Progressive Internationale: Können Sie beschreiben, was in der Nacht, als Präsident Nicolas Maduro entführt wurde, in Caracas passiert ist? Wie ist die Stimmung im Land? Wir haben in ganz Venezuela große Mobilisierungen gesehen, bei denen Menschen auf die Straße gingen, um die Regierung zu verteidigen. Wie bereiten sich die Menschen darauf vor, die Bolivarische Revolution nach dem Angriff zu verteidigen?
Cira Pascual Marquina: Ich war beim Angriff etwa fünf Kilometer von einem der bombardierten Orte, also hörte ich die Flugzeuge, diese sehr intensive Drohne und dann die Explosionen, die die Fenster vibrieren ließen.
Natürlich wussten wir sofort, dass es die USA waren, die uns da angriffen; sie hatten seit August Truppen rund um Venezuela stationiert, und seit 26 Jahren ist Venezuela Ziel des Imperialismus. Als wir erfuhren, dass Präsident Maduro entführt worden war, gingen die Menschen sehr spontan in Richtung Miraflores, dem Präsidentenpalast, um unsere Souveränität zu verteidigen. Auf dem Marsch sprachen alle mit viel Kraft, Engagement und Opferbereitschaft, wie es der Moment erforderte.
Andere wiederum entschieden sich an diesem ersten Tag, nachdem sie Zeuge so vieler Gewalt geworden waren, zu Hause zu bleiben, und nur eine Handvoll Geschäfte öffneten, einige mit Warteschlangen. Das Wichtigste ist jedoch, dass in der Stadt weiterhin Frieden herrschte. Unter den Menschen, die sich außerhalb von Miraflores versammelten und sprachen, herrschte ein spürbares Gefühl von Verbundenheit, gemeinsamer Würde und kollektiver Kampfbereitschaft.
Wenn ich die Stimmung der Mehrheit – der Chavisten – zusammenfassen müsste, ist das auf der einen Seite Wut, viel Wut! Andererseits aber auch das Engagement für die Fortsetzung der Bolivarischen Revolution. Und wenn man sich der Revolution verpflichtet hast, ist man bereit, dafür zu kämpfen.
Nicht nur die Menschen, auch die Regierung hat mit aller Deutlichkeit gehandelt. Delcy Rodríguez, jetzt amtierende Präsidentin, hielt etwa zwölf Stunden nach den Anschlägen eine Rede, und sie war dabei von der gesamten militärischen und zivilen Führung umringt. Das war eine starke visuelle Botschaft der Einheit.
In ihrer Ansprache sagte sie etwas, das man jetzt an den Wänden von Caracas sehen kann: „Wir sind niemandes Kolonie“ [„No somos colonia de nadie“]. Sie sagte auch, wie Chávez und Maduro, dass sie bereit sei, einen offenen Kommunikationskanal mit der Regierung der Vereinigten Staaten zu pflegen. Und schon bald gab es Ankündigungen über den möglichen Verkauf von venezolanischem Erdöl an die USA.
Wenn wir über Venezuelas Geschäfte mit den USA sprechen, sagen einige auf der „Linken“ bereits, was Venezuela tun und lassen soll. Was Lenin 1919 im Rahmen des Vertrags von Brest-Litowsk zu Ultralinken sagte, von denen einige schließlich zu Kollaborateuren des Feindes wurden, ist heute äußerst relevant: Wenn dir jemand eine Waffe an die Brust hält und dein Geld verlangt, gibst du es. Das bedeutet nicht, das Projekt aufzugeben; es ist ein taktisches Zugeständnis. Möglicherweise werden einige Zugeständnisse gemacht, aber dies sollte nicht als Übergabe unserer Souveränität verstanden werden. Die Bolivarische Revolution wird nicht kapitulieren.
