Health

„Médecine pour le Peuple“ – von der Gesundheitsversorgung zur Organisierungsarbeit

Die von der Belgischen Arbeiterpartei ins Leben gerufene Initiative „Médecine pour le Peuple“ bietet kostenlose medizinische Grundversorgung als Grundlage für die Organisation von Arbeitergemeinschaften an.
„Médecine pour le Peuple“ (MPLP) betreibt elf medizinische Zentren in ganz Belgien und verbindet dabei die medizinische Grundversorgung mit politischer Organisierungsarbeit. Ärzt*innen nutzen ein „soziales Stethoskop“, um individuelle Gesundheitsprobleme – Arbeitsunfälle, chronische Erkrankungen, psychische Belastungen – als Symptome struktureller Ungleichheit und nicht als persönliches Versagen zu diagnostizieren. Die Patient*innen werden dazu angespornt, sich gemeinsam für Themen einzusetzen, die von Umweltgesundheit bis hin zu Arzneimittelpreisen reichen. Die MPLP wird über ein staatliches Kopfpauschalmodell finanziert, das Anreize pro Konsultation ausschließt, und pflegt eine transparente Beziehung zur Arbeiterpartei Belgiens, während sie gleichzeitig den Spagat zwischen Soforthilfe und langfristigem Aufbau der Bewegung meistert.

Dr. Hanne Bosselaers hatte bereits ein halbes Dutzend Patient*innen behandelt, als der junge Mann hereinkam. Der Patient arbeitete als Fahrer und auch als Bauarbeiter, um seine Familie zu ernähren. Er hatte sich bei seiner Arbeit auf der Baustelle das Handgelenk gebrochen. Nach der Untersuchung teilte Bosselaers ihm mit, dass er nie wieder seine volle Bewegungsfähigkeit erlangen werde und dass eine Rückkehr zu seiner Haupttätigkeit als Fahrer unmöglich sei.

Der Mann bekam Schuldgefühle. Doch Bosselaers versicherte ihm, dass das nicht nötig sei. Als Ärztin bei „Médecine pour le Peuple“ (MPLP) in Molenbeek, einem der Arbeiterviertel Brüssels, verfolgt sie einen anderen Ansatz als gewöhnliche Ärzt*innen.

„Es ist meine Aufgabe als Gesundheitsfachkraft, ihm zu erklären, dass es nicht seine Schuld ist“, sagt sie. „Er befindet sich in einem System, das mit großen Risiken verbunden ist und ihn als Arbeitnehmer nicht angemessen schützt. Solche Situationen, in denen Menschen mit einem einzigen Gehalt nicht genug verdienen, haben weitreichende Folgen.“

Der Patient begann zu begreifen, dass sein Unfall eher auf strukturelle Missstände als auf persönliches Versagen zurückzuführen war. „Sie haben es immer auf uns Arbeiter abgesehen, während sie die Reichen in Ruhe lassen“, meinte er. Auf dem Weg in die Klinik sah er die Plakate für lokale Kampagnen. Bosselaers erzählte ihm von einer Gewerkschaftsdemonstration zum Thema Rentenalter und Energiepreise. Er versprach, daran teilzunehmen.

Er kam als Patient herein und ging als politischer Akteur wieder hinaus. Genau aus diesem Grund gibt es „Médecine pour le Peuple“: um Gesundheitsthemen, die normalerweise als individuelle Probleme betrachtet werden, zu politisieren und zu gesellschaftlichen Anliegen umzuwandeln. Die Initiative versucht, ein Problem zu lösen, mit dem sich soziale Bewegungen im Laufe der Geschichte immer wieder auseinandergesetzt haben: Wie lassen sich direkte Dienstleistungen anbieten, die sowohl den alltäglichen Bedürfnissen der Menschen gerecht werden als auch die Bestrebungen nach einem kollektiven politischen Wandel fördern?

Das ist ein schwieriger Balanceakt. Viele dienstleistungsorientierte Initiativen verkommen zu bevormundender Wohltätigkeit oder sind am Schluss bestenfalls Formen der gegenseitigen Hilfe, die von einem umfassenderen politischen Projekt losgelöst sind. „Médecine pour le Peuple“ ist nicht perfekt. Durch jahrzehntelange Arbeit, bei der Gesundheitsversorgung mit einer strategischen Vision verbunden wurde, hat die Organisation jedoch ein wichtiges Modell geschaffen, von dem internationale Bewegungen lernen können.

