Labor

Türkei: „Unsere Feinde intensivieren die Ausbeutung der Arbeiter*innen und die Zerschlagung der Gewerkschaften.“

Ein türkischer Lagerarbeiter erzählt, wie der Streik gegen einen Einzelhandelsriesen Teil eines globalen Kampfes für angemessene Löhne, sichere Arbeitsbedingungen und das Recht auf gewerkschaftliche Organisation ist.
In diesem Interview berichtet Bala Ulaş Ersay, ehrenamtlicher Organisator und Mitglied des internationalen Outreach-Teams bei der Gewerkschaft DGD-Sen, über den anhaltenden landesweiten Streik der Lagerarbeiter*innen von Migros in der Türkei. Dieser wurde wegen der Hungerlöhne und der illegalen Taktik des Unternehmens ausgelöst, Mitarbeitende neu einzustufen, um eine Gewerkschaftsbildung zu verhindern. Er erklärt, wie der Kampf von unten gegen Einzelhandelsriesen und manchmal auch gegen deren bevorzugte, weniger militante Gewerkschaften ein Kampf für das Recht auf gewerkschaftliche Organisation ist. Dabei knüpft er direkte Verbindungen zwischen der Solidarität der Lagerarbeiter*innen, der Arbeitssicherheit und dem Potenzial, dass sich auch wichtige Hafenarbeiter*innen organisieren.

Tanya Singh: Können Sie uns etwas über Ihre Gewerkschaft erzählen?

 

Bala Ulaş Ersay: Im Jahr 2013 wurde DGD-Sen von Beschäftigten gegründet, die aus den Lagerhäusern von Migros Türkei entlassen worden waren – dem gleichen Unternehmen, gegen das wir jetzt streiken. Als sie 2009 zum ersten Mal versuchten, sich zu organisieren, wollte keine der traditionellen Gewerkschaften die im Untervertrag beschäftigten Lagerarbeiter*innen aufnehmen. Also mussten sie ihre eigene Gewerkschaft gründen, eine, die sich tatsächlich gegen die prekäre, von Subunternehmen bereitgestellte Arbeit in diesen riesigen Einzelhandelslagern wehren würde.

 

Dies geschah zu einer Zeit, als sich der Einzelhandel in der Türkei im Umbruch befand. Diese großen Unternehmen existierten bereits seit den 1980er Jahren, aber nach der neoliberalen Wende in den 1990er und 2000er Jahren schluckten sie kleine Geschäfte und bauten riesige Lagerhäuser am Rande von Städten wie Istanbul. Dort hat DGD-Sen Fuß gefasst.

 

Aber es gab von Anfang an eine Hürde. Die Abänderung des Beschäftigungsstatus dank Lücken im türkischen Gesetz ist eine gängige Taktik unter den Unternehmen. Bisher wurden Lagerarbeiter*innen von ihren Arbeitgebern in der Regel in die Berufsgruppen „Schiffbau, Seeschifffahrt, Lagerhaltung und Lagerung“ sowie „Transportwesen“ unterteilt – ein juristischer Trick, der sie daran hinderte, eine Gewerkschaft zu wählen, sich zu vereinen und einen echten Tarifvertrag auszuhandeln. Dies ist ein klarer Betrug, da den Arbeitnehmer*innen damit ihre Gewerkschaftsrechte entzogen werden. Seit ihrer Gründung kämpft die DGD-Sen in einem Rechtsstreit gegen diese gewerkschaftsfeindliche Praxis. Angesichts der raschen Ausbreitung des landesweiten Streiks erklärte Migros, alle Fremdarbeiter*innen in seinen Lagerhäusern fest anzustellen, dabei aber auch ihren beruflichen Status in „Handels-/Büroangestellte” zu ändern, um zu verhindern, dass die Gewerkschaft DGD-Sen sich in den Lagerhäusern organisieren kann.

 

Im Jahr 2022 lösten wir einen Streik im Migros-Lagerhaus in Esenyurt, Istanbul, aus, der etwa 16 Tage dauerte. Als das Unternehmen begann, Organisatoren zu entlassen, brachte DGD-Sen die Protestaktion direkt vor die Villa des Firmeninhabers. Dort hielten wir eine friedliche Demonstration ab, um Druck auf die Unternehmensleitung auszuüben, damit sie die DGD-Sen anerkennt und formelle Verhandlungen mit der Gewerkschaft aufnimmt, aber die Polizei nahm die Organisator*innen und Migros-Mitarbeitenden fest.

