Falls du Brasilien in den letzten Jahren besucht hast, wirst du sie gesehen haben: „die andere roten Schirmmütze“. Heute ein modisches Accessoire an den Stränden von Rio de Janeiro, ist die eindeutig anti-MAGA-Baseballkappe nicht ein Symbol der extremen Rechten, sondern das der MST.
Mit knapp zwei Millionen Mitgliedern ist die MST nun wahrscheinlich die größte soziale Bewegung der Welt. Kampferprobt nach vier Jahrzehnten setzt sie sich für eine Agrarreform ein. Noch beeindruckender ist, dass sich die MST unter widrigen Bedingungen behauptet hat – besonders unter der extrem rechtsgerichteten Regierung von Jair Bolsonaro. Das Ziel der MST ist es, die unerfüllten Versprechungen von Brasiliens Übergang in die Demokratie einzulösen und mit dem kolonialen Verhältnis zu brechen, die immer noch auf dem Land herrschen.
Das letzte Jahrzehnt brachte dieser historischen Mission jedoch neuen Schwung. Die wachsende Sichtbarkeit der MST war Teil einer durchdachten „Neupositionierung“ – ein Rückzug in eine defensive Haltung, als die Bolsonaro-Regierung den offenen Krieg gegen die Landbesetzungen der Bewegung erklärte. Als Reaktion darauf richtete sich die Bewegung an die progressive urbane Mittelschicht.
Unter der unwahrscheinlichen Flagge von Bio-Lebensmitteln verpackte die MST die Agrarreform – und ihre umstrittenen Landbesetzungen – neu als Mission, um der brasilianischen Bevölkerung zu nahrhaften, nachhaltig erzeugten und bezahlbaren Produkten zu verhelfen. Dadurch begann die öffentliche Meinung, die Bewegung nicht mehr als „bloße“ Bauernbewegung zu sehen, sondern als Projekt der nationalen Umgestaltung. Die Bewegung arbeitet zwar mit der linken Regierung von Präsident Luiz Inácio Lula da Silva zusammen, ihre Beziehung zum brasilianischen Staat ist jedoch weiterhin kompliziert.
Für Jacobin sprach Nicolas Allen mit MST-Nationalführer João Paulo Rodrigues über die strategische Vision der MST für die Zukunft und darüber, wie die Bewegung plant, die Politik der Arbeiterklasse auf die nationale Agenda zu setzen.
NICOLAS ALLEN
Die Bewegung der Landlosen Arbeiter*innen war kürzlich Thema einer Titelgeschichte des US-Magazins Nation. Der Autor Vincent Bevins erklärt darin, wie sich die Bewegung im Laufe ihrer vierzigjährigen Existenz dem Wandel der Zeit angepasst hat und wie sie sogar unter der extremen rechtsgerichteten Regierung von Jair Bolsonaro stärker wurde. Wie erklärst du das Wachstum der MST im letzten Jahrzehnt?
JOÃO PAULO RODRIGUES
Die MST ist seit der Wiederherstellung der brasilianischen Demokratie Ende der 1980er Jahre eine wichtige politische Kraft – das sind fast fünfundvierzig Jahre, in denen die MST aktiv und mit unterschiedlicher Stärke in jedem Kampf anwesend war.
Es stimmt, dass die MST zu einer bedeutenden politischen Akteurin geworden ist. Aber es ist ebenso wichtig zu verstehen, dass die letzten zehn Jahre sehr hart für die brasilianische Linke waren. Vor dem Putsch gegen Dilma [Rousseff] 2013 gab es einen großen Aufstand, der eine neue Generation von Brasilianer*innen in den Einflussbereich der konservativen Rechten brachte. Diese konservative Kraft versuchte, alle linken Bewegungen von der Straße zu verdrängen: die MST, den CUT (Zentraler Gewerkschaftsbund), die PT (Arbeiterpartei) – sie alle verloren Boden an die Rechte.
Die MST überstand zwar jene Zeit, aber danach wurde alles nur noch schlimmer. Dann kamen Dilmas Amtsenthebung, Lulas Inhaftierung, die Michel-Temer-Regierung, Bolsonaros Wahl und die Pandemie. Im letzten Jahrzehnt erlitt die brasilianische Linke – die MST eingeschlossen – viele Rückschläge.
