Wie Recherchen zeigen, winken den britischen Energieriesen in Venezuela dank einer weitreichenden diplomatischen Annäherung zwischen London und Caracas enorme Gewinne.
Dies ist eine Folge der Entführung von Nicolás Maduro zu Beginn dieses Jahres – eines Schritts, den UNO-Experten als „vorsätzlichen Verstoß gegen die grundlegendsten Prinzipien des Völkerrechts“ bezeichnet haben.
Donald Trump hat wiederholt betont, dass die US-Intervention von Ölinteressen motiviert war, und erklärte vergangene Woche vor der UNO-Generalversammlung sogar: „Dem Sieger gehört die Beute.“
Nur wenige Stunden nach Maduros Entführung erklärte der britische Premierminister Keir Starmer, Großbritannien sei daran „nicht beteiligt“, weigerte sich jedoch gegen eine Äußerung, ob die Aktion rechtswidrig gewesen sei. „Wir vergießen keine Tränen über das Ende des Regimes“, so Starmer.
Die Entführung erweist sich jetzt schon als Vorteil für die britischen Energieriesen: Interimspräsidentin Delcy Rodríguez heißt nämlich ausländische Unternehmen in Venezuela wieder willkommen und lockert die Gesetzgebung für den Öl- und Gassektor.
Seit Januar 2026 haben BP und Shell bedeutende Verträge mit der venezolanischen Regierung abgeschlossen, die offenbar unter dem Druck der Trump-Regierung handelt.
Dokumente, die Declassified vorliegen, zeigen, wie das britische Außenministerium deren Rückkehr erleichtert hat. In den Wochen und Monaten nach Maduros Absetzung kam es zu zahlreichen hochrangigen Treffen zwischen Führungskräften der Unternehmen und britischen Beamt*innen.
Die Öffnung der venezolanischen Wirtschaft hat zudem den Weg für eine Normalisierung der Beziehungen zwischen London und Caracas geebnet. Anfang dieses Monats wurden Pläne bekannt, die diplomatische Vertretung auf Botschafterebene aufzuwerten.
Angesichts des umfassenderen Angriffs auf die Souveränität Venezuelas wirft jedoch die Tatsache, aus der Entführung eines Staatsoberhauptes Nutzen zu ziehen, schwerwiegende Fragen auf.
„Die Zwangskontrolle der USA über die Öleinnahmen Venezuelas könnte eine Verletzung der Souveränität Venezuelas dargestellt haben“, erklärte der UNO-Sonderberichterstatter Ben Saul.
Dazu zählen Verstöße gegen „die Pflicht zur Nichteinmischung, das Recht auf wirtschaftliche Selbstbestimmung und den Grundsatz der dauerhaften Souveränität über natürliche Ressourcen“.
Professor Francisco Rodríguez, ein führender venezolanischer Wirtschaftswissenschaftler, der die Nationalversammlung beraten hat, sagte gegenüber Declassified: „Vereinbarungen dieser Art haben weitaus bessere Chancen, Bestand zu haben, wenn ein breiter Konsens nicht nur über ihre Rechtsgültigkeit, sondern auch über ihre Zweckmäßigkeit für die Nation besteht.
Derzeit sehe ich deutlich mehr Teile der venezolanischen Gesellschaft, die diese Vereinbarungen weder für rechtmäßig noch sinnvoll für die Nation halten. Einige von ihnen betrachten sie sogar als regelrechte Ausbeutung.“
Rodríguez fügte hinzu: „Es ist schwer vorstellbar, dass wirklich eigenständige venezolanische Politiker*innen diese Vereinbarungen unterzeichnen würden, wenn ihnen nicht eine Waffe an den Kopf gehalten würde.“
Nachdem Delcy Rodríguez im Januar die Macht übernommen hatte, wurde Venezuelas Wirtschaft unter ihrer Führung neu strukturiert. Anfang dieses Monats wurde sie in New York zusammen mit Trump abgebildet – nur wenige Kilometer von Maduros Gefängniszelle entfernt.
Die venezolanische Gesetzgebung für den Öl- und Gassektor wurde geändert, um die Bedingungen für ausländische Unternehmen günstiger zu gestalten. Zugleich werden die Energieeinnahmen des Landes nun über das US-Finanzministerium geleitet, wobei Washington einen erheblichen Anteil einbehält.
