinlich ausgestoßen werden, wenn sie dies öffentlich bekannt geben. Diejenigen, die wie Sudhir wahrheitsgemäß über ihre Arbeit sprechen, können nicht an den anderen einkommensschaffenden Aktivitäten der Hijra-Gesellschaft teilnehmen.

Trotz dieser Regeln waren nach einer Schätzung von Indiens Nationaler AIDS-Kontrollorganisation, von 62.137 Transgender-Personen in Indien 62 Prozent in der Sexarbeit tätig.

Nachdem Transgender-Aktivist*innen an die Unionsregierung über ihre Notlage geschrieben hatten, wurde angekündigt, dass das Nationale Institut für soziale Verteidigung (NISD), das dem Ministerium für soziale Gerechtigkeit und Empowerment untersteht, den Gemeindemitgliedern einen Betrag von 1500 INR pro Monat gewähren würde. Der Antrag für den Zuschuss war auf der Website des NISD verfügbar und somit für Menschen ohne Computer oder Daten auf ihren Mobiltelefonen nicht zugänglich. Diejenigen, die nicht lesen und schreiben konnten, waren ratlos. Nur wenige waren in der Lage die erforderlichen Formulare auszufüllen, um Hilfe zu erhalten. Nach fünf Tagen war das Formular auf der Website nicht mehr verfügbar und zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieser Geschichte ist es immer noch unzugänglich. Nur 24 der 75 Antragsteller*innen aus Sangli haben bis heute Fördergelder erhalten. Nach dem ersten Monat blieben die staatlichen Gelder aus. Seit April hat niemand mehr einen Pfennig erhalten, sagte Sudhir.

In einem Interview mit The Wire bestätigte Meera Sanghamitra, Trans-Aktivistin und Koordinatorin der “National Alliance of People's Movement” in Telangana, dass weniger als ein Prozent der Transgender-Gemeinschaft in Indien NISD-Hilfe erhalten haben.

Sudhir war auf Sangram angewiesen, um Essen zu bekommen, und auf ein paar Förderer, die von Zeit zu Zeit Geld auf ihr Gpay-Konto einzahlten, um Miete und Rechnungen zu bezahlen. Zu Hause verließen sich ihre Mutter und ihre Schwestern darauf, dass sie ihr Einkommen einbrachte. Das erzeugte weiteren Druck und ließ ihre Depressionen und Ängste auf ein fast unkontrollierbares Niveau ansteigen. "Ich habe in den letzten sechs Monaten oft über Selbstmord nachgedacht", sagt sie.

Abgeschnitten von Unterstützung

In einer Studie aus dem Jahr 2019 fanden Forscher*innen heraus, dass 68 der 100 befragten Sexarbeiter*innen im Alter von 18 bis 28 Jahren mindestens einmal in ihrem Leben einen Selbstmordversuch unternommen hatten. Zweiunddreißig hatten mindestens zweimal im Jahr versucht, ihr Leben zu beenden. Die Studie ergab, dass es eine starke Beziehung zwischen der Anzahl der Jahre kommerzieller Sexarbeit und der Anzahl und dem Muster der Selbstmordversuche gab. Selbst unter den erfahreneren Arbeiterinnen im Alter zwischen 30 und 45 Jahren (von denen weitere 100 befragt wurden) hatten 70 in den letzten zwei Jahren einen Versuch unternommen.

Die Dezimierung der Lebensgrundlagen der Sexarbeiter*innen durch COVID-19 hat diese Zahlen in ein scharfes Licht gestellt. Sangeeta, die 36 Jahre alt ist, erinnerte sich an den Tod einer Freundin, nur wenige Tage nachdem der Lockdown angeordnet worden war. Sangeeta traf Neha (Name geändert), als diese dem Nationalen Netzwerk der Sexarbeiter*innen (NNSW) half, eine Umfrage durchzuführen, um herauszufinden, was die Menschen brauchen. Die junge Frau war sehr ängstlich und sagte immer wieder, sie habe kein Geld, keine Kunden und fühle sich fiebrig. Sie fragte immer wieder, wann der Lockdown enden würde, erinnert sich Sangeeta.

Sangeetas Stimme zittert, als sie Nehas Geschichte nacherzählt. "Ich sagte ihr, dass wir alle in der gleichen Lage sind ... Ich sagte, ich würde sie treffen, nachdem meine Arbeit für NNSW für den Tag beendet war." Das war das letzte Mal, dass jemand Neha lebend gesehen hat. Die 30-Jährige wurde am nächsten Morgen tot in ihrem gemieteten Zimmer gefunden. Niemand hörte ihre Schreie, nur ihr Vermieter schaute in den frühen Morgenstunden nach ihr.