 

Jetzt passiert es wieder, aber dieses Mal hat es sich wie ein Lauffeuer verbreitet: Zwölf Lagerhäuser in zehn Städten in der Türkei. Nachdem sie diese Fortschritte erkannten, begannen sich auch Beschäftigte anderer Einzelhandelsriesen unter dem Dach der Gewerkschaft DGD-Sen zu organisieren. Sie gründeten Ausschüsse, und einige dieser Lagerhäuser haben bereits eigene Streiks ausgerufen. Zum ersten Mal in der Geschichte der DGD-Sen haben wir eine echte Chance, mehrere Tarifverträge auf einmal abzuschließen.

 

TS: Wofür streiken die Arbeiter*innen?

 

BUE: In der Türkei haben die meisten Unternehmen zum Jahresbeginn keine neuen Gehälter bekanntgegeben. Man kennt sein neues Gehalt erst im Februar, wenn es auf dem Bankkonto eingeht. Migros beging jedoch einen strategischen „Fehler“: Es gab die neuen Löhne ihrer Mitarbeitenden eine Woche zu früh bekannt und ging davon aus, dass die Angestellten annehmen würden, eine angemessene Gehaltserhöhung erhalten zu haben. Die Arbeiter*innen sahen die Zahlen – kaum ein Prozent über dem Mindestlohn, weit unterhalb der Armutsgrenze – und platzten vor Wut. Sie wandten sich an uns und haben sich schnell mobilisiert.

 

Wir hatten bereits zahlreiche Mitglieder im Lagerhaus in Esenyurt, und als dort die Streikvorbereitungen begannen, schlossen sich uns auch die Beschäftigten von anderen Standorten an. Diese Ausweitung ist entscheidend. Wäre es nur ein Lagerhaus gewesen, hätte der Streik keine so starke Wirkung gehabt wie jetzt. Aber nun ist er landesweit verbreitet und zieht auch andere Teile der Arbeiterklasse an.

 

Das Gehaltsangebot war ein Hungerlohn. Durch die Inflation verlieren Arbeitnehmer*innen innerhalb eines Monats drei bis vier Prozent ihres Gehalts. Bis zur Jahresmitte sind ihre Löhne durch Steuern und die Inflation versiegt. Davon kann man nicht leben, auch wenn man keine Familie hat.

 

Aber neben den Löhnen gibt es noch einen weiteren Übergriff, den wir sehr ernst nehmen: die illegale Änderung des Beschäftigungsstatus von Arbeitnehmer*innen. 

 

TS: Könnten Sie erläutern, warum der Versuch von Migros, die Beschäftigten aus dem Sektor 16 (Transport/Lagerung) in den Sektor 10 (Handel/Büro) umzustufen, gefährlich ist? Inwiefern schadet dies der Sicherheit der Arbeiter*innen und der Gewerkschaft?

 

BUE: Der Berufszweig Handel/Büro hat in der Türkei vier Millionen registrierte Arbeitnehmer*innen, und es gibt praktisch nur zwei Gewerkschaften mit genügend Mitgliedern, um einen Tarifvertrag für diese Beschäftigten abzuschließen: Tez-Koop-İş und Koop-İş sind beide arbeitgeberhörige Gewerkschaften. Die Übernahme der Beschäftigten des Subunternehmers in die Migros-Belegschaft war eine unserer Forderungen, als wir in den Streik traten, und darauf bestehen wir nach wie vor. Migros hat jedoch angekündigt, dass es die Übernahme der Mitarbeitenden mit einer Änderung des formellen Beschäftigungsstatus formalisieren wird, nur um die Arbeitnehmer*innen zu zwingen, Mitglieder ihrer bevorzugten unternehmensfreundlichen Gewerkschaft zu werden, und um die DGD-Sen aus ihren Lagerhäusern zu verbannen.

 

Was wir heute deutlich sehen, ist ein systemisches Problem mit vielen Beteiligten. Unternehmen können den Beschäftigungsstatus ihrer Arbeitnehmer*innen unverzüglich ändern, um eine unabhängige Gewerkschaft zu verdrängen und ihre Mitarbeitenden zu zwingen, Mitglied in einer Gewerkschaft ihrer Wahl zu werden. Obwohl dies illegal ist, dauern die Gerichtsverfahren bis zu drei Jahre. So werden Arbeiter*innen dazu gedrängt, Mitglieder einer arbeitgeberhörigen Gewerkschaft zu werden. Sie müssen sich dabei mit Hungerlöhnen abfinden, und bis das Gericht zu unseren Gunsten entscheidet, ist der Schaden bereits angerichtet.

