Palestine

„Der Wille der Völker lebt weiter“

Rola Abu Dahou, eine kürzlich aus ihrer politischen Gefangenschaft freigelassene palästinensische Professorin an der Birzeit-Universität, reflektiert über die Geschichte der Gewalt durch Siedlerkolonialismus und die Verantwortung der akademischen Gemeinschaft in Palästina.
Dies ist der dritte Artikel einer vierteiligen Serie über die israelische Todesstrafe gegen Palästinenser*innen und basiert auf Beiträgen, die während des von der Progressiven Internationale und der Palestinian Youth Organization veranstalteten Webinars vom 17. Mai 2026 gezeigt wurden.

Das vollständige Webinar findet ihr hier.

Der Krieg hat unserem Volk in Gaza einen äußerst grausamen Völkermord beschert.

Es ist aber auch ein Krieg, der alle Facetten des Begriffs „Kampf gegen den Kolonialismus“ enthüllt. Nach dem Völkermordkrieg haben Grauzonen keine Bedeutung mehr. Entweder man steht an der Seite seines Volkes, das ausgelöscht wird, oder man schlägt sich auf die Gegenseite. Einfach, gelassen. Es gibt keinen Mittelweg. Wir können uns in philosophischen Überlegungen ergehen und uns als Wissenschaftler*innen von den aktuellen Ereignissen distanzieren – doch bevor ich auf die akademische Welt eingehe, möchte ich zunächst über die wertvollen Beiträge meiner Kolleg*innen und Fida heute sprechen.

Was ich damit sagen will, ist, dass der Völkermord seit der Gründung dieser Organisation andauert. Wenn wir uns eingehend – und Kamil hat zu Beginn darauf hingewiesen – mit allem befassen, was zionistische Führer, von Ben-Gurion bis Sharon, im Laufe der langen Reihe zionistischer Führungen gesagt haben, werden wir in ihren Äußerungen über die Kriegsführung gegen die Palästinenser*innen etwas finden, das so klar ist wie die Sonne: die Sache ihrer Vernichtung, und insbesondere der Vernichtung ihrer Frauen und Kinder. Warum ihre Frauen und Kinder auslöschen? Weil sie ihre Nachkommenschaft auslöschen wollen. Denn dieser Kampf ist ein Kampf ums Überleben zwischen den Kolonisatoren und uns. Und das ist nicht nur in Palästina so. Überall auf der Welt will der Kolonisator die kolonisierten Völker einfach auslöschen.

Die gezielte Bekämpfung des palästinensischen Körpers als palästinensischer Körper und des palästinensischen Mutterleibs als palästinensischer Mutterleib war von Anfang an, seit 1900, in der Praxis der zionistischen Banden vorhanden – ebenso wie 1948, als dieses Gebilde auf den Trümmern unseres Volkes und durch die Vertreibung des palästinensischen Volkes entstand. Die Ermordung unserer Leute und die Vergewaltigung von Frauen – all das war Teil einer Strategie des psychologischen und moralischen Terrors, die darauf abzielte, die Palästinenser*innen zur Flucht zu zwingen und sie zu vertreiben.

Es handelt sich um einen Konflikt zwischen zwei Willenskräften: dem Willen zum Tod und dem Willen zum Leben. Unser Lebenswille besteht nicht einfach nur in der Fortpflanzung – er ist die Fortsetzung einer Geschichte des Tötens und des Völkermords, die seit Anbeginn andauert. Die Vollstreckung findet sowohl im Rahmen des Gesetzes als auch außerhalb statt. Im April 1984 entführten vier junge Männer aus dem Gazastreifen den Bus 300, der auf dem Weg nach Beerscheba im Süden Palästinas war. Der Bus wurde umzingelt. Die jungen Männer zeigten Mitgefühl – sie ließen eine schwangere Frau aus dem Bus aussteigen, und sie war es, die sie anzeigte. Der Bus war auf dem Weg zur ägyptischen Grenze. Das Ziel war natürlich, die Gefangenen freizulassen.

