Vor dem Hintergrund ökologischer und sozialer Dringlichkeit haben sich Jugendliche und Frauen rund um den Yojoa-See im Westen von Honduras als treibende Kräfte einer Strategie zur ökologischen Wiederherstellung herauskristallisiert. Mithilfe der Agrarökologie zeigen sie, dass es möglich ist, das Seebecken zu heilen und gleichzeitig eine würdige Zukunft aufzubauen. Dabei geht es nicht nur um den Anbau von Nutzpflanzen, sondern auch darum, eine neue Vision von Verwurzelung und Stolz auf das Landleben zu pflegen.
Der Sonnenaufgang über dem Yojoa-Seebecken ist oft in dichten Nebel gehüllt, der die Berge von Honduras umschließt. Für diejenigen, die an seinen Ufern leben, ist dieses Gewässer viel mehr als nur der einzige natürliche See des Landes – es ist das Herzstück ihrer Identität. Doch in den letzten Jahren scheint derselbe Nebel eine schmerzhafte Realität zu verbergen: eine Umweltkrise, verursacht durch Abholzung und konventionelle landwirtschaftliche Praktiken, die die Artenvielfalt ersticken und die Lebensgrundlage von mehr als 90.000 Menschen bedrohen.
Abholzung und Umweltverschmutzung haben die Fähigkeit der Familien zerstört, sich auf natürliche Kreisläufe zu verlassen. Dieser ökologische Druck führt direkt zu einem Migrationsdruck, der über den Familien schwebt und junge Menschen angesichts begrenzter Perspektiven dazu drängt, Chancen fernab ihrer Wurzeln zu suchen.
In lokalen landwirtschaftlichen Forschungsausschüssen (CIAL) organisiert, reagieren junge Menschen nun auf diese Probleme, indem sie ihre eigenen Forschungsprozesse leiten und Technologien erproben, die am besten zu ihren Lebensumständen passen. Das CIAL-Modell ist eine partizipative Forschungsstrategie, bei der eine von ihrer Gemeinschaft ausgewählte Gruppe von Landwirt*innen kontrollierte Versuche auf ihren eigenen Parzellen durchführt. Das Ziel ist dabei, Technologien – wie einheimisches Saatgut oder biologische Betriebsmittel – zu testen und zu validieren, damit die Gemeinden auf der Grundlage lokaler Ergebnisse entscheiden können, welche Innovationen sie angesichts des Klimawandels übernehmen wollen.
Unsere Organisation, das Programm zum Wiederaufbau des ländlichen Raums (PRR), hat diese jungen Menschen als Vermittler*innen eines Modells für ein nachhaltiges Ernährungssystem begleitet, das darauf abzielt, die Subsistenzlandwirtschaft in würdige Alternativen zur Abwanderung zu verwandeln. Unsere Überzeugung ist klar: Die Transformation des Agrar- und Ernährungssystems muss von innen kommen – aus den Händen derer, die dieses Land geerbt haben.
Für einen jungen Menschen im Yojoa-Seebecken steht die Landschaft aus grünen Bergen und tiefen Gewässern in scharfem Kontrast zu einer wirtschaftlich erdrückenden Realität. Historisch gesehen haben der Mangel an fairen Märkten und die Bodendegradation einen Kreislauf der Armut geschaffen, der endlos zu sein scheint. „Wenn das Land nichts mehr hergibt, müssen wir im Norden nach einer Zukunft suchen“, ist ein Satz, der in Gemeinden wie Santa Cruz de Yojoa, San Pedro de Zacapa und anderen nahegelegenen Gemeinden viel zu oft zu hören ist.
Seit 2022 haben wir jedoch erkannt, dass die Antwort auf die Abwanderung nicht darin besteht, die Gemeindemitglieder zum Bleiben zu drängen, sondern gemeinsam mit ihnen wirtschaftliche und ökologische Gründe dafür zu schaffen. Als größtes Hindernis nannten sie den Mangel an wirtschaftlicher Selbstbestimmung. Ohne ein würdiges Einkommen oder eine fachliche Funktion, die ihnen das Gefühl gibt, Protagonist*innen der Entwicklung ihrer Region zu sein, sehen sie das Leben auf dem Land weiterhin eher als Ort der Entbehrung denn als Chance.
