Apartheid

Israel vernichtet Dorf Ras Ain al-Auja im Westjordanland

Bewaffnete israelische Siedler*innen vertreiben mit staatlicher Unterstützung das palästinensische Beduinendorf Ras Ain al-Auja im Westjordanland
Während bewaffnete israelische Siedler*innen, direkt vom Staat finanziert und unterstützt, mit Hunderten Schafen im Schlepptau das Land besetzen, beschreiben die Bewohner*innen von Ras Ain al-Auja, wie sie unter einer anhaltenden, von Gewalt, Diebstahl und Terror geprägten Belagerung ihre eigenen Häuser abbauen.

Sie hatten ihre Häuser noch nicht einmal vollständig abgebaut und ihre Sachen auf Lastwagen geladen, da trieben bereits israelische Hirt*innen – viele von ihnen bewaffnet – bereits Hunderte Schafe zwischen die Häuser hindurch und nahmen das blühende Tal von Ras Ain al-Auja in Besitz.

Seit dem 10. Januar 2026 werden Dutzende palästinensische Familien in dem Dorf nördlich der Stadt Jericho im besetzten Westjordanland zwangsweise von dem Land vertrieben, auf dem sie seit Generationen leben – inmitten einer rekordverdächtigen staatlich gestützten Siedler*innengewalt und Landraub.

Ras Ain al-Auja war mit 1.200 Bewohner*innen einst eines der größten palästinensischen Beduinendörfer im gesamten Westjordanland. Bis vor Kurzem war es das letzte verbliebene Beduinendorf zwischen den Gouvernoraten Ramallah und Jericho – andere solcher Gemeinschaften wurden bereits in den vergangenen Jahren zwangsweise vertrieben und von der Landkarte getilgt.

Jetzt sind auch die meisten der 120 Familien von Ras Ain al-Auja vertrieben worden.

„Wir leiden seit über zwei Jahren. Wir haben genug“, sagt Salameh Mahmoud Salameh, Sprecher des Dorfes, gegenüber Mondoweiss. „Wir leben unter einer Siedler*innenbelagerung. Wir haben einen Punkt erreicht, an dem man seinen Sohn nicht mal zum Arzt bringen kann, wenn er krank ist.“

Während er seine Sachen packte, beschreibt Salameh, wie er und seine Familie vom Rest des Dorfes isoliert und vom Zugang zu Wasserversorgung und den meisten anderen Grundbedarfsgütern abgeschnitten worden sind. „Wir können unmöglich bleiben. Wir haben Angst um unsere Kinder und Familien. Wir haben Angst, dass sie unser Dorf niederbrennen“, sagt er.

„Wir haben das Gefühl, dass sich 1948 und 1967 wiederholen und dass wir einem ungewissen Schicksal entgegengehen“, fügt Salameh hinzu – ein Verweis auf die Massenvertreibungen von Palästinenser*innen in diesen Jahren.

Die Szenerie in Ras Ain al-Auja wird von Herzschmerz und nackter Empörung beherrscht. Jung und Alt arbeiten Seite an Seite, bauen ihre eigenen Leben ab, retten, was sie tragen können, während ihre Existenz in Echtzeit ausgelöscht wird.

In Ras Ain al-Auja haben die Siedler*innenübergriffe auf das Leben der Bewohner*innen in den letzten zwei Jahren massiv zugenommen und sich zu einer täglichen Realität entwickelt: Bewaffnete und maskierte Siedler*innen fallen Nacht für Nacht ins Dorf ein, überfallen Häuser, verprügeln Bewohner*innen, stehlen Schafe und terrorisieren Familien. Zwischen August 2024 und Mai 2025 wurden bei mindestens fünf Angriffen mehr als 2.200 Schafe geraubt. Etwa 1.500 wurden in einer einzigen Nacht gestohlen.

„Unsere Häuser, unser Land, unsere Schafe sind weg. Unsere Kinder sind für den Rest ihres Leben traumatisiert“, sagte Muhammad Hreizat, ein von Vertreibung bedrohter Bewohner, gegenüber Mondoweiss. „Seit über einer Woche reißen wir unsere Häuser mit den eigenen Händen ab. Das geschieht nicht freiwillig. Die Siedler*innen haben uns dazu gezwungen. Netanjahus Regierung hat uns dazu gezwungen.“

Er hält inne, dann stellt er die Frage, die über dem Dorf hängt: „Wir befinden uns in einer schrecklichen Situation. Wo sollen wir denn hin?“

„Das ist eine neue Nakba“, fügt er hinzu. „Wir brauchen keine humanitäre Hilfe. Wir brauchen Menschen, die an unserer Seite stehen – die uns und unser Land verteidigen helfen.“

„Niemand steht an unserer Seite“

Seit dem Amtsantritt der aktuellen israelischen Regierung 2022 überfallen bewaffnete illegale israelische Siedlerinnen, die direkt vom Staat finanziert werden, palästinensische Dörfer, errichten illegale „Hirten-Außenposten“ und besetzen große Landstriche in beispiellosem Tempo. Zuletzt wurde der palästinensische Weiler Yannoun im nördlichen Westjordanland nach monatelangen israelischen Siedlerinnenangriffen vollständig von seinen Bewohner*innen geräumt.

