Die neuseeländische Armee (NZDF) betreibt Forschung im Bereich der Satellitenüberwachung im Rahmen der Mitgliedschaft des Landes im Spionagebündnis „Five Eyes“ – dem Netzwerk für elektronische Überwachung, dem auch Australien, Kanada, das Vereinigte Königreich und die Vereinigten Staaten angehören.
Der Geschäftsbereich „Verteidigungswissenschaft und -technologie“ (DST) der NZDF – der wichtigste Berater des Verteidigungsministeriums und der NZDF in Militärtechnologiefragen – arbeitet mit der Naval Postgraduate School der US-Marine zusammen. Mehr als zwanzig Master- und Doktorand*innen dieser Hochschule waren direkt an der Zusammenarbeit mit dem DST beteiligt. Die Mitwirkung des DST ist wahrscheinlich Teil dessen Programms für Weltraum- und Navigationskriegsführung, das darauf abzielt, die „Interoperabilität im Weltraum“ mit den Streitkräften größerer Staaten wie den Vereinigten Staaten zu entwickeln.
„Die Forschenden wollen den Weg für künftige Satellitenprogramme des Pentagons ebnen und dem Personal wichtiges Know-how vermitteln“, berichtet DefenseScoop. Dieses Know-how umfasst laut einer Grafik, die zu den Forschungsergebnissen zum „Naval Space Summit“ vom 9. bis 11. Juli 2024 an der Naval Postgraduate School in Kalifornien gehört, die Entwicklung „entscheidender Ressourcen für den nächsten Krieg“.
Ein weiteres Poster, das auf das Land hinweist, welches als Ziel des „nächsten Krieges“ ins Visier genommen wird, wirbt für ein Projekt, das sich mit den „Aktivitäten der Volksrepublik China im Südchinesischen Meer und im cislunaren Raum“ (dem Gebiet zwischen Erde und Mond) befasst.
Die NZDF arbeitet für das National Reconnaissance Office (NRO), einen bedeutenden US-Geheimdienst. Um sich die Größe der NRO vorstellen zu können: Das vorgeschlagene Budget für das Haushaltsjahr 2013 belief sich laut einer Auswertung von Dokumenten, die derWashington Post vom Whistleblower Edward Snowden zugespielt wurden, auf US$ 10,3 Milliarden, wobei die Gesamtausgaben für Nachrichtendienste US$ 52,6 Milliarden betrugen. Im Vergleich dazu erhielten die National Security Agency (NSA) US$ 10,8 Milliarden und die CIA US$ 14,7 Milliarden.
„Die Satelliten des National Reconnaissance Office sammeln Rohdaten, die vom NRO verarbeitet und anschließend an einen seiner Missionspartner weitergeleitet werden“, heißt es im Bericht der Nationalen Kommission zur Überprüfung der Behörde aus dem Jahr 2000. Es hat der NSA Signalaufklärung (Analyse abgefangener elektronischer Kommunikation), der National Geospatial-Intelligence Agency Bildaufklärung (Analyse visueller Daten) und der Defense Intelligence Agency Mess- und Signaturaufklärung (Analyse von Daten aus Messinstrumenten) bereitgestellt. Zum ständig wachsenden Kundenkreis des National Reconnaissance Office gehören die CIA und das US-Verteidigungsministerium (DOD).
Die NZDF wird seit Jahrzehnten mit den Spionageaktivitäten der „Five Eyes“ in Verbindung gebracht. Der investigative Journalist Nicky Hager enthüllte, dass es 1996 auf jeder Fregatte der Marine sechs bis zehn Spezialist*innen für elektronische Kriegsführung gab und eine 21 Soldat*innen starke Einheit der Armee für elektronische Kriegsführung zuständig war. Ihre Arbeit bestand darin, „Informationen aus dem Inhalt von abgefangenen Nachrichten zu sammeln“. Beide Dienste arbeiteten direkt mit dem neuseeländischen Government Communications Security Bureau zusammen, das in die NSA integriert ist.
Obwohl das National Reconnaissance Office eine Behörde des US-Verteidigungsministeriums ist, antwortete das Militär, als Radio New Zealand die NZDF Ende letzten Jahres fragte, ob ein für die Forschung genutzter Satellit dem Verteidigungsministerium gehöre, dass es „derzeit nicht befugt sei, weitere Einzelheiten bekannt zu geben“.
Im Rahmen eines vom National Reconnaissance Office in Auftrag gegebenen Forschungsprojekts entwickelte Neuseeland die Nutzlast „Tui FVEY“ (Five Eyes), die am 14. Januar 2025 mit der SpaceX-Mission „Falcon 9 Transporter 12“ von der Vandenberg Space Force Base in Kalifornien aus in die erdnahe Umlaufbahn gebracht wurde. Tui ist die Hauptnutzlast des Otter 6U CubeSat – CubeSats sind eine Klasse kleiner Satelliten, deren Abmessungen 10 X 10 X 10 cm betragen. Die erdnahe Umlaufbahn ermöglicht hochauflösende Bildaufnahmen, verringert die Latenz bei der Datenübertragung und bietet hohe Wiederholungsraten, da die Satelliten die Erde etwa alle neunzig Minuten umkreisen.
