Die Arbeiterbewegung in Namibia hat in den letzten Jahrzehnten, seit das Land 1990 seine Unabhängigkeit von Südafrika erlangte, deutlich an Stärke eingebüßt. Das war nicht immer so. Sowohl spontane als auch organisierte Arbeitskämpfe haben in diesem Land eine lange Tradition als wichtiger Bestandteil des antikolonialen Widerstands.
Die nationalistischen Organisationen Namibias aus der Mitte des 20. Jahrhunderts, die aus einer politischen Ökonomie, geprägt von Siedlerkolonialismus, rassistischem Kapitalismus und Rohstoffraub, entstanden, haben eine lange Geschichte kollektiven Protests und Widerstands. Die Mobilisierung der namibischen Arbeiter wurde zu einem wichtigen Faktor in dem Kampf, der zur Befreiung des Landes von der südafrikanischen Herrschaft führte, kurz vor dem Ende der Apartheid in Südafrika selbst.
Namibia wurde ab 1884 eine Kolonie des Deutschen Reiches. Im Dezember 1893 wurde der früheste Streik in einem Bergwerk in Gross Otavi aufgezeichnet. Als die Alliierten Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg seine Kolonien entzogen, übertrug der Völkerbund die Verwaltung Namibias der Union of South Africa.
Südafrika dehnte seine etablierte Politik der Rassentrennung systematisch auf Namibia aus und versuchte, so viele Bodenschätze wie möglich aus der Kolonie zu fördern, wie es zuvor Deutschland getan hatte. Da die Sicherung genügender Arbeitskräfte oberste Priorität hatte, schuf die südafrikanische Verwaltung im Norden politische Strukturen und ein eigenständiges System der Leiharbeit, welches die koloniale Wirtschaft und die sozialen Beziehungen Namibias bis zur Unabhängigkeit und darüber hinaus prägte.
Trotz der sehr niedrigen Löhne wurde der Aufbruch als Wanderarbeiter in die Bergwerke, die Fischereiindustrie und die Landwirtschaft in Zentral- und Südnamibia für die Menschen in den nördlichen Regionen zu einer prägenden Lebenserfahrung. Zwischen den 1930er und den 1980er Jahren verbrachten die Männer aus Owambo in der Regel einen Großteil ihres Erwachsenenlebens als Wanderarbeiter fern ihrer Heimat. Im Jahr 1938 waren von den insgesamt 47.275 schwarzen Erwerbstätigen bereits 43 Prozent Leiharbeiter; 1971 lag dieser Anteil bei 83 Prozent.
Das System wurde über die Arbeitsvermittlungsagentur „South West African Native Labour Association“ (SWANLA) verwaltet. Vor Ort war dies als „omutete wOkaholo“ bekannt, wörtlich „sich für die [Identitäts-]Plakette anstellen“, da die neu eingestellten Leiharbeiter Armbänder aus Kupfer oder Kunststoff mit ihren Identifikationsnummern trugen.
Das Leiharbeitssystem funktionierte unter Bedingungen, die praktisch Zwangsarbeit gleichkam. Es wurden keine täglichen oder wöchentlichen Arbeitszeiten festgelegt – die Arbeiter waren lediglich verpflichtet, „dem Gebieter ihre Dienste zu allen angemessenen und zumutbaren Zeiten zu leisten“. Leiharbeiter wurden in Wohnanlagen für „alleinstehende“ Männer untergebracht. Unterdessen mussten die Frauen im Norden die landwirtschaftliche Produktion bewältigen und ihre Familien ganz allein versorgen.
Das verhasste Leiharbeitssystem wurde zu einem entscheidenden Faktor für die Entstehung des namibischen Nationalismus. Es begann damit, dass Arbeiter aus dem gesamten Norden angeworben wurden, um in den südafrikanischen Goldminen zu arbeiten, wo die Löhne zwar niedrig blieben, aber dennoch deutlich höher waren als die in Namibia.
Die Arbeit in Südafrika eröffnete den Arbeitern neue Möglichkeiten, sich politisch weiterzubilden und zu engagieren. Mitte der 1950er Jahre lebten schätzungsweise 200 namibische Arbeiter in Kapstadt. Die meisten von ihnen hatten ihre Arbeitsverträge nicht erfüllt und hielten sich illegal in der Stadt auf. Wurden sie erwischt, drohte ihnen die Festnahme und ihre sofortige Abschiebung.
