Als der Genosse Gacheke seine Überlegungen zu fünf Jahren Arbeit für soziale Gerechtigkeit in Kenia vorstellte, zeichnete er eine Vision, die eine Generation junger Organisator*innen zutiefst prägte: Zentren für soziale Gerechtigkeit als Plattformen zu bauen, um die Verfassung von 2010 voranzubringen, substantielle Demokratie zu fördern und lebendige Bewegungen von der Basis aus zu kultivieren. Sieben Jahre ist es her, als ich als siebzehnjährige High-School-Absolventin das Mathare Social Justice Centre (MSJC) zum ersten Mal betreten habe. Ich habe miterlebt, wie sich die Bewegung tiefgreifend weiterentwickelt hat und sich von den Mainstream-Ansätzen der Zivilgesellschaft und von Kampagnen zu einzelnen Themen hin zu einer von den Menschen getragenen, themenbezogenen und wirtschaftlich fundierten Form der Organisierung gewandelt hat.
Das MSJC wurde 2014 in Mathare von Einwohner*innen mit dem Ziel gegründet, soziale Gerechtigkeit zu fördern und diese noch partizipativer und menschenzentrierter zu gestalten. Das Zentrum wurde als Raum zur Organisation der Gemeinde, politischen Bildung und kollektivem Handeln eingerichtet und stützt sich auf die Schwierigkeiten und Erfahrungen der Bewohner*innen von Mathare.
Seit seiner Gründung hat sich das MSJC aktiv an zahlreichen Initiativen beteiligt, darunter Volkskampagnen, lokale Versammlungen und Dialoge in den Gemeinden. Auf diese Weise bietet das Zentrum den Bewohner*innen eine Plattform, um ihre Anliegen vorzubringen, systemische Ungerechtigkeiten zu analysieren und gemeinsam Lösungen für Probleme wie vom Staat verübte Tötungen, Polizeigewalt, Zwangsräumungen, wirtschaftliche Marginalisierung und mangelnden Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen zu entwickeln. Das MSJC legt Wert darauf, dass die Gemeinschaft ihre eigene Handlungsfähigkeit aufbaut und so die Bewegung für soziale Gerechtigkeit selbst anstößt.
Dieser Artikel ist sowohl eine Reflexion als auch eine Fortsetzung von Gachekes Reise. Er erzählt die Geschichte, wie sich das MSJC dank Lobbyarbeit, Volksbildung, Initiativen für ökologische Gerechtigkeit, genossenschaftliche Wirtschaft, kulturelle und künstlerische Organisation und dem Mut von Gemeinschaften, die sich weigern, Gewalt und Armut zu normalisieren, verändert hat. Wir beginnen mit meiner eigenen Reise in das MSJC. Diese veranschaulicht, wie ein persönlicher Verlust zu einem kollektiven Kampf führen kann*.*
Ich kam im Jahr 2017 zum MSJC: ich war damals knapp achtzehn Jahre alt und litt unter dem Tod meines Lieblingsonkels, des jüngsten Bruders meiner Mutter, Joseph Kyalo (alias Omari), der Opfer der Polizeimorde geworden war. Zu jener Zeit kam es in Mathare zu unzähligen außergerichtlichen Hinrichtungen, insbesondere von jungen Männern. Der Verlust meiner Familie war kein Einzelfall; er spiegelte ein weitreichendes Muster staatlicher Gewalt wider, die in illegalen Siedlungen als normal galt.
Als ich an einem Samstag an meiner ersten MSJC-Versammlung teilnahm, bereitete das Zentrum die Veröffentlichung seines bahnbrechenden Berichts vor, in dem 803 Fälle von Tötungen durch die Polizei in Mathare und anderen Siedlungen in Nairobi dokumentiert wurden. Zum ersten Mal traf ich auf Menschen, die den Schmerz meiner Familie nicht nur verstanden, sondern ihn auch teilten und ihre Trauer in positive Maßnahmen umwandelten.
