Am 23. Januar 2026 ignorierte ich eine sachlich falsche Warnung des Außenministeriums vor chavistischen Motorradbanden, die „Amerikaner entführen“ würden, und flog zum Flughafen von La Guaira in Venezuela, um dort einen 30-tägigen Reportageauftrag für TeleSUR zu erfüllen. Das Erste, was mir beim Betreten des Flughafens ins Auge fiel, war ein Steckbrief des von den USA unterstützten Präsidentschaftskandidaten für 2024, Edmundo Gonzalez, der im September desselben Jahres aus dem Land geflohen war, nachdem er wegen Urkundenfälschung, Anstiftung zum Ungehorsam, Verschwörung und anderer Straftaten angeklagt worden war, die mit der Welle gewalttätiger Söldnerangriffe auf die Polizei und öffentliche Einrichtungen am Tag nach den Wahlen am 1. August in Verbindung standen.
Ich war ein bisschen besorgt. Ich erinnerte mich an meine Reise nach Serbien vor einigen Jahren, als mir Freunde von der Partei der Radikalen Linken die ausgebrannte Ruine des Hauptsitzes von Radio-Television Serbia zeigten, der 1999 von US-amerikanischen und NATO-Streitkräften bombardiert worden war, wobei 16 Menschen ums Leben kamen, darunter Schauspieler*innen, Journalist*innen und ein Mitarbeiter der Makeup-Abteilung. Als Israels im Jahr 2025 den iranischen öffentlich-rechtlichen Fernsehsender bombardierte, wurde mir wieder bewusst, dass der Polizeistaat USA keinerlei moralische Bedenken hinsichtlich der Ermordung von Journalisten hat.
Zum Glück für die Menschen in Venezuela hatte sich die Lage nach dem Anschlag vom 3. Januar 2026 inzwischen jedoch wieder beruhigt.
Mein erster Einsatzort war Carlos Soulblette, ein Arbeiterviertel in der Nähe einer Marineakademie in La Guaira, das von US-Raketen getroffen worden war. Wir sahen den laufenden Reparaturarbeiten an einem der Hunderttausenden von Sozialwohnungsgebäuden zu, die von der Maduro-Regierung errichtet und direkt getroffen worden waren, wobei die 82-jährige Großmutter Rosa Elena Gonzales de Yanez ums Leben kam. Ich interviewte eine Frau mittleren Alters namens Maria Elena Carreno, die Nachbarin der Frau, die von der US-Regierung ermordet wurde.
„Als wir es endlich ins Wohnzimmer geschafft hatten“, sagte sie, „sahen wir, dass die Tür weg war. Die Holztür war durch die Wucht, durch die Schallwelle völlig weggerissen worden. Ich sagte zu meinem Mann: ‚Lass uns das Tor ganz langsam öffnen‘, denn wir wussten nicht, was uns erwartete, da überall Staub lag. Gott sei Dank sind wir vorsichtig hinausgetreten, denn wir stellten fest, dass die Wand nicht mehr da war. Wären wir aus dem Wohnzimmer gerannt, wären wir in die Leere gestürzt.“
Zwei Tage später nahm ich an der ersten von sechs „Free Maduro“-Demonstrationen, über die ich während meines einmonatigen Aufenthalts in Venezuela berichten sollte, teil. Tausende Anwohner*innen hatten sich in einer Favela in der Gemeinde Antimano versammelt, um zu einer Hauptstraße zu marschieren und diese zu blockieren, wobei sie die Rückkehr ihres Präsidenten und ihrer First Lady forderten.