Um die Sache noch schlimmer zu machen, weigerte sich der örtliche Rettungsdienst, Nehas Überreste zu ihrer Familie in Karnataka zu transportieren. Schließlich erklärte sich ein Freund mit Auto und Führerschein bereit, das zu übernehmen, verlangte aber 40.000 INR für die Mühe.

Sudhir erinnerte sich auch an eine Kollegin aus der Transgender-Gemeinschaft, die während dem Lockdown durch Selbstmord starb. Die Person lebte allein in einem Dorf 50 Kilometer von Sangli entfernt. Der Lockdown isolierte sie von der Hijra-Gemeinschaft. Aufgrund von Stigmatisierung und familiärer Verlassenheit sind Transgender-Frauen und -Männer auf der ganzen Welt anfälliger für Depressionen, und das gilt auch für indische Hijras. Sudhir erinnerte sich daran, dass sie sie wiederholt in einem Zustand der Angst anriefen. Bewegungseinschränkungen verhinderten, dass jemand aus der Gemeinschaft sie besuchen oder nach Sangli bringen konnte. Zwei Tage vergingen, bevor Sudhir und andere Mitglieder der Gemeinschaft vom Tod ihrer Freundin erfuhren.

Um den Selbstverletzungsmustern von Sexarbeiter*innen entgegenzuwirken, halten Mitglieder der Gemeinschaft wie Kiran und Sudhir in Zusammenarbeit mit Sangram, NNSW und Prerana regelmäßig Zoom-Treffen mit anderen Mitgliedern ab. In diesen Treffen diskutieren sie über Sicherheit, Schutz vor COVID-19 und psychische Probleme.

Leben nach dem Lockdown

Am 1. Juli kündigte die indische Regierung Lockerungsmaßnahmen an, mit einer schrittweisen Öffnung in mehreren Phasen außerhalb der Sperrgebiete. In der jüngsten Phase, Unlock 6.0, wurden einige höhere Einrichtungen für postgraduierte Studierende geöffnet. Nach Monaten des Lebens von der Hand in den Mund und mit der weiteren Ausbreitung von COVID-19 im ganzen Land scheint es wenig Raum für Sexarbeit zu geben, welche körperliche Nähe erfordert. Viele Sexarbeiter*innen in Großstädten wie Delhi, Mumbai und Kolkata kehrten in ihre Dörfer zurück.

Aber so wie Wanderarbeiter*innen quer durch das Land reisten, nur um von den Menschen in ihren Dörfern gemieden zu werden, wurden auch Sexarbeiter*innen daran gehindert, nach Hause zurückzukehren. Viele Frauen äußerten diese Sorge gegenüber Freiwilligen von Prerana. Sie waren sich sicher, dass ihre Familien sie nicht willkommen heißen würden, wenn sie kein Geld zu bieten hätten.

Diejenigen, die in den städtischen Rotlichtvierteln blieben, sahen sich mit einer anderen Notlage konfrontiert. Der Lockdown war zwar beendet, aber ohne die Rückkehr der Wanderarbeiter*innen hatten sie keine Kunden. Wo es sie gab, verängstigte die fortgesetzte Ausbreitung von COVID-19 alte und neue Kunden gleichermaßen, obwohl die Gemeinschaft der Sexarbeiter*innen aktiv daran arbeitete, die Übertragung zu begrenzen.

Wie bei HIV haben sich Sexarbeiter*innen schnell über die Übertragungswege von COVID-19 informiert und ihre Kunden aufgeklärt. In ganz Indien haben die Sexarbeiter*innen Sicherheitsrichtlinien entwickelt. Ihre Kunden müssen eine Maske tragen und dürfen sie nicht abnehmen, auch nicht beim Geschlechtsverkehr. Küssen ist nicht mehr erlaubt. In Bordellen und privaten Arbeitsräumen stellen die Sexarbeiter*innen Eimer vor ihren Zimmern auf und bitten ihre Kunden, sich Hände und Füße zu waschen. Desinfektionsmittel sind ein Muss und die Kunden werden aufgefordert, ihre Schuhe draußen zu lassen und ihre Füße zu waschen, bevor sie die Räume betreten. Wenn ein Kunde sich weigert, wird er nicht in den Raum oder das Bordell gelassen und die Sexarbeiter*innen verweigern ihre Dienste.