 

Es geht auch um die Sicherheit, es ist sogar eine Frage von Leben und Tod. Migros-Lagerhäuser werden wie die Kassen in den Geschäften unter dem Sektor „Handel/Büro” registriert, was weitaus schwächere Sicherheitsvorschriften nach sich zieht. Sie tauschen die körperliche Sicherheit der Arbeitnehmer*innen gegen Kontrolle und Gewerkschaftsbekämpfung ein.

 

Und den Arbeiter*innen bleiben nur zwei „Optionen“, beides unternehmensfreundliche Gewerkschaften, die an eine sogenannte „Gentleman’s Rule“ gebunden sind: Wenn man aus der einen austritt, darf man der anderen nicht beitreten. Man steht völlig allein gegen das Unternehmen, und da sie als verlängerter Arm der Personalabteilung des Unternehmens fungieren, verraten sie oft die Namen der Arbeitnehmer*innen an das Unternehmen und nennen sie „Provokateure“, woraufhin diese entlassen werden. Die Beziehung zwischen der arbeitgeberhörigen Gewerkschaft Tez-Koop-İş und Migros gleicht einer Drehtür der Ausbeutung. Veyzel Cingöz war ein hochrangiges Mitglied der Geschäftsleitung von Tez-Koop-İş und wurde später Eigentümer der Subunternehmerfirma im Lagerhaus von Esenyurt, wo er dieselben Arbeiter*innen ausbeutete, die er zuvor eigentlich hätte vertreten sollen. Dies allein zeigt schon das Ausmaß der Korruption und Straflosigkeit innerhalb dieser Gewerkschaft und wie sie als verlängerter Arm der Personalabteilung des Unternehmens fungiert.

 

Deshalb ist der aktuelle Streik so brisant. Auf seinem Höhepunkt streikten fast 5.500 der 7.500 Lagerarbeiter*innen von Migros – eine absolute Mehrheit, die das Recht auf eine Gewerkschaft ihrer Wahl forderte. Und wie hat das Unternehmen darauf reagiert? Mit der Entlassung von rund 300 aktiven Organisator*innen unter Berufung auf „Code 46“, eine Klausel für Straftaten wie Diebstahl oder Körperverletzung. Sie behandeln Streikende wie Kriminelle, obwohl es illegal ist, Arbeitnehmer*innen vor Verhandlungen zu entlassen.

 

 

TS:  Angesichts der Massenentlassungen bei Migros stellt sich die Frage, wie die Gewerkschaft gegen illegale Unternehmenspraktiken vor Gericht vorgehen und gleichzeitig die Moral und die kollektive Stärke der Arbeitnehmer*innen, die mit solch schwerwiegenden persönlichen und rechtlichen Vergeltungsmaßnahmen konfrontiert sind, aufrechterhalten kann.

 

BUE: Das ist tatsächlich eine gute Frage. Was uns motiviert, ist eine einfache Tatsache: Wir haben dieses brutale Unternehmen bereits einmal besiegt. Im Jahr 2022 haben wir gewonnen – zwar nur in einem Lagerhaus, aber es war ein großer Erfolg. Es war das erste Mal, dass wir offiziell einen Fuß in die Tür stellen konnten. Und nun sind die Pioniere, die diesen Streik anführen, diejenigen, die ihre Erfahrungen aus jenem Kampf gesammelt haben. Sie sind diejenigen, die sagen: „Wenn wir nicht aufgeben, werden wir gewinnen.“

 

Aber wir wissen, dass dies nicht über Nacht geschehen wird. Das Unternehmen und seine Partner sind mächtig und verfügen über starke Verbindungen zu einflussreichen Strukturen. Und jetzt haben sie noch mehr zu verlieren. Uns in ein Lagerhaus hereinzulassen, ist eine Sache, aber eine unabhängige Gewerkschaft in alle Lagerhäuser hereinzulassen, bedeutet, jedes Jahr derselben Gefahr ausgesetzt zu sein. Wenn sie erneut versuchen, Hungerlöhne zu zahlen, können die Beschäftigten im gesamten Netzwerk streiken. Die Unternehmensleitung ist sich dessen bewusst – sie hat in den letzten zwei Wochen bereits massive Umsatzeinbußen hinnehmen müssen, befürchtet jedoch langfristig noch größere Verluste, wenn sie zulässt, dass sich die DGD-Sen in ihren Lagerhäusern organisiert.