Ein Anwohner namens Ronny Camelo sagte mir: „Seitdem das Imperium am 3. Januar in die Träume des venezolanischen Volkes eingedrungen ist, unsere Grenze überschritten und gegen alle internationalen Gesetze verstoßen hat, fordern wir, dass der Wille des Volkes respektiert wird. Wir fordern die Rückkehr unserer First Lady und unseres Präsidenten Nicolas Maduro Moro, der durch die Macht des Volkes und der sozialen Bewegungen gewählt worden ist. Wir versichern der Genossin Delcy Rodríguez unsere volle Unterstützung bei der Rückführung unseres Präsidenten Nicolás Maduro Moro. Es lebe die Unabhängigkeit und es lebe unser sozialistisches Vaterland!“
Dies war meine vierte Reise nach Caracas seit 2020, und ich war erfreut festzustellen, dass sich die Lebensqualität im Vergleich zu meinen ersten Besuchen deutlich verbessert hatte. Die Kriminalitätsrate ist drastisch gesunken, wobei im Jahr 2025 die niedrigste Mordrate der jüngeren Geschichte verzeichnet wurde: 1,9 pro 100.000 Einwohner. Dies ist eine beeindruckende Leistung, wenn man bedenkt, dass Venezuela vor zehn Jahren mit 60 pro 100.000 Einwohnern eine der höchsten Mordraten weltweit hatte. Während man mir bei meinen ersten beiden Besuchen in Caracas geraten hatte, mich nach 19 Uhr nicht mehr auf die Straße rund um meine Wohnung zu trauen, konnte ich nun aus eigener Erfahrung feststellen, dass es mittlerweile vollkommen sicher war, sich nachts draußen aufzuhalten. Dazu gehörte auch das Arbeiterviertel San Agustín, das einst drittgefährlichste Viertel Venezuelas, in dem ein Kollege und ich nun am Karnevalsmontag um Mitternacht Gruppen von Kindern beobachteten, die sich mit Schläuchen und Ballons eine Wasserschlacht lieferten. Dank der sinkenden Kriminalitätsrate hat sich San Agustín sowohl für die breite Öffentlichkeit als auch für Tourist*innen geöffnet, und die Menschen strömen nun auch nachts dorthin, um das kulturelle Erbe dieses Ortes, eines der Zentren der afro-venezolanischen Musik, zu genießen.
Eine weitere positive Beobachtung in Caracas war, dass es dort so gut wie keine Obdachlosen gab. Während meines einmonatigen Aufenthalts, in dem ich im Rahmen meiner journalistischen Arbeit und an meinen freien Tagen alle Winkel der Stadt erforschte, zählte ich in einer Stadt mit drei Millionen Einwohner*innen insgesamt fünf Obdachlose. Wie in jeder Stadt gab es Anzeichen von Armut, aber was die Obdachlosigkeit angeht, kann ich mich nicht daran erinnern, in den letzten zehn Jahren eine Stadt in meinem Wohnland Brasilien, in den USA oder in Großbritannien besucht zu haben, in der es so wenige Obdachlose gab. Dies ist zweifellos zum Teil auf das Sozialwohnungsprogramm der bolivarischen Regierung zurückzuführen, in dessen Rahmen in den letzten 15 Jahren über fünf Millionen Sozialwohnungen gebaut wurden – und das in einem Land mit einer Gesamtbevölkerung von 28 Millionen Menschen.
Im Gegensatz zu einem durchschnittlichen Monat in Recife, wo ich wohne, gab es während meines Aufenthalts dort keine Stromausfälle. Ich fuhr mit der U-Bahn und dem Bus zu TeleSUR. Obwohl die U-Bahn genauso langsam fuhr wie in US-amerikanischen Städten wie Chicago und New York, kam sie alle paar Minuten, sogar sonntags, und mit 17 US-Cents war der Fahrpreis ein Schnäppchen im Vergleich zu dem ganzen US-Dollar, den ich in São Paulo gewohnt bin zu zahlen. Die Busse sind alt und sehen etwas heruntergekommen aus, werden aber von Genossenschaften betrieben und nicht wie in Brasilien von privaten Unternehmen, und sie sind zuverlässig – vor allem bei einem Fahrpreis von nur 17 US-Cents.