Ich begann, mich ehrenamtlich als Menschenrechtsbeobachterin zu engagieren, half Familien, den Tod ihrer Angehörigen zu dokumentieren, begleitete sie zur Unabhängigen Polizeiaufsichtsbehörde, um Rechtsbehelf einzulegen, und trug zu Fällen bei, die später von Organisationen wie der International Justice Mission im öffentlichen Interesse eingeklagt wurden. Heute steht ein berühmt-berüchtigter Beamter, Corporal Rashid, endlich vor Gericht, und ein ehemaliger Stationsleiter von Ruaraka verbüßt nach jahrelanger Solidarität von Seiten des Gerichts eine lebenslange Haftstrafe. Dies sind Beweise dafür, wie gut die Dokumentation an der Basis, die Organisierung und die Weigerung, zu vergessen, funktionieren. Hier begann dann also meine Reise als Community Organizer.
In den ersten Jahren waren die Zentren stark kampagnenorientiert. Verschiedene Orte konzentrierten sich auf abgesonderte Themen: Polizeimorde, Wassermangel und Mangel an sanitären Einrichtungen, Zwangsräumungen und geschlechtsspezifische Gewalt. Jede Kampagne konzentrierte sich auf ein spezifisches „Problem“ vor Ort. Dieser Ansatz brachte zwar die entsprechende Sache in Schwung, spiegelte aber auch die Grenzen des Mainstream-Aktivismus wider – kurzfristig, spendenorientiert und oft fragmentiert. Wir erkannten, dass unsere Arbeit ein breiteres, integrierteres Konzept brauchte, um dauerhafte Veränderungen herbeizuführen.
In den letzten fünf Jahren verlagerte sich unsere Bewegung von einzelnen Kampagnen hin zu einer themenbezogenen Gemeinschaftsorganisation, die sich auf die Pädagogik von Paulo Freire und globale Basisbewegungen wie die brasilianische Landlosenbewegung stützt. Diese Umstellung war nicht einfach, sie zwang uns auch zu schwierigen internen Auseinandersetzungen über die Richtung der Bewegung für soziale Gerechtigkeit in Kenia. Die eine Fraktion entschied sich dafür, eine NGO zu gründen, um bewusst unpolitisch zu bleiben und ihre Organisation so zu gestalten, dass sie mit den Prioritäten der Spender*innen übereinstimmte und so den Zugang zu Finanzmitteln sicherte. Die andere Fraktion traf eine andere Entscheidung: Sie investierte weiterhin in die politische Bildung, weil sie davon überzeugt war, dass Veränderungen nur dann möglich sind, wenn die Menschen die strukturellen Wurzeln ihrer Probleme und ihre eigene Macht zur Veränderung dieser Umstände verstehen.
Diese Divergenz war nicht nur strategisch, sondern spiegelte auch ein grundlegend unterschiedliches Verständnis dessen wider, was Befreiungsarbeit erfordert: einen tiefen Glauben an die Eigenständigkeit der Menschen und die gemeinsame Schaffung von Menschenwürde. Die darauf folgende Spaltung war schmerzhaft, aber sie ebnete uns den Weg, der den Grundstein für eine tief im täglichen Leben unserer Gemeinschaft verwurzelte Organisationsarbeit legte.
Heute konzentriert sich die Organisation des MSJC auf vier Hauptaktivitäten. Erstens: unser Wandertheater. Kunst war schon immer eine Waffe der Unterdrückten. Die Entstehung unseres Wandertheaters hat die kenianische Tradition der Volksbildung durch gemeinschaftliche Aufführungen wiederbelebt. Dieses Theater ist ein lebendiges Werkzeug des Widerstands, welches Bewusstsein, Dialog und politische Bildung direkt zu den Menschen bringt.