Das Wichtigste ist, dass im Gegensatz zu dem, was Trump behauptet, die venezolanische Regierung eine Regierung ist, die das Volk gewählt hat: eine revolutionäre Regierung, eine chavistische Regierung. Die jetzt verantwortliche Person engagiert sich für dasselbe Projekt wie Maduro und Chávez. Wäre das nicht der Fall, würdet ihr nicht Hunderttausende von Menschen auf den Straßen von Caracas und im ganzen Land marschieren sehen, um die amtierende Präsidentin Delcy Rodríguez und die Regierung zu unterstützen und gleichzeitig die Rückkehr des gesetzmäßigen Präsidenten Nicolás Maduro und der Abgeordneten der Nationalversammlung, Cilia Flores, zu fordern.
Das Volk von Venezuela ist auf der Seite seiner Regierung, und die Regierung ist auf der Seite des Volkes.
PI: Hybride Kriegsführung zielt darauf ab, Verwirrung zu stiften, zu demoralisieren und eine Fragmentierung zu fördern. Welche Praktiken haben die Kommunen entwickelt, um die kollektive Moral und politische Klarheit aufrechtzuerhalten? Und was könnte der Rest der Welt aus diesen Praktiken lernen?
CPM: 2006 erklärte Chávez, das Ziel der Bolivarischen Revolution sei der Sozialismus. Für uns sind die Kommunen der Weg zu diesem Ziel – und sie sind bereits ein konkretes, lebendiges Experiment des sozialistischen Aufbaus. In den schlimmsten Jahren der Blockade war die Regierung gezwungen, sich auf dringende Probleme und Herausforderungen zu konzentrieren, wie zum Beispiel die Wiedereröffnung der Kanäle für Erdölverkäufe, nachdem die einseitigen Zwangsmaßnahmen der USA zum Einbruch der Einnahmen geführt hatten. Trotzdem haben die Kommunen nie aufgehört, der strategische Horizont der Bolivarischen Revolution zu sein. Tatsächlich begannen einige Kommunen gerade in den schwierigsten Zeiten, etwa 2017, 2018, 2019, stark zu gedeihen. Eine der bemerkenswertesten Entwicklungen der letzten vier Jahre ist, dass die Regierung, nachdem sie ein gewisses Maß an wirtschaftlicher Stabilität wiedererlangt hatte, sich erneut entschieden den Kommunen zugewandt hat, die heute im Mittelpunkt des politischen Lebens Venezuelas stehen.
Venezuelas Kommunen sind keine autonomen Selbstverwaltungen, wie zuweilen angenommen wird. Ja, es handelt sich um Gebiete direkter, auf Versammlungen beruhender Demokratie, in denen Menschen zusammenkommen, um gemeinsam zu beraten und zu entscheiden, wie sie ihren Bedürfnissen gerecht werden können. Sie sind aber auch die Grundzellen des Sozialismus – und der Sozialismus ist für uns ein nationales Projekt. Das Ziel besteht nicht nur darin, dass sich die Menschen zu Versammlungen treffen, um über ihre Probleme zu beraten und Hand in Hand mit der Regierung an ihrer Lösung zu arbeiten, sondern auch, dass die Kommunen die Kontrolle über die Produktionsmittel übernehmen. Auf diese Weise beginnen sich die sozialen Produktionsverhältnisse zu verschieben: Der durch Gemeinschaftseigentum generierte Überschuss wird bewusst und demokratisch von der Gemeinschaft reguliert. Die Produktion ist also eher auf soziale Bedürfnisse als auf Akkumulation ausgerichtet, was einen echten Weg zum Bruch mit dem autoritären und ausbeuterischen sozialen Metabolismus des Kapitals ebnet.
In meiner Kommune El Panal, die sich in einem Arbeiterviertel in Caracas befindet, haben wir neben anderen kleineren Unternehmen eine Fleischverarbeitungsanlage, eine Bekleidungswerkstatt und eine Seifenfabrik. Der Überschuss von all diesen Produkten geht an die Kommune zurück, und die Kommune entscheidet kollektiv in der Versammlung, was damit geschehen soll: Ein Teil davon geht an die Pluriversidad, die Bildungsinitiative der Kommune, und ein anderer Teil kann für die Bezahlung des Lohns der Gemeindekrankenschwester oder für den Unterhalt des Krankenwagens der Kommune usw. verwendet werden. Das ist substanzielle Demokratie in kleinem Maßstab. Von hier aus muss sich der kommunale Metabolismus auf eine nationale Ebene ausdehnen, die wir den kommunalen Bund nennen und andere den kommunalen Staat.