Ich stellte fest, dass die Lebensmittelpreise deutlich höher waren als in Brasilien, aber die Bewohner*innen von Armen- und Arbeitervierteln kaufen einen Großteil ihrer wöchentlichen Lebensmittel auf den staatlichen Quartiersmärkten, auf denen Grundnahrungsmittel zu stark subventionierten Preisen für die Anwohner*innen angeboten werden. Auch wenn ich diesen Dienst nicht in Anspruch nehmen musste, ist mir bewusst, dass es in Venezuela nach wie vor große Probleme bei der medizinischen Versorgung gibt, da nach dem Inkrafttreten der kriminellen Blockaden der Trump-Regierung und dem Einbruch des Nationaleinkommens um 90 Prozent zwischen 2017 und 2020 eine Abwanderungswelle von Ärzt*innen aus dem Land einsetzte. Dadurch blieben viele der öffentlichen Gesundheitseinrichtungen in Arbeitervierteln dramatisch unterbesetzt. Im Januar kündigte die amtierende Präsidentin Rodriguez Pläne zur Einführung eines neuen, flächendeckenden öffentlichen Gesundheitssystems an. Hoffentlich können die durch die Lockerung der Blockaden erzielten höheren Erdöleinnahmen dazu beitragen, dies auch in die Tat umzusetzen.
Caracas leidet nach wie vor unter einem Mangel an Ersatzteilen für die Wasserversorgung, der durch die US-Blockade verursacht wird. Eines Tages hatten wir in unserer Wohnung 24 Stunden lang kein Wasser, sodass wir gezwungen waren, uns mit Wasser aus unseren Vorräten und Eimern zu duschen. Ein Ende der Blockaden würde dieses Problem schnell lösen. Als Hugo Chávez 1999 sein Amt antrat, importierte Venezuela 80 Prozent seiner Lebensmittel. In den letzten 26 Jahren hat das Land seine Ernährungssouveränität ausgebaut, sodass im Jahr 2025 ein Rekordanteil von 94 Prozent der Lebensmittel im Land selbst produziert wurde. Der Mindestlohn, einschließlich des von der Maduro-Regierung eingeführten obligatorischen Mindestzulagensystems, liegt bei etwa US$ 160 pro Monat, verglichen mit rund US$ 300 im benachbarten Brasilien. Das ist eine Schwachstelle des Systems, über die sich viele Leute beschwerten; hoffentlich wird sich dies mit dem Wirtschaftswachstum bessern. Angesichts von 19 Quartalen in Folge mit positivem BIP-Wachstum scheint nun der richtige Zeitpunkt für eine Neugestaltung der Mindestlohnpolitik gekommen zu sein. Als Lula 2003 sein Amt antrat, lag der Mindestlohn in Brasilien unter US$ 50, und seine acht aufeinanderfolgenden Mindestlohnerhöhungen, die über der Inflationsrate lagen, werden heute als wichtigster Faktor für den Rückgang der Armut angesehen. Dies ist ein gutes Beispiel für die Regierung Rodriguez.
Am 2. Februar, als wir in der Küche der Journalistenwohnung saßen und uns wie jeden Abend über Essen und Politik unterhielten, fragte ich meinen Kollegen, was der Sinn der Demonstrationen gegen Maduro sei. Glaubte man tatsächlich, dass Straßenproteste die Entscheidung der USA beeinflussen würden, ihre erfundenen Anschuldigungen gegen Nicolás Maduro und der First Lady Cilia Gomes fallen zu lassen, deren einziges „Verbrechen“ offenbar darin bestand, neben Präsident Maduro gestanden zu haben, als die Entführer auftauchten?