Die Namibier in Kapstadt bildeten eine eng verbundene Gemeinschaft. Sonntags trafen sie sich in einem Friseursalon in der Somerset Road, der von Timothy Nangolo, einem aus Namibia stammenden Auswanderer, geführt wurde. Von dort aus gingen sie zur Grand Parade, um sich die politischen Reden anzuhören, die von Mitgliedern der Anti-Apartheid-Opposition gehalten wurden, darunter auch bekannten Sozialisten aus Kapstadt.
Andimba Toivo ya Toivo, später der Anführer der namibischen Arbeiter, schloss sich der Modern Youth Society an, einer weitgehend sozialistisch geprägten und ethnisch gemischten Gruppe. Die Namibier in Kapstadt profitierten besonders von der Unterstützung des radikalen Wissenschaftlers Jack Simons und seiner Frau Ray Alexander, einer Gewerkschafterin, die ihnen politische Bildung und ein freundliches, antirassistisches soziales Umfeld boten.
Im August 1957 gründeten sie den Ovamboland People’s Congress (OPC), aus dem später die namibische Befreiungsbewegung South West Africa People’s Organization (SWAPO) hervorging. Die Gründer des OPC verabschiedeten eine Petition, die an die Vereinten Nationen geschickt wurde. Das von Ya Toivo und achtzig weiteren Personen unterzeichnete Dokument forderte, dass das Mandat Südafrikas aufgehoben und die Verwaltung Namibias an den Treuhandrat der Vereinten Nationen übertragen werde.
Bezeichnenderweise verlangten sie auch die Abschaffung des verhassten Leiharbeitssystems. Sie bestanden auf das Recht der Frauen, zu ihren Ehemännern an deren Arbeitsort zu ziehen, und beantragten, dass unverheirateten Frauen aus dem Norden Namibias die Erlaubnis erteilt werden sollte, in den südlichen Regionen Arbeit zu suchen.
Ursprünglich war der OPC eine politische Wiederbelebung einer seit langem bestehenden „Bruderschaft“, die die Bergleute für ihr Wohlergehen, ihre soziale Absicherung und ihre Freizeitgestaltung gegründet hatten. Sie vermittelte ein Gefühl der uneingeschränkten Solidarität, Einheit und gegenseitiger Unterstützung unter den Leiharbeitern und bildete die Grundlage für gemeinsame Aktionen gegenüber Arbeitgebern und Behörden.
Im April 1959 fand die nationalistische Bewegung mit der offiziellen Neugründung des OPC als OPO (Ovamboland People’s Organization) in Namibia selbst eine Basis. Sowohl in Windhoek als auch in Kapstadt verfolgten einige der Anführer der Gruppe umfassendere politische Ziele der nationalen Befreiung. Die Grundlage dafür bildeten jedoch die Lebensbedingungen der im Leiharbeitssystem gefangenen Arbeitnehmer sowie die Mobilisierung rund um Arbeitsfragen.
Sam Nujoma, der damalige Anführer aus Windhoek und spätere Präsident der SWAPO, besuchte im Juni 1959 Walvis Bay, um bei Versammlungen in den Arbeitersiedlungen der Hafenstadt zu sprechen. Fast alle Arbeiter versammelten sich, um ihm zuzuhören, als er über die Notwendigkeit von Freiheit und die Abschaffung des Leiharbeitssystems sprach. Nach dieser mitreißenden Rede fragte er sie: „Werdet ihr euch dem Kampf für die Abschaffung der Leiharbeit anschließen?“ Alle riefen: „Ja! Ja! Genau das wollen wir!“
Die OPO baute dabei auf die bereits bestehenden informellen Strukturen der „Bruderschaft“ und auf eine lange Tradition kollektiver Arbeitskämpfe auf. Trotz brutaler Unterdrückung kam es zwischen 1946 und 1959 fast jedes Jahr zu Arbeitskämpfen in den Bergwerken von Lüderitz, Tsumeb und Oranjemund. Das Gleiche galt für die Fischverarbeitungsbetriebe in Walvis Bay.
