War & Peace

Der Völkermord im Südlibanon

Israel zerstört den Südlibanon systematisch durch Massenmorde, Vertreibungen und Bombardierung der Infrastruktur – und folgt dabei demselben genozidalen Muster, das es bereits im Gazastreifen angewandt hat.
Bei der seit März andauernden Militäroperation Israels im Südlibanon sind über 4.200 Menschen ums Leben gekommen, ein Fünftel der Bevölkerung wurde vertrieben, und Krankenhäuser, Ackerland sowie ganze Dörfer wurden zerstört. Diese Handlungen sind der Inbegriff von Völkermord, was auch das Ausmaß der Zerstörung, die von israelischen Ministern ausdrücklich bekundete Absicht sowie das systematische Muster, das der Vernichtung des Gazastreifens gleicht, belegt. Dieser Artikel unterzieht das am 26. Juni 2026 in Washington geschlossene Rahmenabkommen zwischen dem Libanon und Israel einer kritischen Analyse. Darin wird der Südlibanon unter dem Deckmantel des Friedens den Besatzern überlassen, wobei der Rückzug Israels an die Entwaffnung der Widerstandsbewegungen geknüpft wird, während Israel durch das in Artikel 13 festgelegte Verbot „feindlicher Handlungen“ in internationalen Gremien von jeglichen Kriegsverbrechen freigesprochen wird.

Am 9. Juni 2026, nachdem bei einem israelischen Luftangriff mindestens acht Menschen in einem Wohnblock ums Leben gekommen waren, ordnete das israelische Militär die Räumung der libanesischen Stadt Tyrus an. Tyrus besteht seit rund 4.000 Jahren – lange genug, um sowohl Alexander den Großen als auch das Römische Reich überdauert zu haben. Nun versuchte Israel, alles zu zerstören – die Altstadt, die Kirchen und die Lager, in denen mehrere Generationen palästinensischer Familien gelebt hatten, seit sie 1948 aus ihrer Heimat vertrieben worden waren.

Einige Tage später forderte Israels Finanzminister Bezalel Smotrich, dass für jede Rakete, die vom Libanon aus auf Israel abgefeuert wird, zehn Gebäude im Beiruter Stadtteil Dahiyeh, in dem Hunderttausende Menschen leben, dem Erdboden gleichgemacht werden sollten. Zuvor hatte er geschworen, dass Dahiyeh bald wie Khan Younis im Gazastreifen aussehen würde und dass die Dörfer im Süden wie Rafah und Beit Hanoun vernichtet würden.

Niemand, der miterlebt hat, wie Israel den Gazastreifen verwüstet hat, sollte überrascht sein, dass es nun dieselbe genozidale Mission auch im Libanon umsetzt. Doch nur weil etwas erwartet wird, ist es noch lange nicht weniger wichtig – und nun, da zwischen Israel und dem Libanon Friedensgespräche im Gange sind, ist es von entscheidender Bedeutung zu untersuchen, was Israel seinem Nachbarn angetan hat und was es noch vorhat – offenbar mit stillschweigender Zustimmung der libanesischen Regierung.

Seit März wurden mehr als 4.200 Menschen ermordet und über 10.000 verletzt. Etwa ein Fünftel der libanesischen Bevölkerung ist auf der Flucht. 64 Krankenhäuser und Kliniken wurden getroffen, und mehr als 100 Mitarbeitende des Gesundheitswesens wurden getötet. Am 8. April 2026 trafen israelische Luftangriffe innerhalb von etwa zehn Minuten mehr als hundert Ziele in Beirut und im Süden des Landes und töteten 357 Menschen – es war der blutigste Tag im Libanon seit dem Bürgerkrieg.