In städtischen Rotlichtvierteln wie der GB Road in Neu-Delhi haben die Bordelle die gleichen Richtlinien eingeführt. Die meisten Gebäude haben große Flaschen mit Desinfektionsmitteln und Kisten mit Gesichtsmasken in den Lobbys. Kunden beschweren sich, dass die Maßnahmen nicht angenehm sind. Aber Sexarbeiter*innen erklären, dass es für die Sicherheit aller ist, sagt Neha (Name auf Wunsch geändert), die ein Bordell in der GB Road betreibt. Aufgrund ungenügender Forschung und weit verbreiteter Fehlinformationen über die Übertragungswege von COVID-19 hat die Pandemie selbst jene Sexarbeiter*innen verängstigt, die mit dem HIV-Virus zu tun hatten.

Pushpa (Name auf Wunsch geändert) sitzt neben Neha, während wir Wasser trinken und im heißesten September in Neu-Delhi seit einem Jahrzehnt schwitzen. Die Nachricht von asymptomatischen Trägern des Coronavirus hat die Gemeinschaft in ihren Grundfesten erschüttert. Das und die Wahrscheinlichkeit, mit jemandem in Kontakt zu kommen, der krank ist, aber keine Vorsichtsmaßnahmen ergreift, hat sie dazu veranlasst, auf strengen Richtlinien für die Bereitstellung von Dienstleistungen zu bestehen. Nicht jeder versteht oder schätzt es, von Sexarbeiterinnen über Sicherheitsmaßnahmen belehrt zu werden, und die Einführung dieser Maßnahmen hat zu Geschäftseinbußen geführt, sagt Pushpa. "Aber das ist besser, als unser Leben zu verlieren", fügte sie hinzu.

Viele Sexarbeiter*innen haben alternative Wege gefunden, um ihren Geschäften nachzugehen. Amol, ein 27-jähriger männlicher Sexarbeiter, hat auf Dating-Apps wie Grindr zurückgegriffen, um neue Kunden zu finden. Für ihn und andere Sexarbeiter*innen ist es normal, Whatsapp-Video- und Voice-Chats sowie Cybersex anstelle von persönlichen Beziehungen zu nutzen.

Das verringert das Infektionsrisiko sowohl für die Sexarbeiter*innen als auch für die Kunden, die nicht in körperlichen Kontakt kommen müssen. Auf ausdrücklichen Wunsch verschicken Sexarbeiter*innen Bilder und aufgenommene Videos. Mit Rücksicht auf ihre Privatsphäre und Geschichten über Männer, die kompromittierende Videos ohne Zustimmung hochladen, bitten sie ihre Kunden jedoch immer, die Mediendateien zu löschen, nachdem sie fertig sind, sagte Amol.

Diese neuen Methoden sind nicht ohne ihre eigenen Risiken und Fallstricke. Für die Bereitstellung von digitalem Vergnügen können Sexarbeiter*innen bis zu 300 INR verdienen (ein starker Rückgang gegenüber den 500 bis 600 INR für persönliche Dienstleistungen).

Es ist nicht ungewöhnlich, dass Sexarbeiter*innen ihre Dienste anbieten, nur um dann von einem Kunden gesagt zu bekommen, dass ihre Daten nicht funktionieren, oder dass sie das Geld anschließend über Google Pay schicken werden. Aber diese Versprechen werden fast nie eingehalten. Sie schalten ihre Telefone aus und lassen die ArbeiterInnen ohne die Möglichkeit zurück, sie zu finden oder zu erreichen, um die Bezahlung einzufordern.

Männer, die Sex mit Männern haben (MSM) wie Anmol führen ein Doppelleben. Ihre Familien wissen nicht, dass sie Sexarbeiter sind – viele sagen, sie hätten eine Nachtschicht in einem Büro oder würden nachts Taxi fahren. Tagsüber tragen sie zu Hause Hose und Hemd, nachts ziehen sie sich Frauenkleider an.

Die Geheimhaltung ihres Lebensunterhalts macht MSMs und Transgender-Sexarbeiter*innen besonders erpressbar. Auch weibliche Sexarbeiterinnen werden nicht verschont. Kushwa (Name auf Wunsch geändert), eine 30-jährige Sexarbeiterin aus Maharashtrien, erstattete kürzlich Strafanzeige gegen einen Kunden, weil er ohne ihre Zustimmung kompromittierende Videos an seine Freunde weitergegeben hatte. Der Mann versuchte zunächst, Kushwa zu erpressen, aber sie hatte kein Geld, um ihn zu bezahlen. Dann begann er, die Videos an ihre Bekannten zu verkaufen. Wie viele Sexarbeiter*innen verheimlicht Kushwa ihren Beruf vor ihrer Familie, auch vor ihren beiden Kindern.