Auf einem Poster der US Naval Postgraduate School wird Tui als „Maßnahme zur Risikominderung für weltraumgestützte Ressourcen zur Überwachung des maritimen Bereichs“ beschrieben. Diese Ressourcen könnten die Überwachungsfunktion der vier Boeing P-8A Poseidon-Seeaufklärungsflugzeuge der NZDF ergänzen. Genauer gesagt wird die Nutzlast zwei Jahre lang Daten liefern, mit denen Forschenden „Kommunikationswege testen können, die dazu beitragen, Kommunikationsverzögerungen bei Weltraumoperationen zu verringern“, wie es in einem vom DST im Januar 2025 erstellten Wochenbericht für den Verteidigungsminister heißt, von dem ich gemäß dem Gesetz über den Zugang zu amtlichen Informationen einen Auszug erhalten habe.
Neben Tui umfasst der Otter CubeSat zwei von der Naval Postgraduate School entwickelte Nutzlasten: ein X-Band-SDR (Software-Defined Radio) und eine LED-Nutzlast für den Einsatz im Orbit (LOOP). Laut einer Pressemitteilung der US-Marine aus dem Jahr 2020 besteht die Aufgabe des X-Band-SDR darin, „den Übergang von den überlasteten herkömmlichen Kommunikationsfrequenzen zum X-Band einzuleiten, das über eine größere Bandbreite und eine größere Datenreichweite verfügt“. Wie die Naval Postgraduate School erläutert, ermöglicht LOOP Forschenden unterdessen, „Sichtfunkkommunikation zu erproben, indem sie zwei Reihen von LEDs nutzen, die in grünen und nahinfraroten Wellenlängen senden und in der Lage sind, Licht für einfache Nachrichtenübermittlungen zu modulieren“.
Tui ist nicht das einzige neuseeländische Projekt, das von der US Naval Postgraduate School genutzt wird. Wie David Galligan, Direktor der neuseeländischen Behörde für Verteidigungswissenschaft und -technologie (DST), sagte, „zeigt dies eine Fortsetzung des Weges des DST in die Forschung und Entwicklung im Bereich der Weltraumoperationen, der mit der Korimako-Nutzlast begann“.
Korimako wurde am 21. März 2024 als Teil des Mola 6U CubeSat an Bord einer Rocket Lab Electron-Rakete von der Wallops Island Flight Facility der NASA in Virginia aus in die erdnahe Umlaufbahn gebracht. Obwohl Mola der erste Abschuss von Rocket Lab für das National Reconnaissance Office aus den Vereinigten Staaten war, hatte das neuseeländisch-amerikanische Raumfahrtunternehmen zuvor bereits vier Missionen für das National Reconnaissance Office von der neuseeländischen Mahia-Halbinsel aus gestartet.
Die Naval Postgraduate School beschrieb Korimako als „Leuchtturm-Nutzlast zur Messung der Download-Kapazität pro Bodenstationsknoten“. Insbesondere verfügt Mola über eine Terahertz-Kamera, wobei der Satellit„Bild- und Funktionsdaten“ über einen X-Band-SDR überträgt. Aus einer Präsentation der Naval Postgraduate School aus dem Jahr 2020 geht hervor, dass diese Kamera ebenfalls Teil des Otter-CubeSats ist. Wenschel Lan, der interimistische Vorsitzende der akademischen Gruppe für Raumfahrtsysteme der Fakultät, erläuterte den Zweck dieser Forschung wie folgt: „Wir entwickeln die Fähigkeit, Sensoren in der Weltraumschicht zu platzieren, um zu erkennen, was im Wasser vor sich geht … Es ist nicht nur eine Kamera, sondern eine Vielzahl unterschiedlicher Phänomenologien, die man aus dem Weltraum wahrnehmen kann und die anschließend dabei helfen, ein Bild von dem zu machen, was vor sich geht.“ „Die nächste Generation der Terahertz-Bildgebung“, heißt es in einer Pressemitteilung der US-Marine aus dem Jahr 2020, „wird in der Lage sein, durch nichtmetallische Feststoffe hindurchzusehen, die von der Sonne beleuchtet werden.“ Lan erklärte, es sei wie eine Röntgenaufnahme, die jedoch weniger Energie benötige.
Während der Entwicklungsphase stellte die Naval Postgraduate School über ein Testnetzwerk namens FlatSatNet eine Fernverbindung zu mindestens einer der Nutzlasten her. Mithilfe dieser Testausrüstung entwickelten die Forscher*innen Software-Schnittstellen, die es verschiedenen Softwarekomponenten ermöglichten, miteinander zu interagieren, bevor die Nutzlast an die Postgraduate School geschickt und am CubeSat angebracht wurde.