Von Streikposten zu Kliniken

Nach dem Abklingen der revolutionären Euphorie von 1968 begann eine Gruppe maoistischer Student*innen in Antwerpen mit dem Aufbau der späteren Arbeiterpartei Belgiens (PTB). Eine ihrer ersten Maßnahmen bestand darin, Solidarität mit den streikenden Arbeiter*innen einer örtlichen Fabrik zu bekunden und sich ihnen bei den Streikposten anzuschließen.

Zwei Wochen nach Beginn des Streiks erzählte einer der Arbeiter einem Studenten, dass sein Kind krank sei, er sich aber keinen Arzt leisten könne und wegen des Streiks kein Gehalt bekomme. Der Student studierte zufällig Medizin und meinte, er könne vielleicht helfen.

„Diese Idee stammt nicht von uns“, sagt Dr. Tim Joye, der heute Präsident von „Médecine pour le Peuple“ und praktizierender Arzt in jenem ersten Zentrum in Antwerpen ist. „Sie entstand direkt aus den Bedürfnissen der Menschen.“

Aus diesem Austausch entstand eine provisorische Klinik. In den letzten fünfzig Jahren hat sich diese Klinik zu elf medizinischen Zentren in Flandern, Brüssel und Wallonien weiterentwickelt – eine Organisation mit 220 Mitarbeitenden, Hunderten von ehrenamtlichen Helfer*innen und rund 29.000 Patient*innen pro Jahr. Die PTB wuchs unterdessen von einer winzigen Kaderpartei zur größten Partei links von den etablierten Sozialdemokraten heran. Die Partei ist nun im Parlament vertreten und war in einer Region sogar die Wahlsiegerin.

Um zu verstehen, wie „Médecine pour le Peuple“ funktioniert, muss man zunächst das belgische Gesundheitssystem kennen. Es gibt weder ein privates Modell nach US-amerikanischem Vorbild noch ein staatliches Gesundheitssystem wie in Großbritannien, wo der Staat Gesundheitsfachkräfte direkt beschäftigt und die Gesundheitsversorgung am Ort der Inanspruchnahme kostenlos bereitstellt. Stattdessen wird das sogenannte Bismarck-Modell angewendet, ähnlich wie in Frankreich, Deutschland und den Niederlanden. Die Sozialversicherung deckt den Großteil der Gesundheitskosten ab, doch die Ärzt*innen sind als Privatpraktiker tätig, und die Patient*innen zahlen in der Regel im Voraus – auch wenn ein Teil der Kosten später vom Staat erstattet wird. Dadurch sehen sich Menschen aus der Arbeiterklasse mit echten Zugangsbarrieren konfrontiert, sowohl finanzieller als auch kultureller Art. Ärzt*innen sind als Selbstständige tätig, die der Sozialmedizin und der Arbeitsmedizin als Denkansätze zum Thema Krankheit oft ablehnend gegenüberstehen.

Ursprünglich als kostenloser Dienst, bei dem Ärzt*innen ihre Zeit ehrenamtlich zur Verfügung stellten, arbeitet „Médecine pour le Peuple“ mittlerweile nach dem belgischen „Kopfpauschalensystem“, bei dem die Regierung statt einer Gebühr pro Konsultation eine monatliche Pauschale pro Patient*in zahlt. Das bedeutet, dass die Patient*innen bei ihren Besuchen nichts bezahlen müssen.

„Wir lassen uns nicht von jeder einzelnen Transaktion leiten“, sagt Stijn De Vos, der das Hoboken-Zentrum in Antwerpen koordiniert und für die nationale Budgetplanung zuständig ist. „Wir können unsere Arbeitsweise nach Bedarf ändern und wissen, dass wir über die nötigen Mittel verfügen, und wir können das tun, was getan werden muss.“ Während der COVID-19-Pandemie, als andere Praxen massive Einnahmeverluste hinnehmen mussten, weil Patient*innen nicht persönlich vorstellig werden konnten, gelang es MPLP, auf telefonische Konsultationen umzustellen und ihre Finanzierung aufrechtzuerhalten.

