Briefing

PI-Rundbrief | Nr. 39 | Der Weg ins Paradies beginnt in der Hölle

Die doppelte Bedrohung durch die Klimakrise und den Atomkrieg erfordert eine kühne Neuausrichtung unserer Massenbewegungen.
Im 39. Rundbrief der Progressiven Internationale 2023 befassen wir uns mit den Warnungen vor Klima- und nuklearer Zerstörung und fragen, wie wir den Weg zum Paradies für die Bevölkerungen der Welt finden können. Wenn du unseren Rundbrief per E-Mail erhalten möchtest, kannst du dich über das Formular am Ende dieser Seite anmelden.

Wir alle haben die Warnungen gehört. Und wir alle haben sie gesehen.

"CO2-Emissionen heizen unseren Planeten auf, töten Menschen, zerstören Gemeinschaften und vernichten die Wirtschaft”, warnte UN-Generalsekretär Antonio Guterres diese Woche verzweifelt vor der UN-Generalversammlung. Aber Millionen von Menschen auf der ganzen Welt müssen diese Tatsachen nicht mitgeteilt werden: Sie sind bereits Realität.

Guterres erklärte den in New York versammelten Staats- und Regierungschefs, dass “die Menschheit das Tor zur Hölle aufgestoßen hat”, indem sie immer schlimmere Hitzewellen, Überschwemmungen und Waldbrände auf der ganzen Welt ausgelöst hat, wobei die globale Erwärmung auf dem besten Weg ist, über 2,5 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau zu erreichen.

Die Verwüstungen, die wir gerade erleben, sind nur die Hitze an unseren Haustüren. Wir erleben keine lineare Veränderung, sondern einen sprunghaften Anstieg der Meerestemperatur, schmelzendes Eis und die Freisetzung von Methan aus Feuchtgebieten. Dies sind die Anzeichen dafür, dass sich unsere bisherige klimatische Nische radikal verändert — und das mit erschreckender Geschwindigkeit. Der Verlust des Meereises in der Antarktis ist in diesem Jahr so extrem, dass er sechs Standardabweichungen vom Durchschnitt entfernt ist: ein Ereignis, das einmal in 2,7 Millionen Jahren auftritt.

Wenn wir zurückblicken, könnte 2023 das Jahr sein, in dem der allmähliche Klimawandel in einen Prozess des Klimazusammenbruchs übergeht.

Und das nächste Jahr wird noch heißer werden.

Guterres sagt, die “Menschheit” habe die Tore geöffnet. Aber wer hat das eigentlich getan? Nicht die überwältigende Mehrheit der Menschen auf der Erde, die kein einziges Faß Öl besessen, gesehen, angefasst oder gehandelt haben. Es sind die Länder des globalen Nordens, die den Boden angebohrt haben, um den Schwefelgeruch der Hölle freizusetzen. Laut einer in der Zeitschrift Lancet Planetary Health veröffentlichten Studie war der globale Norden für 92% der gesamten überschüssigen Emissionen verantwortlich, d. h. derjenigen, die den sicheren planetarischen Grenzwert überschritten. Mit anderen Worten: Die alten Kolonialmächte haben die Atmosphäre kolonisiert.

Doch der Hinweis auf den “Globalen Norden” bringt kaum mehr Klarheit. Wie PI-Ratsmitglied Jayati Ghosh in einem Artikel, den wir letzte Woche veröffentlicht haben, schrieb, “besteht das reichste Dezil in Nordamerika aus den extravagantesten CO2-Emittenten der Welt, mit durchschnittlich dreiundsiebzig Tonnen CO2-Emissionen pro Kopf und Jahr, was dreiundsiebzigmal so viel ist wie die Pro-Kopf-Emissionen der ärmsten Hälfte der Bevölkerung in Süd- und Südostasien.” Die herrschende Klasse in den imperialen Ländern trägt den Löwenanteil der Verantwortung.

