Die US-amerikanische Militärintervention gegen Venezuela, die in der Entführung von Nicolás Maduro am 3. Januar 2026 gipfelte, war von langer Hand vorbereitet. In einem in Carta Capital veröffentlichten Artikel vom Februar 2019 unter dem Titel „Donald Trump, das Ende des Globalismus und die Krise in Venezuela“ habe ich darauf hingewiesen, dass der damalige Präsident mit ungewöhnlicher Offenheit über die wahren Zielsetzungen des US-Imperialismus sprach: nicht die Verteidigung von Demokratie oder Menschenrechten, nicht einmal der (selektive) Respekt für internationale Abkommen geprägt von liberaler Ideologie, sondern Kontrolle über Ressourcen von strategischem und wirtschaftlichem Wert. Schon damals kritisierte Donald Trump seine Vorgänger offen dafür, sich in Venezuela oder dem Irak nicht „das Öl geholt zu haben“ oder die seltenen Erden in Afghanistan. Er ließ damit klar eine räuberische Logik erkennen, über die der traditionelle liberale Diskurs lange verschleiert hatte.
Im Januar 2013 twitterte Trump „Ich kann noch immer nicht glauben, dass wir ohne das Öl aus dem Irak raus sind.“ In einer Debatte mit Hillary Clinton im September 2016 schlug er eine Rückkehr ins 19. Jahrhundert vor: „Üblicherweise gehörte die Beute dem Sieger. Jetzt gibt es keinen Sieger mehr … Aber ich habe immer gesagt: Nehmt das Öl.“
Als Präsident drängte Trump den irakischen Präsidenten zweimal, zum Ausgleich der Kriegskosten mehr Öl abzugeben. Der ehemalige Berater für nationale Sicherheit H.R. McMaster mahnte ihn Berichten zufolge beim zweiten Mal: „Das ist schlecht für Amerikas Ruf, es wird unseren Verbündeten Angst machen … und es lässt uns wie Kriminelle und Diebe aussehen.“ Im Januar 2019 erklärte Vizepräsident Mike Pence, Trump „sei kein Fan“ von Interventionen in anderen Ländern, außer „in dieser Hemisphäre“ (dem so genannten „Hinterhof“).
Die Donroe-Doktrin warf ihre Schatten voraus. Ebenfalls im Januar 2019 ließ der damalige Berater für nationale Sicherheit John Bolton verlauten: „ ... Wir sind in Gesprächen mit den großen amerikanischen (Öl)Konzernen … Venezuela ist eines der drei Länder, dass ich die Troika der Tyrannei genannt habe (neben Nicaragua und Kuba). Die Vereinigten Staaten stünden ökonomisch ganz anders da, wenn wir amerikanische Ölfirmen dazu brächten, wirklich in Venezuelas Ölsektor zu produzieren und investieren.“
Im April 2025, bei der Tagung „IV Dilemmas of Humanity: Perspectives for Social Transformation“, organisiert vom Tricontinental: Institute for Social Research, der Bewegung der Landarbeiter ohne Boden (MST) und der Internationalen Versammlung der Völker (IPA) in São Paulo, argumentierte ich, dass Trump Venezuela als sein erstes militärisches Ziel in der so genannten westlichen Hemisphäre wählen würde, was die erste direkte Militärintervention in Südamerika der Geschichte wäre. Das Argument dafür war simpel: Angriffe auf Kanada oder Grönland wären erheblich riskanter und diplomatisch weit schwerer zu verteidigen; Venezuela hingegen bot Rechtfertigungsgründe, die die politische Basis der MAGA-Bewegung akzeptieren würde (die angeblichen Bedrohungen durch Immigration und Drogenschmuggel aus Venezuela), und zugleich gewaltige Reserven an Öl und kritischen Mineralien für den technologischen Kampf mit dem Rivalen China.
Die National Security Strategy (NSS), die die Trump-Administration am 4. Dezember 2025 veröffentlicht hat, legte diese Strategie für die westliche Hemisphäre formell fest, deren Schwerpunkt darauf liegt, „kritische Lieferketten zu stärken … Abhängigkeiten zu reduzieren und die ökonomische Resilienz der USA zu erhöhen … und es zugleich Wettbewerbern, die sich nicht in dieser Hemisphäre befinden, zu erschweren, ihren Einfluss in der Region zu erhöhen.“ Dieses Dokument verankert, was Analysten als „Trump-Korollar“ zur Monroe-Doktrin – oder, noch sarkastischer, als „Donroe-Doktrin“ – bezeichnet haben: eine Version des Panamerikanismus, die Lateinamerika den Anforderungen der Vereinigten Staaten, nach Sicherheit und Kapitalakkumulation unterordnet und dies ganz ausdrücklich durch Transaktionen und Zwangsmaßnahmen.