 

Anfangs waren einige von uns und unsere Unterstützer*innen etwas verwirrt über ihre Sturheit. Man sieht schließlich, wie die Öffentlichkeit reagiert, boykottiert, protestiert: Warum sollten sie sich die ganze Nation zum Feind machen, nur um ihren Mitarbeitenden ein paar Tausend Lira mehr vorzuenthalten? Aber es geht ihnen nicht wirklich ums Geld. Es geht um Macht. Sie haben große Angst davor, eine unabhängige Gewerkschaft in die Lagerhäuser zu lassen. Und Migros kämpft nicht allein. Die Unternehmensleitung ist Teil der TÜSİAD, einem großen Arbeitgeberverband in der Türkei, dem auch andere Einzelhandelsriesen angehören. Sie alle wissen: Wenn Migros fällt, sind sie alle gefährdet.

 

Derzeit besteht die Haupttaktik des Unternehmens nicht einmal darin, ein formelles, rechtliches Verfahren durchzusetzen, sondern in psychologischer Kriegsführung. In der Türkei erhält man bei einer rechtmäßigen Entlassung eine offizielle Mitteilung von der Sozialversicherungsbehörde. Bei vielen dieser Mitarbeitenden hat das Unternehmen jedoch lediglich eine SMS über seine interne digitale Plattform verschickt: „Hey, deine Arbeit wurde gekündigt.“ Das hat keine rechtliche Grundlage. Sie taten dies willkürlich – einige erhielten offizielle Mitteilungen, viele nicht, einige erhielten sie viel später –, um kollektiv Verwirrung zu stiften und Angst zu schüren. Ziel war, die Arbeiter*innen dazu zu verleiten, zu denken: „Ich habe mehr zu verlieren als zu gewinnen“, und sie so zu erschrecken, dass sie wieder an die Arbeit gingen.

 

Unsere nicht verhandelbare Forderung ist klar: Jeder entlassene Arbeitnehmer muss wieder eingestellt werden. Das ist die Grenze.

 

 

TS: Wie organisiert sich die DGD-Sen, um Falschinformationen entgegenzuwirken und die Arbeitnehmer*innen sowohl rechtlich als auch am Arbeitsplatz vor der Taktik „Spalte und Herrsche“ von Migros zu schützen?

 

BUE: Jedes Mal, wenn die Personalabteilung des Unternehmens eine wichtige Erklärung veröffentlichte, gingen unsere Anwält*innen live. Wir streamten live, analysierten ihre Dokumente Zeile für Zeile und deckten so die Fiktion auf.

 

Und die Arbeiter*innen wussten es. Unsere Anwält*innen konnten die rechtlichen Ansprüche entkräften, aber wenn es um die Zahlen ging – die Boni, die Gehaltsabrechnungen –, waren die Arbeitnehmer*innen selbst der Beweis. Sie sagten uns: „Das haben sie uns im Lagerhaus aber nicht gesagt.“ Wir hörten eine Geschichte aus dem Memo der Personalabteilung und eine völlig andere Realität von den Managern vor Ort.

 

Erst letzte Woche trat der CEO im YouTube-Kanal eines Journalisten auf und stellte dort unerhörte Behauptungen auf. Er sagte, die Löhne der Arbeitnehmer*innen seien bereits deutlich gestiegen. Das ist eine völlige Verzerrung der Tatsachen. Das stimmt vielleicht, wenn man alle Kosten berücksichtigt, die das Unternehmen trägt, aber das ist nicht das, was die Beschäftigten nach Hause bringen. Sie spielen mit Zahlen, verstecken sich hinter komplizierten Bonusstrukturen und bürokratischen Steuervorschriften und versuchen, alle zu verwirren.

 

So wurde unsere Aufgabe zur Übersetzung: Zunächst erklären wir den Arbeiter*innen die Fakten auf einfache Weise. Dann verwandeln wir sie in Darstellungen, die mit den Unwahrheiten aufräumen: klare, öffentliche Richtigstellungen, damit ihre Familien, Unterstützer*innen und die Öffentlichkeit die Lügen durchschauen können. 

 

 

TS: Sie haben erwähnt, dass sich der Streik auch auf andere Einzelhandelsriesen ausgeweitet hat. Konzentriert sich die Strategie von DGD-Sen auch darauf, diesen Moment zu nutzen, um Forderungen im gesamten Einzelhandel mit den Lagerarbeiter*innen zu organisieren und zu koordinieren?