Mein Mitbewohner und Kollege bei TeleSUR, Osvaldo Zayas, meinte dazu: „Ein CIA-Team ist gerade in Caracas eingetroffen, und sie werden sicherlich versuchen, Proteste im Stil der Gen-Z-Revolution anzuzetteln.“ Der Zweck der morgigen Demonstration bestehe darin, dass die organisierte Linke Stärke zeigt, um ihnen zu signalisieren, dass es nicht so einfach werden wird, wie sie glauben. „Wenn es ein Reinfall wird, werden sie schnell weitermachen.“
Am 3. Februar zogen Zehntausende Menschen durch die Innenstadt von Caracas – es war die bislang größte Demonstration zur Befreiung Maduros. Zwar gab es keine offizielle Schätzung der Teilnehmerzahl, doch auf dem Höhepunkt der Veranstaltung sah ich eine dichte, voranschreitende Menschenmenge, die vier Stadtblöcke einer vierspurigen Straße vollständig ausfüllte. Einer der Demonstranten, Miladros Rinconez, sagte mir: „Wir fordern die Freilassung von Cilia und Nicolás. Vor genau einem Monat drang die US-Regierung, vertreten durch den Pädophilen Trump, in venezolanisches Hoheitsgebiet ein und tötete dabei über hundert Landsleute. Wir sind mobilisiert, und wir werden nicht von den Straßen weichen, bis sie uns unser Präsidentenpaar zurückgeben. Und wir bekräftigen unsere Unterstützung für die amtierende Präsidentin Delcy Rodríguez Gómez.“
Am nächsten Tag fuhren wir zwei Stunden lang von den Bergen in die Stadt Maracay im Bundesstaat Aragua hinunter, um an einer Kundgebung zum 34. Jahrestag des Aufstands der „Bolivarischen Revolutionären Bewegung 200“ teilzunehmen, den Hugo Chávez gegen die vom IWF auferlegten Sparmaßnahmen angeführt hatte. Maracay war die Stadt, in der der Aufstand seinen Anfang nahm, und obwohl er schließlich niedergeschlagen wurde, kam OberstleutnantChávez fünf Jahre später aus dem Gefängnis frei und wurde 1999 zum Präsidenten gewählt.
Wir hatten erwartet, dass dies eine Machtdemonstration der „Maschine“ werden würde – so der Spitzname für das politische Netzwerk der Arbeiterklasse, das sich aus Kommunen, Regierungsangestellten, Genossenschaften, Bürgermilizen, Gewerkschaftsmitgliedern und lokalen Parteifunktionär*innen zusammensetzt und die Basis der regierenden PSUV bildet –, und die Beteiligung fiel tatsächlich höher aus als erwartet. Die Menschenmenge war gut doppelt so groß, vielleicht sogar drei- oder viermal so groß wie bei der Demonstration am 3. Februar in Caracas – und das in einer Stadt, deren Einwohnerzahl weniger als ein Drittel derjenigen von Caracas beträgt.
Nachdem wir zwei Stunden lang durch die strömende Menschenmenge hin und her geeilt waren, erreichten mein Kameramann und ich das Ende des Protestmarsches, nur um festzustellen, dass wir vor dem ersten Lautsprecherwagen lediglich einen kleinen Teil davon gefilmt hatten. Noch eine Stunde lang strömten Zehntausende Menschen jeden Alters herbei. Dieser Marsch war weit stärker bevölkert als die größte Wahlkampfkundgebung, über die ich während der Wahlen 2022 in Brasilien berichtet habe, nämlich die riesige Lula-Kundgebung am letzten Tag vor der Wahl auf den Straßen Rua Paulista und Rua Augusta in São Paulo. Wir kehrten um und trafen unseren Kollegen Osvaldo, der gerade ein Interview mit Diosdado Cabello führte. Dieser Mann hatte 1992 als Hauptmann der Armee an der Rebellion teilgenommen und ist derzeit Venezuelas Minister für Inneres, Justiz und Frieden.
