Democracy

Kakerlaken-Demokratie in Indien: Unbewaffnet und gefährlich

Eine Jugendprotestbewegung, die durch eine Beleidigung seitens des indischen Obersten Richters ins Leben gerufen und wegen Prüfungsbetrug angeheizt wurde, eskalierte im Juli 2026 zu einem massiven, trotzigen Marsch auf das Parlament.
Die Schriftstellerin Arundhati Roy schildert den Aufstieg der „Cockroach Janta Party“, einer spontanen, von Jugendlichen angeführten Bewegung, die durch die verächtliche „Kakerlaken“-Bemerkung des Obersten Richters Surya Kant gegenüber arbeitslosen Studierenden ausgelöst und durch das wiederholte vorzeitige Durchsickern von Prüfungsaufgaben angeheizt wurde. Ausgehend von Abhijeet Dipkes Aufruf auf Instagram und Sonam Wangchuks Hungerstreik gipfelte die Bewegung am 20. Juli 2026 in einem massiven Marsch auf das Parlament, dem mit Polizeigewalt, Tränengas und staatlicher Zensur begegnet wurde. Der Protest fordert nicht nur den Rücktritt von Bildungsminister Dharmendra Pradhan, sondern deckt auch den sich verschärfenden Autoritarismus in Indien auf – die Komplizenschaft der Justiz, Wahlmanipulationen, religiöse Polarisierung und die Aushöhlung der Bürgerrechte durch Maßnahmen im Stil der rechtlich einschränkenden Gesetze CAA und NRC – und wirft gleichzeitig die Frage auf, ob dieser fragile, unorganisierte Aufstand den Vergeltungsmaßnahmen des Staates standhalten oder zu einem dauerhaften politischen Wandel führen kann.

Zum ersten Mal seit Jahren fühlt es sich wunderbar an, Inderin zu sein. Gerade als jegliche Hoffnung schon verloren schien, kamen sie. Junge Kakerlaken, die mit dem Regen eindringen. Das Ergebnis der unheiligen Verbindung zwischen einem Richter und einer Witzfigur.

Wir alle kennen die Geschichte bereits, aber hier ist sie noch einmal, der Vollständigkeit halber. Als Reaktion auf eine arrogante, verächtliche Äußerung des indischen Obersten Richters Surya Kant, der einige arbeitslose junge Inder*innen als „Kakerlaken“ bezeichnet hatte, veröffentlichte Abhijeet Dipke, ein in Boston lebender Student, einen Kommentar auf Instagram: „Was wäre, wenn sich alle Kakerlaken zusammentäten?“ Millionen haben darauf reagiert. Und so entstand die „Cockroach Janta Party“. Dipke wurde zum Kakerlakenfänger. Die erste Forderung drängte auf den Rücktritt von Dharmendra Pradhan, dem Bildungsminister, der selbstgefällig an der Spitze eines korrupten, verkommenen Ministeriums sitzt, unter dessen Leitung regelmäßig Prüfungsaufgaben an die Öffentlichkeit gelangen. Nach Angaben der Oppositionsparteien sind es seit 2014 schätzungsweise 152. Diese Indiskretionen haben das Leben von Millionen junger Menschen zerstört, die sich jahrelang auf diese Prüfungen vorbereitet haben; bei einigen von ihnen mussten die Eltern ihr Land oder ihre Häuser verkaufen, um das Studium ihrer Kinder zu finanzieren und die Gebühr für die Zulassung zu diesen Prüfungen zu bezahlen. Eine neuartige Form der legalen Erpressung. Nach dem jüngsten Durchsickern der Prüfungsfragen für den National Eligibility cum Entrance Test (NEET) begingen zwölf verzweifelte, am Boden zerstörte Student*innen Selbstmord.

