In Chile gewinnt die migrationsfeindliche Rhetorik dank Versprechen von Ordnung und Sicherheit an Boden und verschleiert damit die Realität, dass verschiedene Wirtschaftssektoren – insbesondere der Agrarexport – strukturell von der prekären Arbeitskraft Tausender Migrant*innen, vor allem von Frauen, abhängig sind. Deren Körper werden zu frei verfügbaren Rädchen in einem System gemacht, das seine makroökonomischen Zahlen feiert, während es für einen beträchtlichen Prozentsatz seiner Einwohner*innen extrem schlechte Lebensbedingungen schafft.
Die Bedingungen informeller Beschäftigung und die Gewalt, denen diese Arbeitskräfte ausgesetzt sind, spiegeln ein systematisches Muster von Rechtsverletzungen wider, das durch eine Sündenbock-Logik aufrechterhalten wird, welche Migrant*innen für strukturelle Krisen verantwortlich macht. Damit werden Diskussionen gekappt, die es ermöglichen würden, die den derzeit im Land herrschenden Krisen zugrunde liegenden Bedingungen zu hinterfragen.
Dieser kritische Analyseartikel zeigt und erörtert einige der wichtigsten Ergebnisse einer in der Region O’Higgins in Chile durchgeführten Studie, deren ursprüngliches Ziel die Dokumentierung der Arbeitsbedingungen von Arbeitsmigrant*innen im Agrarsektor, insbesondere in der Obstexportindustrie, war.
Die Studie deckt die systematische Prekarität der Arbeit von Migrant*innen sowie die begrenzten Kenntnisse der Zivilgesellschaft in Bezug auf die Arbeitsbedingungen in diesem Sektor auf. Der vorliegende Artikel schlägt eine kritische Analyse aus menschenrechtlicher, geschlechtsspezifischer und interkultureller Perspektive vor und untersucht dabei die wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Strukturen, die die Prekarität der Arbeit von Migrant*innen möglich machen, sowie die Narrative, die die Ausgrenzung und das Schweigen derjenigen legitimieren, die aus erzwungenen subalternen Positionen heraus das chilenische Agroexportmodell stützen.
Als Kontext muss dabei berücksichtigt werden, dass die ländlichen Gegenden Chiles schon immer ein Ort der Wertabschöpfung und der Reproduktion von Ungleichheiten war. Insbesondere in den letzten Jahrzehnten hat das Agrarexportmodell diese Logik vertieft, indem es auf Zeitarbeitskräfte und Wanderarbeiter*innen setzt, die Irregularität instrumentalisiert und eine noch prekärere Arbeitsstruktur ermöglicht, ohne dass auch nur die Mindestgarantien der Arbeitsrechte gewährleistet werden.
Die Erkenntnis, dass die Arbeitsbedingungen in diesem Sektor – trotz seiner zentralen Bedeutung für den Wohlstand der nationalen Wirtschaft – in der öffentlichen Debatte unsichtbar bleiben und im Bereich der staatlichen Politik noch stärker vernachlässigt werden, ist besonders grausam.
Die Ergebnisse dieser Untersuchung sind eindeutig und offenbaren eine Realität, die nicht ignoriert werden darf. Die Arbeit von Wanderarbeiter*innen in der chilenischen Landwirtschaft findet unter Bedingungen struktureller Prekarität statt, die eine vorsätzliche Verletzung jeglicher Rechte darstellen.
Das Bild ist düster: Es geht vom Fehlen formeller Verträge in Zeiten hoher Nachfrage über die Nichtbezahlung von Überstunden und die Ersetzung von Arbeitsstunden durch unregelmäßige Lohnabrechnungen bis hin zur Überbelegung von Unterkünften, die dem Mindeststandard für Bewohnbarkeit keineswegs gerecht werden – es gibt keine ausgewiesenen Räume zum Essen, Ausruhen oder zur Aufbewahrung von Habseligkeiten.