NNSW und Sangram halfen Kushwa, sich bei der örtlichen Polizei zu beschweren. Ihre Mitarbeiter*innen brachten ihr bei, wie man eine Erstanzeige (FIR) einreicht. Anfangs wollte die Polizei nicht in die Beschwerde schreiben, dass Kushwa eine Sexarbeiterin ist, weil sie meinte, das würde ihren Fall schwächen. Aber Kushwa bestand darauf, denn wenn der Fall vor Gericht kommt, würde die Richterbank wahrscheinlich nachteilige Schlüsse ziehen, wenn sie Informationen in ihrer Beschwerde zurückhielte, betonte sie.

Ein Hoffnungsschimmer vom Obersten Gerichtshof

Am 29. September wies der Oberste Gerichtshof Indiens alle Bundesstaaten an, Sexarbeiter*innen Trockenrationen zu geben, ohne auf Ausweispapieren zu bestehen. Allerdings gab es Vorbehalte – das Gericht sagte, dass die Rationen für Sexarbeiter*innen zur Verfügung stehen würden, die von Indiens Nationaler AIDS-Kontrollorganisation (NACO) und den Justizbehörden der Bezirke identifiziert worden waren.

Meena Seshu sagte, dass diejenigen, die nicht registriert waren, zur Bezirksrechtsbehörde gehen und sich dort eintragen lassen konnten, damit sie Rationen erhalten konnten.

Aber das könnte Auswirkungen auf Sexarbeiter*innen haben, die ihren Beruf nicht öffentlich bekannt gemacht haben – sei es in ihrer Nachbarschaft oder im Bezirk. Solche Sexarbeiter*innen haben eine bittere Wahl: hungern oder zur Bezirksrechtshilfebehörde gehen, in dem Wissen, dass ihre Gemeinschaft sie und ihre Kinder ächten wird, wenn sie entdeckt werden.

In einem Ratschlag vom 7. Oktober über die Rechte von Frauen während der Pandemie hat die Nationale Menschenrechtskommission (NHRC) Sexarbeiter*innen als informelle Arbeiter*innen anerkannt, was den indischen Sexarbeiter*innen, die von den COVID-19-Hilfspaketen der Regierung ausgeschlossen waren, Türen öffnet und die Stigmatisierung des Berufsstandes verringert.

Doch die Empfehlung der NHRC wird nicht von allen Beteiligten begrüßt. Einige Nichtregierungsorganisationen zur Bekämpfung des Menschenhandels, allen voran Prajwala, haben sich in einem Schreiben an die NHRC vehement dagegen ausgesprochen, mit der Begründung, dass Sexarbeit nach dem indischen Immoral Traffic (Prevention) Act illegal ist und die meisten Frauen den Beruf nicht freiwillig ausüben. Statt einer formellen Anerkennung forderten diese Organisationen Entlastung, Hilfe und Stipendien. Aus Angst, dass der erste Sieg, den sie seit März errungen hatten, zunichte gemacht werden könnte, reagierten 12.000 Sexarbeiter*innen und Frauenrechtsaktivist*innen, indem sie ebenfalls an die NHRC schrieben und die Organisation aufforderten, ihre Berufswahl zu respektieren.

Am 20. Oktober wandte sich Modi an das Land und forderte die Bürger*innen auf, sich daran zu erinnern, dass der Lockdown zwar vorbei war, das Virus aber weiter existierte. Er forderte die Öffentlichkeit auf, zu Hause zu bleiben, soziale Distanz zu wahren und ihre Masken zu tragen. Da die Fälle in Delhi erneut eskalieren, ist ein weiterer Lockdown nicht ausgeschlossen. Aber für die Sexarbeiter*innen, die bereits mit geliehenem Geld leben, wäre eine weiterer Lockdown niederschmetternd. Sie waren schon vor der Pandemie verwundbar und sie werden es auch in Zukunft bleiben.

Avantika Mehta ist eine unabhängige Journalistin mit Sitz in Neu-Delhi. Sie berichtet über Themen aus den Bereichen Recht, Gender und Kriminalität. Sie studierte am Iowa Writers Workshop.

Foto: Vikalp Women's Group, India / Flickr

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Available in
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Author
Avantika Mehta
Translator
Nicole Millow
Date
04.02.2021

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