Diese Hinwendung der revolutionären Regierung zu den Gemeinden ist von großer Bedeutung, um die massive Unterstützung zu verstehen, die die revolutionäre Regierung vom Volk erhält. Die Menschen sind dem Projekt, das von „oben“ gefördert wird, nicht fremd; sie stehen sogar im Mittelpunkt. Die Leute fühlen sich hier nicht wie Zuschauer. Wir sind Subjekte der Transformation. Wir fühlen uns nicht als Opfer; wir sind die Akteur*innen, ja sogar Protagonist*innen eines revolutionären Prozesses mit sozialistischem Horizont, und die Regierung spricht und handelt in Bezug auf die kollektive Berufung der Menschen.
Um ein konkretes Beispiel für diesen Gleichklang zwischen Regierung und Bevölkerung zu nennen: In den letzten zwei Jahren hat die Regierung landesweit Volksbefragungen durchgeführt – eine radikale, demokratische Form der Ressourcenverwaltung. Dabei entscheiden die Kommunen selbst, wie sie die öffentlichen Gelder verteilen und setzen dann die Projekte durch direkte Verwaltung der Mittel und kollektive Arbeit um. Dieser Prozess hat das ausgelöst, was wir nur als eine neue Welle der Kommunalisierung bezeichnen können.
Heute gibt es in Venezuela rund 4.500 Kommunen. Einige hatten sich zwar zu außergewöhnlichen sozialistischen Experimenten entwickelt, sogar zu Leuchtfeuern, aber es stimmt auch, dass viele vor den Konsultationen noch schlummerten oder erst im Entstehen waren. Die nationalen Befragungen, die von Präsident Nicolás Maduro initiiert wurden und nun unter der Leitung von Delcy Rodríguez fortgesetzt werden sollen, haben jedoch die schlummernden Kommunen geweckt und sie zu lebendigen Instrumenten kollektiver Macht gemacht.
Warum stehen die Menschen trotz der Gewissheit einer anhaltenden US-Aggression hinter der Regierung? Weil dies kein aufgezwungenes Projekt ist: es ist ein kollektiver, demokratischer Prozess. Die Menschen werden für das kämpfen, was ihnen gehört.
Der zeitgenössische Kapitalismus fragmentiert das soziale Leben. Eine der großen Errungenschaften der Bolivarischen Revolution bestand darin, das, was zersplittert war, wieder zusammenzufügen: Die Menschen in den Gemeinden sehen sich nicht mehr als isolierte Individuen, sondern als Subjekte eines nationalen Projekts der kollektiven Emanzipation. Zur weiteren Lektüre empfehle ich Chris Gilberts Artikel in der Monthly Review über venezolanische Kommunen, die Teil eines antiimperialistischen Projekts der nationalen Befreiung sind.
In einer Kommune baut die einfache Möglichkeit der Teilnahme – an Versammlungen, bei denen Hunderte von Menschen zusammenkommen, um über das weitere Vorgehen zu entscheiden – wieder auf, was der Kapitalismus und der Imperialismus auseinandergerissen haben. In einigen Kommunen sind die ersten Schritte zur politischen und wirtschaftlichen Reorganisation der Gesellschaft bereits zu beobachten. Und das macht den Bolivarischen Prozess so viel robuster gegenüber der Erpressung, die der US-Imperialismus durchzusetzen versucht.
PI: Obwohl er zwar kein Präzedenzfall war, war die Art dieses jüngsten Angriffs in Bezug auf die Schnelligkeit seiner Ausführung vielleicht einzigartig. Wie führt man einen Volkskrieg gegen einen Feind, der eine direkte Konfrontation vermeiden will und sich auf sorgfältig choreografierte geheime Operationen oder kriminelle Schergen beschränkt?