Hinzu kommen die mangelnde Aufsicht durch Arbeitsbehörden, Diskriminierung und Gewalt gegen Migrantinnen sowie die anhaltende Aussetzung gegenüber Pestiziden ohne jegliche Mindestschutzmaßnahmen.
Diese Praktiken sind keineswegs vereinzelte Ausnahmen, sondern spiegeln ein weit verbreitetes Muster innerhalb des chilenischen Agrarproduktionsmodells wider, dessen ausbeuterische Logik auf fast strukturelle Weise durch die rechtliche und soziale Verletzlichkeit der Migrantenbevölkerung aufrechterhalten wird. Eine tiefgreifende Kritik am System und konkrete Maßnahmen zur Gewährleistung von Würde und Gerechtigkeit auf dem chilenischen Land sind daher dringend erforderlich.
Dieses Phänomen wiederholt sich in verschiedenen Ländern und Kontinenten und ist eng mit dem Aufstieg rechtsextremer politischer Bewegungen und deren Einsatz von migrationsfeindlicher Rhetorik verflochten, in der Migrant*innen als Bedrohung für die innere Sicherheit, Beschäftigung und nationale Identität dargestellt werden.
Wir beobachten daher eine missbräuchliche und voreingenommene Praxis der ungleichen Verteilung von Prekarität und der Risiken bestimmter Arbeitsformen, die durch rhetorische Rechtfertigungen verschleiert wird. Diese wiederum schaffen eine Schwelle der Akzeptanz für diese Bedingungen in einer Bevölkerungsgruppe, die zum Sündenbock für die dem kapitalistischen Modell innewohnenden Krisen gemacht wird.
Dieser Umstand weist beunruhigende Parallelen zu den Geschehnissen während der Kolonialisierung auf, als das Konzept der Rasse konstruiert und parallel dazu bestimmte Menschen versklavt wurden, die diskursiv als für extreme Arbeitsbedingungen geeignet dargestellt wurden.
In der heutigen Praxis wird das, was die Kolonialisierung den Menschen auferzwang, durch die Globalisierung fortgesetzt und schafft einen Kreislauf der Zwangsvertreibung aufgrund der Enteignung von Land zur Ausbeutung seiner materiellen Ressourcen durch transnationale Konzerne aus dem Globalen Norden. Dies wiederum führt zur Migration aus Verzweiflung – unter Verarmung, was den perfekten Nährboden dafür bildet, extrem schlechte Arbeitsbedingungen zu akzeptieren, wobei die Menschen im Vergleich zu den nationalen Standards der Länder, in denen sie ankommen, extrem niedrig bezahlt werden.
In den USA erlangte dieses Phänomen während beider Amtszeiten von Donald Trump enorme Sichtbarkeit, und seine Logik findet im chilenischen Kontext beunruhigende Parallelen. Die Rhetorik der Grenzmauer, der Massenrazzien, der beschleunigten Abschiebungen und der Trennung von Migrantenfamilien schürt die alte restriktive Einwanderungspolitik und schafft es, die Vorstellung eines gemeinsamen Feindes sowohl der entwickelten als auch der Entwicklungsländer auf breiterer Ebene zu verankern.
In diesem Narrativ werden Migrant*innen zum Symbol für Unsicherheit, Kriminalität und soziale Aufstände, wodurch wirtschaftliche und strukturelle Frustrationen – wie Ungleichheit, Arbeitsplatzunsicherheit oder die Konzentration von Reichtum – auf eine schutzbedürftige Gruppe gelenkt werden und so die Aufmerksamkeit von den wahren Ursachen sozialer Unruhen abgelenkt wird.
Das Paradox besteht darin, dass sowohl die US-amerikanische als auch die chilenische Wirtschaft weiterhin stark von Arbeitskräften mit Migrationshintergrund abhängig sind, da Landwirtschaft, Bauwesen, Dienstleistungen und Hausarbeit nur dank Millionen von Arbeitskräften mit Migrationshintergrund funktionieren, von denen viele unter prekären Bedingungen arbeiten. Die irreguläre Migration ist somit für das derzeitige Wirtschaftssystem unverzichtbar.