Das Kopfpauschalmodell beseitigt zudem die finanzielle Beziehung zwischen Arzt und Patient, die in der Gesundheitsversorgung so häufig zu Überbehandlungen, unzureichender Prävention und der Pathologisierung individuellen Verhaltens führt. Wenn man nicht pro Besuch bezahlt wird, hat man weniger Anreiz, Probleme als solche zu betrachten, die ein direktes Eingreifen erfordern. Man hat mehr Spielraum, nach gemeinsamen Lösungen zu suchen.

„Das Hauptziel ist es, einen Beitrag zu einer anderen Gesellschaft zu leisten“, sagt Joye. „Im Alltag sind wir jedoch eine Gesundheitseinrichtung. Die Patienten kommen herein; ich habe heute Vormittag gerade Sprechstunden abgehalten. Aber wir versuchen, beides zu verbinden, konkrete Probleme aufzugreifen und sie in einen politischen Kampf zu verwandeln.“

Das soziale Stethoskop

Jeder Arzt und jede Ärztin hat ein Stethoskop; bei MPLP spricht man davon, zwei zu haben.

Bei jeder Konsultation fragt er oder sie, wo der Patient arbeitet, wo er wohnt und wie sein Gesundheitszustand ist. Dies ist das „soziale Stethoskop“, das individuelle Beschwerden als Teil struktureller Gegebenheiten diagnostiziert und diese als klinisch bedeutsam betrachtet.

Rückenschmerzen, Angstzustände, Sehnenentzündungen und Schlaflosigkeit sind oft nicht nur medizinische Probleme, sondern auch Symptome schlechter Arbeits- und Lebensbedingungen. Das System, das diese Beschwerden hervorgebracht hat, ist für die Behandlung ebenso relevant wie der Körper, der diese Symptome zeigt.

In verschiedenen Kliniken behandelten Ärzt*innen immer wieder Frauen, die als Reinigungskräfte in Privathaushalten arbeiteten und mit identischen Schulter- und Ellenbogenverletzungen vorstellig wurden: Sehnenentzündungen, verursacht durch das Schrubben von Böden, das Auswringen von Tüchern und das stundenlange Wiederholen derselben Bewegungen jeden Tag. In Belgien gibt es ein Entschädigungssystem, bei dem man bei Arbeitsunfällen eine Kostenerstattung und ein zusätzliches Einkommen erhält, doch jeder von MPLP eingereichte Antrag wurde abgelehnt, wobei die Regierung geltend machte, die Verletzungen könnten durch Reinigungsarbeiten zu Hause verursacht worden sein.

Daraufhin sammelten sie Hunderte von Fällen und reichten sie alle auf einmal mit einer gemeinsamen Forderung ein. „Médecine pour le Peuple“ schickte außerdem gemeinsam mit gleichgesinnten Gewerkschaften eine Delegation nach Brüssel, und die Patient*innen veranstalteten eine Demonstration. Patient*innen, die ursprünglich mit individuellen Problemen gekommen waren, wurden zu Akteur*innen in einem gemeinsamen Kampf, und dies zwang die Regierung dazu, ihre wissenschaftlichen Richtlinien zu überarbeiten. „Als wir gemeinsam mit all diesen Patienten die Formulare ausfüllten und dann die Botschaft verstanden, dass dies nicht ihr individuelles Problem ist, sondern dass jeder in der Gemeinschaft das gleiche Problem hat“, so Joye, „hat das in ihnen den Wunsch geweckt, etwas zu unternehmen.“

Joye erwähnte einen weiteren Patienten mit Migrationshintergrund. Der Patient hatte nicht gesagt: „Ich bin ein Opfer von Rassismus.“ Er sagte: „Ich schlafe nicht gut. Ich leide unter Angstzuständen. Ich habe Mühe, zur Arbeit zu gehen.“ Erst als Joye sich die Zeit nahm, nachzufragen, kam die ganze Geschichte ans Tageslicht: Der Patient hatte unter Vorurteilen und rassistischen Beleidigungen seiner Kollegen gelitten und dies als persönliches Versagen verinnerlicht. Joye wies ihn auf mögliche rechtliche Mittel hin, um gegen die Diskriminierung vorzugehen. In anderen Fällen hat MPLP Informationsabende für Patient*innen organisiert, die am Arbeitsplatz Rassismus erlebt haben.