Während der Zusammenstöße zur Befreiung der Passagiere behauptete die Besatzungsmacht, die Widerstandskämpfer seien getötet worden. Später tauchte jedoch ein Bild von einem von ihnen auf, Abu Jamea, der gefangen genommen worden war. Schließlich musste die Besatzungsarmee zugeben, dass sie ihn mit einem Stein getötet hatte, indem sie ihm bei lebendigem Leib den Kopf zerschmetterte. Das war eine Hinrichtung – schlicht und einfach, ganz gelassen. In den 1970ern nahmen sie einen Gefangenen mit und befahlen ihm am Strand von Gaza, wegzulaufen, damit sie ihn erschießen konnten. Viele Gefangene retteten sich vor solchen Hinrichtungen, indem sie ihre Familien und Umstehende um Hilfe riefen.

Der entscheidende Punkt ist, dass es sich um einen Kampf ums Überleben handelt, und die Besatzungsmacht ist sich bewusst, dass es auf diesem Land nur sie oder uns geben kann.

Was sich am 7. Oktober ereignete, war ein Prozess der Anhäufung und Verschärfung dieses Existenzkampfes, der auf einen Schlag explodierte und zu einer massiven Eskalation des Völkermordprozesses führte, die dem Ausmaß des Widerstands entsprach. Aber der Völkermord hat schon immer stattgefunden. Die Gefangenen wurden die ganze Zeit über ebenfalls langsam hingerichtet. Der Todeswille war schon immer da, ob es nun ein ausdrückliches Gesetz gab oder nicht. Der Todeswille der Besatzungsmacht ist ihr Verlangen, uns ständig zu töten. In den Gefängnissen sagten wir immer: Sie versuchen, die Gefangenen zu zermürben und sie zu lebenden Toten zu machen. Heute liegen Dutzende von Gefallenen in Kühlräumen oder auf den nummerierten Friedhöfen. Was ist das alles, wenn nicht Hinrichtung?

Die Hinrichtung erfolgte durch medizinische Vernachlässigung, durch die Verweigerung von medizinischer Versorgung, durch die Verwendung ihrer Körper für wissenschaftliche Experimente sowie durch die harten Lebensbedingungen in der Haft, wodurch Krankheiten an ihnen zehrten, bis sie den Märtyrertod starben. All das ist Hinrichtung. All das ist Völkermord. Wir befinden uns ständig in einem andauernden Völkermord.

In akademischen Kreisen wurde bereits eine Menge darüber geschrieben. Dr. Nadera Shalhoub-Kevorkian beispielsweise hat sich stets mit der Frage des Todes auseinandergesetzt – damit, wie der Tod eine Herausforderung für die Palästinenser*innen darstellt, mit dem Tod, den die Besatzungsmacht will und den die Palästinenser*innen durch ihren Lebenswillen ablehnen.

Heute schrieb einer der Redakteure von Haaretz – einer natürlich durch und durch zionistischen Zeitung – in einem Kommentar, dass jeder, der sich die Bilder von der Beerdigung des Märtyrers al-Haddad ansieht, jenes Qassam-Kommandanten, der vor zwei Tagen ermordet wurde, und die Kinder bei der Beerdigung herumlaufen sieht, mit Sicherheit weiß, dass die Besatzungsmacht besiegt wurde, dass Netanjahu besiegt wurde. Weil es ganz einfach einen Lebenswillen gibt. Diese Kinder haben noch nichts vom Leben gesehen und wissen nichts über Führerschaft. Alles, was sie erlebt haben, ist Krieg, insbesondere der Völkermordkrieg der letzten drei Jahre. Und doch laufen sie durch den Widerstand dem Leben entgegen. Auch das ist ein sehr wichtiger Punkt: Durch Widerstand laufen sie dem Leben entgegen.

Meine Kollegin Fida hat ausführlich über das Gesetz gesprochen, und das ist gut und wichtig. Aber die Besatzung braucht kein Gesetz. Die Besatzung zielt darauf ab, uns auszulöschen, uns zu vernichten und uns von Grund auf zu ersetzen. Sie sieht uns nicht. Doch infolge der Entwicklungen nach dem 7. Oktober – der Entfesselung der extremen Rechten, die diesen historischen Moment für sich genutzt hat – verabschiedeten sie nicht nur das Gesetz zur Todesstrafe, sondern versuchen heute, Dutzende von Gesetzen zu erlassen, die die Beschlagnahmung von Land, den Bau von Siedlungen, die Tötung von Palästinenser*innen im Westjordanland, die Einschränkung ihrer Meinungsfreiheit und ihre Ausweisung aus dem Land betreffen. In der Knesset treibt diese Partei derzeit Gesetze voran, die Bestandteile des Völkermords sind. Wenn nicht der Völkermord am Körper, dann der Völkermord am palästinensischen Leben als Ganzes.