Daher wird argumentiert, dass dieser Widerspruch kein Zufall ist, da er einen zentralen Mechanismus darstellt, der es neoliberalen Ländern ermöglicht, ihren auf Akkumulation und Profit ausgerichteten Kurs fortzusetzen und die Kosten dieses Produktionsrhythmus auf untergeordnete Menschen abzuwälzen.
Andererseits stärkt der sicherheitsorientierte Ansatz von autoritären Regierungsprojekten deren politische Legitimität zur Verfolgung und Entmenschlichung dieser Bevölkerungsgruppe. In diesem Sinne besteht die Aufgabe aller, die diese Themen erforschen oder ansprechen, darin, diese perversen Mechanismen anzuprangern, um stattdessen für eine Migrationspolitik einzutreten, die auf Rechten und Würde basiert.
In den letzten Jahren wurde die öffentliche Debatte über Migration zunehmend von Diskursen dominiert, die sie direkt mit steigender Kriminalität und der Verschärfung der sozialen Krise in Verbindung bringen. Die Komplexität des Migrationsphänomens wurde durch vereinfachende Narrativen ersetzt, die Migrant*innen für Probleme verantwortlich machen, deren Wurzeln weit tiefer liegen und historisch bedingt sind.
Die derzeitige Regierung verkörpert die institutionelle Verfestigung dieses politischen Wandels durch die Umsetzung von Abschiebemaßnahmen, die scheinbare Verschärfung der Grenzkontrollen, die Zunahme von Razzien gegen Migrant*innen sowie die Schaffung eines Diskurses, der sich auf die „Wiederherstellung der Ordnung“ konzentriert. All dies ist Teil einer Strategie, die darauf abzielt, den Forderungen konservativer Kreise, welche die Migration zu einem ihrer wichtigsten Mobilisierungsthemen gemacht haben, nachzukommen.
Diese Politik hat schwerwiegende Folgen, die in der öffentlichen Debatte selten zur Sprache kommen: die zunehmende Gefährdung derjenigen, die in den prekärsten Sektoren der Wirtschaft arbeiten.
Der irreguläre Status, der durch restriktive Einwanderungspolitik, komplexe bürokratische Verfahren, schwer zu erfüllende Anforderungen und rechtliche Rahmenbedingungen entsteht, die jegliche Legalisierung einschränken, wird in den Dienst der globalen Wirtschaft gestellt und stärkt damit wiederum die Rechtfertigung für die soziale Kontrolle über die gesamte Arbeiterklasse des Landes.
Aufgrund ihrer Stellung in der nationalistischen Hierarchie haben Migrant*innen jedoch größere Schwierigkeiten, Arbeitsmissstände zu melden, Zugang zu öffentlichen Dienstleistungen zu erhalten, sich gewerkschaftlich zu organisieren oder bessere Arbeitsbedingungen einzufordern.
Mit anderen Worten: Der Verlust von Einwanderungsrechten führt schnell zum Verlust von Arbeitsrechten, und genau hier gewinnt der Fall der saisonalen Arbeitsmigrant*innen und des Agrarsektors deutlich an Bedeutung.
Die Studie sollte dokumentieren, wie Frauen aus Haiti, Venezuela, Bolivien, Kolumbien und anderen Ländern des Globalen Südens in der Agrarindustrie unter Bedingungen extremer Verwundbarkeit arbeiten, die durch Informalität, lange Arbeitszeiten und das Fehlen von Arbeitsschutzmaßnahmen gekennzeichnet sind.
Wenn zudem die Angst vor Abschiebung zu einer allgegenwärtigen Bedrohung wird, schwinden die Möglichkeiten des Widerstands, wodurch die Abschiebung zu einer disziplinarischen Drohung wird, die das gesamte Alltagsleben durchdringt.