Bis Juli hatte die US-Regierung laut der Financial Times mehr als US$ 13 Milliarden aus dem Verkauf venezolanischen Öls eingenommen.
Im August kündigte Trump zudem ein „historisches Ölabkommen“ mit Venezuela an, das den USA für hundert Jahre die Kontrolle über mehr als 65 Milliarden Barrel Ölreserven sichern würde.
Das Abkommen würde „unsere Energiedominanz für das nächste Jahrhundert“ sichern meinte Trump, „und das alles ohne Kosten für die Vereinigten Staaten“.
Bemerkenswerterweise stellte das bei diesem Abkommen federführende Unternehmen North American Blue Energy Partners (NABEP) drei Anwälte ein, die zuvor für das britische Serious Fraud Office tätig gewesen waren.
Vor diesem Hintergrund sind Shell und BP nach Venezuela zurückgekehrt.
Shell erhielt Konzessionen zur Erschließung und zum Betrieb zweier Offshore-Gasfelder namens Loran und Dragon, die voraussichtlich riesige Mengen förderbaren Gases enthalten.
Das Unternehmen unterzeichnete zudem eine vorläufige Vereinbarung zur Erschließung zweier Onshore-Ölfelder namens Carito und Pirital im Bundesstaat Monagas, einer der ölreichsten Regionen des Landes.
Nach der Unterzeichnung einer Absichtserklärung (MoU) im März in Caracas verwies Shells Regionalleiter Adam Lowmass auf die „lange Geschichte des Unternehmens in Venezuela, die bis ins Jahr 1912 zurückreicht“. Er erklärte: „Ich könnte nicht stolzer auf unser Team sein.“
BP wiederum unterzeichnete im April eine Absichtserklärung mit der venezolanischen Regierung zur Erschließung des Gasfeldes Cocuina-Manakin, das an der Seegrenze zu Trinidad und Tobago liegt.
Dem Unternehmen wurde zudem eine Lizenz für die zweite Betriebsphase des Loran-Feldes in Partnerschaft mit dem emiratischen Unternehmen XRG und der katarischen Firma UCC Oil and Gas erteilt, und es hat in den USA mit dem Ölhandel begonnen.
Shell und BP planen, Venezuelas Erdgas mithilfe der Atlantic-LNG-Anlage und des Exportterminals in Trinidad und Tobago zu verarbeiten, an denen beide Unternehmen maßgeblich beteiligt sind.
Durch diese grenzüberschreitende Präsenz werden die Unternehmen erhebliche Kontrolle über die Erdgas-Lieferkette in der Karibik erlangen, wobei ein großer Teil des Gases für Europa bestimmt sein wird.
Daten, die Declassified über das Informationsfreiheitsgesetz erhalten hat, zeigen, wie das Außenministerium die Rückkehr von Shell und BP nach Venezuela erleichtert hat.
Führungskräfte der Unternehmen trafen sich in den zwei Monaten nach Maduros Entführung achtmal mit Colin Dick, dem britischen Geschäftsträger in Caracas – gegenüber insgesamt acht Sitzungen im gesamten Jahr 2025.
Zwar hat sich das Außenministerium geweigert, über einige stark geschwärzte E-Mails hinaus offenzulegen, was besprochen wurde, doch könnte die Häufigkeit der Treffen als stillschweigende Befürwortung der neuen Vorhaben beider Energiekonzerne in Venezuela gewertet werden.
Erdöl bestimmt seit über einem Jahrhundert die britische Außenpolitik in Venezuela. Der ehemalige Staatssekretär für Amerika, Alan Duncan, stellte 2018 fest: „Die Wiederbelebung der Ölindustrie wird ein wesentlicher Bestandteil jeder Erholung sein, und ich kann mir vorstellen, dass britische Unternehmen wie Shell und BP daran teilhaben wollen.“
Die derzeitige Leiterin der Abteilung für Amerika im britischen Außenministerium, Harriet Thompson, hielt sich Anfang März 2026 in Caracas auf, als Shell sich darauf vorbereitete, bedeutende neue Energievereinbarungen zu unterzeichnen.
Thompson „absolvierte einen produktiven Besuch, der Treffen im venezolanischen Außenministerium sowie Gespräche mit Vertreter*innen britischer Unternehmen umfasste, um Wachstumschancen für beide Länder auszuloten“, teilte die Botschaft mit.