Die Herausforderung bestand also darin, die Subsistenzlandwirtschaft in ein nachhaltiges Modell für ein Nahrungsmittelsystem zu verwandeln, das sowohl rentabel als auch widerstandsfähig ist. Dazu verfolgten wir einen ganzheitlichen Ansatz, der Schulungen zur regenerativen Landwirtschaft mit wirtschaftlicher Förderung kombiniert und bewährte Methoden wie das CIAL-Modell und die Bauern-für-Bauern-Bewegung nutzt.
In diesen Unterrichtsräumen hat das Klassenzimmer keine Wände. Das Lernen findet auf den Feldern statt, wo Theorie und Praxis aufeinandertreffen. Diese Methodik bricht mit der traditionellen Hierarchie, in der der „Experte“ den „Lernenden“ unterrichtet, und fördert stattdessen einen horizontalen Austausch, bei dem traditionelles Wissen durch neue Ansätze wie die Agroforstwirtschaft bereichert wird. Bis heute haben 300 Menschen an diesen Schulungen teilgenommen. Über die Hälfte davon waren junge Frauen, was dazu beiträgt, Geschlechterungleichheiten in einem historisch von Männern dominierten Sektor abzubauen.
Diese jungen Menschen sind zu den technischen Vorreiter*innen der Region geworden. Sie lernen nicht nur etwas über Waldschutz und Bodengesundheit, sondern werden auch darin geschult, Gemeinschaftsprozesse zu leiten und andere auszubilden. Wenn ein junger Mensch mit einfachen Worten erklärt, wie Anbaudiversifizierung und regenerative Landwirtschaft ein degradiertes Grundstück wiederherstellen können, beginnt die Gemeinschaft, daran zu glauben. Die Jugend wird nicht mehr als „die Zukunft, die fortgeht”, sondern als „die Gegenwart, die wiederherstellt” gesehen.
Der Erfolg des agroökologischen Wandels im Seebecken lässt sich nicht nur an der Bodengesundheit messen, sondern auch an der Fähigkeit der Familien, sich durch ihre Arbeit ein Leben in Würde aufzubauen. Aus diesem Grund haben junge Menschen den Mangel an wirtschaftlichen Möglichkeiten direkt angegangen, indem sie gemeinschaftliche Kleinstunternehmen und Initiativen für eine grüne Wirtschaft ins Leben gerufen haben. Es reicht nicht aus, nachhaltig zu produzieren; der Nutzen dieser Bemühungen muss in der Gemeinschaft verbleiben.
Der Zugang zu lokalen und regionalen Marktnetzwerken, die faire Preise gewährleisten, hat es jungen Menschen ermöglicht, ein bisher unerreichbares Maß an wirtschaftlicher Selbstbestimmung zu entwickeln. Diese Kleinstunternehmen sind nicht nur Geschäfte – sie sind Orte des Widerstands gegen die Abwanderung, an denen junge Landwirt*innen Einkommen generieren und gleichzeitig ihre Ernährungssicherheit durch diversifizierte Produktion stärken.
Diese Wirkung wird durch starke Gemeinschaftsstrukturen wie die ländlichen Spar- und Kreditgenossenschaften (CRACs) gestützt – lokale Organisationen, die von den Gemeindemitgliedern selbst verwaltet werden. Die CRACs funktionieren durch die Bündelung der Ersparnisse ihrer Mitglieder und die Vergabe von Mikrokrediten zu solidarischen Zinssätzen für produktive und ökologische Initiativen. Indem sie ihre eigenen Finanzsysteme verwalten, stellen junge Menschen sicher, dass Ressourcen im Sinne einer kollektiven Vision des Gemeinwohls verwaltet werden.
Auf diese Weise entwickelt sich die Agrarökologie von einer isolierten Praxis zu einem integrierten System – einem System, welches sicherstellt, dass die nächste Generation sowohl sich selbst als auch ihre Region ernähren kann, und gleichzeitig Produktionsmodelle infrage stellt, die Kapital über das Leben stellen.
Eine der größten Errungenschaften der jungen Menschen war die Erkenntnis, dass Nachhaltigkeit nicht nur von technischen Praktiken abhängt, sondern auch vom sozialen Gefüge. Im Einzugsgebiet des Yojoa-Sees geht Wissen nicht verloren; es wird durch den generationsübergreifenden Dialog weitergegeben.