Tatsächlich ist die Militärintervention in Venezuela keine Verteidigung von Demokratie oder ein humanitäres Eingreifen: Sie ist das offizielle Ende des „Globalismus“, der die militärische Macht der US an die liberale Ideologie der nationalen Souveränität in der Charta der Vereinten Nationen band. Das war – wie ich gewarnt hatte – schon 2019 Trumps Ziel gewesen. Sie ist das Ende des „Amerikanischen Jahrhunderts“, das Woodrow Wilson für die Welt ersann, im 1. Weltkrieg, und das Franklin Delano Roosevelt im 2. Weltkrieg geübt hat. Sie repräsentiert die Sicherstellung strategischer Ressourcen im Kontext der Rivalität zwischen China und US-Amerika und schlussendlich ein Bemühen, globale Lieferketten entlang geopolitischer Linien zu restrukturieren. Dies ist ein gefährlicher Präzedenzfall, der Souveränität in der gesamten Region einem Risiko aussetzt, begonnen bei der neuen „Troika“ – den neuen Dominosteinen, die von der imperialen Macht der USA zu Fall gebracht werden sollen: Kuba, Nicaragua und Kolumbien.
Venezuela wurde nicht zufällig zum ersten militärischen Ziel erkoren, sondern weil es eine optimale Verschmelzung geoökonomischer Chancen und politischer Durchsetzbarkeit bietet. Das Land besitzt die größten nachgewiesenen Ölreserven der Welt und gewaltige Vorkommen kritischer Mineralien, die für saubere Energie und Verteidigungstechnologien unverzichtbar sind. Trump hat wiederholt die Bedeutsamkeit dieser Ressourcen betont, auch in einem Interview, in dem er sagte, dass er nach Maduros Entführung „Venezuela regieren“ würde.
Diese Offenheit über die materiellen Ziele von Imperialismus steht in direkter Verbindung mit der breiteren Strategie von Friendshoring (Verlegung von Produktion oder Lieferketten in Länder, die als politisch stabil, zuverlässig und von ähnlichen Werten geleitet gelten) oder Nearshoring (Verlegung von Produktion oder Lieferketten ins nahe Ausland, um von geringeren Kosten zu profitieren, aber Prozesse noch relativ leicht kontrollieren zu können). Diese wurde 2025 in der NSS dargelegt. Das Dokument macht nicht Halt beim Vorschlag, sich abseits von chinesischen Lieferketten zu diversifizieren; zumindest rhetorisch sucht es die systematische Restrukturierung globaler Wert-Netzwerke anhand geopolitischer Kriterien. Somit ist die doppelte Zielsetzung für Lateinamerika unmissverständlich: erstens die Sicherung der US-Kontrolle über kritische mineralische Ressourcen (Lithium, Kupfer, seltene Erden) und strategische Infrastruktur (Häfen, Telekommunikationsnetzwerke, Energiesysteme); zweitens die Einbindung lateinamerikanischer Wirtschaftsräume in Fertigungsketten, die vollständig isoliert von chinesischer Beteiligung oder Einfluss arbeiten.
Das Angebot von María Corina Machado in einem Interview mit Donald Trump Jr. illustriert die Frage der Mineralien perfekt: Sie bot im Austausch für die Unterstützung beim Regimewechsel zugunsten der Machtübernahme ihrer Gruppe venezolanische Vermögenswerte in Höhe von 1,7 Billionen $ für US-Konzerne. Dieses Angebot unterscheidet sich nicht wesentlich von den Ölkonzessionen, die charakteristisch waren für den klassischen Imperialismus des späten 19. sowie frühen 20. Jahrhunderts und zu zwei Weltkriegen führten.