Auf die Frage im Parlament, ob an diesen Gesprächen britische Rohstoffunternehmen beteiligt waren, entgegnete das Außenministerium, die Frage sei bereits im Januar beantwortet worden – zwei Monate bevor die Treffen überhaupt stattgefunden hatten.
In ihrem eigenen Bericht brüstete sich die venezolanische Regierung, die Delegation sei die erste ihrer Art seit Jahren gewesen und habe neue Wege für den „Handelsaustausch“ im Rahmen des übergeordneten Ziels der „Stärkung der Zusammenarbeit in strategischen Sektoren“ eröffnet.
Anfang dieses Monats waren der venezolanische Außenminister und ehemalige Botschafter im Vereinigten Königreich, Félix Plasencia, sowie der Präsident der Nationalversammlung, Jorge Rodríguez – Delcys Bruder –, zu einem weiteren hochrangigen diplomatischen Austausch in London.
Vor dem Außenministerium erklärte Rodríguez, bei den Treffen mit britischen Diplomaten sei es um „Öl- und Gasinvestitionen“ sowie das „rasante Wirtschaftswachstum Venezuelas“ gegangen.
Auch BP und Shell bemühten sich nach einer langen Phase relativer Inaktivität darum, in Washington Einfluss auf die Venezuela-Politik zu nehmen.
Sie versuchten, das US-Amt für die Kontrolle ausländischer Vermögenswerte (OFAC) davon zu überzeugen, ihnen Lizenzen für ihre Tätigkeit in Venezuela zu erteilen, während die Trump-Regierung die Sanktionen für Projekte lockert, die den Ölinteressen der USA zugutekommen.
Im ersten Quartal 2026 meldete Shell Lobbyaktivitäten im Wert von US$ 1,3 Millionen in den USA, die „die kommerzielle Erschließung von Erdgas im Dragon-Gasfeld vor den Küsten Venezuelas sowie Trinidad und Tobagos gemäß einer von der OFAC erteilten Lizenz“ betrafen.
Im selben Zeitraum meldete BP Lobbyaktivitäten in den USA im Wert von US$ 1,18 Millionen, wobei ein Schwerpunkt auf „Venezuela und OFAC-Lizenzen“ lag.
Shells CEO Wael Sawan traf sich im Januar sogar mit Trump und sagte, er sei „bereit loszulegen“ und sehe in Venezuela „Investitionsmöglichkeiten im Wert von mehreren Milliarden US-Dollar“.
Tage später forderten US-Gesetzgeber Sawan und andere Führungskräfte der Ölindustrie eindringlich auf, „die Teilnahme an jeglichen Transaktionen oder Vereinbarungen abzulehnen, die sich auf die von der Trump-Regierung geltend gemachte Befugnis zur Kontrolle venezolanischer Ölvorkommen stützen“.
Ricardo Vaz, Chefredakteur von Venezuela Analysis, erklärte gegenüber Declassified: „Ähnlich wie bei der Beteiligung an der US-amerikanischen Wirtschaftsblockade sind das Vereinigte Königreich und die dort ansässigen Unternehmen entschlossen, sich in diesem Kontext nach dem 3. Januar die Plünderung der natürlichen Ressourcen Venezuelas nicht entgehen zu lassen.
BP und Shell standen an vorderster Front, um vom reformierten Energiesektor zu profitieren, und gehören zu den sechs Unternehmen, die die erste allgemeine Genehmigung erhielten, um Vereinbarungen mit der venezolanischen Regierung auszuhandeln.
Beide Unternehmen blicken auf eine lange Geschichte in der venezolanischen Ölindustrie zurück und werden nun wohl unter den günstigsten Bedingungen zurückkehren, die sie je genossen haben.“
Die verbesserte Stellung von BP und Shell in Venezuela fällt mit einer weitreichenden diplomatischen Annäherung zwischen London und Caracas zusammen.
Unter Maduro bestand die britische Regierung darauf, dass vor einer diplomatischen Normalisierung Neuwahlen notwendig seien. Nun hat sich diese Haltung jedoch umgekehrt: Das Außenministerium erklärt, ein demokratischer Übergang erfordere verbesserte diplomatische Beziehungen.