Von Akademiker*innen wird heute erwartet, dass sie diese Politik aufdecken. Es gibt keine Grauzone – alles ist entweder schwarz oder weiß. Entweder stellst du dich auf die Seite deines Volkes und seiner Sache, der Freiheit, oder du stellst dich auf die Seite des Gegners. Die akademische Welt war nie neutral. Der „neutrale und objektive“ Akademiker, den uns die westliche Wissenschaft gelehrt hat und den sie uns vorgaukelt, ist eine große Lüge. Die Aufgabe eines Gelehrten besteht darin, sich für die Belange der Bevölkerung einzusetzen, wer auch immer diese Bevölkerung sein mag. Seines Volkes, das möglicherweise unter einer korrupten Regierung lebt. Die Armen seines Volkes, die Ausgegrenzten, die Frauen. Die Aufgabe des Akademikers besteht darin, sich für die gerechten Anliegen seines Volkes, seiner Gemeinschaft und seiner Familie einzusetzen. Und heute ist dies eine Aufgabe für die palästinensischen Akademiker*innen – leider ergreifen nicht alle von ihnen Partei. Das ist im Krieg wichtig, denn wenn wir zuerst eine palästinensische Sichtweise für den Aufbau und die Fortsetzung des Kampfes zur Beendigung der Besatzung etablieren wollen, müssen wir all dem Leid, all den Wunden und all den Tragödien, die unser Volk in den letzten drei Jahren durchlebt haben, Gewicht verleihen, indem wir uns mit dem vergossenen Blut verbünden. Dies wird zu einer unserer grundlegenden Aufgaben im Leben. Vor drei Jahren war es für die akademische Gemeinschaft noch sehr einfach, sich der Forschung und dem wissenschaftlichen Austausch zu widmen. Heute sitzt sie wie alle anderen in einer Prüfung – und in dieser Prüfung gibt es keine Möglichkeit zu sagen: „Ich gebe mich mit der Note 50, einem Genügend, zufrieden.“ Das ist eine Schlacht, ein Kampf gegen die Besatzung. Das ist die Aufgabe der Akademiker*innen.

Was speziell die weiblichen Häftlinge als Beispiele betrifft, so geht es nicht darum, näher auf ihre Lebensumstände einzugehen, denn diese unterscheiden sich keineswegs von den Verhältnissen in allen anderen Gefängnissen. Wir sagen, dass ihre Haftbedingungen schlecht sind, so wie in allen Gefängnissen, denn diese Besatzungsmacht, dieser Kolonialherr, macht keinen Unterschied zwischen palästinensischen Männern und palästinensischen Frauen. Auch das ist wichtig. Letztendlich will der Zionist unsere Existenz nicht, und noch weniger will er die Existenz der palästinensischen Frau, denn sie trägt die Zukunft Palästinas in ihrem Leib. Er will die Palästinenserinnen nicht.