In der Frage der Lieferketten geht der Plan über die traditionellen Bedenken gegen Rohstoffabbau hinaus und bis zur Neuorganisation regionaler Produktionssysteme. In Sektoren mit hohem Arbeitskräfteeinsatz sowie Energiebedarf und geringeren Eingangskosten, in denen Reindustrialisierung durch Onshoring (Inlandsverlagerung) in den Vereinigten Staaten nicht machbar ist, wird Washington vorschlagen, Fertigungszweige in Lateinamerika in strategisch sensiblen Ketten (Halbleiter, Batterien, pharmazeutische Produkte, moderne Werkstoffe) aufzubauen. Dies hat aber strikt in Verwaltungsstrukturen zu geschehen, die chinesische Investitionen, Technologie oder den Zugang zum chinesischen Markt ausschließen. Das ist ein Versuch, die Produktionsnetze geopolitisch aufzuteilen und parallele Lieferketten zu schmieden, die sich an strategischer Loyalität orientieren. Nur in diesem Licht ist die Entscheidung der mexikanischen Regierung zu verstehen, ab 1. Januar 2026 Einfuhrzölle auf eine Reihe von Produkten aus China, Brasilien und anderen Ländern zu erheben, die kein Handelsabkommen mit Mexiko haben.
Auch die symbolische Dimension der Wahl von Venezuela als Angriffsziel verdient Aufmerksamkeit. Das MAGA-Narrativ verlangt nach Feinden, die den „traditionellen amerikanischen Lebensstil“, bedrohen. Venezuela passt in diese Rolle: Es kann zugleich als Quelle unerwünschter Einwanderung und des Drogenhandels dargestellt werden, zwei zentrale Anliegen von Trumps politischer Basis. Anders als Kanada oder Grönland, deren Invasion in der Heimat schwer zu rechtfertigen wäre und eine Krise in der westlichen Allianz auslösen würde, weckt ein Angriff auf Venezuela tief verwurzelte Vorurteile und bietet willkommene Sündenböcke für innenpolitische Probleme der Vereinigten Staaten.
Die drei Narrative zur Legitimation der Militärintervention (Verteidigung der Demokratie, Kampf gegen Drogenschmuggel und humanitäre Intervention) brechen bei minimaler Überprüfung in sich zusammen. Sie entblößen sich als Vorwände für eine Operation, die getrieben ist von Interessen an wirtschaftlicher Dominanz, gedeckt von politischer und militärischer Macht und mit dem Ziel, diese Interessen mittelfristig zu stärken.
Das Argument der Demokratie ist besonders unhaltbar, da es von Trump kommt. Ganz zu schweigen vom 6. Januar 2021, machte sich Trump bei zahlreichen Gelegenheiten über die Begründung imperialer Interventionen als „Verteidigung der Demokratie“ lustig und bezeichnete sie als liberale Heuchelei. Im Dezember 2015 stellte Trump zur Verteidigung Vladimir Putins fest: „Unser Land tötet ebenfalls viele … Es gibt zurzeit eine Menge Dummheit auf der Welt, eine Menge Töten, eine Menge Dummheit.“ Im Februar 2017 antwortete Trump, bereits im Amt als Präsident, auf die kritische Aussage von Bill O’Reilly, dass „er (Putin) ein Killer ist“ mit der Feststellung: „Es gibt eine Menge Killer. Denken Sie, unser Land ist so unschuldig?“. Seine Amtsbilanz bestätigt den Zynismus der demokratischen Rhetorik: Trump unterhält enge Verbindungen zu freundlich gesinnten Diktaturen, von den absolutistischen Monarchien des Persischen Golfs bis Saudi-Arabien, und er bot den politischen Coups von Jair Bolsonaro und seiner Entourage in Brasilien begeistert Unterstützung an. Das Problem ist niemals der Mangel an Demokratie, sondern die mangelnde Übereinstimmung mit Washington.
Das Anti-Drogen-Argument ist gleichermaßen Falschmünzerei. Wenige Tage vor der Invasion in Venezuela kam Trumps präsidentielle Begnadigung von Juan Orlando Hernández, vormals Präsident von Honduras, der in den Vereinigten Staaten wegen Verschwörung zum Drogenschmuggel im industriellen Maßstab vor Gericht gestellt und verurteilt worden war. Drogenhandel dient als eine wohlfeile Erzählung, wenn Gegner dämonisiert werden sollen; er wird irrelevant, sobald der Angeklagte ein strategischer Verbündeter ist. Offensichtlicher könnte die Parteilichkeit nicht sein.