Als sich die Empörung der Kakerlaken zu einem Online-Tsunami ausweitete, kehrte Dipke am 6. Juni aus Boston nach Indien zurück und begab sich direkt vom Flughafen zu Delhis berühmtem Protestplatz Jantar Mantar. Sonam Wangchuk, der bekannte Aktivist und Bildungsreformer aus Ladakh, schloss sich ihm an und kündigte einen unbefristeten Hungerstreik an. Sechs Studierende – Neha Bora, Manish Kumar, Aameen Amitosh, Danish Ali, Hrishikesh und Deepak –, Mitglieder der All India Students Association (AISA), dem Studentenflügel der Kommunistischen Partei Indiens (Befreiung), kündigten an, ebenfalls in den Hungerstreik zu treten, und nahmen auf einer benachbarten Bühne Platz. Auch in anderen Städten kam es zu Protesten. Als sich  der Zustand der Hungerstreikenden verschlechterte, tauchten die jungen Kakerlaken, die das Internet überschwemmt hatten, nun auch tatsächlich am Jantar Mantar auf. Die „Cockroach Janata Party“ kündigte an, dass sie am 20. Juli 2026, dem Tag, an dem das Parlament seine Monsunsitzung eröffnen sollte, zum Parlament marschieren werde. Zwei Tage vor dem geplanten Marsch wurde Sonam Wangchuk von der Polizei von der Bühne geholt und in Gewahrsam genommen, zunächst in einem staatlichen Krankenhaus und später – auf Drängen seiner Frau hin – in einer Privatklinik. Er streikt immer noch. Am Morgen des 20. Juli, dem Tag des Marsches, beendeten die AISA-Studierenden ihren Hungerstreik.

Die Kakerlaken eroberten die Hauptstadt im Sturm. Sie kamen mit dem Zug, mit dem Bus, mit dem Flugzeug und mit der U-Bahn, und ihre Zahl stieg von Stunde zu Stunde. Noch bevor die ersten Sonnenstrahlen den Monsunhimmel über Delhi erhellten, strömten bereits Zehntausende zum Jantar Mantar. Bei Sonnenaufgang war klar, dass eine Schar verzweifelter und wütender junger Menschen, die mit ansehen mussten, wie ihre Zukunft vor ihren Augen zunichte gemacht wurde, sich das zurückholen würde, was die Generationen ihrer Eltern und Großeltern aufgegeben hatten: unsere Würde als Volk und als Land. Unsere Rechte als Bürger*innen einer Demokratie. Die Demonstrierenden haben mit ihrem unerschütterlichen Mut und ihrer Würde die zermürbende Angst vertrieben, die für uns alle zur zweiten Natur geworden ist. Und Humor. Am Ende des Tages war klar, dass es bei dem Protest um etwas ging, das weit über die Forderungen der Protestierenden oder ihrer Anführer*innen hinausging. Dharmendra Pradhan ist mittlerweile nur noch Nebensache. Es steht nun weitaus mehr auf dem Spiel. Der Verfall des gesamten Regierungssystems, von oben bis unten, ist deutlich zu erkennen und stinkt mittlerweile wie eine verwesende Leiche. Selbst die kleinsten Kakerlaken, von denen einige nicht älter als sieben oder acht Jahre waren, konnten dies klar zum Ausdruck bringen.

Trotz der raschen und fast heimlichen Ernennung eines neuen Polizeichefs wenige Tage vor dem Marsch und trotz besorgter Gerüchte über die erschreckende Tüchtigkeit unseres furchterregenden Innenministers der Union haben sowohl die Polizei als auch das Innenministerium das Ausmaß des Tsunamis, der Delhi am 20. Juli überrollte, völlig falsch eingeschätzt. Sie haben alles versucht. Sie blockierten Busse, Straßen und U-Bahn-Stationen. Vergeblich. Sie haben versucht, das Internet zu stören. Doch die jungen Kakerlaken – diese Geschöpfe des Internets – haben dieses Unterfangen irgendwie mit einer Flut von Memes und Videos untergraben, die einen gleichzeitig zum Lachen und Weinen brachten. Ausgerechnet in Delhi sagten junge Frauen, die an den Protesten teilgenommen hatten, dass sie sich in der Menschenmenge sicher fühlten – auch wenn sich einige darüber beschwerten, von der Polizei begrapscht worden zu sein. Wir sahen, wie Muslim*innen, Hindus, Christ*innen, Sikhs, Buddhist*innen sowie Menschen aus allen Kasten und Schichten zusammenkamen, sich gegenseitig halfen und beschützten, während sie der Polizei die Stirn boten. Anstatt uns Belehrungen zu erteilen oder große Reden zu schwingen, haben sie uns das mögliche Indien, das wunderschöne Indien unserer Träume, gezeigt und vor Augen geführt.