Hanne Bosselaers beschreibt einen ähnlichen Prozess bei ihren Patient*innen in Molenbeek, von denen viele marokkanischer und arabischer Herkunft sind und den Völkermord in Gaza mit großer Verzweiflung mitverfolgt haben. Eine Patientin, eine Frau in den Siebzigern, litt an schwerer Arthritis in beiden Knien. Sie konnte kaum noch laufen. Sie hatte sich zu Hause, ganz allein, auf ihrem Handy Videos aus Gaza angesehen und war dabei immer depressiver geworden.

Nachdem sie Dr. Bosselaers aufsuchte, fragte sie, was sie tun könne. „Nächste Woche findet eine Demonstration statt“, sagte Bosselaers. „Kommen Sie einfach, setzen Sie sich an den Rand und schauen Sie den Leuten zu, wie sie vorbeigehen.“ Bosselaers glaubte eigentlich nicht, dass sie kommen würde, aber sie einigten sich trotzdem auf einen Treffpunkt, und an diesem Tag war sie tatsächlich da – bei einer Demonstration mit 90.000 Protestierenden, von denen viele jung waren und aus Organisationen und Gewerkschaften stammten, von denen die Frau keine Ahnung gehabt hatte, dass sie sich für Palästina engagierten. Die Frau brach in Tränen aus. „Ich wusste gar nicht, dass sie alle für Palästina arbeiten“, sagte sie zu Bosselaers. „Ich hatte keine Ahnung, dass das so vielen Menschen am Herzen liegt.“

Auch wenn eine einzelne Protestaktion keine Depression heilen kann, berichtete sie bei ihrem nächsten Termin, dass sie sich zumindest weniger allein fühle.

Die Schwierigkeiten der politischen Medizin

„An manchen Tagen dreht sich einfach alles nur um Grippe, Grippe, Grippe“, sagt Joye. „Als Vorsitzender von [Médecine pour le Peuple] frage ich mich manchmal: Lohnt sich der Zeitaufwand überhaupt? Ich könnte stattdessen einen Artikel für die Zeitung schreiben oder eine Demonstration organisieren.“ Viele Gesundheitsprobleme weisen kaum einen sozialen oder politischen Kontext auf, an dem man ansetzen könnte. Ärzt*innen können darin geschult werden, das „soziale Stethoskop“ einzusetzen – also zu fragen, wo jemand arbeitet, und nach strukturellen Erklärungen zu suchen –, aber oft sind Menschen einfach nur krank und brauchen eine Behandlung.

Die Verbindung von Medizin und Organisierung ist zwar möglich, aber es ist nicht unbedingt einfach, sie wirkungsvoll umzusetzen. Junge Ärzt*innen treten mit einer Haltung auf, die Bosselaers als „einfühlsame, aber paternalistische Herangehensweise“ bezeichnet. Sie sind von den Bedürfnissen der Patienten überfordert, fühlen sich persönlich dafür verantwortlich, alles in Ordnung zu bringen, und erkennen schnell, dass sie dazu nicht in der Lage sind. Diese Mentalität, bei der der Arzt als Held gesehen wird, so Bosselaers, könne dazu führen, dass Ärzt*innen mit ihren Patient*innen „untergehen“, was bei ihnen ein Gefühl von „Fatalismus und Passivität“ schürt.

„Ich könnte nicht den ganzen Tag allein arbeiten und dabei zusehen, wie die Menschen das System satt haben“, sagt Bosselaers. Die politische Medizin ist einer der Faktoren, die diese Arbeit ermöglichen.

In der linken Dienstleistungsbranche gibt es eine lange Tradition paternalistischer Tendenzen. Von Bewegungsorganisationen initiierte Projekte beginnen oft mit radikalen Absichten, gleiten dann aber in Wohltätigkeit ab, die Einzelpersonen hilft, ohne kollektive Macht etwas aufzubauen. Damit spielen sie einem Staat in die Hände, der oft nur allzu gerne bereit ist, Leistungen zu streichen. „Man kann wie ein richtig paternalistischer Marxist sein“, sagt De Vos.