„Heute ist ein sehr wichtiger Tag“, sagte er, „man sieht die vielen Menschen hier auf den Straßen. Die Menschen erinnern sich an Chávez; er ist ihr Vorbild. Es war seine Führungsstärke, und es ist sein Vermächtnis, aber vor allem ist es seine Revolution. Das ist Chávez’ Revolution. Und wir werden jedes Jahr am 4. Februar zusammenkommen, um unseres Kommandanten zu gedenken und die Welt daran zu erinnern, warum sich diese Menschen erhoben haben.“
Ein Punkt, der mir bei den Demonstrationen in Venezuela im Vergleich zu denen in Brasilien besonders auffällt, ist, dass die Menschen disziplinierter sind. Protestmärsche werden in Brasilien in der Regel von Dutzenden von Bierverkäufer*innen und Trommeltruppen begleitet und können eine karnevalsähnliche Atmosphäre vermitteln. Bei Demonstrationen in Venezuela habe ich einen solchen Alkoholkonsum nicht beobachtet. Ein Grund dafür ist natürlich, dass das Trinken in der Öffentlichkeit an manchen Orten verboten ist, aber selbst die Bars entlang der Strecke wirkten nicht besonders gut besucht. In Maracay waren nicht nur die verschiedenen sozialen Bewegungen und Organisationen, die mit der „Maschinerie“ in Verbindung stehen, auf den Straßen zu sehen, sondern ganze Familien. Tausende von Student*innen nahmen teil, und überall waren Schilder und Transparente zu sehen, auf denen Freiheit für Nicolás Maduro und Cilia Flores gefordert wurde.
Als spanische Truppen am 12. Februar 1814 die Stadt Caracas angriffen, schlossen sich Tausende von Studenten dem Kampf an. Nach einem Tag voller Kämpfe flohen die Royalisten in die Berge. Es war ein entscheidender Sieg im Unabhängigkeitskrieg, und zum Gedenken an die kämpfenden Studenten ist dieser Tag nun ein Feiertag, der als Nationaler Tag der Jugend bekannt ist. Am 12. Februar 2026 würden sich Schüler*innen und Studierende auf der Plaza Venezuela versammeln, um sechs Kilometer durch die Innenstadt von Caracas zu marschieren.
Da einige Analyst*innen die These vertreten, dass die lateinamerikanische Arbeiterklasse und die organisierten linken Bewegungen überaltert seien und nur noch Menschen über fünfzig die sozialistische Sache unterstützten, wäre dies ein guter Test. Ich war angenehm überrascht, Zehntausende junger Menschen auf den Straßen zu sehen, die Freiheit für Nicolás Maduro und Cilia Flores forderten.
Natasha Coronado, eine Jugendliche aus dem Ortsverband Miranda des venezolanischen Schülerverbands, sagte mir: „Heute führen wir unseren größten Kampf nicht mit dem Gewehr – er findet in den Büchern statt, im historischen Bewusstsein unserer Jugend und in der Verteidigung unseres Friedens. Deshalb marschieren wir Studierenden heute voller Freude, aber gleichzeitig marschieren wir, um die unverzügliche Rückkehr unseres verfassungsmäßigen Präsidenten, unseres Siegesbringers Nicolás Maduro und unserer ersten Kämpferin Cilia Flores zu fordern. Heute steht die Jugend hinter ihnen, und wir marschieren auch im Geiste von José Félix Ribas und Robert Serra. Mögen die Student*innen voranschreiten, mögen die Schülerorganisationen voranschreiten und möge der venezolanischen Schülerverband voranschreiten!“
Die internationalen Medien hatten den ganzen Monat über vom Außenministerium verfasste Falschinformationen verbreitet. In den ersten Wochen nach dem Raketenangriff wurde die Vorsicht bei der Visavergabe an Journalist*innen internationaler Medienorganisationen, die die Blockade unterstützten, ständig beschönigende Artikel über die rechtsgerichtete Multimillionärin Maria Corina Machado veröffentlichten und Nicolas Maduro als „Diktator“ bezeichneten, als „autoritäre Unterdrückung von Journalisten“ umgedeutet. Die Meldung, Venezuela habe einen Öltanker nach Israel geschickt, wurde von der Regierung umgehend widerlegt, doch nur wenige Medien veröffentlichten die Richtigstellung. Am 12. Februar stellten die internationalen Medien den Studentenmarsch als ausgewogen dar und unterstellten, dass eine Protestkundgebung der Opposition – die zweite, die ich seit meiner Ankunft in Caracas gesehen hatte – ebenso groß gewesen sei, obwohl Foto- und Videomaterial belegte, dass dort nur wenige hundert Menschen teilgenommen hatten.