Während dieser Zeit konnte sich die MST als politische Kraft behaupten, indem sie eine neue Richtung einschlug. Statt sich ausschließlich auf ihre traditionellen Themen zu konzentrieren – die Besetzung von ungenutzten, unproduktiven Grundstücken, der Kampf gegen Großgrundbesitzer und so weiter –, setzte die MST ein neues Thema auf die politische Agenda. Dieses Thema war die Lebensmittelversorgung.
Die Lebensmittel-Agenda – die Erzeugung billiger, gesunder, Bioprodukte – verwandelte die Flagge der Agrarreform in etwas Handfesteres für die durchschnittlichen Brasilianer*innen. Ob Angehörige der Mittelschicht, die an Bio-Lebensmitteln interessiert waren, oder ärmere Schichten, die erschwingliche Preise wollten – das Banner der Ernährung machte das Anliegen einer Agrarreform nachvollziehbarer. Diese Verschiebung hin zur Lebensmittelproduktion veränderte auch die Sicht der sogenannten Entwicklungsbefürworter*innen. Sie können die MST nicht mehr von oben herab als „bloße Protestbewegung“ abtun. Jetzt sind sie gezwungen, anzuerkennen, dass die Bewegung wirtschaftliche, politische und soziale Alternativen anbietet.
Das heißt natürlich nicht, dass die Bewegung, nur weil sie sich die Lebensmittel-Agenda erhoben hat, ihren Kampf gegen Großgrundbesitzer, den Imperialismus und den Kapitalismus aufgegeben hat. Es bedeutet schlichtweg, dass die MST auch eine alternative Vision der Gesellschaft aufzeigt.
NICOLAS ALLEN
Wie funktioniert das MST-Lebensmittelsystem in Bezug auf Produktion und Verteilung?
JOÃO PAULO RODRIGUES
Es gibt rund 1.900 produktive Verbände, 185 Genossenschaften und 120 Agrarunternehmen, verteilt auf Siedlungen und Lager der MST. Diese sind an der Erzeugung, Verarbeitung und Vermarktung von Lebensmitteln aus der Volkslandreform beteiligt. Es gibt mindestens fünfzehn Hauptproduktionsketten mit mehr als 1.700 verschiedenen Produkttypen, die über die MST-Verteilungswege fließen. Der Löwenanteil besteht aus Grundnahrungsmitteln wie Reis, Bohnen, Mais, Weizen, Kaffee, Milch, Honig, Kassava und verschiedenen anderen Früchten und Gemüse.
Allein die Reisernte bringt mehr als 42.000 Tonnen ein, von denen 16.000 Tonnen Bio-Qualität sind. Die MST ist seit über einem Jahrzehnt als größter Produzent von Bio-Reis in Lateinamerika bekannt. Die MST erzeugt auch etwa 30.000 Tonnen Kaffee pro Ernte. Wir sind auch einer der größten Kakaoproduzenten in Brasilien mit mehr als 1,2 Millionen Tonnen.
Kurz gesagt: Unser Ziel ist es, einer der größten Produzenten der Welt von Bio- und ökologisch erzeugten Lebensmitteln zu werden. Von Nord bis Süd in Brasilien sind unsere Produktionsketten um Grundsätze der Bodenerhaltung, richtiges Management, verantwortungsvolle Produktionsmethoden und die Nutzung unserer eigenen Verteilungskanäle organisiert, um Lebensmittel auf die Tische der Brasilianer*innen zu bringen. Bei der Verteilung verlassen wir uns auf die Armazéns do Campos – Bauernläden – mit der MST verbundene Geschäfte, die sich auf den Verkauf von Produkten aus der Agrarreform spezialisieren. Es gibt gegenwärtig vierundzwanzig solcher Läden in den großen Städten und im Hinterland Brasiliens. Wir halten auch regionale Märkte ab, auf denen ein großer Teil der Produktion aus den Lagern und Siedlungen lokal verteilt wird.