Um dieser Gefahr zu begegnen, schweißte die Polizei ihre gelben Metallbarrikaden zusammen und brachte ihre bewährten Hilfsmittel mit: Lastwagen voller Steine und vorab beschädigte Fahrzeuge – in der Hoffnung, den Anschein erwecken zu können, die Jugendlichen seien gewalttätig geworden und die Polizei habe in Notwehr gehandelt. Sie schickten eine Armee von Schergen in Zivil, die mit Schlagstöcken und Knüppeln bewaffnet waren. Um sich auf den Einsatz vorzubereiten, entfernten die Mitglieder der Rapid Action Force (RAF) ihre Namensschilder von ihren Uniformen. Die getreuen Mainstream-Fernsehsender standen Schlange, bereit, über die Lügen zu berichten. (Einige waren voreilig und fingen an, über Dinge zu berichten, die noch gar nicht passiert waren. In Indien drehen sich die Nachrichten meist um die Zukunft und nicht um die Gegenwart.) Es hat nichts genützt. Die Polizei und die RAF schwangen ihre Lathis wild um sich, schlugen Kindern den Kopf ein und brachen ihnen Gliedmaßen. Sie setzten Tränengas ein. Doch die Jugendlichen marschierten weiter. Geradeaus zum Parlament. Genau dorthin, wo sie gesagt hatten, dass sie hingehen würden. Als sie sich dem Gebäude näherten, nahmen die Sicherheitskräfte ihre Positionen ein und richteten ihre AK-47 auf die unbewaffneten Student*innen. Dennoch marschierten die Kakerlaken weiter. Und während ihres Marsches zogen sie jeden Rest des Samthandschuhs ab, der die eiserne Faust der Staatsgewalt verbirgt, und entlarvten das derzeitige Regime als das, was es ist und schon immer war. Eine faschistische eiserne Faust. Ein Bündnis von Rohlingen, das nicht in der Lage ist, die Geschichte und die Vielfalt des Landes, das es regiert, zu begreifen. Menschen, die nur hassen können, aber keine Ahnung haben, wie man liebt. Oder wie man denkt.

Als die Demonstrierenden näher kamen, wurde unser tapferer, prahlerischer Ministerpräsident in Sicherheit gebracht. Die Abgeordneten durften das glänzende neue Samvidhan-Sansad-Gebäude nicht verlassen, dessen einziger Zweck offenbar darin besteht, die Verfassung tagtäglich zu untergraben.

Am Abend hatte die Polizei die Hauptbühne am Ort der Demonstration gestürmt. In der Nacht hatte sie das Volk wieder zurückerobert. Als sich die Polizei für die Nacht zurückzog, applaudierten die Kakerlaken sie im Stehen. Dafür, dass sie Kinder geschlagen hatten. Wah Modi ji! Wah!

Es ist naiv zu erwarten, dass sich daraus wesentliche politische Veränderungen ergeben werden. Dies jedoch einfach als einen Moment der Euphorie abzutun, wäre kurzsichtig. Niemand war überrascht, dass die Nachrichtenagenturen und die live sendenden Fernsehsender tratschten, Andeutungen machten und Verschwörungstheorien über ausländische Finanzierung und CIA-Komplotte erfanden. Als stolze „andolanjeevi“ (Modis spöttische Bezeichnung für Menschen wie mich) muss ich gestehen, dass auch ich zu Beginn skeptisch war. Ich befürchtete, dass wir auf einen weiteren „Anna-Hazare-Moment“ zusteuerten – jene sogenannte Volksbewegung gegen Korruption des Jahres 2011 –, die uns, ungeachtet ihrer ursprünglichen Absichten, letztendlich drei Amtszeiten unter der Herrschaft einer politischen Partei bescherte, die jede Institution in diesem Land zerstört hat, eine Partei, die keinen Unterschied zwischen sich selbst als politischer Partei und der indischen Regierung macht, die weder das Land noch seine Bürger*innen respektiert und die uns international blamiert und Indien in die Knie gezwungen hat.