Dieser Dialog nimmt in gemeinsamen Versuchsfeldern Gestalt an. Dort stellen junge Menschen Vorschläge für regenerative Landwirtschaft vor – wie zum Beispiel Agroforstsysteme oder den Einsatz nützlicher Mikroorganismen, die aus der Streu der Bergwälder gewonnen werden –, während erfahrenere Landwirt*innen ihr Wissen über die Widerstandsfähigkeit von traditionellem Saatgut angesichts vergangener Dürreperioden einbringen. Dieser Austausch wird in CIAL-Versammlungen formalisiert, in denen beide Generationen gemeinsam die Ergebnisse aus der Praxis analysieren und so sicherstellen, dass Neuerungen erst übernommen werden, nachdem sie durch kollektive Erfahrungen validiert wurden.
Das traditionelle Wissen von Großeltern und Eltern über die Zyklen des Bodens wird so durch die neuen agroökologischen Ansätze ergänzt, die von der Jugend vorangetrieben werden. Dieser Zusammenschluss sorgt dafür, dass die Weisheit der Vergangenheit zur Grundlage für Innovationen der Gegenwart wird. So wird ein lebendiges Vermächtnis der Ernährungssouveränität und vielfältiger Lebensgrundlagen gestärkt, bei dem junge Menschen in die Entscheidungsfindung und die Finanzverwaltung einbezogen werden.
Diese generationsübergreifende Bewegung ist an sich schon die stärkste Garantie für die Nachhaltigkeit des Projekts. Wenn ältere Landwirt*innen sehen, wie ihre Kinder und Enkelkinder neue Praktiken erfolgreich umsetzen, gewinnen sie das nötige Vertrauen für den Übergang zu nachhaltigeren Modellen. Das Land ist nicht länger ein verlassener Ort, sondern wird zu einem offenen Klassenzimmer, in dem jede Generation zur Wiederherstellung des Ökosystems beiträgt.
Nach mehr als vier Jahrzehnten Arbeit im ländlichen Honduras ist die wichtigste Lektion, die wir gelernt haben, dass Veränderung nicht linear verläuft. Der Widerstand gegen die Änderung traditioneller Praktiken ist eine reale und menschliche Herausforderung, und die Angst vor dem Unbekannten behindert oft Innovationen. Wir haben jedoch festgestellt, dass diese Barriere durch Fakten überwunden werden kann. Praktische Vorführungen auf Bauernhöfen – wo greifbare kurz- und langfristige Vorteile zu beobachten sind – haben sich als das wirksamste Mittel erwiesen, um Denkweisen zu verändern.
Unsere Empfehlung für alle, die Ökosysteme in der Krise wiederherstellen wollen, ist klar: Investiert in die fachliche Führungsrolle der Jugend und in die Gründung nachhaltiger Kleinstunternehmen. Es ist unmöglich, die Natur zu schützen, wenn die Menschen, die in ihr leben, keine würdigen Lebensbedingungen haben. Mit ihrer Führungsrolle bauen junge Menschen eigene widerstandsfähige Agrar- und Ernährungssysteme auf, unterstützt durch technische und wirtschaftliche Instrumente.
Diese Systeme stellen auch Produktionsmodelle, die eine Abhängigkeit von globalen Märkten für Agrochemikalien und patentiertes Saatgut schaffen, infrage. Als Alternative dazu fördern sie die Ernährungssouveränität durch den Einsatz lokaler biologischer Betriebsmittel und die Erhaltung von traditionellem Saatgut – dem Erbe der Gemeinschaften.
Der Yojoa-See ist immer noch da und erinnert uns an die Dringlichkeit dieser Mission. Doch heute entsteht dank dieser agroökologischen Bewegung eine neue Generation – eine, die nicht mehr sehnsüchtig nach Norden sondern voller Stolz auf ihr eigenes Land blickt. Wir zeigen, dass junge Menschen auf dem Land mit der richtigen Unterstützung nicht nur bleiben können, sondern zur treibenden Kraft werden, die das grüne Herz von Honduras wiederherstellt.
Dieser Artikel wurde gemeinsam von Mitgliedern der Sociedad la Buena Fe – Programm für den Wiederaufbau des ländlichen Raums in Honduras (PRR) verfasst, einer gemeinnützigen Organisation, die ökologische Landwirtschaft, partizipative Agrarforschung, Gesundheitsvorsorge, alternative Bildung und Gemeinschaftsarbeit unter ländlichen Familien fördert, mit dem Ziel, eine nachhaltige sozioökonomische Entwicklung voranzutreiben. E-Mail-Adresse*:** [email protected]*