Meine Beobachtungen dieser und anderer „Free Maduro“-Proteste, die ich während meines einmonatigen Aufenthalts in Venezuela miterlebt habe, lassen mich zu dem Schluss kommen, dass die Unterstützung für den bolivarischen Wandel zum Sozialismus an der Basis nach wie vor stark ist. Die Entscheidung der Trump-Regierung, den Machtanspruch der PSUV im Land nicht anzufechten, sondern lediglich den Sieg für sich zu verbuchen und zum nächsten Medienspektakel überzugehen, ist zumindest teilweise darauf zurückzuführen, dass ein Regimewechsel – wie im Iran – aufgrund der starken Unterstützung der Regierung durch die Basis unerreichbar scheint. Zwar spiegeln große Straßenproteste sicherlich nicht die Meinung der gesamten Bevölkerung wider, doch im Falle Venezuelas scheinen sie im Februar groß genug gewesen zu sein, um jegliche Versuche zu vereiteln oder zumindest hinauszuschieben, eine durch soziale Medien angeheizte „Rebellion der Generation Z“ auszulösen, wie sie kürzlich in Mexiko gescheitert ist.
Dies könnte sich ändern, je nachdem, wie sich das Verhältnis zwischen der amtierenden Präsidentin Delcy Rodríguez und der US-Regierung entwickelt. Im letzten Monat musste ich mit Enttäuschung feststellen, dass einige Analyst*innen aus dem linken Lager die von staatlichen Medien wie der New York Times und der BBC verbreitete Darstellung wiederholten, wonach die amtierende Präsidentin Rodriguez vollständig von der US-Regierung vereinnahmt worden sei, wobei einige so tun, als handle es sich um ihre eigene Analyse. Diese vereinfachte, für die sozialen Medien taugliche Darstellung lässt viele Nuancen außer Acht, darunter auch den Widerstand der bolivarischen Regierung bei dem, was als Forderungen der USA erscheint.
Ich habe über die vorläufige Verabschiedung, zwei Volksbefragungen und die endgültige Verabschiedung des Gesetzes zur Teilreform des Kohlenwasserstoffsektors in Venezuela berichtet. Auch wenn es dabei fragwürdige Aspekte gibt, scheint dies eine Fortsetzung von Nicolás Maduros Anti-Blockadegesetz aus dem Jahr 2020 zu sein, mit dem Teile der Wirtschaft teilweise liberalisiert wurden – was Steve Ellner im Sinne Lenins als „defensive wirtschaftliche Maßnahmen“ bezeichnete –, sowie eine Ausweitung der langjährigen Beziehungen der Regierung zu Chevron. Die neuen Reformen sehen vor, dass die staatliche Erdölgesellschaft PDVSA zu 100 Prozent in staatlichem Besitz bleibt, ermöglichen jedoch öffentlich-private Partnerschaften in Form von 30-jährigen Pachtverträgen für Ölfelder, die bei Vertragsbruch jederzeit gekündigt werden können. Dies ähnelt den Pachtverträgen, die während der Amtszeit von Dilma Rousseff in eingeschränkter Form für Brasiliens Pre-Salt-Reserven ratifiziert und nach dem Staatsstreich von 2016 ausgeweitet wurden. Ähnlich wie Rousseff hat die amtierende Präsidentin Rodriguez die Einrichtung von Fonds angekündigt, die gewährleisten sollen, dass die Lizenzgebühren ausschließlich zur Finanzierung von Infrastruktur-, Gesundheits- und Bildungsprojekten verwendet werden. Ein wesentlicher Unterschied besteht darin, dass gemäß den brasilianischen Verträgen 15 Prozent der Lizenzgebühren an den Staat abgeführt werden, während das venezolanische Gesetz 30 Prozent vorsieht, davon 15 Prozent als Steuern und 15 Prozent als Lizenzgebühren, wobei Ausnahmeregelungen den Gesamtbetrag