Doch meine Vorbehalte gegenüber der „Cockroach Janata Party“ wurden zerstreut, als ich die Feindseligkeit der Mainstream-Medien ihnen gegenüber sah. Das war für mich das erste und beruhigendste Zeichen. Ich war begeistert, dass Abhijeet Dipke aus einer Dalit-Gemeinschaft stammte, und noch begeisterter, dass sich niemand darauf konzentrierte. Für mich änderte sich alles, als ich ihn sagen hörte: „Hätte ich Khalid geheißen oder wäre ich Muslim, säße ich inzwischen im Gefängnis.“ Er hatte den Mut, die Unverschämtheit anzusprechen, mit der die Dinge in Indien tatsächlich ablaufen – nämlich die Tatsache, dass in unserem Land nicht alles (einschließlich und insbesondere das Gesetz) für alle gleichermaßen gilt. Alles hängt ganz von deiner Religion, deiner Kaste, deiner sozialen Schicht, deiner ethnischen Zugehörigkeit und deinem Geschlecht ab. Es war eine tiefgründige Beobachtung, die ganz einfach formuliert wurde. Dass er dies öffentlich sagte – wo doch selbst Oppositionspolitiker aus Angst vor einer „hinduistischen Gegenreaktion“ nur von „Minderheitengemeinschaft“ statt von „Muslimen“ sprechen –, veranlasste mich, mich sofort auf den Weg zum Jantar Mantar zu machen. Mir war auch bewusst, dass Dipke, als er den Namen „Khalid“ wählte, durchaus von Umar Khalid gesprochen haben könnte, jenem Wissenschaftler der JNU, der zusammen mit Sharjeel Imam und vielen anderen seit fast sechs Jahren ohne Gerichtsverfahren in Haft sitzt. Umars Verbrechen? Er forderte die Demonstrierenden auf, während der Proteste gegen das Gesetz zur Änderung des Staatsbürgerschaftsrechts im Jahr 2020 keine Gewalt anzuwenden – und das, obwohl Delhi von einer Welle von Brandstiftungen, Morden und Moscheebrandstiftungen erschüttert wurde, die von hinduistischen Selbstjustizlern angezettelt worden waren, während die Polizei tatenlos zusah und gelegentlich sogar mithalf. Ein Antrag auf Freilassung gegen Kaution nach dem anderen wurde von Richtern abgelehnt, die offenbar den Mut verloren haben, das Richtige zu tun oder es überhaupt zu verstehen.

Als die Kakerlaken vorrückten und ihre Zahl immer weiter anwuchs, ertappte ich mich dabei, wie ich dachte: Gott sei Dank sind sie nicht überwiegend Muslime, Sikhs, Christen oder Adivasi. Sie wären plattgewalzt, getötet, erschossen oder inhaftiert worden. Gott sei Dank sind sie keine Kaschmiris. Möglicherweise waren sie geblendet (obwohl einige doch Verletzungen durch schrotartige Projektile davongetragen haben). Gott sei Dank sind sie größtenteils Hindus. So traurig ist diese Situation derzeit in Indien. Allerdings könnte sich die Lage von einer Minute auf die andere ändern. Wir befinden uns in einer sogenannten „sich entwickelnden Situation“. Es gehen Berichte ein, wonach Tausende paramilitärischer Truppen aus anderen Bundesstaaten eingeflogen werden. Wir wissen nicht, was die nächsten Tage bringen werden.

Wo stehen wir nun? Im Gegensatz zur Anna-Hazare-Bewegung, über die wochenlang rund um die Uhr in Hunderten von hysterischen, von Unternehmen geführten Fernsehsendern wie wild berichtet wurde, kann sich die „Cockroach Janata Party“ nur auf sich selbst und das Internet verlassen. Im Gegensatz zur Anna-Bewegung, die von der Rashtriya Swayamsevak Sangh unterwandert und übernommen worden war, während die von Modi geführte BJP vor den Toren stand und bestens darauf vorbereitet war, aus der durch das Fernsehen ausgelösten Hysterie Wahlkampfkapital zu schlagen, haben die Kakerlaken keine organisierten Oppositionsparteien, die in den Startlöchern stehen und bereit sind, die Dinge weiter voranzutreiben. Die spontane Wut, die wir derzeit beobachten, wird sich legen, wenn nicht echte politische Arbeit geleistet wird. Es sei denn, die Erwachsenen und die Oppositionsparteien hören mit ihren Machtkämpfen und kleinlichen Streitereien auf und zeigen etwas Solidarität. Die Regierung weiß, dass dies unwahrscheinlich ist. Sie bleibt unbeeindruckt, weil sie der Meinung ist, dass sie nur abwarten muss. Die Staaten haben die Möglichkeit, abzuwarten. Menschen jedoch nicht.