CPM: Zunächst müssen wir uns darüber im Klaren sein, was in den frühen Morgenstunden des 3. Januar 2026 passiert ist: Der Angriff und die Entführung unseres Präsidenten durch die USA waren ein taktischer Sieg für den Imperialismus, der offenbar mit dem Mossad koordiniert wurde. Ihre technologische Überlegenheit bei der Durchführung einer solchen Operation ist unbestreitbar. Es gibt jedoch einen Teil der Geschichte, der oft nicht erzählt wird: Die Menschen haben sich gewehrt. Mehr als 100 Menschen wurden bei dem Angriff getötet – die meisten von ihnen Mitglieder unserer Streitkräfte, die an der Seite kubanischer Internationalisten standhaft blieben und den Präsidenten verteidigten. Venezolanische Zivilisten wurden ebenfalls getötet. Ihr Blut spricht für etwas, das nicht ausgelöscht werden kann: Dies war keine „chirurgische“ Operation, sondern ein imperialistischer Krieg gegen ein souveränes Volk.
Der taktische Sieg des Imperialismus wird jedoch nicht zu einem strategischen Sieg führen. Die Menschen in Venezuela halten an unserer chavistischen Regierung fest, und unser langfristiges Projekt der Kommunen ist lebendig und wohlauf.
Die Menschen in Venezuela organisieren sich schon seit langem für einen Volkskrieg. In militärischer Hinsicht befinden wir uns derzeit in einer Phase des Widerstands: Die Bolivarische Revolution wird seit 26 Jahren angegriffen, und in den letzten zehn Jahren hat das Land einen umfassenden Wirtschaftskrieg erlebt. Dieses Sanktionsregime hat die Wirtschaft lahmgelegt, die Öleinnahmen drastisch reduziert, wichtige Importe von Lebensmitteln, Medikamenten, landwirtschaftlichen Betriebsmitteln und Maschinenteilen eingefroren und so zu Zehntausenden vermeidbarer Todesfälle beigetragen, indem der Zugang zu lebensnotwendigen Gütern und lebensrettenden Behandlungen eingeschränkt wurde.
In den schwierigsten Jahren, angesichts einer ungewöhnlichen und außergewöhnlichen Bestrafungskampagne der USA gegen die Menschen in Venezuela, obwohl sie weniger Zugang zu Medikamenten und Lebensmitteln hatten, stand das Pueblo, insbesondere in den Kommunen, weiterhin auf der Seite seiner Regierung. Kurz gesagt, dieser jüngste Angriff ist nicht der Beginn des Volkskriegs, er ist lediglich seine Verschärfung. Widerstand, Organisation und Solidarität – zusammen mit der Vorbereitung eines bewaffneten Volkes (im Fall Venezuelas die Miliz, die acht Millionen Mitstreiter*innen zählt) – standen hier schon immer im Mittelpunkt des Volkskriegs, wie es in Vietnam oder Algerien der Fall war. Der jüngste Angriff hat nur deren Entschlossenheit zum Kampf und die kollektive Absicht gestärkt, die Revolution zu verteidigen, die sich am besten in den Kommunen ausdrückt.
Kommunen sind von Natur aus antikapitalistische Formationen. Sie lassen kein Bürgertum zu, sondern sind Räume, die auf die Überwindung kapitalistischer sozialer Beziehungen ausgerichtet sind. Auf diese Weise fördern sie eine Klasseneinheit rund um einen kollektiven nationalen Horizont. Es ist genau dieser doppelte Fokus – auf die nationale Befreiung und eine klassenbasierte Transformation –, der die Gemeinden zu so widerstandsfähigen und mächtigen Instrumenten der Bolivarischen Revolution macht.
PI: Unmittelbar nach dem Angriff stiegen die Aktien der wichtigsten US-Ölproduzenten stark an. Was will Washington in seinem hybriden Krieg gegen Venezuela? Geht es dabei nur um Erdöl – oder um den umfassenderen Bolivarischen Prozess? Welche Bedrohung stellt der Erfolg der Bolivarischen Revolution für die Vereinigten Staaten dar?