Die Begründung mit Menschenrechten ist vielleicht am obszönsten von allen dreien. Eine Regierung, die bedingungslose militärische, diplomatische und politische Unterstützung für den israelischen Völkermord in Gaza gewährt (mit mehr als 60.000 in wenigen Monaten palästinensischen Zivilisten, darunter mehr als 18.000 Kinder), hat keine moralische Glaubwürdigkeit, wenn sie humanitäre Bedenken ins Feld führt. Darüber hinaus haben die eigenen Militäraktionen der Vereinigten Staaten gegen Venezuela (Bombardements, die zivile Infrastruktur trafen, und eine Seeblockade, die viele Jahre lang die Einfuhr von Lebensmitteln und Medikamenten verhinderte) das Leid der venezolanischen Bevölkerung dramatisch verschlimmert, obwohl sie es hätten lindern sollen.
Die Reihe der Ereignisse, die zu Maduros Entführung geführt haben, folgte einem vorhersehbaren Drehbuch der Druckeskalation. Nachdem die Regierung unter Trump monatelang unilaterale Sanktionen intensiviert und zunehmend explizite Drohungen geäußert hatte, ordnete sie eine Seeblockade an. Womöglich weiß er es nicht, aber es war die Seeblockade und die Militärintervention von Großbritannien, Deutschland und Italien in Venezuela im Jahr 1902, die zum Roosevelt-Zusatz zur Monroe-Doktrin führte. Das habe ich in einem langen akademischen Artikel zu zeigen versucht, einer Analyse des US-Imperialismus in Lateinamerika zwischen 1898 und 1933. Wie Trump beanspruchte auch Roosevelt für die Vereinigten Staaten das ausschließliche Recht, die westliche Hemisphäre zu überwachen, indem er öffentlich seine Absicht ankündigte, andere militärische und finanzielle Machthaber aus Zentralamerika und der Karibik zu vertreiben. Trump imitierte ebenso das Interventionsmuster der „Dollardiplomatie“ des frühen 20. Jahrhunderts. Die Koordinierung von Spezialeinheiten sowie der Central Intelligence Agency (CIA) und Teilen der Opposition im Lande plus desertierten Militärs fand ihren Höhepunkt in der illegalen Entführung des venezolanischen Präsidenten am 3. Januar 2026.
Trumps Aussagen in deren Folge waren unverblümt: Die Vereinigten Staaten würden „das Land verwalten“ und Einnahmen aus dem Ölgeschäft nutzen, um „die Militäroperation zu bezahlen und Venezuela so wieder aufzubauen, wie es sein sollte“. Es gibt keinen Zweifel, welche Ziele das hat: direkte Kontrolle über strategische Ressourcen und die Reorganisation des venezolanischen Staates zugunsten imperialer Interessen.
Die regionalen Auswirkungen dieser Aktion sind tiefgreifend und gefährlich. Kuba, Nicaragua und Kolumbien sind die wahrscheinlichsten Ziele in der Reihe. Trump hat sie bereits bedroht und der venezolanische Präzedenzfall zeigt, dass es keine leeren Drohungen sind. Die Tage des kommunistischen Regimes in Kuba, das nach Jahrzehnten der Blockade isoliert ist und kürzlich durch schwere Energiekrisen weiter geschwächt wurde, könnten gezählt sein. Und Gustavo Petro muss womöglich dafür büßen, in New York schlimme Wahrheiten ausgesprochen zu haben und zu einem bedeutsamen Spielstein geworden zu sein in der Dominoreihe von Lateinamerikas linken Kräften, die Trump will stürzen sehen.
Mexiko, Brasilien und selbst westliche Mächte wie Dänemark (wegen Grönland) und Kanada sind alarmiert. Trumps Drohungen gegenüber Grönland können nicht länger als leere Provokationen abgetan werden.
Freilich reagiert Lateinamerika nicht einheitlich auf diesen imperialen Druck. Javier Mileis Argentinien gibt ein vielsagendes Gegenbeispiel ab: totale ideologische und strategische Anlehnung belohnte Washington mit einem 40 Milliarden $ schweren Rettungspaket. Dieses Muster differenzierter Belohnungen und Bestrafungen bestätigt die ausdrücklich transaktionelle Natur der neuen Strategie für die westliche Hemisphäre: Länder, die sich unterordnen, erhalten finanzielle Unterstützung; solche, die sich widersetzen, sehen sich zunehmendem Druck ausgesetzt.
Der ecuadorianische Widerstand gegen ausländische Militärbasen, bestätigt in einem Volksreferendum im November 2025, zeigt allerdings, dass es selbst in relativ kleinen Ländern Hürden für Washington gibt, seinen Willen durchzusetzen. Die Invasion Venezuelas aber setzt die potenziellen Kosten des Widerstandes dramatisch herauf. Sie ist der Nachweis, dass die Vereinigten Staaten willens sind, direkte militärische Gewalt einzusetzen, sollten sie ihre Interessen für ausreichend bedroht halten.
