In ganz Lateinamerika sehen sich progressive Kräfte einem gezielten Angriff seitens der USA und ihrer Kollaborateure ausgesetzt. Dabei werden unterschiedliche Mittel angewendet: Bombenangriffe und Entführung in Venezuela; Blockade und Invasionsdrohungen in Kuba; und anderswo Wahlbeeinflussung, wirtschaftlicher Druck sowie die Förderung einer reaktionären Internationale aus rechtsgerichteten Politiker*innen, die sich Donald Trump zum Vorbild nehmen – und dessen Rekolonialisierung des Kontinents begrüßen.
Vom Observatorium der Progressiven Internationale aus erkennen wir die groben Umrisse dieser Donroe-Doktrin, während sie durch die demokratischen Prozesse der Region pflügt.
In Argentinien hat Javier Milei das umfassendste Strukturanpassungsprogramm in der Geschichte des Landes eingeführt – über 2.000 Unternehmen mussten schließen, 73.000 Arbeitsplätze gingen verloren, und die Reallöhne wurden so stark verstümmelt, dass die Verbrauchernachfrage völlig versiegt ist. Argentinien hat mittlerweile Verbindlichkeiten in Höhe von über US$ 40 Milliarden gegenüber dem IWF, was eine Umstrukturierung des Rentensystems, eine radikalen Flexibilisierung des Arbeitsmarktes und den Abbau von Arbeitnehmerrechten nach sich zieht.
Unterdessen bereiten ein Abkommen über kritische Mineralien mit Washington, die Aushöhlung des Gletscherschutzes und Bergbaukonzessionen im Wert von US$ 33 Milliarden unter Mileis RIGI-Regime das Land auf die Ausbeutung des Lithium-, Kupfer- und Seltenerdvorkommen durch Rio Tinto, BHP, Glencore und Barrick vor. Mileis Ziel sieht vor, Argentinien für die Plünderung bereitzustellen. Trump hat sein Programm offen unterstützt und direkt eingegriffen, um seinem Verbündeten bei wichtigen Parlamentswahlen zu helfen, wobei er anbot, ein Rettungspaket nur dann zu ermöglichen, wenn Mileis Koalition gewinnen würde.
Oder wir können uns Honduras ansehen. Dort sprach sich Trump offen für den rechtsgerichteten und letztendlich siegreichen Präsidentschaftskandidaten Nasry Asfura aus – und begnadigte Juan Orlando Hernández, den ehemaligen honduranischen Präsidenten und verurteilten Drogenhändler. Marlon Ochoa, Mitglied des Nationalen Wahlrats und derjenige, der Unregelmäßigkeiten bei den Präsidentschaftswahlen 2025 publik gemacht hatte, war wurde politisch verfolgt und sah sich gezwungen, im Ausland politisches Asyl zu beantragen.
Im Jahr 2025 siegte die Rechte neben Honduras auch in Bolivien und Chile. José Antonio Kast von der Republikanischen Partei gewann mit 58 Prozent der Stimmen gegen die Kandidatin der Kommunistischen Partei, Jeannette Jara – es ist das erste Mal seit Chiles Rückkehr zur Demokratie im Jahr 1990, dass eine derart konservative Regierung die Macht übernommen hat.
In Ecuador wurde Daniel Noboa mit einem pro-amerikanischen Wahlprogramm wiedergewählt – dennoch gelang es ihm nicht, die Zustimmung der Bevölkerung für einen US-Militärstützpunkt im Land zu gewinnen. Dieser wurde von den Stimmberechtigten in einem landesweiten Referendum abgelehnt. Noboa hat seitdem dennoch weitergemacht und die Sicherheitszusammenarbeit mit Washington über bilaterale Kanäle vertieft, und zwar außerhalb der Rahmenbedingungen, die seine eigene Wählerschaft abgelehnt hatte.
Gleichzeitig erlebt Ecuador derzeit eine beschleunigte Instrumentalisierung der Gerichte gegen die einflussreichste progressive Kraft des Landes – eine gezielte Kampagne, um die politische Opposition mithilfe der Justiz auszuschalten. Andrés Arauz, Ratsmitglied der Progressiven Internationale und ehemaliger ecuadorianischer Präsidentschaftskandidat der linken Partei „Revolución Ciudadana“, wurde im Mai 2025 von Generalstaatsanwältin Diana Salazar Méndez im sogenannten „Caso Ligados“ offiziell wegen „illegaler Vereinigung“ angeklagt – mit dem Ziel, die „politische Koordination“ – das eigentliche Lebenselixier jedes demokratischen Prozesses – als „kriminelle Verschwörung“ zu brandmarken.