Der wichtigste Absatzweg unserer Bauernfamilien ist jedoch über obligatorische Ankäufe zur Einhaltung öffentlicher Ernährungsrichtlinien, wie das PAA (Programm zum Erwerb von Lebensmitteln) und das PNAE (Nationales Schulernährungsprogramm). Es gibt ein Gesetz in Brasilien, das verlangt, dass jedes PNAE-Programm mindestens 30 Prozent seiner Lebensmittelressourcen von kleinen Familienbetrieben kaufen muss. Obwohl dieses Gesetz nicht immer befolgt wird, garantieren diese Gesetze die Verteilung von MST-produzierten Lebensmitteln auf direktem und institutionell gestütztem Weg. Man könnte sich ein weniger bürokratisches Modell wünschen, das mit einem größeren Maßstab arbeitet, aber das PNAE ist äußerst wichtig für die Förderung der Bauernproduktion und dafür, dass Schulen und andere öffentliche Institutionen gesunde und abwechslungsreiche Lebensmittel haben.
NICOLAS ALLEN
Vorhin hast du von der Schwäche der brasilianischen Linken gesprochen. Meintest du damit die Wahlpolitik, organisierte Arbeit, soziale Bewegungen oder alles zusammen?
JOÃO PAULO RODRIGUES
Brasilien ist traditionell politisch gespalten. Normalerweise wählen 30 Prozent der Bevölkerung die Linke, und die rechte Seite bekommt üblicherweise einen ähnlichen Stimmenanteil, also auch etwa 30 Prozent. Die politische Mitte neigt normalerweise zur Rechten. Die große historische Neuerung von Lula war, dass er seit seinem Wahlsieg 2002 es geschafft hat, die politische Mitte anzuziehen und die Arbeiterpartei PT zu stärken, die zu einem großen Mitte-Links-Lager geworden ist. In diesem Prozess wurde die Lula-Regierung selbst jedoch zentristischer und weniger linksgerichtet.
Das schwächte am Ende die Kraft der Mitte-Rechts-Parteien, die in den letzten Jahren von den Lula- und Dilma-Regierungen aufgesaugt wurden. Diese Parteien verloren in Brasilien an Bedeutung, weil eine linke Regierung – die Lula-Regierung – die lange bestehende Partnerschaft zwischen Mitte-Rechts-Politiker*innen und dem Kapitalismus auflöste. Es gab keinen Spielraum für eine Mitte-Rechts-Partei in Brasilien – sie war bereits in die Regierungsbasis integriert.
Jair Bolsonaros extreme Rechte schüttelte diese Konstellation jedoch auf. Lulas Regierungsstrategie basiert darauf, Allianzen zu bilden – eine Strategie, die nicht mit der Bolsonaro-Bedrohung umgehen kann. Die extreme Rechte hat sich inzwischen mit der Mitte verbündet. Dies war am Anfang für die Mitte-Rechts-Parteien eine taktische Allianz, aber sie wurden dann zum großen Teil vom extremrechten Block absorbiert. Daher ist die Unterstützung durch die rechtsgerichtete Mitte in Brasilien zwischen Lulas Regierung und der extremen Rechten zweigeteilt.
Mit anderen Worten: Gegenwärtig kämpfen die Lula-Regierung und das extremrechte Bolsonaro-Lager um die Hegemonie in Brasilien. Diese sind die zwei Pole des brasilianischen Politikfelds. Meiner Ansicht nach werden wir bis zum Ende dieses Jahres, wenn sich diese Spannungen entfalten, entweder sehen, wie ein Lager zur Linken von Lulas Regierung entsteht, oder eines, das sich eher in der Mitte bewegt – obwohl es sehr schwierig ist, sich vorzustellen, wie die Mitte ihre eigene Regierung bilden könnte. Letztlich wird die brasilianische politische Mitte entweder ein Seitenarm der extremen Rechten oder der Linken.
Was die MST betrifft, müssen wir uns auf alles vorbereiten, was in den nächsten fünf Jahren passieren wird – eine Zukunft, die nicht nur von Bolsonaros juristisch erzwungenem Ausstieg aus der politischen Arena geprägt ist, sondern auch von Lulas unvermeidlichem Weggang. Diese Zeit wird eine Umorganisation der brasilianischen Politikarena erleben, die von neuen Parteiführungen, starker Technologiepräsenz und – zu unserer besonderen Sorge – dem Schwinden des Einflusses der Arbeiterklasse bestimmt werden wird. Mit anderen Worten: Wir werden eine „schwächere“ Linke sehen, die sich mehr vom Bereich der Produktion entfernt und sich viel stärker mit Identitätsfragen auseinandersetzen wird.