Der Kakerlaken-Aufstand ist eine von mehreren Protestaktionen, die derzeit in ganz Indien stattfinden. Die Adivasis in Madhya Pradesh protestieren gegen das Projekt zur Verbindung der Flüsse Ken und Betwa. Die Dorfbewohner in Uttarakhand protestieren gegen die massive Abholzung von Bäumen. Die Menschen protestieren gegen die Umweltzerstörung auf den Großen Nikobaren. In Manipur brodelt es. Arbeitsplätze gehen verloren. Die Preise steigen rasant. Die Wut wächst. Und das „Gott“-Spiel der BJP und der RSS wird nun als das entlarvt, was es schon immer war. Ein Schwindel. Ein von Gangstern angeheizter Goldrausch. Die Plünderung des Ram-Tempels in Ayodhya hat uns ein schlechtes Bollywood-Drehbuch beschert, das sich gerade vor unseren Augen abspielt: Aalglatte Gottesmänner und korrupte Politiker, die Hotels bauen, Immobilien horten, in Geländewagen herumfahren und sich am Glauben der Armen und Ahnungslosen bereichern. Die Tentakel der Korruption und des offenen Raubes schlängeln sich bis ganz nach oben.

Kann uns die Energie der Kakerlaken aus dieser Misere herausholen? Das wird nicht einfach. Ein kurzer Blick auf die Ergebnisse der Volksbewegungen in Indien ist nicht gerade ermutigend. Sie zeigen kurze Geschichten von schwindenden Ambitionen und zerbrochenen Träumen. In den 1960er und 1970-er Jahren forderten verschiedene Bewegungen – darunter auch der bewaffnete Aufstand der Naxaliten – die Umverteilung von Reichtum und Land zugunsten der Landarbeiter*innen. Sie wurden vernichtet. In den 1980er und 1990er Jahren kämpften soziale Bewegungen – allen voran die „Narmada Bachao Andolan“ und später die Maoisten in Andhra Pradesh, Chhattisgarh und Jharkhand – gegen die Vertreibung von Bauernfamilien und Angehörigen indigener Stämme von ihrem Land. Mit anderen Worten: Sie forderten, dass den Armen das Wenige, das sie noch hatten, nicht weggenommen werde. Auch sie wurden vernichtet. In den 2000er Jahren wurden sie dazu genötigt, für das nationale Gesetz zur Beschäftigungsgarantie im ländlichen Raum (NREGA) dankbar zu sein. Für das Recht auf eine dreimonatige Beschäftigung zum Mindestlohn – ein Betrag, der in etwa dem Preis für ein gutes Essen in einem teuren Restaurant in der Stadt entspricht. Auch das wurde von diesem Regime auf Eis gelegt und durch Rationen auf Existenzminimumniveau ersetzt – Proviant mit Modis Gesicht darauf –, das den Menschen verächtlich zugeworfen wird, wie Almosen an Bettelnde aus fahrenden Autos, für deren Dankbarkeit und Stimmen. Angesichts der schwächelnden Wirtschaft ist sogar dies in Gefahr.

Heute, im Jahr 2026, sind wir dazu gezwungen, um unser Wahlrecht und unsere Staatsbürgerschaft zu kämpfen. Das Gesetz zur Änderung des Staatsbürgerschaftsrechts (CAA) in Verbindung mit dem Nationalen Staatsbürgerschaftsregister (NRC) ist die „Hindu-Rashtra“-Version der Nürnberger Gesetze von 1935 aus dem nationalsozialistischen Deutschland, durch die deutschen Bürger*innen vom Dritten Reich die Staatsbürgerschaft in Abhängigkeit von ihren „Urkunden über die Abstammung“ zuerkannt wurde. (Wie viele Menschen in Indien besitzen solche Papiere?) Die Bewegung gegen das CAA und das NRC ebbte ab, nachdem die Massenproteste zum Tod von Demonstrierenden und zur Inhaftierung von Aktivist*innen geführt hatten. Die Proteste veranlassten die Regierung jedoch dazu, die Umsetzung dieser neuen Gesetze zu verlangsamen. Doch nun ist das CAA-NRC, von dem viele zu Recht annahmen, dass es sich vor allem gegen Muslime richte, zurückgekehrt – getarnt als SIR (Special Intensive Revision) der Wählerverzeichnisse. Uns wurde beiläufig mitgeteilt, dass selbst unsere Reisepässe kein Nachweis unserer Staatsangehörigkeit sind. Millionen Menschen werden aus den Wählerverzeichnissen gestrichen. Das ganze Land sucht verzweifelt nach „alten Dokumenten“. Wir wissen nicht, wo wir stehen. Sind wir legitim? Nicht legitim? Haben wir Rechte? Wer von uns gehört in diese riesigen Internierungslager, die für „verdächtige Bürger*innen“ errichtet werden? Werden wir unsere Tage damit verbringen, von Gericht zu Gericht zu eilen? Faschisten lieben Chaos und Verwirrung.