Ab 1949 brachten die Organisatoren der in Kapstadt ansässigen Lebensmittel- und Konservenarbeitergewerkschaft die Bewegung nach Lüderitz Bay, dem südlichsten Fischkonservenzentrum Südwestafrikas. Ray Alexander spielte als Gewerkschaftsorganisatorin eine Schlüsselrolle bei diesen Bemühungen und hielt gemeinsam mit ihrem Ehemann Jack Simons eine enge Verbindung zur in Kapstadt ansässigen OPC-Gruppe. Ende der 1950er Jahre entwickelte sich die Fischkonservenindustrie in Walvis Bay, etwa siebenhundert Kilometer nördlich von Lüderitz, zu einem wichtigen Zentrum für Arbeitskämpfe und politische Mobilisierung.
Die Arbeiter warteten ungeduldig darauf, dass die neue Organisation es unverzüglich mit dem Leiharbeitssystem aufnehmen würde oder dass sie zumindest entschlossen Verhandlungen mit der Leitung der Bergwerke und Fabriken zu einer Verbesserung der Bedingungen anstreben würde. Helao Shityuwete, der damals in Walvis Bay arbeitete, erinnerte sich daran, dass die Organisierung der Arbeiter trotz anfänglicher Begeisterung nicht immer reibungslos verlief.
Dies lag zum Teil an der Einmischung des Kolonialregimes und seiner Verbündeten in die „Stammesobrigkeiten“. Die Arbeiter wurden jedoch ungeduldig, da sich die Bedingungen nicht schnell genug verbesserten. Als die OPO-Führung nationalistische Bestrebungen in den Vordergrund stellte, obwohl das erklärte Ziel der Organisation darin bestand, die Stimme der Arbeiter zu sein, entsprach dies kaum den Wünschen der basisorientierten Mitglieder.
Der Widerstand gegen das System der Leiharbeit trug somit zur Gründung nationalistischer Organisationen in Namibia bei. In den 1960er Jahren wurden sie brutal unterdrückt, und einige der Anführer wurden zu langjährigen Haftstrafen auf Robben Island verurteilt, während andere Mitglieder der Gründergeneration ins Exil gehen mussten. Der Widerstandsgeist schien gebrochen.
Die Missstände, die maßgeblich zur Entstehung der nationalen Befreiungsbewegung beigetragen hatten, führten jedoch weiterhin zu Aufständen und Protesten. Die neue Protestwelle begann im August 1971 mit Schülerdemonstrationen.
Als Studentenführer im Norden des Landes aus ihren Schulen verwiesen wurden und eine Beschäftigung als Leiharbeiter annahmen, schlossen sie sich mit Gewerkschaftern und SWAPO-Aktivisten zusammen, um unter dem Slogan „Odalate Naiteke“ („Durchtrennt den Draht“ – mit anderen Worten, das Vertragssystem, das die Arbeiter wie ein Draht an ihre Arbeitgeber fesselte, zu brechen) gegen das Leiharbeitssystem zu mobilisieren.
Dieser Slogan verband die Ablehnung des Leiharbeitssystems mit Forderungen nach Befreiung. Im Dezember 1971 brach der Streik weitgehend spontan aus. Obwohl die Mobilisierung die Grundlagen geschaffen hatte, fanden die Arbeitsniederlegungen ohne hierarchische Führung statt, und die Beschäftigten weigerten sich, einzelne Anführer zu benennen. Stattdessen brachten sie ihre Forderungen gemeinsam in Massenversammlungen zum Ausdruck.
Der Streik begann in den Fischkonservenfabriken in Walvis Bay, wo 3.200 Leiharbeiter beschäftigt waren. Es wurden Verbindungen zwischen den verschiedenen Leiharbeitszentren aufgebaut. Als Frist wurde der 12. Dezember 1971 gesetzt.
Bei einer Massenkundgebung am Sonntagnachmittag in Windhoek beschlossen die Arbeiter, am nächsten Tag nicht zur Arbeit zu gehen. Am Montag, dem 13. Dezember, verließ keiner der Owambo-Arbeiter in Windhoek die Wohnanlage. In ganz Namibia traten 16.000 Leiharbeiter in den Streik, um gegen das System zu protestieren.
Zwei Tage später schickten die Behörden die streikenden Arbeiter nach Owambo zurück. Diese erzwungene Abschiebung wurde von den Arbeitern als taktische Chance genutzt, und sie bildeten umgehend ein Streikkomitee. Am 10. Januar 1972 veranstalteten sie im ländlichen Norden eine Massenkundgebung, an der 3.500 Menschen teilnahmen. Dort bezeichneten die entlassenen Arbeiter das Vertragssystem als eine Form der „Sklaverei“, da Schwarze von SWANLA „gekauft“ und gezwungen wurden, in „gefängnisähnlichen“ Wohnanlagen zu leben.