NICOLAS ALLEN
Hat diese Schwächung der Macht der Arbeiterklasse die strategische Verschiebung der MST beeinflusst?
JOÃO PAULO RODRIGUES
Du musst verstehen: Brasilien gehört zu den Ländern mit der stärksten Ungleichheit in der Landverteilung der Welt. Der Kampf um eine Agrarreform ist eine historische Notwendigkeit und wird die Zukunft der brasilianischen Demokratie bestimmen – es ist völlig unakzeptabel, dass 46 Prozent des brasilianischen Grund und Bodens in den Händen von ein Prozent der Grundbesitzer*innen bleiben sollte. Der Kampf um Land war und bleibt die Grundlage der MST-Existenz. Aber sobald dieser Kampf Fortschritte macht und uns Land zugesprochen wird, brauchen die Familien Unterstützung bei der Produktion. Sie brauchen öffentliche Infrastrukturen wie Schulen, Gesundheitskliniken, Elektrizität, Abwasserversorgung und Straßen. Kurz gesagt: Es besteht die Notwendigkeit, weiterhin zu mobilisieren, nachdem eine Familie ein Stück Land bekommen hat.
In der fast zweiundvierzigjährigen Geschichte der Bewegung haben wir uns dieser größeren politischen Herausforderung gestellt und uns mit urbanen Arbeiter*innen verbündet. Denn es reicht nicht, dass Landarbeiter*innen allein für die Agrarreform kämpfen. Es muss ein Kampf für alle sein, wenn die Agrarreform umgesetzt werden soll. Darüber hinaus sind viele Probleme, mit denen die urbane Arbeiterklasse konfrontiert ist, direkt mit dem Fehlen einer Landreform auf dem Land verknüpft. Zersiedlung, Hunger, Mangel an gesunden Lebensmitteln zu erschwinglichen Preisen – das sind urbane Themen, die den Horizont unserer Kämpfe erweitert haben.
Es stimmt, dass wir am Anfang glaubten, dass eine klassische Agrarreform die Probleme des Landes lösen würde. Heute haben wir eine andere Vorstellung von der Agrarreform. Wir wollen eine Volkslandreform, die den Zugang zu Grund und Boden demokratisiert, nachhaltige Anbaumethoden verbreitet, befreiende Bildung bietet und menschliche Beziehungen ohne Ausbeutung schafft. Es ist unmöglich, „gesunde“ Lebensmittel in einem Land zu produzieren, das dermaßen ausgebeutet wird. Wir kämpfen für ein nationales Volksprojekt der Agrarreform, mit Diversität, sozialer Gerechtigkeit, wo der kulturelle und wirtschaftliche Kolonialismus, der in Brasilien immer noch herrscht, zur Vergangenheit gehört.
NICOLAS ALLEN
Du sprachst über die Zukunft der brasilianischen Linken in der Ära nach Lula. Wo siehst du die MST in diesem zukünftigen Szenario?
JOÃO PAULO RODRIGUES
In der unmittelbaren Zukunft plant die MST, ihre Kräfte mit dem linken Flügel des Lula-Lagers zu vereinen. Darüber hinaus wird die Bewegung während Brasiliens Übergang in die Ära nach Lula stärker mit der Linken zusammenarbeiten. Die MST ist aber keine Partei und wird nie eine werden.
Wir haben jedoch vor, in den nächsten fünf Jahren an drei politischen Fronten zu kämpfen. Die erste ist die Front im Kampf um Landeigentum. Die MST muss sich als Organisation, die um Land kämpft, konsolidieren, stärken und etablieren. Für uns ist der Kampf um Landeigentum zentral. In Brasilien wird um hundert Millionen Hektar Land gekämpft, und wir müssen diese Agenda mit den Indigenen und den Quilombolas (Nachkommen von versklavten Afrikanern*innen, die von Plantagen geflohen sind) rivalisieren.