CPM: Ich werde zunächst das sagen, was jeder weiß, aber trotzdem gesagt werden muss: Die Börse ist ein Markt für Aasgeier. Es ist klar, dass sie vom Krieg leben.
Wie dem auch sei, um auf Venezuela und den Krieg zurückzukommen, den die USA gegen sein Volk führen, denke ich, dass man das Interesse der USA am Erdölvorkommen des Landes nicht von der offenen imperialistischen Absicht trennen kann, unser revolutionäres Projekt zu zerstören. Manche sagen, es geht „nur ums Öl“. Andere argumentieren, dass Washington eine kollektive Bestrafungskampagne gestartet hat, um andere Länder davon abzuhalten, sich in die gleiche Richtung wie Venezuela zu bewegen, und um die moralische Macht der Bolivarischen Revolution zu zerstören. Diese Ziele verschmelzen unter dem Deckmantel des Versuchs, die Souveränität Venezuelas anzugreifen. Venezuela ist eine souveräne Nation mit immensen natürlichen Ressourcen, und der Imperialismus versucht, das Land seinen eigenen geopolitischen und wirtschaftlichen Zielen unterzuordnen.
Die Bolivarische Revolution wird angegriffen, weil das venezolanische Volk ein souveränes Projekt mit sozialistischem Horizont definiert hat und weil der venezolanische Staat das Kommando über die Erdölreserven des Landes hat. Beides kann unmöglich getrennt werden.
Eine sozialistische, nationale Befreiungsrevolution mit Öl unter der Erde? Das ist ein echtes Problem für die Vereinigten Staaten!
Hätte Venezuela keine Erdölressourcen, wäre es zwar immer noch ein Ziel des US-Imperialismus, aber nicht in dieser Intensität. Zum Zeitpunkt des Angriffs am 3. Januar hatten die US-Streitkräfte Dutzende von Kriegsschiffen mit Zehntausenden von Soldaten in der Nähe venezolanischer Gewässer stationiert. An dem Angriff selbst waren über 150 US-Flugzeuge beteiligt, und der Angriff wurde zwischen 20 verschiedenen US-Stützpunkten auf der westlichen Hemisphäre koordiniert. Die Operation erforderte monatelange Planung, die sogar den Bau eines maßstabsgetreuen Modells der Anlage des Präsidentenpalasts beinhaltete, um den Angriff zu proben.
Das Ziel? Eine Nation, die entschlossen ist, souverän und sozialistisch zu sein, während sie über die größten Erdölreserven der Welt verfügt. In diesem Fall gehören die beiden – Souveränität und Erdöl – zusammen.
PI: Wie beurteilen Sie die internationale Reaktion auf den Angriff? Zahlreiche Staaten haben die USA für ihre Handlungen verurteilt, aber viele haben es auch versäumt, die Freilassung von Präsident Maduro oder die Unterstützung seiner Regierung zu fordern. Was sagt diese „einseitige Solidarität“, die zwar die Methode der USA, aber nicht unbedingt ihr Ziel ablehnt, vor dem Hintergrund einer solch offenen Aggression über die Bereitschaft der Staaten aus, in einer Weltordnung zu leben, die immer noch vom US-Imperialismus beherrscht wird?
CPM: Während einige Regierungen den Angriff nur zaghaft oder „leicht“ abgelehnt haben, lebt in Wirklichkeit der Großteil der Weltbevölkerung in Ländern, die diese eklatante Verletzung des Völkerrechts in der einen oder anderen Form verurteilt haben. Der kolumbianische Präsident Gustavo Petro ging sogar so weit, Delcy Rodríguez direkt anzurufen und sie nach Bogotá einzuladen – ein Akt, der darauf hinausläuft, sie als amtierende Präsidentin anzuerkennen. Viele andere Staatsoberhäupter sind diesem Beispiel auf unterschiedliche Weise gefolgt. Das ist wichtig, und das ist positiv.
Was jedoch weitaus beunruhigender ist, ist das faktische Schweigen der Vereinten Nationen. Es gab keine Resolution und es wird auch keine geben. In diesem Moment wirkt die UNO weniger wie ein Garant des Völkerrechts, sondern eher wie eine Institution, die praktisch handlungsunfähig geworden ist.