Daher versteht es sich von selbst, dass die Haftbedingungen für weibliche Häftlinge dieselben sind wie für männliche Häftlinge. Hunger. Ständige Unterdrückung, manchmal sogar zweifach, und harte Bedingungen. Und dazu kommt noch, dass er die Tatsache ausnutzt, dass wir aus Gemeinschaften stammen, die etwas konservativ, etwas religiös und etwas patriarchalisch sind – und dies nutzt er aus, um uns noch stärker zu unterdrücken und noch mehr Druck auszuüben. In dem Bericht, den die freigelassene Gefangene Layan Nasser vor zwei Tagen vorgelegt hat, heißt es, dass heute männliche, nicht weibliche Wärter die Zellen der weiblichen Gefangenen – insbesondere der verschleierten Gefangenen – betreten, ohne darauf zu achten, ob diese ihr Kopftuch tragen oder ob ihre Bekleidung mit ihrem Schleier vereinbar ist. Zudem wird versucht, sie zu unterwerfen und sie psychologisch zu vernichten. Die Vernichtung ist nicht nur physischer Natur – sie zielt auch darauf ab, die Palästinenser*innen zu Menschen zu machen, die keinen eigenen Willen mehr haben. Das ist sehr wichtig. „Ich konnte dich körperlich nicht töten, also will ich dich seelisch töten, deinen Verstand, deinen Kampfgeist, deinen Willen brechen. Ich will deine Existenz beenden – dich auslöschen, damit du nicht mehr existierst.“ Genau das ist das Ziel der Besatzungsmacht durch ihre repressiven und erniedrigenden Praktiken, von denen Mohammed einen wesentlichen Teil beschrieben hat. Ich zolle ihm Respekt für seine Bereitschaft, darüber zu sprechen, denn nicht viele Menschen waren bereit, über das Ausmaß der Repressionen zu berichten, denen sie in den Gefängnissen ausgesetzt waren, insbesondere im Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch und Vergewaltigung.

Vor zwei Wochen hat die Organisation Al-Dameer 34 Fälle von Missbrauch und Vergewaltigung dokumentiert und in einem Bericht zusammengefasst, der auf der Website der Organisation abrufbar ist. Es gibt auch einen zutiefst bewegenden Bericht – präzise, schmerzhaft und für die Zuhörer*innen voller Leid – des Journalisten Sami al-Saadi aus der Stadt Tulkarm, der vergewaltigt wurde. Er schilderte bis ins kleinste Detail, was ihm widerfahren war. Wie er vergewaltigt wurde und wie Gefangene derzeit sexueller Folter ausgesetzt sind. Ganz gleich, ob sie letztendlich vergewaltigen oder nicht: Das Muster der Folter selbst zielt auf die empfindlichen Körperteile ab, zielt auf die gesamte sexuelle Identität innerhalb der Gefängnisse ab.

Ich möchte nur Folgendes sagen: Diese Erfahrungsberichte bringen den Lebenswillen zum Ausdruck.

Die Frage, wie die Palästinenser*innen Formen des Widerstands entwickeln können, die sie nicht als Opfer, sondern als politische und epistemische Subjekte schützen können, ist ein heikles Thema und Gegenstand einer langen Diskussion. Das bedeutet, den gesamten Kampf gemäß den Ereignissen der letzten drei Jahre neu aufzubauen. Das ist eine große Aufgabe, die auf den Schultern aller, ohne Ausnahme, lastet. Es geht nicht nur darum, schnell ein Projekt für die Arbeit zu schreiben. Es bedarf einer Reflexion über das Geschehene, der Ableitung ernsthafter Lehren und der Entwicklung von Mechanismen, die allen Entwicklungen und Veränderungen gerecht werden.

In der Geschichte der Völker bleibt der Volkswille stets lebendig, ganz gleich, wie sehr Besatzer und Kolonialherren auch Mechanismen der Unterdrückung, Unterwerfung, Vernichtung, ethnischen und rassistischen Säuberung eingesetzt haben mögen, und dieser Wille ist es, der am Ende triumphiert. Das ist die Regel. Ganz gleich, wie lange dieser Kampf noch andauert – wir werden siegen und die Freiheit erlangen.

Rola Abu Dahou wurde gefangengenommen und freigelassen, ist Wissenschaftlerin und Professorin für Frauenstudien an der Birzeit-Universität. Abu Dahou ordnet aktuelle Ereignisse in den Kontext einer längeren Geschichte kolonialer Gewalt durch Siedler ein und argumentiert, dass die gezielte Gewalt gegen palästinensische Menschen – insbesondere Frauen – schon immer ein zentraler Bestandteil von Bestrebungen zur Auslöschung und Vertreibung war. Sie reflektiert über die Verantwortung der palästinensischen akademischen Gemeinschaft, Erfahrungen zu dokumentieren, emanzipatorische Narrative zu entwickeln und sich der Normalisierung kolonialer Gewalt zu widersetzen.

Available in
EnglishArabicSpanishPortuguese (Brazil)GermanItalian (Standard)
Translator
Nathalie Guizilin
Date
04.06.2026
Progressive
International
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