Zu ihren Forderungen gehörten die Abschaffung des Leiharbeitssystems, die freie Wahl des Arbeitsortes und der Art der Beschäftigung, höhere Löhne sowie die Erlaubnis, ihre Familien mitzubringen. Bei groß angelegten Solidaritätsdemonstrationen forderten Schüler aus ganz Namibia ein Ende der südafrikanischen Besetzung ihres Landes.
Die Reaktion der Behörden fiel gemischt aus. Es gab einige vereinzelte Versuche, den Beschwerden der Arbeiter durch die Abschaffung von SWANLA Rechnung zu tragen. Es sollte durch ein System von Stammesarbeitsämtern ersetzt werden. Das Kolonialregime ging jedoch auch brutal gegen die Unruhen vor, was die politische Meinungsäußerung und Mobilisierung stark einschränkten.
Bis Mai 1972 waren in Owambo 267 Menschen aufgrund einer Notstandsverordnung inhaftiert worden. In Windhoek wurden sogenannte Rädelsführer beschuldigt, die Arbeiter „eingeschüchtert“ zu haben, damit sie der Arbeit fernblieben, doch die Anklage der Staatsanwaltschaft war erfolglos.
Der massive Streik von 1971–72 war ein Wendepunkt in der namibischen Politik des antikolonialen Widerstands. Die Forderungen der Arbeiter nach Abschaffung des Leiharbeitssystems und nach einem Ende der Bewegungsbeschränkungen stellten eine grundlegende Herausforderung für das unterdrückerische, staatlich verwaltete Arbeitsregime und den Apartheid-Kolonialismus dar. Nach einem Jahrzehnt erzwungener Duldung strebte das Bündnis aus Arbeitern und Studenten mehr als nur begrenzte Verbesserungen an.
In Owambo weitete sich der Widerstand gegen die Leiharbeit zu einem allgemeinen Aufstand aus. Rückkehrer und andere Anwohner durchtrennten und rissen mehr als hundert Kilometer des Grenzzauns zwischen Namibia und Angola nieder. Eine Kampagne richtete sich gegen die Impfstellen der Regierung für Rinder, von denen viele niedergebrannt wurden. Die Menschen hatten den Verdacht, dass die vom kolonialen Apartheidstaat verabreichten Impfungen ihre Tiere eher töteten, anstatt sie vor Krankheiten zu schützen.
Nach den Unruhen gingen Hunderte junger Aktivist*innen ins Exil, um der Unterdrückung zu entkommen. Unter ihnen befand sich auch Namibias derzeitige Präsidentin Netumbo Nandi-Ndaitwah, die verhaftet worden war und ihren 21. Geburtstag im Gefängnis verbrachte.
Im Gegensatz zu den Erfahrungen in Südafrika führte der Anstieg kollektiver Arbeitskampfmaßnahmen nicht zur Gründung von Gewerkschaften. Die Nationale Gewerkschaft der namibischen Arbeitnehmer (NUNW), die 1970 offiziell entstand, regte sich nicht und existierte hauptsächlich in den offiziellen Verlautbarungen der im Exil lebenden SWAPO-Führung. Die wenigsten Arbeitnehmer*innen in Namibia waren gewerkschaftlich organisiert, obwohl Berichten zufolge Reste der Untergrundstrukturen der NUNW weiterhin aktiv waren.
Die Mobilisierung Mitte der 1980er Jahre führte jedoch zur Entstehung einer starken (wenn auch letztlich eher kurzlebigen) Arbeiterbewegung. Die neue Bewegung wurde nicht von Arbeitern aus dem Bergbau oder der verarbeitenden Industrie ins Leben gerufen, sondern von lokalen Aktivist*innen und dem Rat der Kirchen in Namibia (CCN), der damals eine Schlüsselrolle in der Politik der sozialen Bewegungen spielte.
Ende 1984 gründeten Gemeindevertreter*innen unter der Leitung der Sozialarbeiterinnen Rosa Namises und Lindi Kazombaue das Workers’ Action Committee (WAC). Namises und Kazombaue arbeiteten in der Sozialdienststelle der römisch-katholischen Kirche in Windhoek, wo sie mit Beschwerden von Arbeitnehmern über Probleme am Arbeitsplatz überschüttet wurden. Dazu zählten niedrige Löhne, ungerechtfertigte Entlassungen und fehlende Urlaubsregelungen sowie die allgemeinen Lebensbedingungen und unzureichende Vorkehrungen in Bezug auf Wohnraum und Transportmöglichkeiten.