Es handelt sich um einen Kampf um die Ressourcen Lateinamerikas, um das Territorium und vor allem um die Macht, über seine Zukunft zu entscheiden.
Am 16. April 2026 – dem 65. Jahrestag der Erklärung Fidel Castros zum sozialistischen Charakter der kubanischen Revolution, die er am Vorabend der gescheiterten Invasion in der Schweinebucht abgegeben hatte – warnte Präsident Miguel Díaz-Canel, dass Kuba vor dem gefährlichsten Moment seiner Geschichte stehe. „Kuba ist kein gescheiterter Staat“, sagte er. „Kuba ist ein belagerter Staat.“
Die Vereinigten Staaten haben mittels Verordnung und einer öffentlichen Erklärung bestätigt, dass ein Regimewechsel in Kuba zu den offiziellen Zielen für das Jahr 2026 gehört. Trump hat erklärt, er rechne damit, die „Ehre zu haben, Kuba einzunehmen“.
Seit der Entführung des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro am 3. Januar 2026 hat Washington eine Ölblockade gegen Kuba verhängt – die umfassendste seit der Kubakrise. Mitarbeitende des Pentagon haben seitdem die Notfallplanung für Militäroperationen gegen die Insel vorangetrieben.
Vor dem unter russischer Flagge fahrenden Tanker „Anatoly Kolodkin“, der am 31. März die Blockade durchbrach und im Hafen von Matanzas anlegte, war seit drei Monaten kein ausländisches Erdöl mehr auf der Insel eingetroffen. Stromausfälle waren zur Routine geworden. Krankenhäuser haben Mühe, ihre Geräte am Laufen zu halten. Die Ernte bleibt wegen Dieselknappheit auf den Feldern liegen. Der UN-Generalsekretär hat gewarnt, dass sich die humanitäre Lage „verschlechtern oder sogar zusammenbrechen“ werde, wenn Kubas nicht wieder mit Erdöl versorgt werde.
Eine neue Studie, die diese Woche vom „Transition Security Project“ veröffentlicht wurde – einer Initiative, die vom Mitglied der Progressiven Internationale Common Wealth lanciert wurde –, zeigt einen strukturellen Ausweg aus der Energiekrise auf: ein fast vollständig auf erneuerbaren Energien basierendes Stromnetz innerhalb eines Jahrzehnts, welches zu tragbaren Kosten finanziert wird. Mit der Überwindung seiner Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen, würde Kuba auch die Möglichkeit der USA zunichte machen, Energieknappheit als Waffe gegen das Land einzusetzen.
Die Einsätze im aktuellen Kampf um Souveränität in Lateinamerika werden somit immer höher – doch wie der Vorschlag des „Transition Security Project“ zeigt, gibt es Möglichkeiten, diesen Kampf als Chance für eine nachhaltige Transformation in der Region zu sehen.
Bei den Präsidentschaftswahlen am 31. Mai 2026 in Kolumbien wird sich entscheiden, ob die erste linke Regierung des Landes über ihre erste Amtszeit hinaus bestehen kann. Iván Cepeda – Menschenrechtsaktivist und Sohn des ermordeten kommunistischen Führers Manuel Cepeda Vargas – liegt als Kandidat des „Historischen Pakts“ in den Umfragen vorn; seine Mitstreiterin ist die indigene Führerin Aida Quilcué.
In Brasilien hat Lula da Silva bestätigt, dass er im Oktober für eine vierte Amtszeit kandidieren wird, wobei er alle rechten Konkurrenten hinter sich lässt, während Bolsonaro wegen seiner Mitwirkung bei einem Putschversuch eine 27-jährige Haftstrafe verbüßt.
In Peru hat sich der linke Kongressabgeordnete Roberto Sánchez entgegen allen Prognosen für die Stichwahl am 7. Juni gegen Keiko Fujimori qualifiziert – seine Unterstützung stammt überwiegend aus den ärmsten Gemeinden Perus.
Der Kampf für Demokratie beschränkt sich aber nicht nur auf Wahlen.