Unsere Panik und unsere Verzweiflung könnten dazu führen, dass wir zu große Hoffnungen in den Aufstand der Kakerlaken setzen. Manche haben dies bereits mit den Aufständen junger Menschen verglichen, die in Bangladesch, Nepal und Sri Lanka zu einem Regimewechsel geführt haben. Aber Indien ist ein zu großes Land, als dass dies geschehen könnte. Andere vergleichen sie mit der von Jayaprakash Narayan angeführten Bewegung, die Indira Gandhi 1977 zu Fall brachte. Diese Vergleiche sind alles andere als hilfreich. Die „Cockroach Janata Party“ ist keines von beiden. Sie ist eine Sache für sich. Ein einzigartiges Produkt seiner Zeit. Es sind schutzbedürftige junge Menschen, die sich einer brutalen, rachsüchtigen Regierung stellen, welche sich gegenüber ihren Gegnern als gnadenlos erwiesen hat. Es gibt bestimmt Rachepläne gegen diejenigen, die als die Hauptanstifter angesehen werden.

Wie kann ein Regime, das offensichtlich immer unbeliebter wird, so überheblich sein, den Menschen, die es gewählt haben, keinerlei Zugeständnisse zu machen? Wahrscheinlich, weil es das Gefühl hat, das Wahlgeschäft erfolgreich ausgespielt zu haben. Es hat den Apparat für sich gewonnen. Die Wahlkommission weist bereits in ihrer Zusammensetzung Mängel auf, und man kann sich nicht mehr darauf verlassen, dass sie neutral ist. Die elektronischen Wahlgeräte wurden manipuliert, in den Wählerverzeichnissen fehlen mittlerweile Millionen echter Personen, während Millionen von Scheinnamen darin aufgeführt sind, die für die Wahlen zuständige Bürokratie hat sich als absolut mitschuldig erwiesen, und man kann sich darauf verlassen, dass die Gerichte Klagen über eklatante Missstände verzögern oder ignorieren. Die Polizei hat keine Ahnung, was Neutralität ist, und die Presse macht jedes Mal einen Kniefall, wenn jemand an der Macht mit den Fingern schnippt. Die Wahlkreise werden neu zugeschnitten, um sicherzustellen, dass die BJP stets im Vorteil ist. Was hat die Regierungspartei also zu befürchten? Warum sollte sie auf irgendjemanden hören? Sie ist die reichste politische Partei der Welt, die von den reichsten Industriellen der Welt unterstützt wird. Damit kann man alles kaufen. Und jede*n. Zumindest glaubt sie das.

Aber kann dieses Spiel ewig so weitergehen? Kann man das ganze Volk ständig täuschen? Kann ein Land mit einer Bevölkerung von eineinhalb Milliarden Menschen für immer wie eine Leiche herumgeschleppt werden? Wohl kaum. Die Kakerlaken sind unterwegs. Die Bauern haben erneut ihren Marsch nach Delhi angetreten, diesmal, um gegen das indisch-US-amerikanische Handelsabkommen zu protestieren – das Todesurteil, dessen Unterzeichnung die indische Regierung in ihrem Namen unterwürfig zugestimmt hat. Die Stadtgrenzen wurden abgeriegelt, doch das wird sie wohl kaum aufhalten. Vielleicht können wir anderen von unseren Landwirt*innen und unseren Kakerlaken lernen, wie man ein bisschen gefährlich wird. Die jungen Menschen haben uns ein Geschenk gemacht. Es liegt an uns allen, an jedem Einzelnen von uns, dafür zu sorgen, dass das, was sie geleistet haben, Bedeutung erlangt.

Sobald ein Ministerpräsident physisch flieht, kann es nicht lange dauern, bis er auch politisch fliehen muss.

Aber dieses Regime wird sich nicht einfach so geschlagen geben. Es wird es nicht hinnehmen, auf den Straßen der Hauptstadt gedemütigt zu werden. Wahrscheinlich wird sogar Blut fließen. Die Nerven der Jugendlichen liegen blank. Wie lange wird es dauern, bis jemand aus dieser jugendlichen, aufgeheizten Menge die Beherrschung verliert und der Polizei einen Vorwand liefert, das Feuer zu eröffnen? Sie werden alles tun, was in ihrer Macht steht, um uns zu brechen. Wir müssen alles in unserer Macht Stehende tun, um sie aufzuhalten.

Arundhati Roy ist Schriftstellerin.

Available in
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Author
Arundhati Roy
Translators
Nathalie Guizilin and ProZ Pro Bono
Date
24.07.2026
Source
The WireOriginal article🔗
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