Durch Geschichtenerzählen, Bewegung, Musik und Dramatisierung deckt das Wandertheater Ungerechtigkeiten auf, bekräftigt die Würde der Menschen und regt Gespräche an, die dann zum Handeln führen. Wo formale Systeme versagen, verwandelt es öffentliche Räume in Bühnen der Wahrheitsfindung. Unsere Aufgabe ist es, die Menschen durch Kunst zu mobilisieren, indem wir gelebte Erfahrungen in Aufführungen umsetzen, die Gemeinschaften aufklären, ermächtigen und vereinen. Auf diese Weise ist unser Theater sowohl eine kulturelle Waffe als auch eine Gemeinschaftseinrichtung, die die Basisorganisation stärkt und den kollektiven Widerstand fördert.
Zweitens: Unser Organic Intellectuals Network ist ein breit gefächertes Kollektiv von Schriftsteller*innen, Aktivist*innen und Forscher*innen aus sozialen Bewegungen in Kenia. Unser Ziel ist es, Schriftsteller*innen und Denker*innen innerhalb der Bewegung zu fördern, die sich für soziale Gerechtigkeit einsetzen. Das Netzwerk ist bestrebt, eine Plattform für Intellektuelle zu schaffen, die sich für eine egalitäre Gesellschaft einsetzen, kritische Inhalte zu sozioökonomischen Themen in Kenia produzieren und verbreiten und die Gemeinschaft mittels innovativen Medien einbinden, um das Bewusstsein und Maßnahmen gegen die Unterdrückung zu fördern.
Die Rolle des Netzwerks innerhalb der breiteren Bewegung besteht darin, kritisches Denken über die Rolle von Aktivist*innen in der soziopolitischen Landschaft Kenias zu fördern und die Gemeinschaften über politische Unterdrückung, wirtschaftliche Ausbeutung und Menschenrechtsverletzungen aufzuklären. Es dient auch dazu, unter den Mitgliedern der Bewegung Vertrauen zu schaffen, um eine gleichberechtigtere Gesellschaft zu schaffen und eine wirksame und vielseitige Organisation innerhalb der sozialen Bewegungen zu fördern. Zu den veröffentlichten Werken gehören Kenia: A Prison Notebook von Prof. Maina wa Kinyatti.
Drittens: Während Kultur und Ideen unsere Bewegung prägen, zeigt die ökologische Gerechtigkeit, wie Umweltmaßnahmen auch die soziale Gerechtigkeit stärken. Das Ecological Justice Network mobilisiert Jugendgruppen, um Mathare mit Baumpflanzungen und Gemeinschaftsparks zu begrünen. In Mathare, einst eine „Eisenwüste“, sind Initiativen wie der Wangari Maathai Community Park und der Mathare Community Park entstanden.
In dieser Mission sind ökologische Bemühungen mit sozialer Gerechtigkeit verbunden und man erkennt dabei, dass es einen Zusammenhang zwischen Umweltzerstörung, Armut, Ungleichheit und staatlicher Vernachlässigung gibt. Wir fördern die Widerstandsfähigkeit gegenüber dem Klimawandel, setzen uns für die Belange der Bevölkerung ein und sorgen dafür, dass Bewohner*innen, die oft von politischen Debatten ausgeschlossen sind, zu zentralen Akteur*innen bei der Gestaltung der kenianischen Klima- und Gerechtigkeitsagenda werden. Über den Umweltbereich hinaus richten wir unser Augenmerk auf die wirtschaftliche Stärkung, die für die Unterstützung von Basisorganisationen entscheidend ist.
Viertens und letztens: Die genossenschaftliche Wirtschaft stellt eine transformative Entwicklung dar. Informelle Arbeiter*innen, Hausangestellte und Müllsammler*innen erhalten eine kollektive Stimme, eine gemeinsame Würde und wirtschaftliche Macht. Das Genossenschaftsmodell fördert die Solidarität, organisiert das Eintreten für bessere Bedingungen und stärkt das Verständnis dafür, dass nicht persönliches Versagen, sondern systemische Ausbeutung die Ursache für das Elend ist.