Anstatt umzusteuern, stellen die wirklich Mächtigen unter Guterres' Zuhörern den Bevölkerungen der Welt die Vernichtung mit anderen Mitteln in Aussicht: dem Atomkrieg. Wie Guterres, der sich darauf beschränkte, die Mächtigen anzusprechen, sagte: “Es wird wieder mit den nuklearen Säbeln gerasselt. Das ist Wahnsinn”. Das Potenzial für einen zivilisationsbeendenden thermonuklearen Schlagabtausch ist heute so groß wie seit Jahrzehnten nicht mehr.

Wir wissen, dass die Kriegsmaschinerie und die Ölkonzerne die Menschheit ungeachtet der Warnungen, der Logik oder der Wissenschaft weiter in die totale Zerstörung treiben werden. In der Tat hallen die beiden Themen auf dunkle Weise ineinander über. So wie Exxon und andere große Ölkonzerne versucht haben, die Klimawissenschaft in Zweifel zu ziehen, haben die Vereinigten Staaten eine langfristige Kampagne geführt, um die Theorie des “nuklearen Winters” zu diskreditieren. Von US-amerikanischen und sowjetischen Wissenschaftler*innen entwickelte Modelle sagten voraus, dass selbst ein relativ kleiner nuklearer Schlagabtausch — etwa zwischen Indien und Pakistan — Feuerstürme auslösen würde, die so viel Rauch und Ruß erzeugen, dass sie die Atmosphäre innerhalb von zwei Wochen einhüllen würden. Die Folge: eine globale Abkühlung und eine fast vollständige Hungersnot, da die Ernten weltweit zusammenbrechen würden.

So wie der Klimawandel angezweifelt wurde, um die Bohrungen nach fossilen Brennstoffen unter unseren Füßen auszuweiten, so wurde auch der nukleare Winter angezweifelt, um die Ausweitung des US-Atomschirms zu rechtfertigen. Ende der 1970er Jahre verlegten die USA im Rahmen einer neuen Doktrin der “Gegenmacht” ihre Pershing-II-Raketen in die NATO-Staaten in Europa. Diese neue Nuklearstrategie, die die Doktrin der “gegenseitig zugesicherten Zerstörung” ablöste, basierte auf der irrsinnigen Vorstellung, dass es möglich sei, einen Atomkrieg mit einem überwältigenden Erstschlag auf die nuklearen Kapazitäten des Gegners zu gewinnen — eine Politik, die bis heute weitgehend intakt ist.

In den 1970er Jahren löste diese Entscheidung eine historische Bewegung gegen Atomwaffen auf dem europäischen Kontinent aus. Heute erfordert die doppelte Bedrohung durch den Klimakollaps und den nuklearen Holocaust eine noch stärkere Mobilisierung der Massenbewegungen und der Gesellschaft — eine globale revolutionäre Bewegung, die sowohl auf Ökologie und Frieden als auch auf dem radikalen Verständnis der Wechselbeziehung zwischen beiden beruht. Wir sind aufgerufen, uns mit denen zu verbünden, die am meisten davon profitieren, die Hegemonie derjenigen zu stürzen, die unsere Atmosphäre und unsere Zukunft kolonisieren: die Arbeiter*innen und Bäuer*innen des globalen Südens und die Arbeiter*innen des globalen Nordens.

In Inferno erzählt uns Dante, dass die Tore der Hölle die Aufschrift tragen: “Gebt alle Hoffnung auf, die ihr hier eintretet”. Aber, wie er an anderer Stelle bemerkt, “der Weg zum Paradies beginnt in der Hölle”.

Während unsere Herrscher uns in die Hölle hinabstoßen, sollten wir zueinander finden und unseren Weg ins Paradies bauen.

Kunst: Zwei Textilkunstwerke von Zulfikar Ali Bhutto, die den Indus und die Mangrovenwälder im Jahr 750 n. Chr. (links) und den Fluss heute, mit einem ausgedehnten Kanalsystem und einem Rückgang der Wälder (grün gestickt), darstellen.

Available in
EnglishGermanSpanishPortuguese (Brazil)French
Date
29.09.2023
Source
Progressive InternationalOriginal article
BriefingKrieg & FriedenÖkologieImperialism
Progressive
International
Privacy PolicyManage CookiesContribution SettingsJobs
Site and identity: Common Knowledge & Robbie Blundell