 

BUE: Was jetzt geschieht, ist genau das, was wir uns ursprünglich erhofft hatten. Als der Migros-Streik begann, löste er eine Schockwelle aus. Plötzlich meldeten sich Vertreter*innen anderer Lagerhäuser bei uns – Orte, die wir zuvor nie hatten erreichen können. Wir wussten natürlich, das es sie gibt. Wir hatten sogar anonyme Briefe von Arbeiter*innen dort veröffentlicht, die die Ausbeutung aufdeckten. Aber das ist etwas anderes.

 

Zum ersten Mal schöpfen diese Beschäftigten direkten Mut aus dem Kampf der Migros-Lagerarbeiter*innen. Sie haben begonnen, sich in ihren eigenen Lagerhäusern zu organisieren, und sich an uns gewandt, um bei DGD-Sen aufgenommen zu werden. Derzeit befindet sich der Prozess an diesen anderen Standorten größtenteils in einer Selbstorganisationsphase, aber unsere Organisatoren nehmen nun an ihren Treffen und Streikposten teil. 

 

Die gesamte Arbeiterklasse in der Türkei schaut zu. Sie warten ab, wie diese erste große Schlacht ausgeht. Unser jetziger Erfolg wird für sie das Signal sein, ihre eigenen Kämpfe im ganzen Land zu eskalieren.

 

 

TS: Was kommt für DGD-Sen nach diesem Streik als Nächstes?

 

BUE: Wenn dieser Streik erfolgreich ist, wird er eine Lawine auslösen. Arbeitnehmer*innen anderer Berufsgruppen und Mitglieder anderer Gewerkschaften werden mehr von ihren Unternehmen und Gewerkschaften fordern, da sie wissen, dass die unabhängige Organisation von Angestellten tatsächlich funktioniert und zum Erfolg führen kann. Unseren Kameraden im Ausland kann ich mit Zuversicht sagen, dass diese Lawine uns letztendlich direkt in die Häfen führen könnte. In der Türkei haben Lagerarbeiter*innen denselben beruflichen Status wie Hafenarbeiter*innen. Wenn wir eine unabhängige Gewerkschaft für Lagerhäuser im ganzen Land mit genügend Mitgliedern für Tarifverträge werden können, sind wir auch fähig, Hafenarbeiter*innen zu organisieren – insbesondere in Häfen wie Mersin und Ceyhan, die den Handel mit Israel abwickeln. 

 

Derzeit verfügt keine unabhängige Gewerkschaft über die Tarifverhandlungsmacht, um sich in diesen Häfen durchzusetzen. Aber wenn wir es schaffen, die Mehrheit der Lagerarbeiter*innen in der Türkei zu vertreten – und das ist keine utopische Einschätzung, sondern das direkte Ziel dieses Kampfes –, dann werden wir irgendwann genau das erreichen. Aber die Organisation in den Lagerhäusern ist die ultimative Voraussetzung: Wir müssen unsere Macht in den Lagerhäusern innerhalb dieses Geschäftsbereichs aufbauen, wenn wir jemals die Docks erreichen wollen.

 

Man denke über den Zusammenhang nach: Die arbeitgeberhörige Gewerkschaft Liman-İş, die die Häfen von Mersin und Ceyhan kontrolliert – genau die Häfen, über die Erdöl aus der BTC-Pipeline nach Israel transportiert wird –, gehört zum selben Gewerkschaftsverband wie Tez-Koop-İş, die unternehmensfreundliche Gewerkschaft, gegen die wir in den Lagerhäusern kämpfen. Sie sind zwei Köpfe desselben Ungeheuers. Wenn wir Tez-Koop-İş hier besiegen, könnten wir ihre Macht brechen und Liman-İş dort besiegen.

 

Die DGD-Sen wurde in den Migros-Lagerhäusern gegründet. Wir haben bei verschiedenen Einzelhandelsriesen bereits Streiks gewonnen. Aber wir sind noch nicht auf die Hafenseite dieser riesigen Berufsgruppe gelangt. Wir sind bekannt. Wir haben ein riesiges Solidaritätsnetzwerk unter den Lagerarbeiter*innen – das ist unser Zuhause. Aber wenn wir diesen Teil der Berufsgruppe aus den Fängen der Kollaborateure befreit haben, werden wir nicht aufhören. Sobald wir über die entsprechenden Kapazitäten verfügen, werden wir uns Zugang zu diesen Häfen verschaffen.