Es ist bemerkenswert, dass sich die migrationsfeindliche Rhetorik in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit verschärft. Wenn Inflation, Arbeitslosigkeit oder soziale Unsicherheit zunehmen, bietet die extreme Rechte eine äußerst einfache Erklärung: Die Schuld liegt bei denen, die von außen gekommen sind. Historisch gesehen wurde dieser Mechanismus der Suche nach einem Sündenbock immer wieder in unterschiedlichen Kontexten genutzt, um die Verantwortung von den Wirtschaftseliten auf sozial schutzbedürftige Gruppen abzuwälzen.
So wird beispielsweise die Wohnungskrise – dank der Macht der Narrative – in ein Migrantenproblem verwandelt, ebenso wie die Belastung der öffentlichen Dienste oder die mangelnde Sicherheit. Auf diese Weise werden die strukturellen Ursachen verschleiert, die mit jahrzehntelanger Privatisierung, Ungleichheit und der Aushöhlung sozialer Rechte zusammenhängen.
Fremdenfeindlichkeit fungiert somit als äußerst wirksames politisches Instrument, das die Arbeiterklasse spaltet und die chilenische Bevölkerung gegen Migrant*innen aufbringt, obwohl sie in Wirklichkeit zunehmend prekäre und ähnliche Arbeitsbedingungen teilen. Anstatt jedoch die Strukturen zu hinterfragen, die diese Prekarität hervorbringen, fördern rechtsextreme Diskurse den Wettbewerb unter den Arbeitnehmer*innen selbst und lenken so jeden potenziellen kollektiven Kampf in eine andere Richtung.
Als Antwort darauf muss eine kritische Haltung darauf bestehen, dass der eigentliche Konflikt nicht zwischen Einheimischen und Ausländer*innen besteht, sondern zwischen denen, die das System mit ihrer Arbeit stützen, und denen, die von deren Spaltung profitieren.
Darüber hinaus wirken sich die Folgen dieser Politik aufgrund der Überschneidung verschiedener Unterordnungskategorien nicht auf alle gleichermaßen aus, was zu einem Herrschaftssystem führt, in dem Migrantinnen eine besonders prekäre Position einnehmen, da sie gleichzeitig und kumulativ mit Ungleichheiten in Bezug auf Geschlecht, Klasse, ethnische Zugehörigkeit und Einwanderungsstatus konfrontiert sind.
In der chilenischen Agrarindustrie äußert sich diese Überschneidung von Unterdrückungsformen in niedrigeren Löhnen, einem höheren Ausmaß an Informalität, ständiger Gefährdung durch Gewalt am Arbeitsplatz und sexuellem Missbrauch sowie einer enormen, nicht anerkannten Last an Betreuungsarbeit, was wiederum die Kinder dieser Arbeiter*innen extrem prekären Lebensbedingungen aussetzt.
Wenn wir uns einem weiteren Aspekt dieses Phänomens zuwenden – insbesondere im Hinblick auf den weltweiten Aufstieg der extremen Rechten –, erkennen wir zwangsläufig, dass das Ziel der Herrschaft stets expansiv ist und dass das, was zunächst vor allem auf Ausländer*innen abzuzielen scheint, schnell auch auf die einheimische Bevölkerung angewendet wird.
Dieselben Kreise, die eine einwanderungsfeindliche Politik vorantreiben, greifen auch die Rechte der Frauen, die Arbeitnehmerrechte, soziale Bewegungen, Gewerkschaften und Menschenrechtsorganisationen an. Die Konstruktion des Migrantenfeindbilds dient nicht als Selbstzweck, sondern ist Teil einer umfassenderen Logik des demokratischen Rückschritts.
Daher lautet die grundlegende Frage hinter dem Vormarsch dieser Politik nicht, wie viele Migrant*innen in ein Land einreisen oder es verlassen. Die wirklich relevante Frage ist, welche Art von Gesellschaft wir aufbauen wollen. Ist es Teil unseres kollektiven Strebens, in einer Gesellschaft zu leben, die Ausbeutung normalisiert, wenn sie rassifizierte und ausländische Menschen betrifft, oder etwa in einer Gesellschaft, die Angst in eine politische Agenda umwandelt?