„Als Fachkraft im Gesundheitswesen wird man dazu ausgebildet und darauf konditioniert, paternalistisch zu sein“, fügt Bosselaers hinzu. Um das zu überwinden, „muss man sich wirklich aktiv damit auseinandersetzen … sich selbst und die eigene Vorgehensweise hinterfragen und dabei stets sehr selbstkritisch sein.“

Einige linksgerichtete Ärzte wie Georges Bauherz, der in einer Klinik in Brüssel tätig ist, die nicht mit „Médecine pour le Peuple“ verbunden ist, stellen grundlegendere Fragen zu deren Modell und behaupten, dass es das übliche Verhältnis zwischen Arzt und Patient aufrechterhalte und sich auf die Autorität des Arztes stütze, um eher eine gesellschaftliche als eine individuelle Diagnose zu stellen.

Kombiniert man dies mit dem Arbeitsdruck, dem landesweiten Mangel an Ärzt*innen und Pflegekräften in Belgien sowie der stets prekären Abhängigkeit eines linksgerichteten medizinischen Zentrums von staatlichen Mitteln, wird schnell deutlich, wie Kampagnenarbeit und kollektives Handeln in die Enge getrieben werden können.

Ein Teil der Antwort, so Bosselaers, besteht darin, zu wissen, wann man aufhören muss. Sozialarbeiter*innen von MPLP hatten begonnen, Patient*innen zu betreuen, deren Probleme eigentlich in die Zuständigkeit des Staates fielen. Die Nachfrage stieg rasant an, und sie trafen die schwierige Entscheidung, den Dienst einzustellen.

„Natürlich möchte man immer der Person helfen, die gerade vor einem steht“, sagt Bosselaers. „Man fängt also an, und dann dreht man einfach den Hahn weiter auf. Wenn wir all das auf uns nehmen, ermöglichen wir dem Staat, weiter zu kürzen und diese Leistungen nicht zu erbringen.“

Die Lösung besteht vielmehr darin, sich zu organisieren, vor die Presse zu gehen, das Versagen des Staates bei der Bereitstellung grundlegender Dienstleistungen sichtbar zu machen und sich zu weigern, die Lücken zu schließen. Die Entscheidung, wann man dies tun und wann man dem unmittelbaren Drang zu helfen widerstehen sollte, verdeutlicht jedoch einen zentralen Konflikt: Die Deckung kurzfristiger Bedürfnisse steht oft im Widerspruch zum langfristigen Aufbau einer Bewegung.

Stolze Parteiverbindung

Obwohl „Médecine pour le Peuple“ von PTB-Mitgliedern gegründet wurde, ist die Organisation mittlerweile formal unabhängig. Sie verfügt über eine eigene, gewählte Führung, ein eigenes Budget und trifft ihre eigenen strategischen Entscheidungen. Dennoch sind die meisten Personen in Führungspositionen Mitglieder der PTB, und sie tauschen sich organisationsübergreifend aus. De Vos beschreibt diese Verbindung eher als ein Zusammenschluss gemeinsamer Grundsätze und viele Überschneidungen bei den Personen als als die Durchsetzung einer Parteihierarchie. „Es ist ja nicht so, dass ich einen Anruf von Peter Mertens [dem Vorsitzenden der Belgischen Arbeiterpartei] bekomme. So läuft das nicht.“

MPLP geht offen mit dieser Beziehung um. In einer Vision der Organisation heißt es: „Politik ist Medizin im großen Stil … Daher ist es auch die Aufgabe der Gesundheitsfachkräfte, sich politisch zu engagieren. Deshalb steht ‚Médecine pour le Peuple‘ der Belgischen Arbeiterpartei nahe, jener politischen Partei, die für ein anderes System kämpft.“

Diese Transparenz ist ungewöhnlich. Die meisten linken Dienstleister gehen mit politischen Verbindungen behutsam um und spielen diese herunter, um Patient*innen oder Geldgeber nicht zu vergraulen. „Médecine pour le Peuple“ verfolgt den gegenteiligen Ansatz. In den Wartezimmern und an den Schaufenstern der Praxen hängen überall PTB-Plakate. Dr. Bosselaers und andere werben aktiv für PTB-Demonstrationen. Zwar sind nicht alle Ärzt*innen dort Parteimitglieder, doch viele sind es nach wie vor. Selbst linke Kritiker wie Georges Bauherz haben diese Verbindung zeitweise infrage gestellt und Zweifel geäußert, ob „Médecine pour le Peuple“ vielleicht effektiver wäre, wenn die Organisation nicht an eine einzige politische Organisation gebunden wäre. Dennoch schätzt Dr. Joye, dass bis zu 40 Prozent der Patient*innen von MPLP nicht für PTB-Kandidat*innen stimmen, aber dennoch zur medizinischen Versorgung kommen, weil sie diesem Zentrum vertrauen.

