Briefing

PI-Rundbrief | Nr. 3 | Im Haus des Befreiers

Während in Davos und Washington neue koloniale Pläne entworfen werden, versammeln sich Bewegungen, Minister*innen und Militant*innen in Bogotá, um Souveränität, Solidarität und das Recht der Völker, über ihre eigene Zukunft zu entscheiden, zu verteidigen.
Im dritten Rundbrief der Progressiven Internationale von 2026 berichten wir aus Bogotá, wo sich Bewegungen und Minister*innen versammeln, um sich der imperialen Nötigung zu widersetzen und eine hemisphärische Front für Souveränität und Selbstbestimmung zu schaffen.

An diesem Wochenende wird der historische Palacio de San Carlos – der neoklassizistische Palast in Bogotás Candelaria, in dem einst Simon Bolívar selbst lebte – zum Schauplatz einer regionalen Abrechnung.

San Carlos wurde vom Befreier zum Sitz von Gran Colombia gewählt, der Republik, die einst das heutige Kolumbien, Venezuela, Ecuador und Panama umfasste, und ist ein lebendiges Archiv des Widerstands und des unvollendeten Kampfes um Emanzipation. Innerhalb seiner Mauern entging Bolívar 1828 nur knapp einem Attentat und sprang mit Hilfe von Manuela Sáenz, der Befreierin des Befreiers, aus einem Fenster – eine Erinnerung daran, dass Selbstbestimmung in Amerika schon immer Mut, Solidarität und Trotz erforderte.

Zwei Jahrhunderte später steht die Region vor einem erneuten Angriff auf dieses Erbe. Unter der wiederbelebten Standarte der Monroe-Doktrin behauptet Washington das Recht zu haben zu entscheiden, welche Regierungen existieren dürfen und welche fallen müssen. Von Caracas bis Havanna, von Bogotá bis Mexiko-Stadt wird die Souveränität eigenmächtig und mit Gewalt infrage gestellt: Bomben in Venezuela, Belagerung in Kuba, Drohungen gegen Regierungen, die sich weigern, sich zu unterwerfen, Forderungen bezüglich Grönland und der Einsatz von Handel und Finanzen als Waffe gegen jeden, der Widerstand leistet. Nötigung, Intervention und Destabilisierung sind wieder einmal zu den Organisationsprinzipien der hemisphärischen Ordnung geworden.

Diese Bedrohung geht über Amerika hinaus und erstreckt sich über den gesamten Globus. In Davos hat US-Präsident Donald Trump diese Woche sein sogenanntes Board of Peace vorgestellt – eine Initiative, die auf der rohen Macht der Vereinigten Staaten und den Launen von Donald J. Trump basiert und nicht durch umsetzbare Regeln oder internationales Recht eingeschränkt wird. Seine Ambitionen reichen weit über Gaza hinaus. Angesichts der undurchsichtigen Regierungsführung und Trumps Vorschlag, es könnte Institutionen wie die Vereinten Nationen ersetzen, beabsichtigt das Projekt, die Weltpolitik nach dem Vorbild einseitiger Dominanz neu zu gestalten.

Selbst jene, die die alte Ordnung verteidigen und deren Nutznießer sind, geben jetzt zu, dass etwas schiefgelaufen ist. Auf demselben Forum erklärte der kanadische Premierminister Mark Carney, dass die „auf Regeln beruhende internationale Ordnung“ nicht zurückkehre und dass sich die Welt sich in einem „Bruch“ befindet. Er räumte ein, was ein Großteil des globalen Südens seit langem weiß: dass das System „teilweise falsch“ sei, während er über Regeln bei gleichzeitiger Machtprivilegierung sprach und vom Recht, obwohl Zwang ausgeübt wird. Trumps Projekt weicht nicht von dieser Realität ab. Es entfernt einfach die Fiktion und verwandelt sie in eine harte Doktrin.

Während die alte Ordnung zusammenbricht und an ihrer Stelle eine brutalere Ordnung geschmiedet wird – regiert durch Dekret, Einflussnahme und Bedrohung – vertritt Nuestra América einen anderen Standpunkt: dass Frieden und Stabilität nicht von oben oder außen aufgezwungen werden können, sondern auf der kollektiven Handlungsfähigkeit der Völker der Region beruhen müssen.

Vom 24. bis 25. Januar 2026 beruft die Progressive Internationale in Bogotá einen Notfallgipfel ein, an dem Minister*innen, Parlamentarier*innen, Gewerkschafter*innen und Bewegungsführer*innen aus ganz Amerika und darüber hinaus teilnehmen. Die Versammlung ist eine direkte Reaktion auf die eskalierenden Bedrohungen der Souveränität – von militärischer Aggression und politischer Destabilisierung bis hin zu Sanktionen und wirtschaftlicher Nötigung, die demokratische Wahlmöglichkeiten und soziale Rechte untergraben.

In San Carlos werden sich siebzig Delegierte mit drei Aufgaben befassen: einer gemeinsamen Diagnose der aktuellen Krise, der Entwicklung einer Strategie für die regionale Zusammenarbeit und der Entwicklung konkreter Maßnahmen für kollektives Handeln. Der Prozess wird in einer Erklärung gipfeln, die ein laufendes politisches Projekt einleitet – einen lebendigen Rahmen für Koordination, Solidarität und kollektive Selbstverteidigung auf der ganzen Hemisphäre.