Dieser Aufsatz möchte einen Beitrag zur Gestaltung eines kollektiven Projekts leisten, in dem Menschenrechte nicht von der Staatsangehörigkeit und die Würde am Arbeitsplatz nicht von einer Aufenthaltsgenehmigung abhängen, und in dem Migrant*innen keine Bedrohung darstellen, sondern vielmehr einen wesentlichen Bestandteil des wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Lebens unserer Regionen bilden.
Die Migrantinnen, die Kirschen für den Export ernten, verdeutlichen, wie zeitgenössische Volkswirtschaften weiterhin von Arbeitsformen abhängig sind, deren Prekarität unsichtbar gemacht wird, um ihre ungestrafte Reproduktion zu gewährleisten. Auf diese Weise geht es heute nicht nur um Einwanderungspolitik, sondern um die eigentliche Bedeutung von Demokratie, Gleichheit und Rechten.
Irreguläre Arbeit in der Landwirtschaft, insbesondere unter der Migrantenbevölkerung, stellt eine der hartnäckigsten und am meisten verschwiegenen Formen der Ausgrenzung im heutigen Chile dar. Wirklich alarmierend ist jedoch die tiefgreifende soziale und institutionelle Normalisierung dieser Zustände, die die Vorstellung festigt, dass die systematische Verletzung von Rechten ein natürlicher und unvermeidbarer Preis des Agroexportmodells sei.
Angesichts dieser strukturellen Gleichgültigkeit ist es dringend notwendig, eine Agenda tiefgreifender Veränderungen voranzutreiben. Zuallererst sind staatliche Maßnahmen erforderlich, die einen echten Fokus auf Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit legen und die Würde derjenigen, die das Land bewirtschaften, in den Mittelpunkt stellen. Ebenso wichtig ist es, die grundlegende Rolle anzuerkennen, die Migrant*innen historisch in der chilenischen Wirtschaft gespielt haben – eine Rolle, die durch fremdenfeindliche Diskurse systematisch unsichtbar gemacht wurde.
Dazu gehören auch eine kritische Aufklärung über das Agrarexportmodell und dessen soziale, ökologische und arbeitsrechtliche Folgen, um die falsche Neutralität einer Industrie zu entlarven, die sich mit ihren Exportzahlen brüstet, während sie ihre Rentabilität auf dem Rücken ausgebeuteter Beschäftigter aufrechterhält.
Schließlich wird ein Wandel nur von unten nach oben möglich sein, indem gemeinschaftliche, gewerkschaftliche und regionale Netzwerke gefördert werden, die die landwirtschaftliche Arbeit organisieren, unterstützen und Würde verleihen und so denjenigen ihre Handlungsfähigkeit zurückgeben, die zu bloßen Produktionsinstrumenten degradiert wurden.
Die chilenische Kirsche ist eine Metapher für eine Wirtschaft, die nach außen hin glänzt, während sie ihre Wurzeln in der Verletzlichkeit verbirgt. Sie glänzt in internationalen Supermärkten, treibt die Exportzahlen in die Höhe und stützt das Narrativ eines modernen, wettbewerbsfähigen Landes, das offen für den globalen Markt ist. Hinter diesem Bild verbergen sich jedoch unsichtbare Körper: Migrantinnen, Saisonarbeiterinnen und rassifizierte Frauen, die oft ohne Verträge, ohne sozialen Schutz und mit strapaziösen Arbeitstagen auf den Feldern arbeiten müssen.
Unter der Regierung von José Antonio Kast hat sich diese Realität noch weiter verschärft. Seine Regierung hat eine Politik der stärkeren Einwanderungskontrollen mit Abschiebungsflügen, strengeren Grenzkontrollen und Maßnahmen vorangetrieben, die darauf abzielen, die Abschiebung von papierlosen Migrant*innen zu verstärken. Die Regierung selbst kündigte im April 2026 den offiziellen Start einer dauerhaften Politik der Abschiebungen per Luft- und Landtransport an.