Wer das Land kontrolliert, kontrolliert die Zukunft Brasiliens. Das ist klar. In Brasilien ist Land gleichbedeutend mit Lebensmittelproduktion, Umweltschutz und Naturpflege. Zu diesem Zweck muss die MST meines Erachtens in Konfliktregionen, die immer noch umstritten sind, an der sogenannten Agrarfront – im Amazonas, Matopiba oder sogar im Cerrado, wo wir weniger präsent sind – an Kraft gewinnen und ihre Aufmerksamkeit dorthin verlagern.
Der zweite Kampf besteht darin, eine große wirtschaftliche Kraft für die Erzeugung nahrhafter Lebensmittel zu werden. In nicht allzu ferner Zukunft wird die MST direkt mit der Agrarindustrie um die Lebensmittelhegemonie kämpfen. Wir haben nur zehn Millionen Hektar im Vergleich zu den sechzig Millionen, die von Agrarkonzernen kontrolliert werden. Aber wir haben etwas, das sie nicht haben: Arbeit. Es gibt über zwei Millionen Landarbeiter*innen, die in MST-Siedlungen leben und arbeiten.
Deshalb hoffen wir, dass unsere Genossenschaftspolitik, Agrarökologie und Lebensmittelproduktion in den kommenden Jahren zu einer großen wirtschaftlichen Macht werden. Auf diese Weise wird die Gesellschaft die Linke als Alternativmodell für eine wirtschaftliche und soziale Entwicklung sehen. Unser Kampf ist nicht nur ein ideologischer Kampf gegen den Hunger – es geht um einen alternativen Lebensstil und ein Modell, das die Organisation von Städten und sogar die landesweite Schaffung von Arbeitsplätzen einbeziehen könnte.
Bei der Verfolgung dieser Mission wird sich die MST für neue öffentlich-private Partnerschaften einsetzen und die staatliche Unterstützung mit kleinen Unternehmer*innen verknüpfen, die mit der MST zusammenarbeiten wollen, um mittelgroße Landwirtschaftsbetriebe zu gründen. Wir müssen eine wirtschaftliche Basis aufbauen und der ganzen brasilianischen Gesellschaft zeigen, dass die MST nicht nur eine ideologische Vision ist, sondern ein nationales Projekt.
Abschließend werden die MST und andere linke Parteien um Repräsentation in allen politischen Institutionen kämpfen. Wir brauchen mehr linke Stadträt*innen, Bürgermeister*innen, Parlamentarier*innen, Student*innenbeauftragte, mehr Menschen in allen institutionellen Bereichen, so dass der Staat demokratischer wird und auf die Bedürfnisse der Arbeiterklasse eingeht. Wir dürfen keinen Raum der Regierungsführung hergeben, weil es immer eine extremrechte Kraft gibt, die auf der Lauer liegt und gnadenloser ist, als wir uns vorstellen können.
NICOLAS ALLEN
Kannst du mehr über die Beziehung zwischen der MST und dem Staat sagen? Die Bannerkampagne der Bewegung, die Agrarreform, wird durch autonome Landbesetzungen vorangetrieben. Eine Agrarreform hängt letztendlich von einer günstigen Staatspolitik ab, nicht wahr?
JOÃO PAULO RODRIGUES
Die Beziehung zwischen Agrarreform und dem Staat ist und war schon immer angespannt. Historisch gesehen wurde der brasilianische Staat sogar gegründet, um eine Agrarreform zu verhindern. Tatsächlich gab es Verbesserungen in der Situation der Landkonzentration immer nur aufgrund von gewaltsamen Konflikten und Massakern, wie während der Regierung von Fernando Henrique Cardoso. Während der Dilma-Regierung gab es sehr wenige Siedlungen und politische Vereinbarungen blieben aus. Unter Lulas Regierung gab es nur wenig konkreten Fortschritt.
Trotzdem ist der Staat der Einzige, der die Agrarreform durchsetzen kann. Das ist der Widerspruch, in dem wir leben: Wir haben keine andere Alternative, als mit dem Staat zu verhandeln.
NICOLAS ALLEN
Was ist mit der MST und urbanen Bewegungen? Wie versteht sich die Bewegung mit urbanen politischen Kämpfen?