Laut Joye profitiert die Partei davon in hohem Maße – insbesondere durch den Ruf, die Menschen aus der Arbeiterklasse konkret zu unterstützen, anstatt sie lediglich in der Regierung zu vertreten. „Wenn man auf den Markt geht und die Leute fragt: ‚Was haltet ihr von der Arbeiterpartei Belgiens?‘“, erzählt Joye, „dann hört man, dass sie das tun, was sie versprechen.“ Und eines der Projekte, auf die sie Bezug nehmen, ist „Médecine pour le Peuple“. „Ich weiß, dass es dort Ärzte gibt“, werden die Leute sagen. „Die leisten gute Arbeit.“

Während der Corona-Pandemie mobilisierte MPLP über hundert Freiwillige, die beim Einkaufen, beim Abholen von Rezepten, bei der Organisation von Tests und bei der Herstellung von Masken halfen. „Sie engagieren sich hier ehrenamtlich, lernen Leute kennen, erkundigen sich nach der [PTB] oder wir erzählen ihnen davon, und dann werden sie in Basisgruppen eingeladen. Auf diese ganz natürliche Weise finden sie dann zueinander“, erklärt Joye.

Dr. Bosselaers hat Patient*innen, die mit einem gesundheitlichen Problem zu ihr kamen und Monate oder Jahre später als aktive Parteimitglieder wieder fortgingen. Niemand, der Pflege erhält, wird gebeten, sich bei der PTB anzumelden. Doch die Erfahrung, die eigenen Gesundheitsprobleme in einem gesellschaftlichen Kontext zu verstehen und an einer Demonstration teilzunehmen, bei der man Menschen trifft, denen dieselben Themen am Herzen liegen, kann das Verhältnis zu politischen Organisationen verändern.

Patienten gegen Autobahnen

„Zeig mir deine Lunge, und ich sage dir, wo du wohnst“, sagte ein Arzt aus der Antwerpener Klinik von „Médecine pour le Peuple“. Die Ärzt*innen vor Ort stellten fest, dass sechs von zehn Kleinkindern in der Region Inhalatoren benutzten. Im Vergleich dazu war es in einer ländlichen Gemeinde, die 40 Kilometer entfernt liegt, nur jedes Zehnte. Sie suchten nach einer Erklärung und fanden sie in der wissenschaftlichen Literatur: Kinder, die in der Nähe von Autobahnen leben, haben nachweislich weniger gesunde Lungen.

In dieser Woche erfuhren sie von einem geplanten neuen Straßenbauprojekt – dem „Lange Wapper“ –, bei dem die Antwerpener Ringstraße direkt über die dicht besiedelten Wohngebiete verlaufen sollte, in denen ihre Patient*innen leben. Die Ärzt*innen führten die nötigen Berechnung durch und begannen mit den Vorbereitungen. Sie veranstalteten nicht nur Bürgerversammlungen, sondern verbreiteten auch Informationen und wissenschaftliche Erläuterungen, die für Nachbarschaftsgruppen leichter verständlich waren. Sie bildeten Bündnisse mit Umweltorganisationen und anderen Gleichgesinnten aus sozialen Bewegungen.

Angesichts der Tatsache, dass sie es mit einer mächtigen Baulobby zu tun hatten, die einen lukrativen öffentlichen Auftrag anstrebte, ist es nicht verwunderlich, dass der Kampf zehn Jahre dauerte. Zusammen mit anderen Gruppen in der Stadt sammelten sie über fünfzigtausend Unterschriften – genug, um eine Volksabstimmung zu erzwingen –, und die Bevölkerung stimmte dagegen. Der Bürgermeister musste nachgeben, und die Autobahn wurde nie gebaut. „Gegen die Macht des Geldes und die Lobby der Bauunternehmer“, schrieben sie später, „hatten wir die Macht der Zahlen.“

So sieht „Médecine pour le Peuple“ in voller Stärke aus: ein medizinisches Zentrum, das Gesundheitsversorgung für die Arbeiterklasse bietet, ein Ort der Nachbarschaftsorganisation und eine Machtgerüste, das sich für medizinische Belange einsetzt und von Politiker*innen nur schwer ignoriert werden kann. Die klinische Praxis der Ärzt*innen ist eine Wissensquelle und bildet den Personenkreis, der Kampagnen erst möglich macht. Andere Gesundheitsdienstleister erkennen zwar dieselben Umweltgefahren, doch nur „Médecine pour le Peuple“ tritt mit wissenschaftlichen Belegen und Patient*innen auf, um sich zur Lösung dieser Probleme zu engagieren.