Die Nationale Einwanderungsbehörde stellte im Mai 2026 fest, dass in diesem Jahr bereits 630 Abschiebungen stattgefunden hatten, und hob zudem die Zunahme der Operationen im Vergleich zum vorangegangenen Zeitraum hervor. Hinzu kommt der sogenannte „Rückkehrplan“, der als Mechanismus zur freiwilligen Ausreise für papierlose Migrant*innen präsentiert wird.
Das zugrunde liegende Problem ist jedoch politischer Natur, denn während der Staat die Einwanderungskontrollen verschärft, benötigt der Markt weiterhin genau diese Arbeitskräfte, um die landwirtschaftliche Produktion aufrechtzuerhalten. Wer die Grenzen überquert, wird kriminalisiert, doch das Arbeiten ohne Vertrag wird toleriert. Es wird von Ordnung gesprochen, doch Unternehmen, die von der Informalität profitieren, werden nicht mit derselben Intensität reguliert. Es sind die Migrant*innen, die ins Visier genommen werden, nicht die Arbeitgeber, die sie ausbeuten.
Auf den Feldern von O’Higgins ergab die Untersuchung, dass mehr als 90 Prozent der befragten Arbeiterinnen keinen formellen Arbeitsvertrag hatten, wodurch ihnen Arbeitsrechte, Sozialversicherung und wirksame Beschwerdemechanismen vorenthalten blieben. Dieser Mangel an Schutz verschärft sich im Fall haitianischer Frauen, bei denen die Sprachbarriere den Zugang zu Informationen über Rechte, Verträge und Beschwerdekanäle einschränkt und sie stärker von Auftragnehmern und Vermittlern abhängig macht.
Eine migrationsfeindliche Politik wirkt dieser prekären Lage keineswegs entgegen, sondern verschärft sie systematisch.
Indem sie Angst vor einer Abschiebung und die Rechtsunsicherheit schüren, drängen sie Migrant*innen in noch informellere, heimlichere und ausbeuterischere Arbeitskreisläufe. Anstatt Rechte zu garantieren, führen sie zu größerer Verwundbarkeit; und anstatt den Agrarsektor in die Pflicht zu nehmen, der seine Rentabilität durch Arbeitsausbeutung aufrechterhält, schieben sie die gesamte Verantwortung auf diejenigen ab, die ohnehin schon das schwächste Glied in der Produktionskette sind.
Der Widerspruch ist offensichtlich und moralisch unhaltbar, da genau das Land, das Migrant*innen ausweist, deren Arbeitskräfte benötigt, um die Früchte zu ernten, zu sortieren und zu verpacken, die es in die ganze Welt exportiert. Die Grenze ist für Rechte geschlossen, öffnet sich aber für die Ausbeutung. Deshalb darf die Diskussion über Migration in Chile nicht auf eine Sicherheitsrhetorik oder die Demagogie der Ordnung reduziert werden. Wir müssen immer wieder die Frage stellen: Wer sind die Hauptnutznießer der irregulären Migration?
Die chilenische Kirsche als Symbol für den Erfolg des Agrarexports wird so zu einer brutalen Metapher für die Gegenwart. Im Ausland ist sie glänzend, erfolgreich und profitabel, doch ihre Existenz wird im eigenen Land von Menschen gewährleistet, die in prekären Verhältnissen leben, rassifiziert und entbehrlich sind.
Angesichts des institutionellen Rassismus und des autoritären Migrationskurses, die unter dem Deckmantel der „Ordnung“ voranschreiten, ist es dringend notwendig, eine klassenbasierte, feministische und antirassistische Politik zu etablieren, die unmissverständlich die Legalisierung der Masseneinwanderung, eine wirksame Aufsicht und Sanktionen gegen Arbeitgeber, das Recht auf menschenwürdige Arbeit sowie die autonome Organisation von Arbeitsmigrant*innen verteidigt.
Es kann keine Souveränität geben, die auf der Grundlage von Menschen, die ausgewiesen werden können, aufgebaut ist. Ebenso wenig kann es soziale Gerechtigkeit geben, solange Chiles Exporterfolg weiterhin auf papierlose Migrantinnen beruht, die auf bloße Werkzeuge für den Export reduziert werden.