Die kolumbianische Außenministerin Rosa Yolanda Villavicencio eröffnet das Treffen zusammen mit dem Ko-Generalkoordinator von PI David Adler. Sie wird die Agenda der Regierung zur Agrartransformation und zur Bekämpfung des Drogenhandels vorstellen. Zu den Delegierten gehören Minister*innen aus ganz Lateinamerika, Parlamentarier*innen aus Europa und Amerika sowie Anführer*innen von Bewegungen, die für Frieden, Land und Brot kämpfen: Daniel Rojas, Martha Carvajalino, Christian Duarte, Andrés Arauz, María José Pizarro, Bettiana Díaz, Jorge Taiana, Andrea Navarro, Thiago Ávila, Clémence Guetté, Gerardo Pisarello, Walter Baier, Bill de Blasio und viele andere.

Neben internen Beratungen öffnet sich der Gipfel auch nach außen. Am Samstagabend lädt eine Versammlung im Teatro Colón in Bogotá die Öffentlichkeit zu einem gemeinsamen Horizont für die Hemisphäre ein – einem Horizont, der auf Würde, Solidarität und dem Recht der Völker, ihre eigene Zukunft zu bestimmen, basiert. Du kannst die Veranstaltung hier live verfolgen.

Nuestra América ist keine einmalige Veranstaltung. Es ist ein Prozess: ein Raum, um grenzüberschreitende Verbindungen wieder aufzubauen und eine kollektive Reaktion auf Bedrohungen zu finden, denen sich kein Land alleine stellen kann. Während die USA neue Herrschaftsdoktrinen einstudieren, erarbeiten die Völker Amerikas ihre eigene Antwort – nicht in Davos und nicht in Washington, sondern in Bogotá, im Haus des Befreiers. Die Hemisphäre wird nicht per Dekret regiert. Sie wird zusammen erschaffen.

Das Neueste aus der Bewegung

Der PI-Kalender 2026

Von der Geschichte der britischen Frauen, die die Lieferung von Hawker-Kampfflugzeugen nach Osttimor stoppten, bis hin zur Gründung der East India Company umfasst der Internationalismus-Kalender 2026 zwölf Kapitel über Kampf, Sieg und Niederlage. Bestelle noch heute den außergewöhnlichen Wandkalender 2026.

Endlich Kollektivverhandlungsrechte in Bangladesch

Die National Garment Workers Federation (NGWF), ein PI-Mitglied in Bangladesch, schloss 2025 sechs neue Tarifverträge ab, die mehr als 11.500 Beschäftigte betrafen – die ersten in der Branche, die Rechte erlangten, die über die nationalen Gesetze hinausgehen, darunter Vaterschaftsurlaub, höhere Zulagen, sicherere Beschwerdemechanismen und Schutz vor Arbeitsplatzverlust durch Klimawandel oder Automatisierung. NGWF registrierte außerdem acht neue Werksgewerkschaften, die 7.432 zusätzliche Arbeitnehmer*innen zusammenbrachten und ihre kollektive Macht in den Betrieben stärken.

Die Caracas-Resolution

Volksbewegungen, Parteien und fortschrittliche Organisationen aus mehr als 20 Ländern haben die Caracas-Resolution veröffentlicht – eine globale Erklärung zur Solidarität mit Venezuela und allen Nationen, die sich der imperialen Aggression widersetzen. Die Erklärung verurteilt den Angriff der USA auf die venezolanische Souveränität und die Entführung von Präsident Nicolás Maduro und der First Lady Cilia Flores, prangert die Trump-Version der Monroe-Doktrin als gefährliche Phase der kriegerischen Auseinandersetzungen in der Region sowie als einen lang andauernden hybriden Krieg aus Sanktionen, Blockaden und Einmischung in Venezuela und auf der ganzen Welt an.

47 Millionen geheime Barrel Öl für Israel

Ein neuer Bericht der Progressiven Internationale, Energy Embargo for Palestine, Palestinian Youth Movement and the People's Embargo for Palestine enthüllt, wie Türkiyes öffentlich angekündigtes Handelsembargo gegen Israel systematisch verletzt wurde. 57 Öllieferungen verließen den Hafen von Ceyhan und kamen zwischen Mai 2024 und Dezember 2025 in Israel an. Der Bericht, den du hier online lesen kannst, hat Aktivist*innen dazu veranlasst, am Dienstag, den 27. Januar 2026, einen Aktionstag auszurufen, um von der türkischen Regierung zu fordern, den Handel einzustellen.

Tansanische Kleinbauern sind organisiert

Auf seiner 30. Generalversammlung in Morogoro versammelte PI-Mitglied Mtandao wa Vikundi vya Wakulima Tanzania (MVIWATA), das nationale Netzwerk von Kleinbauern, Hunderte von Delegierten, um die lokale demokratische Organisierung zu vertiefen und der Kontrolle der Landwirtschaft durch Unternehmen zu widerstehen.

Kunst der Woche

Sonia Bazanta Vides, besser bekannt als Totó La Momposina, ist eine kolumbianische Musikerin und Künstlerin der vierten Generation afrokolumbianischer und indigener Abstammung. Totó ist bekannt als die Königin von Cumbia und wird in ganz Amerika und auf der ganzen Welt gefeiert.

1982 trat Totó bei der Preisverleihung zu Ehren des Nobelpreises für Literatur von Gabriel García Márquez auf, und 2013 gewann sie bei den Latin Grammys einen Lifetime Achievement Award. Ihr Gesang erinnert uns daran, dass intergenerationelle kulturelle Bedeutung visuelle und materielle Formen in den Schatten stellt und dass „eine Revolution ohne Tanzen eine Revolution ist, die sich nicht lohnt.“ – Alan Moore

Available in
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Date
23.01.2026
Progressive
International
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