 

 

TS: Was ist Ihre wichtigste Botschaft an die Arbeitnehmer*innen weltweit?

 

BUE: Wir müssen erkennen, was wir voneinander lernen können. Diese arbeitnehmerfeindlichen Strukturen – Gewerkschaftsbekämpfung, arbeitgeberhörige Gewerkschaften, neoliberale, unternehmensfreundliche Gesetzgebungen – funktionieren in allen Regionen auf sehr ähnliche Weise. In den 1970er Jahren war es nicht so einfach, eine Gewerkschaft zu zerschlagen. Aber in der heutigen neoliberalen Landschaft ist dies zur Norm geworden. Der einzige Weg, wie wir diese Systeme besiegen können, besteht darin, voneinander zu lernen und echte, umsetzbare Solidarität aufzubauen.

 

Deshalb möchte ich mich direkt an die Arbeiter*innen und Gewerkschaften im Ausland wenden. Verfolgt unseren Kampf. Macht euch bewusst, wogegen wir hier kämpfen. Hier geht es nicht nur um einen Einzelhandelsriesen oder gar den gesamten Einzelhandelssektor. Wir durchbrechen den gesamten Kreislauf der beschleunigten Ausbeutung durch die großen Konzerne und ihr arbeitgeberfreundliches Gewerkschaftssystem.

 

Als der Streik begann, wurden uns schockierende Details über die Geschäftsführung von Tez-Koop-İş aus dem Inneren der Gewerkschaft zugespielt. Wir haben erfahren, dass die Führungskräfte des Unternehmens 500.000 türkische Lira (US$ 11.460) pro Monat verdienen. Vergleicht das mal mit einem durchschnittlichen Lagerarbeiter, den sie angeblich bei Migros „vertreten”, der 28.000 Lira (US$ 642) verdient. 28.000 bis 500.000 Lira, das ist das Gehalt in der obersten Führungsebene der Gewerkschaft. (Laut einem unabhängigen Bericht hat ein leitender Angestellter bei Tez-Koop-İş diese Behauptungen zurückgewiesen und hinzugefügt, sein Gehalt betrage 160.000 Lira ohne Boni, die 500.000 erreichen. Außerdem haben laut dem Bericht ehemalige Gewerkschaftsmanager, die dazu befragt wurden, die Bonuszahlungen teilweise bestätigt.) Und Journalist*innen veröffentlichten Fotos von Hakan Bozkurt, dem Generalsekretär von Tez-Koop-İş in Nordzypern, wie er in Luxus-Casinos an Spielautomaten spielt.

 

Das ist es, wogegen wir kämpfen. Deshalb rufen wir alle Gewerkschaften, die mit ähnlichen unternehmensfreundlichen Gewerkschaftsstrukturen und gewerkschaftsfeindlichen Taktiken konfrontiert sind, dazu auf, sich uns gegenüber solidarisch zu zeigen. Wenn Ihr die Möglichkeit dazu habt, erhebt Eure Stimme und macht deutlich, dass Ihr zu uns steht und gemeinsam mit uns gegen Einzelhandelsriesen und unternehmensfreundliche Strukturen, die sich selbst als „Gewerkschaft” bezeichnen, kämpft. Helft uns dabei, unseren Aufruf zum Boykott der Anadolu Group, der Muttergesellschaft von Migros Türkei (die auch die Biermarke Efes besitzt), zu verbreiten, Tez-Koop-İş bloßzustellen, Fragen aufzuwerfen und Rechenschaftspflicht und Transparenz hinsichtlich ihrer Organisationspraktiken zu fordern.

 

Zeigt Solidarität mit DGD-Sen und den streikenden Beschäftigten in den Migros-Lagerhäusern. Unsere Feinde sind auf der ganzen Welt präsent, arbeiten zusammen und lernen voneinander neue Methoden, um die Ausbeutung der Arbeiterschaft zu intensivieren und Gewerkschaften zu zerschlagen. Und wir können in unseren miteinander verknüpften Kämpfen nur dann siegreich sein, wenn wir uns gegenseitig durch internationale Solidarität stärken.

Available in
EnglishSpanishPortuguese (Brazil)GermanFrenchItalian (Standard)RussianHindi
Author
Tanya Singh
Translators
Nathalie Guizilin and ProZ Pro Bono
Date
11.02.2026
Progressive
International
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