Die beiden Organisatorinnen berieten sich daraufhin mit Kirchen- und Gewerkschaftsaktivist*innen in Südafrika, die sie persönlich kannten. In einem ersten Schritt organisierten sie einen Workshop mit einem südafrikanischen Aktivisten, der Erfahrung im Gewerkschaftswesen hatte, um zu erörtern, wie man der Notlage der Arbeiter am besten begegnen könne. Dieses Treffen fand Anfang 1985 statt und wurde von fast hundert Personen besucht.
Kurz darauf wurde das WAC gegründet, ursprünglich mit dem Ziel, Informationen zu sammeln und Arbeitnehmer*innen über ihre Rechte aufzuklären. Die Aktivist*innen betrachteten dies eher als ein Gemeinschaftsprojekt und weniger als eine Maßnahme im Sinne der klassischen Gewerkschaftspolitik.
Das WAC erhielt etwa ein Jahr später starken Rückhalt, als viele der namibischen politischen Gefangenen auf Robben Island freigelassen wurden und nach Namibia zurückkehrten. In Zusammenarbeit mit dem SWAPO-Jugendverband gründeten sie Anfang 1986 einen Lenkungsausschuss, der sich für den Aufbau einer Gewerkschaftsbewegung einsetzte.
Die erste neue Gewerkschaft, die NAFAU (Namibian Food and Allied Workers Union), wurde im September 1986 gegründet. Zwei Monate später schloss sich die Bergarbeitergewerkschaft Namibias (MUN) an, und die NUNW wurde im April 1987 wiederhergestellt.
Der gemeinschaftliche Schwerpunkt der gewerkschaftlichen Organisierungsarbeit verschmolz bald mit einem nationalistischen Ansatz – wenn er nicht sogar von diesem verdrängt wurde. Als sich 1987 etwa zehntausend Arbeiter zu einer riesigen Maikundgebung versammelten, war die nationalistische Politik der „Robben-Islanders“ zu einem zentralen Thema der Gewerkschaften geworden.
Ben Ulenga, ein ehemaliger Häftling von Robben Island, war Generalsekretär der MUN und spielte eine Schlüsselrolle bei der Gründung der neuen Gewerkschaften. Er hob die nationalistische Ausrichtung der neuen Gewerkschaften hervor und erklärte, dass „die namibischen Arbeiter mit dem Kolonialismus entstanden sind und die Lösung ihrer Probleme wohl mit der Lösung des Kolonialproblems einhergeht“.
Zwar räumten Ulenga und seine Mitstreiter ein, dass der Kampf der Arbeiter auch nach der Unabhängigkeit weitergehen müsse, doch ließ die Mobilisierung nach dem Rückzug Südafrikas im Jahr 1990 rasch nach. Dies geschah im Zuge des allgemeinen Niedergangs der ehemals lebendigen Politik der sozialen Bewegungen, die in den letzten Jahren des Befreiungskampfes eine zentrale Rolle gespielt hatte.
Die Spannungen zwischen der SWAPO, die nun zur Regierungspartei geworden war, und den Organisationen der Arbeiter, Studenten und Frauen waren ein wichtiger Faktor für diese Entwicklung. Die Einbindung schwächte die Arbeiterbewegung weiter, da führende Aktivist*innen in hohe Ämter in Politik und Verwaltung berufen wurden.
Ulenga beispielsweise war als Staatssekretär und Botschafter tätig, bevor er schließlich 1998 aus der SWAPO austrat und eine neue Oppositionspartei, den Kongress der Demokraten (COD), mitbegründete. Ein weiterer wichtiger Faktor war die schwindende finanzielle Unterstützung, da internationale Geber ihre Mittel nun zur Unterstützung der neuen Regierung einsetzten. Dies waren einige der wesentlichen Gründe für den Niedergang der NUNW-Gewerkschaften in den Jahren nach der Unabhängigkeit.
Heike Becker ist Anthropologin; zu ihren Werken gehört „Die namibische Frauenbewegung 1980 bis 1992: Vom antikolonialen Widerstand zum Wiederaufbau”.