Dies zeigt sich im Dhobi Women Network, in dem Hausangestellte in Eastleigh gemeinsam Probleme ansprechen, Ressourcen teilen und bessere Arbeitsbedingungen aushandeln. Die genossenschaftliche Ökonomie stärkt somit die Eigenständigkeit, die Solidarität an der Basis und eine Bewegung für Arbeitnehmerrechte und soziale Gerechtigkeit.
Der Aufstand der Generation Z im Jahr 2024 kam nicht isoliert zustande. Obwohl er in seiner Form spontan erschien, war er tief verwurzelt in einem Jahrzehnt der Organisierung für soziale Gerechtigkeit, der öffentlichen politischen Bildungsarbeit, der Dokumentierung staatlicher Missstände und der wachsenden Widerstandsfähigkeit der Gemeinschaft. Dieser Aufstand ist Teil eines Kontinuums, das bis zu den Saba-Saba-Protesten zurückreicht, die jährlich von der Bewegung für soziale Gerechtigkeit organisiert werden, um Rechenschaftspflicht, wirtschaftliche Gerechtigkeit und politische Reformen zu fordern. Diese Proteste haben in der Vergangenheit junge Menschen und Gemeinden in ganz Nairobi mobilisiert, um sich gegen Ungleichheit und staatliche Gewalt zur Wehr zu setzen, und so eine Kultur des Widerstands geschaffen, die nachfolgende Generationen gestärkt hat.
Eine der größten Hürden ist jedoch die wirtschaftliche Nachhaltigkeit. Die Organisation von Freiwilligen ohne materielle Unterstützung ist emotional und körperlich ermüdend. Genossenschaftsmodelle sind strategisch zur Finanzierung der Organisation, zur Schaffung eines würdigen Lebensunterhalts, zum Aufbau von Autonomie gegenüber der Abhängigkeit von Gebern und zur Förderung einer demokratischen Kultur wichtig. Substanzielle Demokratie setzt voraus, dass die Menschen über die wirtschaftliche Macht verfügen, um sich sinnvoll an der Entwicklung der Gemeinschaft zu beteiligen.
Wenn ich über die sieben Jahre beim MSJC und die Entwicklung der Bewegung nachdenke, wird eins deutlich: Soziale Gerechtigkeit ist ein langer Weg. Aus der Trauer wurde eine Organisation, aus Kampagnen eine sachbezogene Politik, aus zersplitterten Einzelkämpfen entstanden Kooperativen, ökologische Gerechtigkeit, rechtliche Ermächtigung und Volksbildung.
Die Reise ist noch lange nicht zu Ende, aber die Transzendenz ist real. Wir haben nicht nur ein Zentrum aufgebaut, sondern eine neue Organisationskultur geschaffen, die in der Macht der Gemeinschaft, wirtschaftlicher Gerechtigkeit, dem unvollendeten Versprechen der Verfassung von 2010 und der Mau-Mau-Revolution für Land und Freiheit wurzelt. Das ist Demokratie, die von unten wächst. Das ist die Bewegung, die wir weiter aufbauen möchten.
Njeri Mwangi ist Community Organizer in Mathare, wo sie mit dem Mathare Social Justice Centre zusammenarbeitet. Sie ist Vorsitzende der Domestic Workers and Waste Pickers Cooperative Society und setzt sich für die Rechte, die Würde und die kollektive Ermächtigung der Arbeiterinnen ein. Ihre Arbeit ist in der Basisorganisation verwurzelt, und sie setzt sich leidenschaftlich für den Aufbau von Bewegungen von unten ein, in deren Mittelpunkt die Handlungsfähigkeit der Gemeinschaft und soziale Gerechtigkeit stehen.*
Foto: Njeri Mwangi bei einer Gedenkveranstaltung für die Menschen, die bei früheren Anti-Regierungs-Demonstrationen getötet wurden (Juli 2025, Copyright DreamTown).