JOÃO PAULO RODRIGUES
Zuerst ein Wort zu den brasilianischen Städten. Urbane Gebiete stellen die Linke vor insgesamt drei besondere Herausforderungen. Erstens: Die Stadt ist nicht mehr ein Ort der Arbeiterklassehegemonie, wie das in den 1980er Jahren der Fall war. Die brasilianische Gewerkschaftsbewegung hatte damals eine sehr starke Präsenz in großen Städten und war in der Arbeitswelt hochgradig organisiert. Heute sehen wir, wie das alles in einem fortlaufenden Abbauprozess in der Arbeitswelt aufgelöst wird, oft durch Apps und andere Formen von prekärer Arbeitsorganisation.
Zweitens: Arme Menschen in Brasilien konzentrieren sich überwiegend in der urbanen Peripherie, einem Bereich, der von Milizen und organisiertem Drogenhandel kontrolliert wird. Das macht es sehr schwierig, eine stabilere Beziehung zur urbanen Arbeiterklasse zu etablieren. Drogenhändler und Milizgruppen haben viel Macht und Geld, und sie setzen Gewalt auf eine Weise ein, mit der die Linke in ihrem gegenwärtigen Zustand und ihren Mitteln unmöglich umgehen kann.
Drittens: Evangelikale Kirchen machen die Art von Sozialarbeit in der urbanen Peripherie, die einst vom linken Flügel der brasilianischen Katholischen Kirche geleistet wurde. Es gibt also drei Probleme – die Miliz, Prekarität und die evangelikale Kirche – die es uns gemeinsam schwer machen, die Peripherie mit einem linken Programm zu erreichen.
Die Herausforderung für die MST ist herauszufinden, wie wir unsere Erfahrung mit Siedlungen und Lagern in ein urbanes Programm übersetzen können. Wie können wir diese Erfahrung durch Genossenschaften und Lebensmittelproduktion in die Stadt bringen?
Dabei müssen wir verhindern, eine paternalistische Wohlfahrtsbeziehung zu entwickeln. Wir müssen eine Generation von jungen Menschen und Arbeiter*innen erreichen, die unseren Glauben, dass die Arbeitswelt und Ernährung im Zentrum unserer Politik stehen sollten, aufrichtig teilen. Aber nochmal, das können wir nur, wenn die Linke eine ernsthafte Stadtreformvision vorlegt. Solange die Linke die klassischen Themen nicht angehen kann – Armut, Ungleichheit, Wohnraum, öffentliche Sicherheit, Gesundheit und so weiter –, sind unsere Möglichkeiten begrenzt.
NICOLAS ALLEN
Haben Veränderungen in der Arbeitswelt die strategische Vision der MST beeinflusst?
JOÃO PAULO RODRIGUES
Die Arbeiterklasse passt sich immer an Veränderungen in der Arbeitswelt an, seit den Zeiten, als Arbeiter*innen in der Ford-Ära sich an die Fabriken anpassten. Das Problem heute ist, dass die Arbeit immer prekärer wird. Die brasilianische Arbeiterklasse ist äußerst gefährdet und verarmt.
Mehr als die Hälfte der brasilianischen Arbeiterklasse arbeitet ohne formalen Anstellungsvertrag und die meisten leben von weniger als drei Mindestlöhnen (weniger als US$ 900). Die brasilianische Arbeiterklasse ist sehr arm und hat große Schwierigkeiten, sich aufgrund der informellen und saisonalen Arbeitsprekarität zu organisieren. Mit all dem will ich sagen: Ich sehe unter den gegenwärtigen Arbeitsbedingungen kein Zeichen einer neuen Organisationsform, die mittelfristig oder sogar langfristig entstehen könnte. Sollte die Verelendung zu neuen Arbeitsorganisationsformen führen, hätte Afrika als Kontinent längst eine Revolution gehabt. Stattdessen sehen wir das Gegenteil: Armut erzeugt mehr Armut.
Wir haben es bisher nicht geschafft, eine brasilianische Arbeitsreform durchzusetzen, die minimale Lebensbedingungen sichert. Hier sehen wir nur neue Formen von Ausbeutung und schlechter Organisation in der Arbeitswelt. Wir sind Geiseln neuer Technologien und neuer kapitalistischer Ausbeutungsformen, die uns zwingen, um Arbeit zu kämpfen, nur um uns über Wasser halten zu können.