Die Trumpsche Strategie, durch Zollmaßnahmen und Androhung militärischer Gewalt eine Unterordnung der westlichen Hemisphäre zu erreichen, stößt allerdings auf erhebliche strukturelle Grenzen. Der Fall Brasilien illustriert diese Widersprüchlichkeiten besonders klar.
Europa, Japan und Südkorea gaben Trumps Handelsforderungen ob ihrer militärischen Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten rasch nach, will sagen, sie wurden gezwungen, „Tribut zu zahlen, um im amerikanischen Imperium zu verbleiben“. Brasilien hingegen hielt relativ erfolgreich seinen Widerstand aufrecht. Diese Widerstandskraft gründet in spezifischen strukturellen Vorteilen: China hat seine Position als Haupthandelspartner Brasiliens seit mehr als einem Jahrzehnt gefestigt und nimmt einen wachsenden Anteil an dessen Warenexport auf. Im Ergebnis häufte Brasilien substanzielle internationale Devisenreserven an, die ihm Manövrierspielraum in Währungskrisen verschafften. Die brasilianische Diplomatie pflegte anderweitige Beziehungen mit den BRICS-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China and Südafrika) und auf anderen multilateralen Plattformen des globalen Südens.
Die Kampagne von Luiz Inácio Lula da Silva zur Abkehr vom Dollar, die sich nach seinem Besuch in China im April 2023 intensivierte, stellt eine direkte Herausforderung des fundamentalen Instruments der US-Macht dar: Kontrolle über das internationale Währungssystem. Offerten zu bilateralen Abschlüssen von Handels- und Devisentransaktionen in nationalen Währungen, Diskussionen über eine gemeinsame BRICS-Währung und die Diversifizierung internationaler Währungsreserven ziehen Geschäfte aus New York ab und schwächen nach und nach die Fähigkeit Washingtons, Finanzsanktionen als geopolitische Waffe einzusetzen.
Brasiliens relative Autonomie irritiert Washington ganz offensichtlich. Trumps Berater ließen öffentlich erkennen, dass die Vereinigten Staaten „sehr besorgt“ über BRICS und die Entdollarisierung mit Brasilien als besonderem Problem seien. Der Versuch, Brasilien mit Zwang, sprich Strafzöllen, auf Linie zu bringen, unterlag aber ganz schlicht einer Einschränkung: Der US-Markt, wenn auch wichtig, ist – anders als in früheren Jahrzehnten – nicht länger unverzichtbar für die brasilianische Wirtschaft. Zugang zur Wall Street ist weiter unverzichtbar, aber die Taktik, Brasiliens Zugang zu blockieren, um Druck aufzubauen, würde beschleunigen, was Trump vermeiden will: Brasilien aus der Dollarwelt und Richtung BRICS zu treiben.
Die grundlegendsten Beschränkungen der „Donroe-Doktrin“ gehen allerdings über einzelne Länder hinaus. Ausgedehnte Militärbesatzungen sind über die Maßen kostspielig, wie Irak und Afghanistan bewiesen haben. Meinungsumfragen in den Vereinigten Staaten ergaben, dass 55 Prozent der Bevölkerung der Invasion Venezuelas gegenüber ablehnend sind. Dies legt nahe, dass weitere militärische Abenteuer auf wachsenden Widerstand im Inland treffen werden, besonders wenn sie beachtliche Gefallenenzahlen oder hohe fiskalische Kosten auf US-Seite produzieren.
Noch schwerer wiegt, dass die Vereinigten Staaten unfähig sind, Entwicklungsangebote zu machen, die mit den Angeboten Chinas mithalten können. Während Washingtons Strategie darauf baut, Zugang zu seinem Konsumentenmarkt an die Voraussetzung politischer Gefolgschaft zu knüpfen und einseitig Sanktionen als Strafmaßnahme zu verhängen, bietet Peking konkrete Infrastrukturprojekte, großzügig lange Kreditlinien, Technologieaustausch und expandierende Märkte. All das geschieht ohne die Belastung durch politische Forderungen. Diese Asymmetrie in den Entwicklungsangeboten schafft einen strukturellen Vorteil für China, den Strafzölle und militärische Drohungen nicht vollständig wettmachen können.