Auf unserer Seite – der arbeitenden Bevölkerung der Welt – gibt es bereits eine globale Bewegung, die sich anfänglich gegen den vom Westen unterstützten zionistischen Genozid in Gaza mobilisiert hat. Palästina war ein Weckruf für Millionen von Menschen und zwang viele im globalen Norden, sich mit den Realitäten kolonialistischer und imperialistischer Gewalt auseinanderzusetzen. Jetzt wird der Angriff auf Venezuela zu einem zweiten Weckruf, der die Perspektive von Menschen erweitert, die gegen den Völkermord waren, ihn aber als isolierte Gräueltat, als Einzelfall betrachteten.
Dieselben Strukturen und Netzwerke, die Menschen gegen den Genozid auf die Straße gebracht haben, mobilisieren sich jetzt weltweit für Venezuela und gegen den US-Imperialismus. Was in Venezuela passiert ist, zeigt, wie der Imperialismus in seiner aktuellen Phase des Niedergangs wirklich aussieht: der Einsatz offener Gewalt, um seine Ziele zu erreichen, wenn Regierungen und Völker sich weigern, seinem Diktat zu folgen.
Wir müssen diesen Moment als Teil einer breiteren, aufstrebenden weltweiten Arbeiterbewegung gegen den Imperialismus verstehen. Gleichzeitig sind die Vereinigten Staaten nun dabei, genau die Formen der Gewalt, die sie dem globalen Süden seit langem auferlegt haben, wieder in den imperialen Kern selbst zu verankern, da ihre interne politische Ordnung eine offen faschistische Wendung nimmt.
Wir sehen also mehrere Anzeichen dafür, dass die Arbeiterklasse in vielen Ländern, auch in Ländern des globalen Nordens, beginnt, den Imperialismus als gemeinsamen Feind anzuerkennen und nun versteht, dass es notwendig ist, zusammen gegen diesen gemeinsamen Feind zu kämpfen. Menschen in den USA, die sich der ICE widersetzen, die in Wirklichkeit die Gestapo von heute ist, beginnen, sich mit der Gewalt zu Hause auseinanderzusetzen, mit der wir im globalen Süden seit vielen Jahrzehnten konfrontiert sind.
Während wir gemeinsam zu einem Verständnis gelangen, was Imperialismus in Tat und Wahrheit ist – durch Palästina, durch die Art und Weise, wie er auf seine alten Methoden zurückfällt, und jetzt durch den Angriff auf Venezuela – nehmen die Bedingungen für seine Überwindung allmählich Gestalt an. Hier in Venezuela gibt uns das Hoffnung.
PI: Im Laufe ihrer Geschichte haben die USA immer wieder die Souveränität anderer Staaten verletzt und missachtet, ohne dass dies Konsequenzen hatte. Handelt es sich vor diesem Hintergrund nicht nur um eine Krise des Völkerrechts, sondern auch um seine asymmetrische Durchsetzung, bei der die internationale Ordnung letztlich von rohen Machthierarchien regiert wird?
CPM: In der Tat. Vor nicht allzu langer Zeit musste Libyen – um nur ein Beispiel zu nennen – praktisch dieselbe eklatante Missachtung des Völkerrechts durch die sogenannte internationale Gemeinschaft, die derzeit die UNO leitet, erleiden, wenn nicht sogar noch schlimmer.
Hier gibt es kein Rätsel: Der US-Imperialismus hat mehr als ein Jahrhundert lang bewiesen, dass er in der Lage ist, verheerende Schäden anzurichten, und die neuen multilateralen Sphären, in die einige von uns noch vor wenigen Jahren Hoffnung gesetzt haben – insbesondere die BRICS-Staaten – haben es bisher versäumt, auf diesen Angriff zu reagieren.