Am 8. März war die Friedensbrigade der Progressiven Internationale vor Ort in Venezuela, um die sechste Nationale Volksbefragung des Landes zu verfolgen – ein Akt der direkten Demokratie, bei dem über 36.000 von Gemeinderäten vorgeschlagene Entwicklungsprojekte in 10.000 Wahlbezirken zur Abstimmung gestellt wurden. Jede Kommune stimmte über eine Reihe von Vorschlägen ab, wobei das siegreiche Projekt öffentliche Mittel erhielt (mehr über den Ablauf erfährst du im Bericht unserer Friedensbrigade).
Was sich im Jahr 2026 in ganz Lateinamerika abspielt, ist eine Konfrontation zwischen zwei Systemen. Das erste ist die Architektur des Imperiums: eine neu belebte Monroe-Doktrin und ihr Ziel, den gesamten amerikanischen Kontinent zu kontrollieren. Das zweite ist die Architektur der Souveränität, der Integration und des Friedens – das unvollendete Projekt von Bolívar, Martí, Chávez und der Tradition von „Nuestra América“: eine Vision, in der die Völker Amerikas das Recht haben, sich selbst zu regieren, über ihre Ressourcen selbst zu bestimmen und ihre Zukunft jenseits des Imperialismus zu gestalten.
In dieser Konfrontation ist die Verteidigung der Demokratie untrennbar mit dem Kampf gegen die Vorherrschaft verbunden. Über unser Observatorium wird die Progressive Internationale jene demokratischen Prozesse – von Wahlen bis hin zu Kommunen –, die die Volkssouveränität gegenüber dem Imperium geltend machen, begleiten, verteidigen und dokumentieren.
Panafrikanischer Gipfel gegen den Imperialismus
Frankreich bereitet sich darauf vor, seinen Einfluss in Afrika auszuweiten. Um diese imperialistische Agenda an den Pranger zu stellen, beruft die „Communist Party Marxists – Kenya“, ein Mitglied der Progressiven Internationale, einen großen panafrikanischen Gipfel in Nairobi ein. Hier erfährst du mehr über die Initiative und wie du sie unterstützen kannst.
Wir stehen zu Kali Akuno
Kali Akuno – ein langjähriger Bewegungsführer und Ratsmitglied der Progressiven Internationale – befindet sich in einer schweren gesundheitlichen Krise, was zu einem internationalen Aufruf zur Solidarität geführt hat. Als Mitbegründer von „Cooperation Jackson“ hat Akuno maßgeblich dazu beigetragen, Modelle für Arbeitnehmermitbestimmung, genossenschaftliches Eigentum und demokratische Kontrolle im Süden der USA zu entwickeln. Unterstützer*innen auf der ganzen Welt setzen sich dafür ein, seine Genesung zu fördern und die Fortsetzung dieser wichtigen Arbeit sicherzustellen.
Wer profitiert vom Waffenhandel?
Für Al Jazeera English beleuchten Varsha Gandikota-Nellutla, Co-Generalkoordinatorin der Progressiven Internationale, und der Journalist Jeremy Scahill die Privatisierung der Kriegsführung und die Frage, wer vom Waffenhandel profitiert. Die erste Folge der Serie „Reframe“ kannst du dir hier ansehen.
Playa Girón
Vor 65 Jahren, am 17. April 1961, versuchten die USA, die kubanische Revolution in Playa Girón – oder Schweinebucht – zu stürzen.
Mit Unterstützung der Kennedy-Regierung landete eine aus 1.500 kubanischen Exilanten bestehende Stellvertretertruppe – die sogenannte Brigade 2506 –, die von der CIA bewaffnet, ausgerüstet und ausgebildet worden war, an der Südküste der Insel.
Innerhalb von 72 Stunden schlug das kubanische Volk die Invasionsstreitkräfte zurück, versetzte dem Imperialismus einen schweren Schlag und festigte seine sozialistische Revolution. Mehr dazu findest du hier.
Dr. B. R. Ambedkar
Dr. Bhimrao Ramji „Babasaheb“ Ambedkar, Bürgerrechtler, Ökonom, Gewerkschaftsführer und Verfassungsrechtler, kam am 14. April 1891 auf die Welt. Hier kannst du mehr über ihn erfahren.
Besucher*innen der venezolanischen Hauptstadt Caracas werden von Solidaritätswandgemälden begrüßt, die wichtige Persönlichkeiten des langjährigen Kampfes gegen den Kolonialismus und Imperialismus zeigen – von Simón Bolívar über die Soldaten von Stalingrad bis hin zu den Märtyrern im Iran, im Libanon und in Palästina.