Das Risiko einer geopolitischen Gegenreaktion ist ebenso nicht zu unterschätzen. Jede US-Zwangsaktion verstärkt Chinas Narrativ, dass Washington die Souveränität des globalen Südens bedroht, und treibt Länder dazu, in engerer Anlehnung an Peking Schutz zu suchen. Die Invasion Venezuelas liefert den dramatischen Beweis für dieses Argument und könnte potenziell die Bildung von Blöcken und Allianzen mit China beschleunigen. Das wäre exakt das, was Trumps Strategie nach eigener Aussage zu verhindern sucht.
Die US-Militärintervention in Venezuela und die Entführung Maduros stellen eine eklatante Verletzung internationalen Rechts und der Charta der Vereinten Nationen dar. Unabhängig davon, wie man die venezolanische Regierung bewerten mag, ist das prinzipielle Verbot der unilateralen Militärintervention eine fundamentale zivilisatorische Errungenschaft, zurückreichend bis 1648 (Westfälischer Frieden). Diese kann nicht verworfen werden ohne katastrophale Folgen für die internationale Ordnung.
Der geschaffene Präzedenzfall ist extrem schwerwiegend. Wenn die Vereinigten Staaten auf der Basis solch offenkundig betrügerischer Rechtfertigungen in ein souveränes Land einmarschieren, seine Regierung absetzen und direkte Kontrolle über seine natürlichen Ressourcen übernehmen können, ist kein Land ohne abschreckende Streitkräfte oder starke militärische Allianzen sicher. Die Normalisierung unilateraler Militärinterventionen zerstört jeden Anschein eines regelbasierten internationalen Systems. Der Kaiser ist nackt. Daher legt die militärische Eskalation möglicherweise mehr Schwäche als Stärke offen. Eine Großmacht, die von ihrer wirtschaftlichen, technologischen und kulturellen Vorrangstellung überzeugt ist, muss nicht auf Militärinvasionen zurückgreifen, um sich den Zugang zu Ressourcen oder Märkten zu sichern. Die Bereitschaft der Vereinigten Staaten, direkte Gewalt einzusetzen, spiegelt den Rückgang subtilerer Formen der Macht wider. Die Entführung Maduros schwächt, aber eliminiert nicht die Herrschaft des Chavismo in Venezuela. Ebenso wenig löst sie die strukturellen Widersprüche des Niedergangs der Vereinigten Staaten als Großmacht auf. Die Vereinigten Staaten können kein attraktives Entwicklungsmodell bieten, das tatsächlich gegenüber der chinesischen Alternative wettbewerbsfähig wäre. Sie haben nicht die fiskalische Kapazität, einen Marschallplan für die westliche Hemisphäre zu finanzieren und sie können Jahrzehnte der Deindustrialisierung in ihrem Land nicht mit Strafzöllen für Alliierte ungeschehen machen. Venezuela direkte Militärkontrolle aufzuzwingen, wenn überhaupt möglich, mag Zugang zu seinem Öl garantieren, aber es stellt nicht die zentrale Rolle der Vereinigten Staaten in globalen Produktionsketten wieder her.
Alternativen zur Unterordnung existieren, aber sie erfordern politische Koordination und strategischen Mut von Regierungen des globalen Südens. Die Stärkung regionaler Plattformen wie der Gemeinschaft lateinamerikanischer und karibischer Staaten (CELAC), der Union südamerikanischer Nationen (UNASUR) und BRICS bietet institutionellen Raum für kollektiven Widerstand. Eine intensivere wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen den Ländern des Südens reduziert die Anfälligkeit gegenüber wirtschaftlichen Zwangsmaßnahmen seitens der USA. Durch eine Diversifizierung der internationalen Währungsreserven und die Entwicklung alternativer Zahlungssysteme wird die Wirksamkeit von Finanzsanktionen untergraben.
Die fundamentale Lehre aus der Invasion in Venezuela ist, dass isolierte Souveränität verletzlich ist. Nur gemeinsame Koordination kann der imperialen Macht entgegenwirken. Die Herausforderung für progressive Regierungen in Lateinamerika und dem globalen Süden besteht darin, rhetorische Empörung in effektive Zusammenarbeit umzuwandeln. Der Präzedenzfall ist da. Was auf dem Spiel steht, ist entscheidend für die Geschichte: Die nächsten Schritte werden entscheiden, ob das 21. Jahrhundert durch das Wiederaufleben eines räuberischen militärischen Imperialismus oder die Etablierung einer wirklich multipolaren Weltordnung geprägt sein wird.