Palästinensische Beduinengemeinschaften wurden am härtesten getroffen: Über 60 Gemeinschaften wurden vollständig vertrieben und von der Landkarte gelöscht, die meisten davon seit Beginn des Genozids in Gaza.

In dieser Zeit haben hochrangige israelische Offizielle offen auf die einseitige Annexion des besetzten Westjordanlandes gedrängt – ein Verstoß gegen internationales Recht – und dabei explizit eine Apartheidpolitik von „maximalem Land, minimaler [palästinensischer] Bevölkerung“ formuliert.

Rasmiyeh Ali, eine ältere Frau, die aus Ras Ain al-Auja vertrieben wird, erzählte Mondoweiss, dass Siedler*innen vor etwa einem Monat versucht hätten, die Häuser ihrer Gemeinschaft niederzubrennen.

„Neulich haben sie unsere Kinder mit einem Traktor verfolgt und versucht, sie zu überfahren“, sagt Ali, Jahrzehnte des Leidens stehen ihr ins Gesicht geschrieben. „Wenn nicht die ausländischen Aktivist*innen sie beschützt hätten, hätte er sie erwischt.“

Jamal Jumaa, Koordinator der Kampagne Anti-Apartheid Wall, findet es wichtig, die Zwangsvertreibung von Palästinenser*innen nicht allein als Werk von Siedler*innen zu betrachten.

„Das ist Staatsterrorismus“, betont Jumaa gegenüber Mondoweiss. „Diese Bemühungen werden formal vom besetzenden Staat unterstützt, der die Siedler*innen nutzt, um seine Pläne umzusetzen.“

Mindestens 90 Prozent des Jordantals stehen bereits unter direkter Kontrolle des israelischen Staates und der Siedler*innen. Im Juni 2024 erklärte das israelische Militär 12.000 Dunams palästinensischen Landes im Jordantal (wo Ras Ain al-Auja liegt) zu „Staatsland“. Es war die größte Landnahme im besetzten Westjordanland seit den Oslo-Abkommen Anfang der 1990er Jahre.

Währenddessen haben die israelische Regierung und quasi-staatliche Organisationen wie die World Zionist Organization (WZO) und der Jewish National Fund (JNF) in den letzten Jahren den Bau illegaler Außenposten finanziert und diese mit grundlegenden Diensten ausgestattet – mit über 26 Millionen Dollar.

Doch die Auswirkungen der Zerstörung von Ras Ain al-Auja und seiner Besetzung durch Siedler*innen gehen weit über das Dorf selbst hinaus. Die Gegend war einst bei Palästinenser*innen wegen der schönen Quelle in der Nähe, nach der das Dorf benannt ist, sehr beliebt . Die Quelle entspringt an den östlichen Hängen des Ramallah- und al-Bireh-Hochlands, und ihre Wasserkanäle erstrecken sich über mehr als 27 Kilometer und speisen zahlreiche Oasen und Bäche im Jordantal.

„Die Besatzung will dieses Gebiet, weil es eine lokale Touristenattraktion ist", meint Zayed. „Im Frühling kommen die Leute busweise hierher.“

Jetzt ist die gesamte Gegend voll von Siedler*innen, und die Quelle ist für alle Palästinenser*innen gesperrt.

Obwohl Israel die Hauptursache für die andauernde Zerstörung von Ras Ain al-Auja ist, sagen viele Dorfbewohner*innen, dass auch palästinensische Offizielle nichts dagegen unternommen haben.

„Es gab keine Intervention von der Regierung oder dem Gouvernorat Jericho“, sagt Zayed. „Diese Menschen haben keine Alternative. Wir sind mitten im Winter. Wenn ich fortgehe, wie soll ich sicherstellen, dass die Schulbildung meiner Kinder abgeschlossen wird? Wir haben behinderte Familienmitglieder – wohin soll ich mit ihnen? Niemand steht an unserer Seite. Unsere Gebiete werden völlig marginalisiert.“

Jumaa stimmt ihm zu.

„Diese Menschen brauchten Schutz. Es liegt in der Verantwortung der Palästinensischen Autonomiebehörde, diese Rolle zu übernehmen“, bekräftigt er. „Aber sie entziehen sich all ihren Verantwortlichkeiten.“

„Diejenigen, die sich als Vertreter*innen des palästinensischen Volkes verstehen, tragen ebenfalls eine große Verantwortung“, fährt Jumaa fort. „Doch sie überlassen die Menschen einfach ihrem Schicksal.“

Zena al-Tahhan ist freie TV-Reporterin und Schriftstellerin mit Sitz im besetzten Jerusalem.

Available in
EnglishSpanishPortuguese (Brazil)GermanFrenchItalian (Standard)ArabicMalaysian
Author
Zena al-Tahhan
Translators
Alice Rogovoy and Nathalie Guizilin
Date
10.02.2026
Source
MondoweissOriginal article🔗
ApartheidPalestineIsrael
Progressive
International
Privacy PolicyManage CookiesContribution SettingsJobs
Site and identity: Common Knowledge & Robbie Blundell