Die Völkermordkonvention schreibt weder eine bestimmte Opferzahl noch eine bestimmte Waffe vor. Völkermord setzt den Vorsatz voraus, eine Gruppe ganz oder teilweise zu vernichten, sowie Lebensbedingungen zu schaffen, die darauf ausgerichtet sind, diese Vernichtung herbeizuführen. Ein Volk wird nicht zu Tausenden getötet, aus einem Fünftel seines eigenen Landes vertrieben und sieht zudem seine Krankenhäuser, seine Wasserversorgung und sein Ackerland zerstört – und das von einem Staat, dessen Minister den Plan ankündigen, während sie ihn umsetzen –, aus einem anderen Grund als dem, der diesen Namen trägt. Für Israels Vision eines „Großen Nahen Ostens“ bedeutet „Groß“ offenbar alles außer den Menschen, die diese Region groß machen: die Bauernschaft, Ärzt*innen, Dichter*innen, Kinder, Dörfer, Obstgärten, Geschichten und Häuser, die zuerst beseitigt werden müssen, damit das Imperium sich auf dem zerstörten Land selbst bewundern kann. Dem Süden des Libanon sind wir also unser Zeugnis über den dort versuchten Völkermord schuldig, solange es dort noch etwas zu berichten gibt.

Nun hat Israel signalisiert, dass es beabsichtigt, seine Zerstörungskraft noch dauerhafter in diesem Land zu verankern – mit Zustimmung der libanesischen Regierung. Am 26. Juni 2026 unterzeichneten der Libanon und Israel in Washington ein 14-Punkte-Rahmenabkommen, mit dem der Süden stillschweigend der Besatzung überlassen wurde. Das Abkommen macht den Rückzug Israels von der Entwaffnung des Widerstands abhängig, was wohl kaum jemals geschehen wird. Artikel 13 verpflichtet den Libanon, „alle feindseligen oder nachteiligen Handlungen [gegen Israel] in internationalen politischen oder rechtlichen Gremien“ einzustellen – eine Klausel, die Israels Pager-Angriffe auf Zivilist*innen auf Märkten und auf Straßen, die Zerstörung von Krankenhäusern, die Angriffe auf medizinisches Personal und Journalist*innen sowie alle anderen wahllosen Tötungen unter den Teppich kehrt. Israel, das den Gazastreifen in Stücke gerissen und weniger als 40 Prozent davon hinter einer „gelben Linie“ belassen hat, hat nun dasselbe mit dem Libanon getan und unter dem Vorwand, eine „Sicherheitszone“ zu schaffen, einen riesigen Landstrich besetzt. So will Israel das zu Ende bringen, was die Luftangriffe und der weiße Phosphor begonnen haben. Was in Gaza als Krebsgeschwür begann, hat inzwischen Metastasen gebildet – die Besatzung breitet sich nach Norden aus, die Kapitulationsbedingungen werden als Frieden getarnt. Derselbe Frieden, der nun auch dem Libanon angeboten wird, ohne dessen Mitwirkung verfasst, über dessen Kopf hinweg umgesetzt und von den Verfassern selbst als „Neuanfang“ bezeichnet.

Die Art und Weise, wie der Völkermord derzeit im Libanon nachhallt, spiegelt das Muster wider, das auch in Palästina zu beobachten ist: Tötet die Menschen, ermordet die Journalist*innen, diffamiert sie als Militante, und lasst das Wort „Ziel“ die Schuld ablenken. Deshalb werden die Bombardements auf Stadtviertel in dicht besiedelten Städten wie Beirut nach wie vor als Angriff auf eine Hochburg der Hisbollah abgetan, denn dies verschafft dem Westen die Möglichkeit, glaubhaft zu leugnen, dass er in Wirklichkeit dabei zusieht, wie ein Brandstifter das ganze Haus als krank bezeichnet, bevor er es in Brand setzt. Stattdessen kann er glauben, dass er einen Chirurgen dabei beobachtet, wie dieser einen Tumor entfernt. Und dieselben arabischen Redaktionen, die Reporter*innen in die Gefahrenzone geschickt haben, um über Gaza zu berichten, werden nun sichtlich vorsichtiger, sobald es sich bei den Menschen unter den Bomben um Schiit*innen handelt.