„Diese Ressource hat den Präzedenzfall geschaffen, dass eine parallele Entwicklung über Ozeane hinweg stattfinden kann, um die Zusammenarbeit zwischen den kleinen Satellitenprogrammen befreundeter Regierungen zu maximieren“, erklärte Giovanni Minelli, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Space Systems Academic Group.
Laut DefenseScoop sind die CubeSats Mola und Otter Teil der Strategie des National Reconnaissance Office, von der „Stationierung einer kleinen Anzahl großer, teurer Aufklärungssatelliten in hohen Umlaufbahnen“ hin zur „Lancierung von Hunderten kleineren Systemen in die erdnahe Umlaufbahn“ überzugehen. Dieser Wandel fällt mit der Entwicklung der „Proliferated Warfighter Space Architecture“ des Pentagons zusammen – einem Netzwerk aus Hunderten von Satelliten, das sichere Kommunikationsverbindungen sowie Warn- und Ortungsfunktionen für„fortschrittliche Raketenbedrohungen“, darunter auch Hyperschallraketensysteme, bereitstellen soll. Anfang letzten Jahres erhielt Rocket Lab einen Auftrag im Wert von US$ 515 Millionen für die Lieferung von achtzehn Satelliten für die „Proliferated Warfighter Space Architecture“.
Ein Vorteil der verbreiteten Satellitenarchitektur ist die erhöhte Widerstandsfähigkeit des Netzwerks gegenüber den von den USA als Feinde eingestuften Akteuren. Chris Scolese, Direktor des National Reconnaissance Office, erläuterte diesen Standpunkt im vergangenen Oktober im Center for Strategic and International Studies in Washington, D.C.: „Es gibt Länder – Russland und China sind Beispiele dafür –, die ASATs [Antisatellitenwaffen] entwickelt haben, mit denen Satelliten ausgeschaltet werden können. Nun, wenn man da oben hundert Satelliten hat … dann wird das schon viel, viel komplizierter.“
Die NZDF überwacht die Satelliten Korimako und Tui und kommuniziert mit ihnen über eine Bodenstation im UHF-, S- und X-Band auf der Whangaparāoa-Halbinsel nördlich von Auckland. Während das UHF-Band Frequenzen von 300 MHz bis 3 GHz abdeckt, bedient das S-Band den Bereich von 2 bis 4 GHz und das X-Band den Bereich von etwa 8 bis 12 GHz.
Die Station, die sich vermutlich in der Ausbildungsstätte der NZDF in Army Bay befindet, ist Teil des „Five Eyes International Smallsat Command and Control Network“ (ISC2N). Zum Netzwerk gehören eine UHF- und S-Band-Station an einem Standort der Defence Science and Technology Group in Adelaide, Australien, sowie eine S- und X-Band-Station am Defence Science and Technology Laboratory Portsdown West in Portchester, England. Ein „wichtiger Akteur“ im International Smallsat Network ist das vom US-Verteidigungsministerium geförderte und von der Naval Postgraduate School betriebene Netzwerk aus zehn Bodenstationen für Kleinsatellitenmissionen in den gesamten Vereinigten Staaten, das unter dem Namen MC3 (Mobile CubeSat Command and Control) bekannt ist.
Das „Missionsziel“ von Mola und Otter besteht darin, „durch Forschung und Entwicklung … bis 2025 ein föderiertes Weltraumsystem der FVEY zu demonstrieren, das die Vorteile der Koalition in einem zunehmend umkämpften Weltraumumfeld stärkt“ (Hervorhebung im Original). Laut Minelli besteht „die große Vision“ darin, dass die Five-Eyes-Staaten eine „gemeinsame weltraumgestützte … und bodengestützte Infrastruktur“ aufbauen.
Natürlich verfügen die „Five Eyes“-Länder bereits über eine gemeinsame Infrastruktur. Wie beispielsweise aus den Snowden-Dokumenten hervorgeht, begann die Überwachungsstation des Government Communications Security Bureau im Waihopai-Tal im Jahr 2009 mit der breiten Erfassung von Inhalten und Metadaten aus abgefangenen Kommunikationsdaten zwischen Satelliten. Diese „Full-Take“-Daten aus dem asiatisch-pazifischen Raum wurden in das XKEYSCORE-System der NSA eingespeist, auf das Spione aus dem gesamten „Five Eyes“-Bündnis Zugriff hatten.
Neuseelands Forschungsarbeit für das National Reconnaissance Office deutet jedoch darauf hin, dass das Land mehr als nur eine gemeinsame Infrastruktur für die Signalaufklärung bereitstellt und sich nun der Erfassung, dem Austausch und der Analyse von Satellitenbildern für das US-Militär zuwendet.
Samuel Hume ist freier Journalist und Lehrer und lebt in London. Seine gesammelten Artikel findest du auf seinem Substack.