Eine weitere Initiative, die als „Kiwi-Modell-Kampagne“ bekannt wurde – ein jahrzehntelanger Kampf für wettbewerbsorientierte öffentliche Ausschreibungen für Arzneimittel nach dem Vorbild des neuseeländischen Systems –, führte schließlich zu einem Gesetzentwurf im Parlament und zu Preissenkungen bei Impfstoffen. Ebenso sammelte die Kampagne „Pas de Profit sur la Pandémie“ auf dem Höhepunkt der COVID-19-Pandemie landesweit Tausende von Unterschriften, mit denen gefordert wurde, dass Pharmaunternehmen die Monopolisierung der öffentlich finanzierten Impfstoffforschung einstellen. In beiden Fällen verlieh die Glaubwürdigkeit von MPLP als Organisation von Beschäftigten im Gesundheitswesen den Kampagnen eine Legitimität, mit der rein politische Organisationen nicht mithalten konnten.

„Kein anderer Arzt und keine andere Gesundheitseinrichtung in Belgien tut das“, sagt Joye. „Das machen nur wir.“

„Médecine pour le Peuple“ in den USA?

„Médecine pour le Peuple“ ist vor dem spezifischen Hintergrund eines versicherungsbasierten Gesundheitssystems entstanden, in dem es möglich ist, aus staatlichen Mitteln finanzierte politische Kliniken einzurichten. Zwar eignet sich das Modell nicht für ein Land mit einem staatlichen Gesundheitssystem wie Großbritannien, doch könnte es in den USA möglicherweise Anklang finden, wo das belgische System der Gesundheitsfinanzierung gewisse Ähnlichkeiten mit der Funktionsweise der Medicaid- und Medicare-Programme aufweist.

Wenn überhaupt, dann ist es dort sogar noch dringender nötig als in Belgien. Das US-Gesundheitssystem bringt regelmäßig genau jene individuellen Tragödien hervor, die die MPLP als politisches Arbeitsmaterial nutzt: ein gebrochenes Handgelenk ohne Krankenversicherung, individuelle Missstände am Arbeitsplatz, chronische berufsbedingte Erkrankungen oder durch Umweltverschmutzung verursachtes Asthma. Das sind alles Fälle, die nur darauf warten, mit einem sozialen Stethoskop diagnostiziert zu werden.

„In den USA würde ich mich wahrscheinlich den [Democratic Socialists of America] anschließen; die könnten einem mit Leuten, Unterstützung und ideologischen Impulsen helfen“, meint De Vos und betont, wie wichtig eine Verbindung zu einer Partei ist, um eine ähnliche Initiative umzusetzen. Die schwierigere Frage ist, ob linke Organisationen diese Kompromisse akzeptieren könnten. Der Aufbau einer Einrichtung im Gesundheitswesen mag wie ein gewaltiger Ressourcenaufwand erscheinen: eine Investition, die sich erst über Jahrzehnte hinweg auszahlt.

Für diejenigen jedoch, die es ernst meinen mit einer intensiveren Organisierungsarbeit und der Berücksichtigung der Bedürfnisse der Arbeiterklasse, ist das Gesundheitswesen ein vielversprechender Ansatzpunkt.

„Bieten Sie konkrete Hilfe an … und verknüpfen Sie diese dann sofort mit einer Bewegung und politischer Macht“, rät Dr. Bosselaers. „Sonst werden Sie einfach vom Elend und den Folgen sozialer Ungerechtigkeit überwältigt, ohne die Mittel zu haben, dagegen vorzugehen.“

Joe Todd ist ein in London ansässiger Politikanalyst und leitender wissenschaftlicher Mitarbeiter am Whirlwind Institute, einem Zentrum für Strategien zum sozialen Wandel.

Available in
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Author
Joe Todd
Translators
Nathalie Guizilin and ProZ Pro Bono
Date
19.08.2026
Source
JacobinOriginal article🔗
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