Anas al-Sharif, einer der letzten Al-Jazeera-Korrespondenten im Norden des Gazastreifens, wurde im vergangenen August getötet, nachdem Israel monatelang die falsche Behauptung aufgestellt hatte, er sei ein Hamas-Agent. Einige Monate später wurde im Libanon ein als Pressewagen gekennzeichnetes Fahrzeug angegriffen, wobei drei Journalist*innen, die sich darin befanden, ums Leben kamen: Fatima Ftouni, ihr Bruder Mohammed und Ali Shuaib.

All das ist dem Südlibanon nicht fremd. Seine Dörfer wurden 1978 und erneut 1982 im Zuge der Invasion, aus der die Hisbollah hervorging, bombardiert – jeweils mit der Begründung, dass Palästinenser*innen vom libanesischen Boden aus kämpften. Jedes Jahr im Muharram erzählt der Südlibanon die Geschichte von Karbala neu. „Karbala“ ist die Geschichte einer Armee, die ein kleines Lager – in dem auch Kinder waren – umzingelte und tagelang nichts anderes tat, als ihnen den Zugang zum daneben liegenden Fluss zu versperren, bis die Jüngsten vor Durst starben. Die ganze Zeit über blieben diejenigen, die versprochen hatten, an ihrer Seite zu kämpfen, zu Hause. Jene, die das Massaker überlebten, wurden in Ketten nach Damaskus geführt, an den Hof des Mannes, der ihr Massaker angeordnet hatte, wo eine Frau, die alle ihre Angehörigen verloren hatte, sich weigerte, zu schweigen. Die Geschichte endet nicht damit, dass jemand gewinnt. Sie endet mit einem einzigen Wort, „labbayka“ – „Hier bin ich“ –, gesprochen von Menschen, die nichts zu gewinnen und alles zu verlieren haben, an Menschen, die bereits alles verloren haben, und gemeint als eine Antwort, die nicht darauf wartet, zweimal erfragt zu werden.

Deshalb wird der Südlibanon ausgelöscht. Es gibt nichts mehr, was man ihnen anbieten könnte, was sie nicht bereits anhand von Gaza geprüft und abgelehnt hätten, und kein Abkommen, das nicht in irgendeiner Weise von ihnen verlangt, nicht mehr darauf zu achten, was jenseits ihrer Grenze geschieht. Seit zwei Jahren ist der Südlibanon der einzige Ort, der sich – unter realen und steigenden Kosten – weigert, auch nur einen Tag lang den Blick von Gaza abzuwenden. Niemand zerstört ihn aus Versehen.

Das libanesische Volk braucht weder Israels Völkermörder noch Washingtons Vorschriften darüber, wie Gerechtigkeit auszusehen hat. Das libanesische Volk, das sich jahrelang geweigert hat, den Tod in Gaza als den Tod anderer zu betrachten, und nun aufgefordert wird, denselben Tod zu erleiden – nach demselben Zeitplan und aus demselben Grund –, weiß nur zu gut, was wahre Gerechtigkeit ist und wie sie in die Praxis umgesetzt wird. Während der Rest der Welt mit derselben gemächlichen Gleichgültigkeit wie im Fall von Gaza ignoriert, ob im Südlibanon ein Völkermord stattfindet, werden die Menschen – genau wie die Palästinenser*innen – ihre Würde niemals aufgeben, selbst wenn ihre Regierungen sie schon längst aufgegeben haben.

Ahmad Ibsais ist ein palästinensisch-amerikanischer Einwanderer der ersten Generation und Jura-Student, der den Newsletter „State of Siege“ verfasst.

Available in
EnglishSpanishPortuguese (Brazil)GermanFrenchItalian (Standard)ArabicHindiBengaliRussian
Author
Ahmad Ibsais
Translators
Nathalie Guizilin and ProZ Pro Bono
Date
06.08.2026
Source
The NationOriginal article🔗
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