auf 25 Prozent reduzieren könnten. Nach einem unrechtmäßigen Staatsstreich übernahm Präsident Michel Temer die Macht in Brasilien; im Rahmen eines Abkommens, das die Regierung und BP im letzten Jahr der Amtszeit von Jair Bolsonaro geschlossen hatten, wurden Ausnahmeregelungen eingeführt, durch die die Lizenzgebühren auf 5,9 Prozent gesenkt wurden. Das größte Warnsignal bei den neuen Reformen im Erdölsektor ist, dass die US-Regierung fordert, die Lizenzgebühren in einem Fonds in Katar unter der Aufsicht der US-Regierung zu verwahren. Dies weckt die Befürchtung, dass die USA dieses Geld stehlen werden, so wie sie es mit der venezolanischen Tankstellenkette CITGO in den USA getan haben. Die Zeit wird jedoch zeigen, wie sich das entwickelt. Die USA fordern, dass diese Partnerschaften ausschließlich für US-amerikanische Unternehmen gelten sollen; doch in ihrer erfrischend kurzen Rede vor Tausenden von Beschäftigten der Erdölbranche am Abend, als das Gesetz die erste parlamentarische Hürde nahm, kündigte die amtierende Präsidentin Rodriguez an, dass man plane, auch mit Unternehmen aus Asien und Europa zusammenzuarbeiten, und erklärte, man stehe kurz vor dem Abschluss eines Erdgasvertrags mit einem Unternehmen aus Indonesien. In ihrer Rede erklärte Rodriguez zudem, dass sie bereits seit Monaten, lange vor seiner Entführung, mit Präsident Maduro an der Reform des Kohlenwasserstoffgesetzes gearbeitet habe und stellte diese als Erweiterung des Anti-Blockadegesetzes von 2020 dar.
Ähnlicher Widerstand macht sich im Amnestiegesetz bemerkbar, das die Freilassung Tausender politischer Gefangener aus der Haft und aus der Untersuchungshaft ermöglicht, in Artikel 8 jedoch ausdrücklich zahlreiche Ausnahmen aufführt, die bestimmte Straftaten ausnehmen, darunter Mord, Menschenrechtsverletzungen und die öffentliche Unterstützung der mörderischen Blockade und der US-Invasion in Venezuela. Nach dem neuen Gesetz kämen weder Edmundo Gonzalez noch Maria Corina Machado, die lächerlichste Friedensnobelpreisträgerin seit Henry Kissinger, für eine Amnestie in Frage. Die amtierende Präsidentin Rodriguez machte dies in ihrem Interview mit NBC am 12. Februar deutlich, als sie auf die Frage nach Maria Corina Machado antwortete: „Was ihre Rückkehr ins Land angeht, so wird sie sich vor Venezuela verantworten müssen. Warum sie zu einer militärischen Intervention aufrief, warum sie Sanktionen gegen Venezuela forderte und warum sie die Maßnahmen begrüßte, die Anfang Januar ergriffen wurden.“
Im Interview stellte sie zudem klar, dass sie sich nicht als Präsidentin Venezuelas betrachtet. „Ich versichere Ihnen, dass Präsident Nicolás Maduro der rechtmäßige Präsident ist“, betonte sie. „Ich sage Ihnen das als Anwältin, denn das bin ich. Sowohl Präsident Maduro als auch Cilia Flores, die First Lady, sind unschuldig.“