Aber ich weiß eines: Die Menschen in Venezuela sind nicht allein wie die Menschen in Libyen vor fünfzehn Jahren. Allmählich setzen sich die Puzzleteile zusammen, die die arbeitenden Menschen des globalen Südens und des globalen Nordens zusammenbringen könnten, weil die Absichten des Feindes nicht länger verborgen sind – sie wurden seit Beginn des Völkermords an den Menschen in Palästina für alle offen dargelegt. Und wenn sich die Arbeiterklassen der Peripherie und des imperialistischen Zentrums zu einem gemeinsamen Kampf zusammenschließen, dann können wir mit Überzeugung sagen, dass die Sonne langsam am Horizont aufgeht.
PI: Was können Bewegungen, Gewerkschaften und politische Parteien auf der ganzen Welt jetzt tun, um dem venezolanischen Volk und der Bolivarischen Revolution angesichts dieses eskalierenden Angriffs zur Seite zu stehen?
CPM: Ich denke, heutzutage ist es wichtig, dass die Menschen auf die Straße gehen, aber auch, dass sie wirklich versuchen zu verstehen, was hier vor sich geht, und den Mainstream-Medien etwas entgegensetzen, die die Realität völlig falsch darstellen. Sie sagen, dass die Menschen den Angriff feiern, und obwohl sich in Miami vielleicht ein paar Hundert dazu versammelt haben, gehen in Caracas täglich Hunderttausende auf die Straße, um gegen die Entführung zu protestieren und die revolutionäre Regierung zu unterstützen. Sie behaupten, dass wir in einer Situation des absoluten Chaos leben, und tatsächlich leben wir in einem Land, in dem Frieden herrscht.
Wir müssen dem Narrativ der Konzernmedien etwas entgegensetzen, das den Interessen einiger weniger dient und eindeutig Lügen verbreitet, um eine Zustimmung zum Krieg zu gewinnen und die imperialistische Gewalt zu vertuschen. Ihre Lügen sind Teil eines vielgestaltigen Krieges gegen das Volk von Venezuela und unser souveränes Projekt. Das ist vielleicht die wichtigste Aufgabe von allen: den Griff der Mainstream-Berichterstattung zu brechen. Es ist nicht einfach – wir selbst haben es nicht einmal geschafft – und genau deshalb ist es so wichtig.
Um gute Informationen zu erhalten, gibt es einen relativ einfachen Weg, auf dem mein Kollege Chris Gilbert und ich immer wieder pochen: Er besteht darin, auf die Führung der revolutionären Regierung zu hören – auf Delcy Rodríguez, auf Diosdado Cabello, auf Vladimir Padrino López. Sie genießen die volle Unterstützung der Menschen, und die Botschaft, die sie vermitteln, ist klar.
Abschließend möchte ich diejenigen, die den Bolivarischen Prozess verteidigen wollen, dringend bitten, sich über den strategischen Horizont der Revolution zu informieren, über ein Projekt, das antiimperialistisch, sozialistisch und zutiefst kommunal ist. Die Verteidigung der Souveränität Venezuelas ist in diesem Moment natürlich von grundlegender Bedeutung. Sie ist jedoch mit dem kommunalen Projekt verflochten, das in der substanziellen Demokratie verwurzelt ist. In einer von Krieg und Desinformation verdunkelten Welt ist der Aufbau von Kommunen nicht nur ein politisches Projekt, sondern eine lebendige Quelle der Hoffnung.
Das ist es also, was ich den Menschen sagen würde: Geht auf die Straße, um gegen den imperialistischen Angriff auf Venezuela zu protestieren, findet die Wahrheit heraus, indem ihr der Führung der Bolivarischen Revolution zuhört, stellt das Mainstream-Narrativ infrage, lernt von der lebendigen Kraft der kommunalen Bewegung – und lasst euch von ihr inspirieren.
Pascual Marquina ist Schriftstellerin und Pädagogin an der Pluriversidad Patria Grande, der Bildungsinitiative von der Kommune El Panal, und Professorin an der Universidad Bolivariana de Venezuela. Sie ist auch Gründerin und Co-Moderatorin (mit Chris Gilbert) des marxistischen Bildungsprogramms und Podcasts Escuela de Cuadros.