Die MST wird angesichts dieser Herausforderungen weiterhin Landarbeiter*innen organisieren. Kurzfristig müssen wir eine neue Generation von jungen Menschen anziehen, die nicht unbedingt Landarbeiter*innen oder Farmer*innen sind, aber in Arbeitsgenossenschaften arbeiten und Bio-Lebensmittel erzeugen wollen. Unsere Herausforderung besteht darin, ein neues Agrarreformmodell zu erfinden, in dem Menschen Teilzeit auf dem Land arbeiten können, während sie anderen Tätigkeiten in der Stadt nachgehen.
Übrigens hat Brasilien fast Vollbeschäftigung. Aber die Armut hat nicht abgenommen, und die Lebensqualität der Menschen hat sich nicht verbessert, im Gegenteil, sie ist gesunken. Warum? Die Beschäftigung ist so prekär, dass Menschen mit ihren Löhnen die hohen Lebenshaltungskosten nicht bewältigen können. Viele brasilianische Arbeiter*innen können sich nicht mal Grundnahrungsmittel leisten.
NICOLAS ALLEN
Was kann die MST angesichts dieser Herausforderungen anbieten?
JOÃO PAULO RODRIGUES
Wir hören brasilianische Großunternehmer oft sagen, es gäbe wegen dem Programm Bolsa Família und anderen föderalen Sozialhilfsprogrammen einen Mangel an Arbeitskräften auf dem Arbeitsmarkt. Die brasilianische Elite hasst Lula – sie meint, Sozialhilfe mache die Leute faul und arbeitsscheu. Die Wahrheit ist, dass die Arbeiterklasse, besonders junge Arbeiter*innen, schlicht nicht mit Hungerlöhnen ausgebeutet werden will. Der Dienstleistungssektor klagt über den Mangel an Arbeitskräften – doch die Arbeiter*innen wollen einen ordentlichen Lohn. Heutige Arbeitnehmer*innen wollen ein Ende der Sechstagewoche, sie wollen Arbeitsrechte und ein Einkommen, das mit den Lebenshaltungskosten vereinbart ist.
Landarbeiter*innen wollen nicht länger von Großgrundbesitzer*innen ausgebeutet und in Arbeitsbedingungen gezwungen werden, die der Sklaverei ähneln. Solange Millionen landlos bleiben und wenige Großgrundbesitzer den Grund und Boden horten, werden MST-Besetzungen fortbestehen. Die Agrarreform ist ein Emanzipationsprojekt für die ausgebeutete Arbeiterklasse, die Landbesetzung als ihren einzigen Weg zu einem würdevollen Leben sieht – mit eigenem Land zum Leben, Anbauen und Ernten.
Die Linke bleibt nur so lange politisch relevant, wie wir die Kontrolle über die Arbeitswelt behalten. Das erfordert eine Mobilisierung der Armen und die Berücksichtigung der Probleme der Mittelschicht. Wir müssen der Aufgabe gerecht werden und die Fahne der Arbeit hissen oder wir haben in unserer Arbeit als Marxist*innen versagt.
Eine weitere Herausforderung wird es sein, um Umweltthemen zu kämpfen. Die Linke kann nicht in Umweltgetue verfallen, Dinge wie „die Natur ist ein Heiligtum“ sagen und so tun, als ob die natürliche Welt nicht der Verbesserung der Menschheit dienen sollte. Aber die Linke darf auch nicht in eine bequeme Entwicklungsrhetorik verfallen, die sagt, wir können im Namen des Fortschritts alles um jeden Preis zerstören. Zum Glück hat die Linke auf dieser Front bereits Fortschritte gemacht.
Aber es wird nicht leicht sein. Brasilianische Volksbewegungen und linke Organisationen müssen bald Widerstand leisten müssen, nur um die Lula-Regierung zu verteidigen. Mittelfristig – in den nächsten fünf Jahren – müssen sie den Grundstein für den kommenden Übergang legen: eine nationale Vision präsentieren, die die Rechten besiegen kann.
João Paulo Rodrigues ist Nationalführer der Bewegung der Landlosen Arbeiterinnen (MST).*
Nicolas Allen ist ein Auftragsredakteur bei Jacobin und PhD-Student in lateinamerikanischer Geschichte an der Stony Brook University (SUNY).