Am Morgen der Entführung verbreitete sich sofort eine vom Außenministerium unterstützte Darstellung, wonach jemand aus den höchsten Kreisen der venezolanischen Regierung Nicolás Maduro verraten habe. „Warum war das so einfach? Warum hat sich niemand gewehrt?“ In den sozialen Medien verbreitete sich die Geschichte wie ein Lauffeuer, wobei Pepe Escobar erneut eine seiner typischen fantastischen Behauptungen aufstellte, wonach ein (nicht existierendes) russisches Bataillon zum Ort des Geschehens geeilt sei, nur um von einer Gruppe venezolanischer Leibwächter zurückgedrängt zu werden. Diese Theorie wurde sofort widerlegt, als bekannt wurde, dass bei der Entführung 32 kubanische und Dutzende venezolanische Staatsangehörige getötet worden waren. Warum hat das viel gepriesene russische Luftabwehrsystem nicht funktioniert? Eine Möglichkeit ist, dass die USA und Frankreich nicht die einzigen Länder sind, die veraltete Militärausrüstung an ihre Verbündeten weiterverkaufen. Es sind jedoch Berichte aufgetaucht, wonach die USA wenige Minuten vor dem Angriff die Telefon-, Funk- und Internetkommunikationssysteme gestört haben sollen. Trump hat damit geprahlt, bei dem Angriff eine Geheimwaffe eingesetzt zu haben, und Augenzeugenberichte deuten darauf hin, dass in den Kampfhubschraubern künstliche Intelligenz zum Einsatz kam, als diese illegal in das Hoheitsgebiet Venezuelas eindrangen. Der TeleSUR-Korrespondent Osvaldo Zayas verbrachte die zweite Februarhälfte damit, Freunde und Familienangehörige der Opfer des US-Angriffs zu interviewen. Er erzählte mir, dass eines der Opfer, ein 19-jähriger venezolanischer Soldat, nur wenige Sekunden, nachdem er seinen ersten Schuss auf einen US-Hubschrauber abgefeuert hatte, von einer Rakete getroffen wurde. „Seine Freunde sagten mir, es habe wie eine automatische Reaktion gewirkt, die den Ursprungsort der Schüsse sofort lokalisierte. Sein Körper war verkohlt, die Arme lagen noch immer in Schusshaltung.“
Bislang gibt es keine Anzeichen für einen Verrat in den höchsten Kreisen der venezolanischen Regierung, und das Verhalten der venezolanischen Führung lässt darauf schließen, dass sie geeint ist. Zu diesen führenden Persönlichkeiten zählen der Kongressabgeordnete Nicolás Maduro Guerra, der Sohn des entführten Präsidenten, der regelmäßig gemeinsam mit Delcy Rodríguez, dem Präsidenten des Nationalkongresses Jorge Rodríguez und Diosdado Cabello in der Öffentlichkeit auftritt. Das Bündnis zwischen Maduro Guerra, der amtierenden Präsidentin und der bolivarischen Regierung lässt sich als Beweis gegen die These vom „Verrat“ werten.
Abschließend möchte ich betonen, dass ich kein Venezuela-Experte bin. Ich bin nur ein Journalist, der in den letzten fünf Jahren einige Monate in Venezuela verbracht hat. Dieser Bericht basiert auf meinen Beobachtungen zur venezolanischen Politik im Zeitraum vom 23. Januar bis zum 22. Februar 2026. Für eine stärker gegenhegemoniale Analyse der Geschehnisse in Venezuela empfehle ich, den Aussagen von Personen, die sich als „Ex-Chavisten“ einen Namen gemacht haben, nicht allzu viel Glauben zu schenken und stattdessen die Informationen mit denen von in Venezuela ansässigen Nachrichten- und Analyseportalen wie TeleSUR, Mission Verdad und Venezuela Analysis abzugleichen. Auch wenn mir die Anzeichen einer Gegenwehr Hoffnung für die Zukunft der bolivarischen Regierung geben, ist doch klar, dass die imperialistischen Vereinigten Staaten tief in die Souveränität des venezolanischen Volkes eingegriffen haben. Wie Camila Escalante von Kawsachun News mir erzählte: „Venezuela wird mit vorgehaltener Waffe ausgeraubt, während es versucht, eine Geiselnahme zu verhandeln.“ Als ich Venezuela am 22. Februar verließ, fiel mir auf, dass die Fahndungsplakate für Edmundo Gonzalez immer noch am Flughafen von Caracas hingen.