„Die Intensivierung unserer Beziehungen wird unsere Fähigkeit stärken, eine konstruktive Rolle bei der Unterstützung eines demokratischen Übergangs zu spielen“ und „britische Unternehmen in Venezuela zu fördern“, erklärte Außenminister Chris Elmore Anfang dieses Monats.
Diese „Intensivierung“, so sagte er, werde den Weg für die Ernennung eines britischen Botschafters in Caracas ebnen – erstmals seit 2017.
Um diesen neuen Frühling in der britisch-venezolanischen Partnerschaft zu feiern, traf sich Delcy Rodríguez am 18. September in Caracas mit dem britischen Geschäftsträger Colin Dick. Die beiden wurden dabei gefilmt, wie sie gemeinsam lachend Hirsche fütterten und Pfauen bewunderten.
„Venezuela und das Vereinigte Königreich schlagen ein neues Kapitel in ihren bilateralen Beziehungen auf“, verkündete Rodríguez strahlend.
Eine der obersten Prioritäten Venezuelas angesichts der verbesserten diplomatischen Beziehungen wird die Rückgabe von Gold im Wert von rund US$ 4 Milliarden sein, das seit über sieben Jahren bei der Bank of England eingefroren ist.
Während Elmore erklärte, Großbritanniens „langjährige Position bestehe darin, Staaten anzuerkennen, nicht Regierungen“, war es die Entscheidung der britischen Regierung, im Jahr 2019 eine Parallelregierung unter dem venezolanischen Oppositionsführer Juan Guaidó anzuerkennen, die zu der Sackgasse im Streit um das Gold geführt hatte.
Laut dem ehemaligen US-Sicherheitsberater John Bolton war der damalige Außenminister Jeremy Hunt „begeistert“, bei Washingtons Destabilisierungskampagne in Venezuela mitzuwirken, „beispielsweise durch das Einfrieren venezolanischer Goldreserven bei der Bank of England“.
Nach einem langwierigen Rechtsstreit um das Eigentumsrecht an den Vermögenswerten wurde Guaidó 2022 abgesetzt und seine Parallelregierung aufgelöst. Doch aufgrund der anhaltenden Nichtanerkennung Maduros durch Großbritannien blieb das Gold blockiert.
Die Regierung Rodríguez und die venezolanische Opposition haben seitdem Verhandlungen aufgenommen und sich Berichten zufolge darauf geeinigt, dass das Gold freigegeben werden soll.
Diese Verhandlungen könnten laut der Financial Times dazu führen, dass das Gold von der Bank of England an die Federal Reserve von New York übertragen wird, wobei die Vermögenswerte nur als Sicherheit für staatliche Kreditaufnahmen und nicht zum Verkauf zur Verfügung stehen würden.
Die Übertragung des Goldes an das Land, dessen Staatschef die Entführung des venezolanischen Staatsoberhauptes orchestriert hat, nachdem das Gold wegen Bedenken hinsichtlich der demokratischen Legitimität eingefroren worden war, könnte für das Außenministerium und die Bank of England heikle Fragen aufwerfen.
Ein Sprecher der Bank of England teilte zuvor mit: „Die Bank ist nicht in der Lage, Anweisungen zu befolgen, solange keine weitere Anordnung des britischen Gerichts vorliegt, aus der klar hervorgeht, wer die rechtliche Verfügungsgewalt über das Konto hat. Dies erfordert, dass sich die an dem Fall beteiligten Parteien an das britische Gericht wenden, um den Streit beizulegen.“
Das Außenministerium, BP und Shell wurden um eine Stellungnahme gebeten.
Ana Maria Monjardino ist eine unabhängige Schriftstellerin und Journalistin, deren Arbeit sich auf Lateinamerika und Palästina konzentriert. Sie hat über die palästinensische Diaspora in Lateinamerika und die Militärgeschichte Israels in der Region geschrieben. Außerdem hat sie über das Erstarken des christlichen Zionismus berichtet. John McEvoy ist Chefreporter bei Declassified UK. Er ist Historiker und Filmemacher, wobei sich seine Arbeit auf die britische Außenpolitik und Lateinamerika konzentriert. Er promovierte mit seiner These über Großbritanniens „geheime Kriege“ in Kolumbien zwischen 1948 und 2009 und arbeitet derzeit an einem Dokumentarfilm über die Rolle Großbritanniens beim Aufstieg von Augusto Pinochet.
